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E-Book

Familiengeheimnisse und Tabus

Wie Sie sich Ihrer Vergangenheit stellen können

AutorDorothee Döring
Verlagmvg Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl250 Seiten
ISBN9783864155598
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Lebenslügen und Familiengeheimnisse entstehen meist, um die eigenen Kinder oder den Partner vor der Wahrheit zu schützen. Wie systemische Familienaufstellungen aber zeigen, prägen sie über Generationen hinweg die familiären Beziehungen. In diesem Ratgeber erfahren Sie über authentische Fallbeispiele, wie nachhaltig Tabus in einer Familie wirken, wie sie das Leben aller beeinträchtigen, wie es aber auch möglich ist, sie als einen Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren und zu überwinden. Dorothee Döring will in ihrem Buch dazu ermutigen, auch zu den nicht so gelungenen Anteilen des Lebens zu stehen, Verständnis für sich selbst zu entwickeln und sich mit den belastenden Ereignissen des Lebens zu versöhnen. Dadurch kann innerer Druck abgebaut und Freiheit und Unabhängigkeit gewonnen werden: Der Versöhnungsprozess setzt neue Energien frei und erlaubt es, sich neu zu positionieren und in Harmonie mit sich und anderen stressfrei zu leben.

Dorothee Döring, geboren 1949, arbeitete zunächst als Kunsterzieherin, dann als Sterbe- und Trauerbegleiterin in einem stationären Hospiz. Sie ist als selbstständige Seminarveranstalterin in der Erwachsenenbildung tätig. Als Autorin hat sie sich mit zahlreichen Publikationen einen Namen gemacht. Die bekannteste - Traumprinz... - erschien 2001, bei mvg im Herbst 07 'Glücklich allein'. Dorothee Döring lebt in Kaarst.

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Leseprobe

Familiengeheimnisse und Tabus in unserer Zeit


Sozialer Abstieg


Obwohl Arbeitslosigkeit heutzutage jeden treffen kann, auch den hoch qualifizierten Akademiker, also nicht notwendig von der Leistungsbereitschaft und dem Können des Einzelnen abhängt, haftet ihr ein Makel an. Menschen im Ruhestand hören besonders gern von ihren Ex-Kollegen Sätze wie: »Ja, ich wollte auch in den vorzeitigen Ruhestand, aber – welche Ungerechtigkeit – man hat mich nicht gelassen!« (weil ich so wichtig für das Unternehmen bin!)

Gebraucht zu werden, ist ein Gütezeichen. Ein arbeitswilliger und arbeitsfähiger Mann, knapp über 50, empfindet die Tatsache, nicht mehr gebraucht zu werden, als einen sozialen Abstieg. Um diesen aufzufangen, gibt es eine ganze Reihe guter Strategien: Hobbys, Reisen, Ehrenämter, soziales Engagement usw.[7]

Keine gute Strategie ist es, Arbeitslosigkeit und Ruhestand der Umwelt verheimlichen zu wollen. So verheimlichte ein arbeitslos gewordener Familienvater sogar seiner Familie diese Tatsache, indem er morgens wie gewohnt mit seiner Aktentasche aus dem Haus ging und abends zurückkehrte.

Das Ansehen des Einzelnen in unserer Gesellschaft hängt von einer Reihe üblicher Bewertungsmaßstäbe ab. Beispiele dafür sind: der ausgeübte Beruf, herausragende Leistungen z. B im Sport oder in der Forschung, die im Beruf erreichte Hierarchiestufe, das Engagement für das Gemeinwesen. Es gibt ein allgemeines Verständnis darüber, welchen Rang man dem Einzelnen auf der Skala des jeweiligen Bewertungsmaßstabes gibt oder geben würde.

Ein besonders populärer Bewertungsmaßstab ist das Geld, das jemand verdient. Er korreliert auch mit einigen der bereits genannten Gradmesser. So wird jemand, der die Karriereleiter als Angestellter oder Beamter erklimmt, auch mehr Einkommen erzielen, andererseits verdient jemand nicht deshalb mehr, weil er sich sozial oder politisch für die Gemeinschaft einsetzt, als jemand, der das nicht tut. So verdient der Bundespräsident, der bezüglich des Engagements für das Gemeinwesen die höchste Anerkennung genießt, wesentlich weniger als der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Unternehmens.

Obwohl also Geld nicht der einzige und manchmal auch der falsche Maßstab für die Positionierung des Einzelnen in der Gesellschaft ist, scheint er dennoch geeignet zu sein, das Phänomen »sozialer Abstieg« zu beschreiben. Von sozialem Abstieg spricht man demnach dann, wenn durch eine Verknappung des verfügbaren realen Einkommens der Lebensstandard deutlich eingeschränkt werden muss.

Hierzu zwei Beispiele:

In einem meiner Seminare begegnete ich einer verwitweten Frau, deren Mann Wirtschaftsprüfer gewesen war und seiner Frau Wohlstand und hohes gesellschaftliches Ansehen geboten hatte. Er hinterließ seiner Witwe die Wirtschaftsprüferpraxis, die sie verkaufte, ein Mehrfamilienhaus, Wertpapiere und eine Lebensversicherung. Leider wollte oder konnte sie nicht erkennen, dass sie, die stets »auf großem Fuß« gelebt hatte, sich nun einschränken musste. So war bereits nach wenigen Jahren das gesamte Barvermögen aufgebraucht und die Frau nicht mehr in der Lage, ihr Haus zu halten. Nach dem Verkauf des Hauses zog sie in eine kleine Mietwohnung. Aufwendige Feste und Einladungen waren nun nicht mehr möglich. Mit der Zeit änderte sich auch ihr Freundes- und Bekanntenkreis. Da sie nicht mehr Gattin des Wirtschaftsprüfers war, wurde sie bald auch nicht mehr in die entsprechenden gesellschaftlichen Kreise eingeladen.

Ein solcher sozialer Abstieg ist bitter und deshalb wird möglichst lange versucht, ihn vor anderen zu verbergen und zu leugnen. Vor ihrer Familie rechtfertigte die Witwe den Umzug in eine kleine Mietwohnung damit, die Arbeit mit dem großen Haus sei ihr auf Dauer zu viel geworden.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Witwe für ihren sozialen Abstieg zumindest mitverantwortlich war, was für den folgenden Fall nicht zutrifft:

Eine Dame klagte mir ihr Leid, das sie ansonsten streng unter Verschluss hielt:

Ihr Mann war jahrzehntelang als Fliesenleger in einem mittelständischen Familienunternehmen beschäftigt gewesen. In dieser Ehe galt die früher übliche Rollenverteilung: Der Mann verdiente das Geld für die Familie, die Frau führte den Haushalt und erzog die Kinder. Als ihr Mann in den Ruhestand trat, ging es dem Paar auch noch recht gut, weil er immer sehr gut verdient hatte. Dann starb der Mann und die Frau musste mit 60 Prozent der Rente ihres Mannes auskommen, das waren ca. 720 Euro. Das führte dazu, dass sie ihr Häuschen nicht mehr halten konnte und in eine kleine Mietwohnung umziehen musste. Sie litt unter dem sozialen Abstieg, denn das Häuschen war ihr ganzer Stolz gewesen. Aber sie verlor auch ihre Nachbarschaft und ihre Freunde, denn sie konnte nicht mehr »mithalten«. Alle Aktivitäten, die sie früher gemeinsam mit Freunden unternommen hatte, wie Kegeln oder Essen gehen, fielen nun aus. Weil ihr vorheriges Umfeld nichts von ihrem sozialen Abstieg mitbekommen sollte, zog sie sich wegen angeblich gesundheitlicher Probleme immer mehr zurück und landete schließlich in Einsamkeit und Depression.

Ein besonders deutlicher sozialer Abstieg liegt vor, wenn das monatliche Einkommen über einen längeren Zeitraum, trotz Reduzierung des Lebensstandards, nicht ausreicht, die Lebenshaltungskosten einschließlich fälliger Raten und Rechnungen zu bezahlen. Dann spricht man von (privater) Überschuldung. Dafür, dass manche Menschen in Überschuldung geraten, gibt es eine Reihe von Gründen:

Die Möglichkeit, auf Kredit zu kaufen, ist für viele Menschen ein verlockendes Angebot. Dinge zu kaufen und sie erst später zu bezahlen, verführt Menschen dazu, einen Lebensstil zu führen, den sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Eines Tages verlieren sie den Überblick über ihre Zahlungsverpflichtungen: Mahnungen häufen sich. Die Hausbank kündigt den Dispokredit und zieht die Kreditkarte ein. Die Kündigung der Wohnung droht. Der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür.

Darüber hinaus können kritische Lebensereignisse oder Schicksalsschläge dazu führen, dass die monatlichen Einnahmen die monatlichen Ausgaben nicht mehr ausgleichen. Typisch für kritische Lebensereignisse ist, dass sie ungewollt, ungeplant und unerwartet eintreten wie beispielsweise der Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung und Scheidung, eigene Krankheit oder Tod des Familienernährers. Diese Ereignisse gehen vielfach einher mit Depressionen, Antriebsverlust, Orientierungslosigkeit und Verlust der Lebensperspektive. Zumeist ist es eine Verstrickung von mehreren Faktoren und individuellen Problemen, die schließlich in die Überschuldung führen können.

Unsere Erfahrungen im Elternhaus prägen uns oft ein Leben lang[8], und die meisten dieser Prägungen sind uns wahrscheinlich nicht bewusst. So kann es sein, dass wir beispielsweise beim Umgang mit Geld und Zahlungsverpflichtungen so handeln, wie wir es gelernt beziehungsweise von klein auf erfahren haben. Wer negative Erfahrungen im Umgang mit Geld im Elternhaus gemacht hat – beispielsweise wenn die Eltern oft verschuldet waren – und nicht die Möglichkeiten hatte, schon als Kind den Umgang mit Geld zu erlernen und zu üben, läuft Gefahr, später selbst Schulden zu machen.

Ein weiterer Grund für Überschuldung liegt in der mangelnden Disziplin mancher Menschen. Sie können nicht abwarten und halten es nicht durch, Geld anzusparen, bevor sie sich einen Konsumwunsch erfüllen.

Überschuldung löst Existenzängste aus – Angst vor Gläubigern, Angst vor dem Verlust der Wohnung, Angst vor Stigmatisierung als Versager. Angst macht viele Menschen handlungsunfähig und einige sogar krank.

Finanziell am Ende zu sein und sich das einzugestehen, gleicht einer Kapitulation, die die Persönlichkeit eines Betroffenen und sein Familienleben erheblich erschüttert. Der Schaden geht weit über die Finanzen hinaus. Und weil das als Niederlage und Desaster erlebt wird, versucht man, die Situation möglichst lange geheim zu halten.

In den meisten Fällen der Zahlungsunfähigkeit führt erst starker Leidensdruck dazu, die eigene Schamschwelle zu überwinden, sich zu offenbaren und sich kompetenten Rat zu holen. Bis dahin versuchen die meisten Betroffenen, sich ihre Situation, die ja immer auch Ausdruck persönlichen Versagens ist, schönzureden und vor anderen zu verbergen. Die meisten ziehen sich von anderen Menschen zurück (oft auch von der Familie), weil ja niemand etwas davon merken soll, dass einem das Wasser bis zum Hals steht. Es ist die Angst, der Umwelt den sozialen Abstieg einzugestehen.

Auf Dauer gibt es nur einen wirksamen Weg aus der Finanzsackgasse heraus: sich wie ein Unternehmen offiziell für zahlungsunfähig zu erklären und den steinigen Weg der sogenannten Privatinsolvenz zu gehen. Wer das tut, hat eine echte Chance, unter Beachtung bestimmter Voraussetzungen nach sechs Jahren – der sogenannten Wohlverhaltensperiode – schuldenfrei zu sein.[9]

Voraussetzung dafür sind eiserne Disziplin, Durchhaltewillen und die richtigen Berater. Allerdings gibt es auch eine psychologische...

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