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E-Book

Fetischismus

Grundlagentexte vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart

VerlagSuhrkamp
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl478 Seiten
ISBN9783518742129
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Der Band versammelt Schlüsseltexte zu Geschichte und Begriff des Fetischismus aus Ethnographie, Anthropologie, Religionsgeschichte und -philosophie, Soziologie, Waren- und Konsumkritik, Psychoanalyse und Gender-Theorie, Ästhetik und Semiotik sowie der jüngeren und jüngsten Wissenschaftsgeschichte. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Kräfte die Beziehung des Menschen zu seinen Lieblingsobjekten regieren. Wiederholt die Verehrung eines Kleidungsstücks archaische Prägungen aus einer religiösen Urzeit? Ist der Warenfetisch ein Nachfahre der Idole der Naturvölker? Oder ist die Existenz des Fetischs nur dem abwertenden Blick auf das Unverständliche und Fremde geschuldet? Einleitende Kommentare führen in die Texte ein und markieren Entwicklungslinien einer jahrhundertelangen Faszinationsgeschichte.

<p>Johannes Endres ist Assistant Professor an der University of California in Riverside, USA.</p>

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Leseprobe

9Vorwort


1. Objekte des Fetischismus


1972 erschien im Suhrkamp Verlag ein inzwischen vergriffener Band mit dem Titel Objekte des Fetischismus.[1] Es handelte sich um die Übersetzung einer Textsammlung, die zwei Jahre zuvor auf Französisch publiziert worden war. Ihr Herausgeber war der Sartre-Schüler Jean-Bertrand Pontalis, der wie die Mehrzahl der Beiträger der Psychoanalyse nahestand. Neben deren Aufsätzen enthielt der Band einige wenige historische Quellentexte, an prominenter Stelle Freuds Schriften Fetischismus (1927; siehe hier S. 262-267) und Die Ichspaltung im Abwehrvorgang (1938/40) sowie knappe Auszüge aus einschlägigen Texten von de Brosses, Hegel, Comte und Marx. Der Band ist in die Geschichte der Fetischismusforschung als epochaler Einschnitt und Neubeginn eingegangen.

1907 hatte der Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss den Fetischismus für tot erklärt. In einer berühmt gewordenen Besprechung eines Buchs von Richard Edward Dennett in der L’Année sociologique war Mauss zu folgender Schlussfolgerung gelangt:

Wenn man einmal die Geschichte der Religionswissenschaft und der Ethnographie schreiben wird, wird man erstaunt sein über die ungebührliche und zufällige Rolle, die ein Begriff wie der des Fetischs in den theoretischen und deskriptiven Arbeiten gespielt hat. Sie entspricht nur einem ungeheuren Mißverständnis zwischen zwei Zivilisationen, der afrikanischen und der europäischen; sie gründet auf nichts anderem als auf einem blinden Gehorsam gegenüber den kolonialen Gepflogenheiten, den fränkischen Sprachen der Europäer der Westküste.[2]

Auch Pontalis’ Band nahm auf Mauss’ Verabschiedung des Fetischismusbegriffs als brauchbares Instrument der Ethnographie und Religionsgeschichte Bezug. Er konnte ihr jedoch die Tatsache entgegenhalten, dass zum Zeitpunkt von Mauss’ Feststellung – und von diesem scheinbar unbeachtet – ein neues Feld der Fetischis10musforschung entstanden war, das Mauss zwar nicht widerlegte, das aber vom Bedeutungsverlust des ethnographischen Fetischismuskonzepts doch profitierte: das des sexuellen Fetischismus in Psychologie und Psychoanalyse.[3] Hätte es diese Koinzidenz – von Ende und Neuanfang – nicht gegeben, würden heute nur noch Marxisten bzw. Spezialisten der marxistischen Kapitalismuskritik von Fetischismus reden.

Dabei hat die psychoanalytische Wiederentdeckung und Neubestimmung des Fetischismus Mauss’ Verdikt durchaus Recht gegeben. Nicht nur spielt das Konzept im ethnographischen Diskurs des 20. Jahrhunderts praktisch keine Rolle mehr. Der psychoanalytische und psychopathologische Fetischismusbegriff kommt auch weitgehend ohne dessen Vorgeschichte in der ethnographischen und religionsgeschichtlichen Literatur aus. Zwar ist sich vor allem Freud einer solchen Vorgeschichte sehr wohl bewusst. In den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie von 1905, der frühesten Erwähnung des Fetischismus in Freuds Werk, heißt es unter Rückbezug auf das Phänomen des sogenannten primitiven Fetischismus: »Dieser Ersatz [des Sexualobjekts durch ein Körperteil oder unbelebtes Objekt wie die Kleidung der Sexualperson] wird nicht mit Unrecht dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde seinen Gott verkörpert sieht« – wobei es vor allem Freud selbst ist, der einen derartigen Zusammenhang inauguriert.[4] Tatsächlich bleiben die gelegentlichen Hinweise auf den Fetischismus der »Wilden« in den Theorien des sexuellen Fetischismus jedoch randständig. Es scheint somit, dass die Entdeckung des Fetischismus durch die Psychoanalyse den Niedergang des Konzepts in Ethnographie und Religionsgeschichte voraussetzt: Dieser kann erst zu einem Terminus zur Bezeichnung des »Eigenen« werden, wenn er aufgehört hat, als Bezeichnung des »Anderen« zu funktionieren.[5]

11Dann würde die Geschichte des Begriffs jenen Mechanismus wiederholen, der dem Phänomen laut psychoanalytischem Verständnis zugrunde liegt: So wie der Fetisch das Ergebnis und »Denkmal« der Verdrängung eines Kindheitserlebnisses ist, so ist der psychoanalytische Fetischismusbegriff das Ergebnis einer Verdrängung seiner terminologischen Vergangenheit. Die Psychoanalyse müsste Letztere also gar nicht thematisieren – und dürfte es vielleicht nicht einmal –, um die Psychodynamik des sexuellen Fetischismus als Wiederkehr einer negierten Vorgeschichte zu beglaubigen. Die »Wanderung«[6] des Fetischismusbegriffs wäre dann weniger eine Wanderung mit vertikalem Richtungssinn als das allmähliche Emportauchen eines individual- und kollektivgeschichtlichen Sediments nach der Logik der Freud’schen »Erinnerungsspur« – vergleichbar dem Fußabdruck der Jugendfreundin in der seelischen Phantasielandschaft der Hauptfigur in Wilhelm Jensens Novelle Gradiva.[7]

Demnach könnte die psychoanalytische Wiederentdeckung des Fetischismus auch schon um das Problem gewusst haben, das erst Pontalis’ Sammelband explizit formuliert: die Frage nämlich, was die Reprisen des Fetischismus bei Binet, Krafft-Ebing und Freud – aber auch in Marx’ Kapital – mit der ethnographischen Tradition des Begriffs zu tun haben. Denn es ist diese – auf den ersten Blick akademisch anmutende – Frage, die den Neubeginn der Fetischismusforschung seit den Objekten des Fetischismus markiert. Ohne sie würde es auch den vorliegenden Band gesammelter Grundlagentexte zum Fetischismus – 45 Jahre nach den Objekten des Fetischismus – nicht geben.

2. Theorien des Fetischismus – oder:
Die Frage nach der Frage


Was also steht mit der Frage nach den möglichen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen historischen Theorien des Fetischismus und den Wissensgebieten, aus denen sie hervorgegangen 12sind, auf dem Spiel? Zur Beantwortung dieser »Frage nach der Frage« müssen wir einen kleinen Umweg gehen. Er beginnt mit einer der ältesten Fragen der Geschichte des Fetischismus, derjenigen, was ein »Fetisch« ist. Keine Fetischismustheorie vor den 1970er Jahren hat es versäumt, darauf eine Antwort zu geben. Demnach ist der Fetisch ein Götze, ein Zaubermittel, ein irrtümlich für lebendig gehaltenes Ding, ein Schutzgott, die älteste und primitivste Religionsform, ein Aberglaube, ein Tauschobjekt, das Produkt eines Wertmissverständnisses, ein Wahrzeichen der Entfremdung, ein Ersatz, der Phallus, ein Statussymbol – die Reihe ließe sich fortsetzen. So heterogen – und zum Teil gegensätzlich – diese Bestimmungen sind, so essentiell sind sie für die jeweilige Fetischtheorie. Keine von ihnen käme ohne eine geregelte Ansicht vom »Wesen« des Fetischs aus – sie ist nicht nur aus Gründen der Vollständigkeit geboten, sondern bestätigt auch das theoretische Vorverständnis, dass es Fetische gibt und man ihre Funktionsprinzipien erkannt und diskursiv erfasst hat. Denn – und darin sind sich alle Fetischismustheorien seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart einig – Fetische sind vor allem eines: gefährlich.

Womit sich die Theoriegeschichte des Fetischismus dagegen nur am Rande befasst hat, ist die Frage, wie die unterschiedlichen Definitionen des Phänomens miteinander verknüpft sind. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: erstens die Vermutung, dass die diversen Begriffe dasselbe Phänomen unterschiedlich gut beschreiben und es darum geht, kein integrales Konzept zu finden, sondern das beste – dies ist in der Diskursgeschichte des Fetischismus die ältere Position, der wir im vorliegenden Band allenthalben begegnen; sowie zweitens die gegenteilige Annahme, dass die unterschiedlichen Begriffe auch unterschiedliche Phänomene beschreiben, die man deshalb nur verstehen kann, wenn man die Begriffe selbst versteht – dies ist sowohl die in Pontalis’ Sammelband vertretene Position als auch die der – für die Fetischismusforschung wegweisenden – Studien von William Pietz aus den 1980er Jahren.[8] Auch eine solche Position führt aber nicht zu einem integralen Konzept des Fetischismus, dessen Existenz sie vielmehr bestreitet. Von Pietz stammt denn auch die Formulierung: »Von diesem Standpunkt aus 13muss der Fetisch als zu keinem anderen historischen Feld zugehörig gesehen werden als der Geschichte des Worts selbst […].«[9]

Welcher von beiden Ansichten man also auch folgt, die Frage nach den Gemeinsamkeiten der Disziplinen des Fetischismus ist entweder überflüssig oder aussichtslos. Das ändert sich eigentlich erst mit Hartmut Böhmes Buch Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne (2006), der ersten zusammenhängenden Darstellung des Themas, die die Karriere des Fetischismuskonzepts auf den unterschiedlichen Diskursfeldern weder als Inkonsistenz des Fetischbegriffs noch des ihm zugrundeliegenden Phänomens liest.[10] Nach Böhme antworten die verschiedenen Fetischkonzepte auf ein gemeinsames Problem – die industrielle Proliferation der Dingwelt im 19. Jahrhundert – und auf den Versuch der zeitgenössischen Wissensagenturen – von der Ethnographie und Religionswissenschaft über die Philosophie und Ökonomie bis hin zur Psychoanalyse und Sexualwissenschaft –, mit einer solchen Proliferation Schritt zu halten. Demnach fungiert der Fetisch einerseits als Sammelname einer »korrupten Objektbeziehung«,[11] die er zugleich begrifflich kanalisiert und diskursstrategisch anschlussfähig macht. Andererseits verweisen die historischen Wandlungen des ursprünglich interkulturellen zum intrakulturellen Begriff – die einer Logik der Übertragung vom »Anderen des Eigenen« auf das »Eigene des Anderen« folgen – auf eine mit der statistischen...

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