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E-Book

Existenzielle Themen in der Psychotherapie

AutorRalf T. Vogel
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl110 Seiten
ISBN9783170239609
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Achtet man im psychotherapeutischen Prozess sorgfältig auf die Themen, die die Patienten mitbringen, bemerkt man, dass sie um einige wenige Schwerpunkte kreisen, die auch den Therapeuten selbst nicht fremd sind. Es geht um den Tod, die Einsamkeit, um Freiheit und um die Frage nach dem Sinn des Lebens. In philosophischen und psychologischen Kreisen werden sie oft als 'existenzielle Themen' bezeichnet. Das Buch behandelt die Kompetenzen der großen Therapieschulen im Umgang mit diesen wichtigen Fragestellungen und bietet praxisnahe Vorschläge zur Umsetzung in therapeutische Handlungen.

Prof. Dr. phil. Ralf T. Vogel ist Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut, Lehranalytiker und Supervisor an verschiedenen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten und Honorarprofessor für Psychotherapie und Psychoanalyse an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. In Ingolstadt ist er in privater Praxis für Psychotherapie und Supervision tätig.

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Leseprobe

2. Vorlesung
Die Therapieschulen und ihre Berücksichtigung des Existenziellen


Kritisiert, geschätzt, der möglichst raschen Vernichtung preisgegeben: Therapeutische Schulrichtungen liegen bis heute im Widerstreit miteinander und bestimmen, wohl durchaus zu Recht, das Bild moderner Psychotherapie. Die Merkmale einer therapeutischen Schulrichtung (siehe Tab. 2) bauen stringent auf der zugrunde liegenden Philosophie, dem Menschenbild, der Weltanschauung, dem Basisparadigma, oder wie immer man den Boden des jeweiligen Denk- und Handlungsgebäudes nennen mag, auf.

Tab. 2: Merkmale therapeutischer Schulrichtungen32

  • Darstellung des zugrunde liegenden anthropologischen Verständnisses und Bemühen um eine maximale Breite desselben (Philosophische Perspektive)
  • Umfassende Aussagen zur Einbettung des Verfahrens in die aktuellen kulturell-gesellschaftlichen Verhältnisse (Soziologische Perspektive)
  • Theorie der psychischen Störungen und deren Therapie (Krankheits- und Veränderungstheorie) (Psychopathologische Perspektive)
  • Theorie des therapeutischen Geschehens (Prozess- und Beziehungstheorie, Wirkfaktorentheorie) (Psychologische Perspektive im eigentlichen Sinne)
  • Wissenschaftlicher Nachweis der Quantität und Qualität ihrer Wirkung (Wirksamkeitsperspektive)

Wie nun berücksichtigen die Therapieschulen das „Existenzielle“ in ihrer Theorie und Praxis? Es empfiehlt sich hierbei eine Aufteilung in die beiden „klassischen“ Therapieschulen einerseits und die „Spezialisten“ für Existenzielles andererseits.

Verhaltenstherapie und das Existenzielle


Viele Protagonisten der Verhaltenstherapie haben sich von den philosophischen Wurzeln des Psychotherapie entfernt, definieren ihre Therapierichtung als Naturwissenschaft und akzeptieren nur mathematisch-naturwissenschaftliche Forschungsmethoden. Der bekannte Hamburger Verhaltenstherapeut und Fachbuchautor Harlich H. Stavemann beschreibt „auch nach langjähriger Ausbildung in kognitiven Verfahren und Therapietechniken“ eine Unvorbereitetheit „auf die lebensphilosophischen Fragen“ der Patienten und stellt eine „gewaltige Lücke“ fest, „die erst durch mühsames Auseinandersetzen mit und Reflektieren von relevanten Themen nach und nach zu füllen war“33. Er stellt einen eklatanten „Trainingsmangel“ und vermeidende Einstellungen bezüglich philosophischer Themen fest und plädiert, als große Ausnahme seines Faches, für eine „Philosophische Wende“ in seiner Disziplin34.

Auf den ersten Blick erscheint auch eine Verbindung existenzialistischer Aspekte mit dem Mainstream verhaltenstherapeutischer Theorieentwicklung unvereinbar. Erkenntnistheorietisch widersprechen bereits die positivistischen Grundparadigmen und die daraus abgeleitete, auf ausschließlich statistisch-naturwissenschaftlichem Niveau begründete empirische Orientierung allen existenzialistischphilosophischen Ansätzen grundlegend. Verhaltenstherapie ist in den sie dominierenden Hauptströmungen auch zunächst nicht idiosynkratisch orientiert, sondern interessiert sich, im Gegensatz zum Diktum des Existenzialismus, in erster Linie für das, was der Mensch mit anderen gemeinsam hat (statistische Gruppenvergleiche)! Jedoch, so stellen die beiden namhaften Verhaltenstherapeuten Noyen und Heidenreich fest, „… Tod, Freiheit, Isolation und Sinn zeigten sich dabei regelhaft auch in kognitiven Verhaltenstherapien, in denen ihnen aber nicht per se eine Bedeutung zukommt …“35. Und zutreffend weisen sie darauf hin, „… dass die Menschenbilder beider Ansätze zunächst sehr unterschiedlich erscheinen und eine Integration deshalb unseres Erachtens sehr vorsichtig erfolgen sollte“36. Dem steht auf den ersten Blick die kurze Darstellung einer „Existenziellen Verhaltenstherapie“ des Heidelberger Psychologieprofessors Peter Fiedler37 entgegen, einem der wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren moderner kognitiver Verhaltenstherapie. Bei genauer Betrachtung muss dessen Nutzung des Terminus „existenziell“ aber infrage gestellt werden, bezeichnet er doch alltagssprachlich z. B. Adoleszenz, Menopause, Umbrüche in der Familie, Wochenbett …38 als „existenzielle Krisen“ und schließt damit in keiner Weise an den existenzialistischen Diskurs an. Z. T. finden sich Formulierungen gar im Widerspruch zu diesem, z. B. wenn er den Fokus auf die Lösung der Krise39 legt oder in einer technischen Darstellung verhaltenstherapeutischer Arbeit Existenzielles am Werke sieht, wenn etwa „die Beziehung zwischen Therapeut und Patient ins Stocken gerät“ oder „eine Psychotherapie in eine existenzielle Krise entgleitet40. Mehr im Sinne Sartres ist da schon Fiedlers Betonung der Mitwirkung und Widerspruchsmöglichkeit (Freiheit) der Patienten und sein abgestufter Vorschlag, 1. einer empathischen Sinndeutung durch den Therapeuten und 2. der Wiederherstellung von Autonomie und Verantwortung.

Neben dieser in der verhaltenstherapeutischen Literatur sehr seltenen Bezugnahme auf Existenzielles postulieren Noyen und Heidenreich folgende Gemeinsamkeiten zwischen Verhaltenstherapie und den existenziellen, hier vor allem aber auf die logotherapeutische Richtung (s. u.) fokussierten Therapieformen41:

  • „Störungsaufrechterhaltende Bedingungen“ weisen eine große Nähe zu „daseinshinderlichen Bedingungen“ auf.
  • Ziel- und Werteklärung passt zusammen mit der „Intentionalität“ der Logotherapie.
  • Kognitive Verhaltenstherapie und Logotherapie kämpfen gegen „Hyperreflexion“42.
  • Arbeit gegen kognitive Grundannahmen entspricht logotherapeutischer Arbeit der „Einstellungsmodulation“.

Anzufügen ist hier tatsächlich, dass Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie (s. u.), sich zeitlebens über die geringe Wertschätzung seitens der Verhaltenstherapie, obwohl diese viele seiner Konzepte übernahm, ärgerte und diesen Ärger nicht selten auch öffentlich kundtat!

Sichtet man die moderne verhaltenstherapeutische Mainstream-Literatur im Überblick, so fällt jedoch primär auf „… wie in einem neuen Behaviorismus das Aushalten der Tragik und der individuellen Krise therapeutisch beschwichtigt und der existenzielle Schmerz der Seele palliativ sanft zugedeckt wird“43. Und doch bestätigen nicht unerhebliche Ausnahmen die Regel. So meinen etwa Luoma, Hayes und Walser: „Wir können als Menschen nicht leben, ohne vom Leiden berührt zu werden … Vielleicht ist es ein geradezu trauriger Umstand, dass das Streben nach Wohlgefühl oft im Zentrum der gesellschaftlichen Vorstellungen über psychische Gesundheit steht … Das Leugnen der Unvermeidbarkeit von Schmerz erzeugt viel Kampf und Leiden“44. Die von ihnen entwickelte Acceptance and Commitment Therapy (ACT)45 „sei zwar … in einem gewissen Sinne der kognitiv-behavioralen Therapie (KBT) zuzurechen“46, steht allerdings von ihrer gesamten Grundphilosophie außerhalb der allermeisten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätze und ist in diese kaum zu integrieren. Die angestrebte Akzeptanz innerer Erlebnisse (Gefühle und Gedanken) und ein engagiertes Verfolgen zuvor erarbeiteter Ziele erinnern an Sartres Vorstellungen von den unveränderlichen der existenziellen Bedingungen und der daraus folgenden Verpflichtung. Die „Kreative Hoffnungslosigkeit“ der ACT macht auch deutliche Anleihen beim vom Existenzialismus als für die menschliche Entwicklung konstitutiv gesehenen Gefühl der Verzweiflung.

„Therapeutisch bezieht sich der Begriff darauf, dass der Therapeut das Empfinden der Vergeblichkeit des Kampfes, in den sich der Patient verstrickt hat, ebenso bestätigt wie die Tatsache, dass der Klient anfängt, sich völlig neuen Möglichkeiten zu öffnen …“47

Trotz dieser hier nur beispielhaften Parallelen, die sicher noch erweitert werden könnten, gibt es in der ACT aber leider keinerlei ausgearbeiteten oder auch nur benannten Bezug zum Existenzialismus!

Weiteres Existenzielles in der Verhaltenstherapie findet sich in Marshall H. Lewis’ „meaning driven cognitive therapy“ mit den beiden Schritten, 1. Identifizierung von Sinnvollem/Bedeutungsvollem (meaningful), 2. Anwendung kognitiver Methoden.

Wir werden zudem fündig im „impliziten Existenzialismus“ z. B. der primär verhaltenstherapeutisch orientierten Psychoonkologie: „Kampfgeist“ etwa wird propagiert und „Alles liegt in den Händen Gottes“ als dysfunktionaler „Fatalismus“ gesehen48, eine Sichtweise, die Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir sicher entsprochen hätte. Ein innovativer Ansatz wird neuerdings von dem logotherapeutisch orientierten Psychologen F. A. Gebler und dem Züricher Psychologieprofessor A. Maercker verfolgt, die versuchen, existenzielle Aspekte in ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches, standardisiertes Schmerzprogramm einzubringen.49

Klassische Psychoanalyse und das Existenzielle


Seit jeher besteht eine große Nähe zwischen Philosophie und Psychoanalyse. Stringent entwickelte Freud seine Denkweisen aus philosophischen Schulen der Antike, vor allem aber aus dem Denken Arthur Schopenhauers (1788–1860) und Friedrich Nietzsches (1844–1900) heraus. Bis heute ist Freud für moderne Philosophen wie etwa Peter Sloterdijk50 immer wieder eine Referenzgröße, und auch die...

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