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Fallbuch Scenotest

Beispiele aus der klinischen Praxis

VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl206 Seiten
ISBN9783844425185
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Der Scenotest weist eine Tradition von mehr als 70 Jahren auf und gehört zu den Standardverfahren der projektiven Tests. Sein Einsatz im diagnostischen Prozess der Kinderpsychotherapie trägt zur Gewinnung von Hypothesen bei, die im Rahmen einer evidenzbasierten multimodalen Verhaltens- und Psychodiagnostik weiter abgeklärt werden können. Der größte Vorteil des Scenotests besteht darin, eine erste Kontakt- und Beziehungsanbahnung zu erleichtern. Darüber hinaus gibt er Hinweise auf Konfliktsituationen, Beziehungsstörungen, Ängste, Hemmungen und ermöglicht einen Einblick in die Erlebniswelt des Kindes. Der Stellenwert des Scenotests im klinisch-diagnostischen Prozess wird in diesem Band durch 21 Falldarstellungen aus der klinischen Praxis illustriert. Die Falldarstellungen umfassen Beispiele aus dem Vorschul-, Grundschul- und Jugendalter und liefern einen Einblick in die Anwendung des Scenotests in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und verschiedenen psychischen Störungen, wie Angsterkrankungen, hyperkinetische Störungen, depressive Episoden, Entwicklungsstörungen und Bindungsstörungen. Neben der Indikationsstellung werden auch Fälle präsentiert, die das therapeutische Geschehen und den Therapieverlauf abbilden. Dieses Fallbuch trägt dazu bei, dass dem qualitativen Zugang zum Erleben und Verhalten von Kindern eine bedeutsame Rolle zugewiesen wird, ohne dabei den interpretativen Zugang im diagnostischen Prozess zu überschätzen.

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Leseprobe

1 Einführung in den Scenotest


Gerd Lehmkuhl & Franz Petermann

1.1 Grundlagen projektiver Verfahren


Der Scenotest wurde 1938 von G. von Staabs (1964/2004, S. 9) entwickelt und sollte einen Beitrag „zur Erfassung der seelischen Einstellung der Versuchsperson (Vp) gegenüber den Menschen und Dingen in der Welt, besonders in ihrem Bezug auf ihr affektives Leben unter spezieller Berücksichtigung tiefenpsychologischer Faktoren“ leisten. Und 1969 führt von Staabs im „Handbuch der Kinderpsychotherapie“ zur Wirkungsweise des Scenotests aus, „daß in der konkreten Form des Bauens und Agierens im Rahmen dieser Miniaturwelt das Kind angeregt wird, die emotionalen Beziehungen zu den Menschen und Dingen seiner nächsten Umgebung, der Familie und der Welt überhaupt, sichtbar und erkennbar darzustellen. Wenn man das Kind nach seinen freien und von keiner besonderen Zielsetzung gesteuerten Einfällen mit dem Sceno-Testmaterial agieren lässt, entstehen daher Szenen, die ein Abbild dessen sind, wie das Kind die Umwelt bewußt, besonders häufig aber unbewußt sieht, erlebt und zu ihr Stellung nimmt“ (S. 456).

Der Name des Verfahrens leitet sich vom Aufbau und den gestalteten Szenen ab, die mithilfe des zur Verfügung gestellten Materials entstehen. Nach von Staabs erlaubt der Einblick in die Spielwelt des Patienten Aussagen über dessen Haltungen, Affekte, Meinungen und Bezüge zur Welt und zu sich selbst. Darüber hinaus verstärkt er die therapeutische Allianz, denn „indem der Therapeut hierbei die Befindlichkeit des Kindes erfaßt, vertieft sich der Kontakt zwischen Beiden“ (S. 457). Der Scenotest trägt nach diesem Verständnis dazu bei, die Hintergründe der jeweiligen Problematik der Patienten zu erhellen und diese Aspekte in der Interaktion mit dem Versuchsleiter zu erfassen.

Dies wird durch das kindgemäße standardisierte Spielmaterial erleichtert, das gezielt auf die „Erfassung des kindlichen Erlebens im Bereich der Familie und der weiteren Umwelt ausgerichtet ist“ (S. 463). Darüber hinaus würde das Verfahren eine erste Kontaktanbahnung zwischen Therapeut und Patienten erleichtern.

Worin liegt das Besondere von projektiven Verfahren? Hierzu hat Franck (1939, zit. nach Baumgärtel, 1981) ausgeführt, dass sie Methoden sind, „welche die Persönlichkeit dadurch untersuchen, daß sie die Versuchspersonen einer Situation gegenüberstellen, auf welche die Versuchsperson entsprechend der Bedeutung reagiert, die diese Situation für sie besitzt … Das Wesen eines projektiven Verfahrens liegt darin, daß es etwas hervorruft, was – auf verschiedene Art – Ausdruck der Eigenwelt, des Persönlichkeitsprozesses der Versuchsperson ist“ (S. 79).

Der Verwendung des Spiels als diagnostisches Instrument liegt nach Wittkowski (2012) „mehr oder weniger explizit die Vorstellung zugrunde, dass im freien und spontanen Handeln die Art und Weise zum Ausdruck kommt, in der sich eine Person mit ihrer Umwelt auseinandersetzt“ (S. 360). Dies kann sprachfrei geschehen, wobei der „Sinngehalt des Spielmaterials einen gewissen Rahmen absteckt. Dieser Rahmen ist beim kindlichen Probanden auch vom kognitiven Entwicklungsstand abhängig, das heißt von seiner Fähigkeit, im Spielmaterial einen bestimmten Sinngehalt zu erkennen“ (S. 360).

Projektive Testverfahren haben in der tiefenpsychologisch orientierten Kinderpsychotherapie eine lange Tradition und werden als Instrumente der Persönlichkeitsdiagnostik eingesetzt, insbesondere um psychodynamische Prozesse und unbewusste Inhalte besser verstehen zu können. Dabei steht am Ende der diagnostischen Untersuchung nach Ebensperger-Schmidt (1997) immer die Aufgabe, alle gesammelten Informationen, das heißt die Ergebnisse aus verschiedenen Testverfahren sowie die gesammelten Beobachtungen und Eindrücke über das Kind, miteinander in Beziehung zu bringen: „Beobachtungen des Verhaltens lassen sich anhand des hierarchischen Modells psychischer Funktionen differenziert und im Interesse einer psychologischen Einschätzung beschreiben. Einzelelemente des Materials können allerdings kaum Erklärungen für kindliches Verhalten abgeben, wenn sie aus dem Zusammenhang der Gesamtsituation des Kindes gelöst werden. In gewisser Weise sind alle diagnostischen Aussagen, trotz Verwendung standardisierter Methoden, als subjektive Sichtweisen, die von der jeweiligen Persönlichkeit des Untersuchers und seiner theoretischen Ausrichtung geprägt sind, zu betrachten und zu relativieren. Deshalb sollten aus der Psychodiagnostik abgeleitete Erklärungen und Einsichten immer durch mehrere Verfahren belegbar sein und in vorsichtigen, wenig festlegenden sprachlichen Formulierungen niedergelegt werden“ (S. 149).

In einer Übersichtsarbeit definieren Leichsenring und Hiller (2001) die Gruppe der projektiven Verfahren wie folgt: Es handelt sich dabei um eine breite Verfahrensklasse, die verschiedene Subformen von diagnostischen Methoden einschließt. Im Brickenkamp-Handbuch wird zwischen Formdeuteverfahren, verbal-thematischen Verfahren sowie zeichnerischen und Gestaltungsverfahren unterschieden (vgl. Brähler, Holling, Leutner & Petermann, 2002). Leichsenring und Hiller (2001) führen weiter aus, dass ein grundlegendes konzeptuelles Problem projektiver Verfahren darin bestehen würde, wie das Testverhalten im Einzelfall zustande käme und demgemäß zu interpretieren sei. Bislang bestünde keine einheitliche Theorie projektiver Verfahren. Für Leichsenring und Hiller (2001) stellen projektive Verfahren im Kern nichts anderes dar als Fremd-Rating-Verfahren. Es sei daher prinzipiell möglich, sie in standardisierter Weise zu erheben und von trainierten Auswertern nach definierten Richtlinien beurteilen zu lassen. Sie warnen jedoch ausdrücklich vor unstandardisierten, „wilden“ Formen der Erhebung, Auswertung und Interpretation projektiver Verfahren.

Auch Wittkowski (2012) stellt kritisch fest, dass für den Scenotest bislang noch nicht der Versuch unternommen wurde, Testgütekriterien zu bestimmen. Man könne daher gegenwärtig auch nicht sagen, ob die Gütekriterien des Scenotests und anderer spielerischer Untersuchungsverfahren unzureichend seien, da bislang hierzu keine Informationen vorlägen: „Auch die Bestimmung alternativer Bewertungskriterien wie kommunikativer oder argumentativer Validität, die auf der Vorstellung von spielerischen Gestaltungsverfahren nicht als psychometrischen Tests, sondern als (qualitativen) Kommunikationsmedien beruhen, wurde zwar gefordert (Schaipp & Plaum, 1995, S. 82), bislang jedoch nicht in die Tat umgesetzt“ (Wittkowski, 2012, S. 366). So müsse man resümierend feststellen, dass die Frage der Tauglichkeit spielerischer Gestaltungsverfahren als diagnostisches Instrumentarium – sei es quantitativ oder sei es qualitativ – eine Terra incognita sei. Dies mag auch daran liegen, dass sich nach Höhn (1964) bei der Bestimmung von Testgütekriterien im Sinne der klassischen Testtheorie bei den spielerischen Gestaltungsverfahren kaum überwindbare grundsätzliche Probleme auftürmen: „Die Ermittlung der Reliabilität ist allein bei einer formalen bzw. quantifizierenden Auswertung möglich, nicht aber bei der qualitativen Deutung des Inhaltes der Schlussszene. Aber selbst dabei ist fraglich, ob eine Bestimmung der Retest-Reliabilität sinnvoll ist, da je nach Intervall situative Einflüsse und/oder Merkmalsfluktuationen wirksam sein können“ (Wittkowski, 2012, S. 361).

Auch Döpfner und Petermann (2012) betonen, dass es für fast alle projektiven Tests nur sehr spärliche bis keine Hinweise zu den Gütekriterien wie Reliabilität, Stabilität, Validität und Normierung gibt (Allesch, 1991; Häcker, Leutner & Amelang, 1998). Obwohl die Testparameter so ungenügend seien, gehörten projektive Tests dennoch zu den häufigsten eingesetzten Verfahren: „Dies mag auf den ersten Blick überraschen, verdeutlicht aber auch, dass der Praktiker neben ,objektiven‘ Angaben zur kognitiven Entwicklung, Intelligenz und Verhaltensparametern, besonderen Wert auf Informationen legt, die durch solche Testverfahren scheinbar nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden“ (Döpfner & Petermann, 2012, S. 87).

Entsprechend sollten projektive Verfahren als qualitative Methoden nicht „in das Korsett eines psychometrischen Tests gezwängt werden“ (Deegener, 1997, S. 31). Nach den meisten Autoren besteht die Bedeutung projektiver Verfahren in der Psychodiagnostik vor allem darin, dass sie die objektiven und quantifizierenden Testverfahren um einen qualitativen Zugang erweitern, um Hinweise auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und emotionale Befindlichkeiten zu erhalten (Müller & Petzold, 1998). Nach Döpfner und Petermann...

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