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Faschismus

Eine Weltgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute

AutorWolfgang Wippermann
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783896789457
FormatPDF/ePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Was ist 'Faschismus' - bloßes Schimpfwort oder nur die Bezeichnung der Partei und des Regimes Mussolinis in Italien? Wolfgang Wippermann ist anderer Meinung. Für ihn ist 'Faschismus' die Bezeichnung für ein generisches, globales und Epochen übergreifendes politisches Phänomen, das es keineswegs nur in Deutschland und Italien, sondern auch in anderen Teilen Europas, Amerikas, Afrikas, Asiens und dem Nahen Osten gegeben hat - und immer noch gibt. Diese These weist er in seiner klar und allgemeinverständlich geschriebenen Weltgeschichte des Faschismus überzeugend nach. Dabei geht er jeweils von einem biographiegeschichtlichen Ansatz aus. 'Dieses Buch wendet sich keineswegs nur an Spezialisten, sondern an alle, die sich für die Geschichte des Faschismus interessieren, die sich nicht nur bei uns in Europa ereignet hat und mit dem Untergang des europäischen Faschismus auch keineswegs zu Ende gegangen ist. Faschismus global ist nicht Vergangenheit, er stellt eine gegenwärtige und weltweite Gefahr dar.' Wolfgang Wippermann

Wolfgang Wippermann ist Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin und war lange Zeit Lehrbeauftragter am Institut für katechetischen Dienst der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg.

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Leseprobe

WESTEUROPA 


„Weder rechts noch links“ – Bonapartismus und Faschismus in Frankreich


„Weder rechts noch links“ soll der (klassische) Faschismus nach der Meinung des israelischen Historikers Zeev Sternhell gewesen sein.1 Wenn dies zutrifft, dann liegen seine Ursprünge nicht in Italien, sondern in Frankreich. Dies ist keine neue These, und Sternhell ist keineswegs der Einzige, der sie vertritt. Schon Ernst Nolte hat die „Action française“ von Charles Maurras zu den drei Hauptvarianten beziehungsweise, wie es in der englischen Übersetzung hieß, faces (Gesichter) des Faschismus gezählt, mit der er sein Standardwerk über die Epoche des Faschismus begonnen hat.2 Noltes These wird inzwischen auch von einigen anderen Historikern geteilt. Neben dem schon genannten Sternhell trifft dies auch auf Michel Winock, Jean François Sirinelli, Pierre Milza und andere zu.3

Ich meine dagegen, dass man noch weiter zurückgreifen und mit dem Mann beginnen sollte, der das erste Regime geschaffen hat, das „weder rechts noch links“ war und zum Vorbild und Ausgangspunkt des späteren Faschismus wurde – mit dem Bonapartismus Louis Bonapartes. 4

Bonaparte und der Bonapartismus

Louis Bonaparte wurde am 20. April 1808 geboren, sein Vater war der König von Holland und Bruder Napoleons I. Dieser hieß ebenfalls Louis mit Vornamen und war mit der Stieftochter Napoleons, Hortense de Beauharnais, verheiratet. Nach dem Untergang des ersten französischen Kaiserreichs ging Hortense mit ihren Kindern ins Exil nach Deutschland. Hier, genauer gesagt am Bodensee, wuchs Louis Bonaparte auf, bevor er sich in der Schweiz zum Artillerieoffizier ausbilden ließ. Vorbild war natürlich sein großer Onkel, der seine militärische Karriere auch als Offizier der Artillerie begonnen hatte. Sonst hatten beide Bonapartes wenig gemeinsam. Dies änderte sich, als Napoleons einziger Sohn, den er mit der österreichischen Kaisertochter Marie Louise hatte, starb. In der bonapartistischen Thronfolge, die freilich ohne praktische Bedeutung war, rückte Louis Bonaparte damit auf, weshalb er von den Bonapartisten als Napoleon III. tituliert wurde. Natürlich war dies nicht mehr als Schall und Rauch, aber es spornte Louis Bonaparte an, es seinem großen Onkel gleichzutun und den Anspruch auf den Thron zu erheben. Doch zunächst waren alle Anstrengungen vergeblich.

1836 scheiterte sein Versuch, ein Straßburger Regiment zum Putsch gegen den „Bürgerkönig“ Louis Philippe zu überreden, kläglich. Louis Bonaparte wurde aus Frankreich ausgewiesen und ging zunächst in die Vereinigten Staaten, dann nach England. Von hier aus startete er 1840 einen erneuen Putschversuch. Mit nur 60 Gefolgsleuten fuhr er nach Boulogne, um die dortige Garnison zum Marsch auf Paris zu bewegen. Alles endete mit einem Desaster und der Verurteilung Louis Bonapartes zu lebenslanger Festungshaft. Diese verbrachte er sehr kommod mit dem Studium der Lehren der Frühsozialisten, was ihn veranlasste, selber eine Broschüre über nichts Geringeres als die „Ausrottung der Volksarmut“ zu schreiben. Ein löbliches Unterfangen, zu dem Louis Bonaparte aber alle Voraussetzungen fehlten. Zunächst die seiner Freiheit. Sie erlangte er 1846 wieder – durch den Ausbruch aus dem Gefängnis und seine Flucht nach England. Zwei Jahre später konnte er auch nach Frankreich zurückkehren.

Hier war nämlich im Februar 1848 die Revolution ausgebrochen. Nach dem Willen vieler Revolutionäre sollte aus der politischen Umwälzung eine soziale werden, sie schlug aber stattdessen den Rückwärtsgang ein. Die Linken konnten von dem von ihnen eingeführten allgemeinen (Männer-)Wahlrecht nicht profitieren, erzielten sie doch bei den im April 1848 durchgeführten Wahlen zur Nationalversammlung nur 200 von insgesamt 900 Sitzen. Sieger waren die von Ledru-Rollin angeführten liberalen Republikaner mit 350 Sitzen, die sich weigerten, die Sozialisten unter der Führung Auguste Blanquis in die fünfköpfige Exekutivkommission aufzunehmen. Blanqui und seine Genossen protestierten dagegen ergebnislos. Deren Niederlage nahm die neue Regierung zum Anlass, um im Juni 1848 die Nationalwerkstätten wieder zu schließen, die gerade von den Linken mit dem Ziel eingerichtet worden waren, die Arbeitslosigkeit durch staatliche Arbeitsbeschaffung zu bekämpfen.

Der daraufhin von Blanqui angezettelte Aufstand wurde von dem neuen Kriegsminister (und faktischen Diktator) Eugène Cavaignac niedergeschlagen – und zwar äußerst blutig durch den Einsatz von mit Kartätschen geladenen Kanonen. Mehr als 3000 Aufständische wurden in den Straßen von Paris niederkartätscht beziehungsweise, wie man dieses Morden nach dem Verantwortlichen nannte, „cavaignisiert“. Die Folge war die Beseitigung weiterer Zugeständnisse an die Arbeiter und der Erlass einer neuen Verfassung, in der die konservativen Werte „Familie“, „Eigentum“ und vor allem „öffentliche Ordnung“ beschworen und fixiert wurden.

Jetzt schlug – zum ersten Mal – die Stunde des damals weitgehend mittellosen und nur wegen seines Familiennamens einigermaßen bekannten Louis Bonapartes. Unterstützt von den Orleanisten, den Anhängern des gestürzten Louis Philippe, und durch den Einsatz geschickter propagandistischer Methoden gewann er die Präsidentschaftswahl vom Dezember 1848 haushoch. Mehr als fünf Millionen Franzosen stimmten für ihn, nur 1,4 Millionen für Cavaignac und 400 000 für Ledru-Rollin.

Der Rollback ging weiter. Die Rechte und (angemaßten) Befugnisse der Katholischen Kirche im Bildungswesen wurden wiederhergestellt und das allgemeine Wahlrecht faktisch abgeschafft. Die treibende Kraft hierbei war die bürgerliche „Partei der Ordnung“. Sie triumphierte bei den Parlamentswahlen vom Mai 1849. Ihren 500 Abgeordneten standen nur noch 100 republikanische gegenüber. Da die Linken, die sich jetzt in Erinnerung an die Große Französische Revolution Montagnards nannten, immerhin 200 Sitze errungen hatten, war noch nicht alles entschieden. Es herrschte in Frankreich so etwas wie ein labiles politisches Gleichgewicht zwischen den linken und rechten Kräften.

Marx wollte darin sogar ein „Klassengleichgewicht“ zwischen Bourgeoisie und Proletariat sehen, weil das Proletariat „noch nicht“ fähig sei, die politische Macht zu erobern, während die Bourgeoisie „nicht mehr“ fähig sei, sie zu behaupten. Daher, so Marx weiter, zeige sie sich bereit, auf ihre mit dem und durch das Parlament ausgeübte politische Macht zugunsten der Exekutive zu verzichten. Ihr Chef war Louis Napoleon. Mit der Absetzung des Kommandeurs der Pariser Nationalgarde gelang es ihm, diese zu entmachten und dem Bürgertum damit sein letztes politisches Machtmittel zu nehmen. Doch verfügte er selber noch keineswegs über die ganze Macht. Seine Amtszeit war nämlich begrenzt und lief 1852 aus. Für eine Verlängerung wäre eine Dreiviertelmehrheit im Parlament notwendig gewesen. Doch ein diesbezüglicher Versuch scheiterte. Bonapartes Antrag fand nicht die verfassungsgemäß notwendige Stimmenzahl.

Daraufhin schlug Bonaparte am 2. Dezember zu. Ein symbolkräftiges Datum: An einem 2. Dezember beziehungsweise, wie er damals nach dem revolutionären Kalender genannt wurde, an einem 18. Brumaire, war sein großer Onkel 1804 zum Kaiser gekrönt worden. Louis Bonapartes Putsch des 18. Brumaire war erfolgreich, kostete aber weit mehr als hundert Menschen das Leben. Tausende wurden verhaftet, wovon wiederum die meisten in die Kolonien deportiert wurden. Viele Oppositionelle, darunter der Schriftsteller Victor Hugo, konnten sich diesem Schicksal nur durch die Flucht ins Ausland entziehen.

Dennoch, trotz oder wegen dieses Terrors, gewann Louis Bonaparte das noch im Dezember 1851 durchgeführte Referendum zur Bestätigung seines Staatsstreiches haushoch. Er erhielt 7,4 Millionen Ja-Stimmen. Nur 600 000 Franzosen votierten gegen ihn und 1,5 Millionen enthielten sich – und dies obwohl das Plebiszit auf der Basis des wieder eingeführten allgemeinen Wahlrechts durchgeführt worden war. Marx und Engels schnaubten im britischen Exil vor Wut, ereiferten sich über die Feigheit der Franzosen im Allgemeinen, des französischen Proletariats im Besonderen und wollten...

Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
„Faschismus wäre Bündlertum“ - Einleitung8
WESTEUROPA16
„ Weder rechts noch links“ – Bonapartismus und Faschismus in Frankreich17
„Risorgimento“ – Bonapartismus und Faschismus in Italien35
„Deutsche Katastrophe“ – Bonapartismus und Faschismus in Deutschland51
„Ständestaat“ – Bonapartismus, Fundamentalismus und Faschismus in Österreich70
„Cruzada“ – Bonapartismus, Fundamentalismus und Faschismus in Spanien85
„Kein Exportartikel“ – Faschismus in anderen nord- und westeuropäischen Staaten102
OSTEUROPA128
„Zone der Gegenrevolution“ – Bonapartismus, Fundamentalismus und Faschismus in Osteuropa129
„Königsdiktaturen“ – Bonapartismus, Fundamentalismus und Faschismus in Südosteuropa147
„Fruchtbarer Schoß“ – Faschismus in Russland169
AMERIKA182
„ All men are created equal“ – Fundamentalismus und Faschismus in den USA183
„Dependencia“ – Bonapartismus und Faschismus in Lateinamerika204
AFRIKA218
„Rassegesellschaft“ – Fundamentalismus und Faschismus in Südafrika219
„Herz der Finsternis“ – Bonapartismus und Faschismus in Schwarzafrika228
FERNER und NAHER OSTEN248
„Himmlischer Souverän“ – Bonapartismus, Fundamentalismus und Faschismus in Japan249
„ Wiedergeburt“ – Bonapartismus und Faschismus in Ägypten, Syrien und dem Irak257
„Dschihad“ – Fundamentalismus und Faschismus in Ägypten, Palästina und Persien267
„Hat es Faschismus überhaupt gegeben?“ – Zusammenfassung und Ausblick283
ANHANG296
Anmerkungen297
Bibliographischer Essay324
Literatur329
Namenregister332

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