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Evo Morales - Die Konstitution einer neuen lateinamerikanischen Heldenfigur

Die Konstitution einer neuen lateinamerikanischen Heldenfigur

AutorJanine Schildt
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl69 Seiten
ISBN9783638625494
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde, Note: 1,0, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Institut für Romanistik), 75 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: 'Normalerweise interessieren bolivianische Präsidenten niemanden besonders. Sie sind, global gesehen, in der Regel so unbekannt wie bulgarische Präsidenten oder albanische Fußballer,'1 schreibt Jochen-Martin Gutsch im Spiegel. Eine Aussage, die, wenn man die Bolivien-Berichterstattung in der deutschen Presse im letzten Jahrzehnt betrachtet, sicher ihre Berechtigung hat, in Bezug auf das letzte Jahr allerdings revidiert werden muss. Bolivien hat seit dem 22. Januar 2006 einen neuen Präsidenten, Juan Evo Morales Ayma, der nicht nur zum Medienstar avancierte, sondern die Position Boliviens auf der Weltkarte auch wieder in den Köpfen vieler Menschen konkretisierte. Der kleine Andenstaat ist, nach einem langen Dornröschenschlaf, Medienthema, wie er es seit der Entdeckung der Knochen Che Guevaras im Jahre 1997 nicht mehr war. Vergleicht man wie oft in den letzten zehn Jahren das Stichwort 'Bolivien' in Titeln der Onlineausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Der Welt vorkam, kann festgestellt werden, dass das Medieninteresse 2006 enorm zugenommen hat. Die FAZ-Schlagzeilen enthielten bis zum 01.09.2006, 29 Mal das Wort 'Bolivien'. Das ist fast dreimal soviel wie der über zehn Jahre festgestellte Durchschnitt von elf Artikeln pro Jahr. Die Welt erwähnte 'Bolivien' 2006, 15 Mal in einer Überschrift, brachte es aber innerhalb von zehn Jahren nur auf den mageren Schnitt von 3,9 Artikel jährlich.2 Sieht man von den Jahren 2006, 2005 und 2003 ab, berichtete Die Welt praktisch überhaupt nicht über Bolivien.3 Aber Evo Morales ist mehr als nur ein neuer Medienstar der westlichen Presse. Vor allem ist er eine neue lateinamerikanische Heldenfigur und damit eine Reinkarnation dessen, für was Lateinamerika seit den späten 60er Jahren paradigmatisch stand, als Schmiedestube romantischer Heldenfiguren, von einem Zigarre rauchenden Che Guevara bis zu einem anmutig reitenden Daniel Ortega. Viele lateinamerikanische Staaten generierten im letzten Jahrhundert ihre Heldenfiguren, von Evita Perón bis Subcomandante Marcos, von Salvador Allende bis Fidel Castro. [...] 1 Jochen-Martin Gutsch, 'Bolivien: Der globale Indio,' Der Spiegel Nr. 18 (2006): 119. 2 Die Daten beruhen auf einer von der Autorin durchgeführten Titelstichwortsuche in den archivierten Onlineausgaben von FAZ und Welt der letzten zehn Jahre. 3 Im Jahr 2002 erschien ein Artikel, im Jahr 2000 wurden zwei Artikel publiziert und in den anderen Jahren fand keine Berichterstattung statt.

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Leseprobe

2. Der moderne Held

 

2.1 Die Funktion des Helden in der Gesellschaft

 

Bevor man sich fragt, wieso eine Einzelperson aus der Masse heraustreten und zum Helden werden kann, sollte man überlegen, wieso eine Gesellschaft Helden überhaupt  benötigt. Denn erst wenn man die Funktion eines Helden für die Bevölkerung versteht, kann man den Aufstieg einer Einzelperson in den Heldenstand erklären.

 

Jeder Mensch braucht Wegweiser, bis zu einem gewissen Grad vorgezeichnete Pfade, um sich in der Vielschichtigkeit dieser Welt zu Recht zu finden. Je krisengeschüttelter die ihn umgebende Gesellschaft ist und je problembelasteter die eigene Existenz, desto eindeutiger und lenkender müssen diese Wegweiser sein.[6] Heldenfiguren generieren sich somit insbesondere in krisenhaften Phasen der nationalen Geschichte. Gottfried Korff schreibt über die 20er Jahre in Deutschland, dass

 

die intellektuelle und mentale Nervosität [...], verursacht durch die Weltkriegskatastrophe und die Revolution, gesteigert durch politische Instabilität und soziale Neubildungen, [...] in starkem Maß die Etablierung von neuen Göttern, Heroen und Divas, aber auch die Orientierung an überlieferten Erfahrungs- und Verehrungsweisen [begünstigte].[7]

 

Betrachtet man nun vergleichend die krisenerprobte neuere Vergangenheit Boliviens, kann festgestellt werden, dass Nährboden für die Entstehung einer Heldenfigur vorhanden ist.

 

 Dennoch reichen die gesellschaftlichen Verhältnisse allein nicht, um Heldenfiguren zu erschaffen. „Der Gesellschaft muss [...] bereits eine Offenheit gegenüber Heldenmythen inhärent sein. Besonders zu Krisenzeiten tritt diese Offenheit zu Tage.“[8] Bolivien ist eine solche Offenheit nachweislich eigen, brachte das Land doch viele Heldenmythen hervor. Ein Beispiel hierfür ist die Legende um Tupac Amaru II, der im 18. Jahrhundert einen Aufstand der pueblos originarios gegen die spanische Krone leitete und von der indigenen Bevölkerung auch heute noch verehrt wird.[9]

 

 Helden sollen Fixpunkte sein, an denen sich die Bevölkerung orientieren kann. Die von ihnen verbreiteten politischen Mythen „entlasten das Individuum in der Bewertung von Ereignissen, weil sie Muster bereitstellen, nach denen die Realität schablonenhaft geordnet werden kann.“[10] Viele ökonomische, politische und soziale Abläufe können von den Menschen nicht mehr nachvollzogen werden. Komplexe Prozesse werden vereinfachend mit einer Person oder einer Gruppe in Beziehung gesetzt. Nur so kann mit der aus dem eigenen Unverständnis entstandenen Unsicherheit umgegangen werden. Im Fall Boliviens ist es sicher schwer, insbesondere der bildungsfernen Bevölkerung, das komplexe Abhängigkeitsverhältnis, in dem sich das Land zu den USA oder anderen Industrienationen befindet, zu erläutern. Der Slogan Morales’ „Bolivien will Partner, keine Herren“ ist dahingegen leicht verständlich. Er kann auf die Person Morales, die sich stellvertretend für die Bevölkerung dieses komplexen Problems annimmt. zurück projiziert werden. Rudolf Speth schreibt:

 

Das Entweder-oder, die plakative Gegenüberstellung, die Benennung des Gegners, die Dualisierung in Freund und Feind, die Moralisierung von Handlungsalternativen, die Emotionalisierung von Entscheidungen und überhaupt die Reduktion politisch komplexer Sachverhalte lassen sich durch ikonische Gestaltung besser und wirkungsvoller ins Werk setzen als durch umständliche Erzählungen.[11]

 

Es benötigt somit immer eine Feindfigur auf der einen Seite, die für Missstände verantwortlich gemacht werden kann und eine Identifikationsfigur, einen Helden, auf der anderen Seite, von dem erwartet wird, dass er diese Probleme zu lösen vermag. Köpfe und Taten verschwimmen schnell so sehr, dass die Person beginnt, eine Sache an sich zu symbolisieren. Che Guevara, zum Beispiel, wird heute synonym für den Kampf für eine „gerechte“ Weltordnung gebraucht, genauso wie George W. Bush für die Übel der Globalisierung schlechthin steht. Eine Che-Guevara-Fahne und ein Anstecker mit dem durchgestrichenen Konterfei des amerikanischen Präsidenten haben erst in diesem Kontext einen Sinn, da sie nämlich nicht für die Personen allein, sondern für die vereinfachte Zustimmung und Ablehnung zu einem komplexen Sachverhalt stehen.

 

 „Je unbekannter die Mittel zur Bewältigung einer Krise sind, desto fragloser vertraut man den magischen Fähigkeiten des Führers und folgt ihm loyal, weil man sich von ihm so sehnlich die Überwindung der Krise erhofft.“[12] Vor allem in extremen Krisensituationen wird aus einem Anführer eine Heldenfigur, die man verehrt, um nicht den Lebenswillen zu verlieren. Die Heldenverehrung dient somit als Ersatzreligion und bietet Menschen, die sich von Religion nicht angezogen fühlen, den Bezug zu ihr verloren haben oder diese kategorisch ablehnen, die Möglichkeit zu verehren. „Verehrung,“ schreibt Klaus Harpprecht in einem Artikel der Zeit, „muss sein, sie ist zwanghaft, zumal in den Köpfen, die gern von den ‚objektiven Gesetzten der Geschichte’ daherfaseln.“[13] Gerade linke, anti-religiöse Bewegungen neigen zu quasi-sakraler Heldenverehrung, behauptet Harpprecht. Er gibt das Beispiel Che Guevaras, der als „schöner Märtyrer zur Ehre der linken Altäre erhoben [wurde].“[14] Harpprechts Erkenntnis wird von der bereits in den 1920er Jahren formulierten These Robert Michels unterstützt, der dem Sozialismus eine Affinität für den Heroenkult zuschreibt.[15]

 

2.2 Der Held als Führungsfigur

 

Im Rahmen dieser Arbeit wird der Terminus „Held“ in einem soziologischen Sinnzusammenhang verwandt und nicht in einem mythischen oder gar literarischen. Deshalb werden im Folgenden die Begriffe Held und Führungsfigur synonym gebraucht, denn ein Held im soziologischen Sinne muss eine real existierende Person sein. Reale Identifikationsfiguren und Vorbilder sind oftmals Anführer von Bewegungen, Politiker, Revolutionäre, legal oder illegal an die Macht gekommene Herrscher, Führungsfiguren also. Es sei allerdings auf Begriffunschärfen zwischen den beiden Termini hingewiesen. Führungsfigur und Held haben die gleiche gesellschaftliche Funktion und dienen als Identifikationsfiguren für die Massen, als Möglichkeit Ängste und Hoffnungen auf eine gestaltende Person zu projizieren. Dennoch muss nicht jede Führungsfigur auch gleichzeitig ein Held sein. „Es ist der Held als geschichtsgestaltender Mensch, welcher der Geschichte den nachhaltigen Stempel seiner Persönlichkeit aufdrückt – ein Eindruck, der auch nach seinem Abtreten von der geschichtlichen Bühne noch erkennbar ist.“[16] Ein Anführer ist jedoch, wie an Evo Morales nachzuweisen sein wird, prädestiniert, geschichtsgestaltend zu wirken. Deshalb wird diese Arbeit vorrangig auf die theoretische Basis von Max Webers Führungstheorie gestellt.

 

2.3 Eigenschaften einer Führungsfigur

 

In dem Moment, in dem eine Führungsfigur aus der Masse der Bürger eines Landes heraustritt, verliert sie, obwohl sie eigentlich selbst einmal zu dieser gesellschaftlichen Masse gehörte, ihre Identität als Normalbürger. Che Guevara war für die Menschen nicht länger ein argentinischer Medizinstudent aus gutem Hause. „El Che“ hatte mit dem alten Ernesto Guevara nichts zu tun, denn, wie es Speth ausdrückt „die mythisierte Person wird von der historischen Person abgesetzt, das Interesse an Letzterer verschwindet. An ihre Stelle tritt die heroische Person, die bewundert und mit einer Aura versehen wird."[17]

 

Jemand, der eine Masse anführt, hat aufgehört Teil der anonymen Bewegung zu sein. Er ist bekannt, die Menschen verbinden ein Bild mit seinem Namen und er bleibt nicht länger ein einfaches Partikel der anonymisierenden Masse.[18] Genau wie er jedoch die Massenbewegung braucht, um zum Führer stilisiert und als solcher bewundert zu werden, benötigt diese auch ihn. Ohne ein Gesicht zu haben, mit dem man sie in Verbindung bringt, auf das man seine Bewunderung oder Ablehnung projiziert, kann die Bewegung in den bildhaft denkenden Köpfen der Menschen nicht existieren.[19] Die Verbindung zwischen Held und Masse darf nicht abreißen. Es muss stets eine Allianz zwischen Führer und Geführten aufrechterhalten werden.

 

 Dabei muss die Führungsfigur nicht wirklich einen Erfolg versprechenden Weg einschlagen, um die sozialen Missstände, die ihr den Aufstieg erleichtert haben, zu beheben. Die Massen entscheiden nicht rational, sondern emotional, wen sie zur Führungsfigur küren. „Politische Effektivität begründet sich nicht so sehr in nachprüfbaren guten oder schlechten Auswirkungen einer bestimmten Politik als vielmehr in der Fähigkeit des Amtsinhabers, fortgesetzt und unbegrenzt das Bild eines Mannes abzugeben, der weiß, was zu tun ist.“[20] Wichtig ist demzufolge nicht, handfeste Ergebnisse zu erzielen, sondern einfach die...

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