Sie sind hier
E-Book

Ficken sag ich selten

Mein Leben mit Tourette

AutorOlaf Blumberg
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783843706230
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Olaf Blumberg flucht, bellt, zuckt heftig und unwillkürlich, und das meistens in den unpassendsten Situationen - in der Bahn, in der Uni, in der Kirche, bei der neuen Freundin. Olaf hat Tourette. Hier erzählt er, wie er gelernt hat, diesen Dämon zu akzeptieren. Ein tragikomisches, anrührendes Buch über ein Leben mit einer unberechenbaren Krankheit.

Olaf Blumberg, Jahrgang 1984, lebt und studiert in Paderborn. Er wechselte vom Lehramtsstudium - Germanistik und Sport - zu Sozialpädagogik, als er von seiner Tourette-Erkrankung erfuhr.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

KAPITEL 2
Die Diagnose

Ich sitze vor einem Bahnhof auf einer giftgrünen Bank und halte ein Stück Papier in den Händen. Passanten hasten an mir vorüber, Busse halten und fahren wieder ab. Ein bissiger Wind treibt die Wolken am Himmel vor sich her. Sie haben kein Ziel, wissen nicht, wohin. Ich wünschte, ich könnte mit ihnen davonschweben. Irgendwohin. Hauptsache weg.

Ich höre klackernde Schritte und hastiges Genuschel. Jemand schnauzt Anweisungen in ein Telefon. Ein Windstoß fährt mir durchs Haar. Aus einem Reflex heraus suche ich nach einer spiegelnden Oberfläche, um meine Frisur zu prüfen. Ich will mich dem Unausweichlichen noch nicht stellen. Ich will noch ein bisschen mehr Zeit. Doch ich finde nichts, worin ich mich spiegeln kann. Es gibt keine Ausflüchte mehr.

Das Klirren von Glasflaschen lässt mich hochschrecken, ein Bedürftiger durchkämmt Abfalleimer nach Pfandflaschen. Normalerweise habe ich für die Pfandpiraten alles Verständnis der Welt. Normalerweise denke ich nicht: Geht das nicht leiser? Oder: Wieso haut der nicht endlich ab? Doch heute geht mir der Typ mit seinem Geklirre auf die Nerven. Das hat einen einfachen Grund: Auf dem Blatt Papier in meiner Hand steht eine Diagnose, die von nun an mein Leben bestimmen wird.

Ich hatte den Besuch beim Arzt immer wieder aufgeschoben, doch diesmal war es so weit. Ich musste wissen, womit ich es wirklich zu tun hatte. Ich wollte der Wahrheit endlich ins Auge sehen.

Bestimmt war das alles nur eine Phase, redete ich mir einmal mehr ein, als ich in meine geliebte, immer überfüllte U-Bahn stieg und mich auf den Weg zu einem Internisten machte. Vielleicht hatte ich in den letzten Mo­naten einfach zu viel Stress gehabt. Der Arzt würde mir eine kleine, gemütliche Kur oder meinetwegen auch Beruhigungsmittel verschreiben, dachte ich und sah aus dem Fenster. Die U-Bahn-Waggons stießen wie ein Wal aus dem Untergrund an die helle Oberfläche hervor. Wie ein Wal würde ich mich dann auch fühlen. Endlich wieder Luft! Endlich Freiheit!

Der Arzt untersuchte mich ruhig und routiniert, während ich ihm zu erklären versuchte, warum ich eigentlich bei ihm war. Meine Tics hatten sich während der U-Bahn-Fahrt kein einziges Mal gemeldet und hielten auch jetzt brav die Klappe. Tourette ist manchmal wie ein Kind, das wunderbar singen kann, aber immer dann schweigt, wenn es vorsingen soll. Anstatt vor Aufregung wie wild zu ticcen, saß ich un­beweglich auf einem Stuhl.

»Ich habe so einen merkwürdigen Drang«, sagte ich.

Der Arzt nickte. »Was für einen Drang?«

»Also …«

»Harndrang?«

»Äh, nein, keinen Harndrang. Es ist eher ein Drang, plötzlich zu schreien. Laute auszustoßen.«

Der Arzt nickte. »Wie zeigt sich dieser Drang?«, fragte er.

»Ich weiß nicht. Ich muss zum Beispiel einfach so bellen. Wie ein Hund.«

»Bellen. Ah ja.« Der Arzt nickte und nickte. Er erinnerte mich zunehmend an einen Wackeldackel.

»Ich kann das nicht kontrollieren«, sagte ich.

»Schreidrang und Bellen. Kann man das so beschreiben? Und verbale Laute, die Sie sich nicht erklären können?«

»Ja, und alle möglichen Zuckungen. Manchmal habe ich Angst, verrückt zu werden.«

»Na, na«, sagte der Arzt und nickte wieder. »So schnell wird keiner verrückt. Aber es scheint etwas Komplizierteres zu sein. Da kann ich Ihnen wahrscheinlich nicht helfen.« Wieder nickte er mehrmals. »Ich kann Sie aber an einen Spezialisten überweisen.«

»Einen Spezialisten?«

»Ja, einen Neurologen. Der Kollege wird am ehesten sagen können, worum es sich bei Ihrer Symptomatik handelt und ob ein MRT gemacht werden sollte oder nicht.«

Bei dem Wort »MRT« zuckte ich zusammen. Was sollte das sein? Es klang furchteinflößend.

»Ist es jetzt eher ernst oder eher harmlos?«, fragte ich.

»Das kann Ihnen nur der Spezialist beantworten. Für mich sieht es aber eher nach einem komplizierteren Krankheitsbild aus.«

Kompliziert klang schlecht. Ganz schlecht. Ich wollte nicht kompliziert sein. Dieses Etwas in mir sollte nicht kompliziert sein, sondern genau das Gegenteil: einfach, vorübergehend, leicht zu behandeln. Wie eine Grippe oder ein kleiner Kopfschmerz.

Ich ging zurück ins Vorzimmer. Die Sprechstundenhilfe druckte mir eine Überweisung zum Neurologen aus und gab mir eine Adresse.

Wie ein Schlafwandler trottete ich zurück zur U-Bahn­Station. Ich war geschockt. Ich musste zum Nervenarzt. Zu einem Psychoonkel.

Zurück in meinem Studentenzimmer, rief ich in der Praxis des Neurologen an. Ich bekam einen Termin schon in wenigen Tagen. Bis dahin sah ich alles wie durch einen Schleier. Es war nicht einfach, es gab keine kurzfristige Heilung, und es würde nicht so schnell wieder weggehen. Diese Erkenntnis lag auf den Tagen wie Blei. Ich wollte niemanden sehen oder sprechen, überwand mich dann aber doch, wenigstens zwei Telefonate zu führen: mit meinem Bruder und meiner Mutter. Ich konnte ihnen schließlich nicht ewig verheim­lichen, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich wollte diese Gespräche nicht führen, aber ich konnte mich auch nicht mehr verstellen. Also gab ich mich vorsichtig optimistisch. Erzählte kurz von den Geschehnissen der letzten Wochen, sparte die Abkapselung und die Tatsache, dass ich nicht mehr zur Uni ging, aus und ließ anklingen, dass es vielleicht etwas mit einer seltenen Erkrankung zu tun haben könnte. Ich würde einen Spezialisten aufsuchen, und mehr gab es dazu erst mal nicht zu sagen. Meine Mutter machte sich wie immer Sorgen, meinte aber auch, sie finde es gut, dass ich mich um die Sache kümmerte.

Schließlich war es so weit. Der große Tag. Der Termin beim Fachmann. Ich erwachte mit dem Gefühl, eine schwierige Prüfung ablegen zu müssen. Und wie meistens vor Prüfungen ging es mir zunächst wie dem Alpenopi aus der Milka-Werbung: »It’s cool, man!« Alles kein Problem! Kurz vor Prüfungsbeginn ist dann allerdings Schluss mit cool. So auch diesmal. Im Zug nach Witten, wo der Neurologe seine Praxis hatte, kamen die Tics. Es waren zwar nur wenige: auf das Gesicht beschränkte Zuckungen plus leises Bellen. Doch die anderen Fahrgäste sahen mich an, als hätte ich gerade die Notbremse gezogen, und ich fühlte mich wie ein Aussät­ziger.

Zum Glück war es vom Bahnhof bis zur Praxis nur ein kurzer Fußweg, denn je näher ich der Arztpraxis kam, desto stärker ticcte ich. Ich folgte der Hauptstraße, wie ein Verirrter im Wald einem Bachlauf folgt. Im Wald kommen die seltsamen Geräusche allerdings von Tieren und nicht von Menschen. Gott sei Dank waren an diesem Tag keine Waidmänner unterwegs, sonst hätten sie mich wahrscheinlich erlegt. Schließlich bog ich in eine Nebenstraße ein, und mein Blick fiel auf die imposante Fassade eines großen Gebäudes. Das war er also: der Palast des Gottes in Weiß, der heute über mich richten würde.

Mit klopfendem Herzen betrat ich das Foyer und nahm den Lift in den vierten Stock. Seltsamerweise hörten die Tics mit Betreten der Praxis schlagartig auf. Nach Erledigung der Formalitäten am Empfang fand ich mich in einem sterilen, weißgestrichenen Wartezimmer wieder. Immerhin waren die Stühle lindgrün, was das Ganze etwas auflockerte. Breite Fensterfronten ließen viel Licht herein.

Zu meiner Überraschung war der Raum nicht komplett voller Psychopathen – zumindest auf den ersten Blick, schließlich kannte ich mich auf diesem Gebiet noch nicht aus. Ich hatte nur die flimmernden Bilder von schlechten Hollywoodfilmen im Kopf. Zum Beispiel aus dem Film »Haunted Hill«: kahle Gänge, in denen Schreie widerhallen, bevölkert von umherirrenden Gestalten, die mit sich selber sprechen oder stundenlang ins Leere starren. Ver­riegelte Türen, hinter denen Wehrlose mit Elektroschocks behandelt und anschließend mit Medikamenten zugedröhnt werden. Grimmig dreinschauende, stämmige Krankenschwestern, die mehr Ähnlichkeit mit einem osteuropäischen Türsteher haben als mit einer medizinischen Fachkraft.

Hier jedoch sahen alle ganz normal aus. Vollkommen normal. Vielleicht, dachte ich, zu normal. Die harmlos Aussehenden waren am Ende doch meistens die irren Mörder und Vergewaltiger und … Hollywood, jetzt halt doch bitte für einen Moment mal die Klappe.

Ich musterte meine Sitznachbarn. Hörten sie Stimmen? Sprachen sie laut mit Menschen, die nicht anwesend waren? Waren sie verrückt? Und vor allem: Was zum Teufel war ich?

Die Oma neben mir blätterte in der »Bunten«, als säße sie beim Friseur. Musste man verrückt sein oder normal, um sich ernsthaft für die Artikel darin zu interessieren? Ab und zu sah sie auf und musterte mich eindringlich. Vielleicht wollte sie das Gleiche wie ich: bloß nicht irre rüberkommen.

Neben ihr saß ein junger Mann. Er war ungefähr in meinem Alter, aber gekleidet wie ein Sechzehnjähriger. Mütze in der Stirn, Baggys in den Kniekehlen und ein T-Shirt wie ein Schlossgespenst. Fehlte nur noch die fette Goldkette. Er roch nach Alkohol und Zigarettenqualm und sah reglos vor sich auf den Boden. Der ist doch bestimmt krank im Kopf, dachte ich. Der hat sie doch nicht mehr alle. Ich sah ihn an und wartete auf irgendeinen Beweis seines Wahnsinns. Vielleicht würde er plötzlich losschreien. Oder die Zeitschriften zerfleddern, zusammenknüllen und sich in den Mund stopfen. Doch es geschah nichts. Irgendwann kratzte er sich am Kopf.

Ist schon seltsam, dachte ich in dem Wartezimmer. Die Leute erzählen einander immer so gerne von Knochenbrüchen, Entzündungen und sonstigen Krankheiten, aber wehe, es ist keine Beule, sondern der...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Allgemeinmedizin - Familienmedizin

BWL für Mediziner im Krankenhaus

E-Book BWL für Mediziner im Krankenhaus
Zusammenhänge verstehen - Erfolgreich argumentieren Format: PDF

Ärzte werden zunehmend am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Abteilung gemessen. BWL-Grundlagenwissen ist nötig, um Gewinne zu ermitteln, Personalentscheidungen zu treffen und Investitionspläne…

Die Arzthaftung

E-Book Die Arzthaftung
Ein Leitfaden für Ärzte und Juristen Format: PDF

Im Mittelpunkt des Leitfadens stehen die Haftungsfragen der arbeitsteiligen Medizin, die Organisation der Patientenaufklärung und der ärztlichen Dokumentation sowie die Zusammenhänge zwischen…

Die Arzthaftung

E-Book Die Arzthaftung
Ein Leitfaden für Ärzte und Juristen Format: PDF

Im Mittelpunkt des Leitfadens stehen die Haftungsfragen der arbeitsteiligen Medizin, die Organisation der Patientenaufklärung und der ärztlichen Dokumentation sowie die Zusammenhänge zwischen…

Betreuungsrecht und Patientenverfügungen

E-Book Betreuungsrecht und Patientenverfügungen
Praktische Informationen für Ärzte und Interessierte Format: PDF

Mit zunehmender Lebenserwartung steigt auch die  Anzahl älterer Patienten, die nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und  ihre häuslichen Aufgaben selbst zu erledigen. Der…

Kindesmisshandlung

E-Book Kindesmisshandlung
Medizinische Diagnostik, Intervention und rechtliche Grundlagen Format: PDF

Das bewährte Fachbuch zum Kinderschutz in der Medizin bietet Strategien für den Umgang mit Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, fundierte fachliche Grundlagen für die…

Zöliakie Mehr wissen - besser verstehen

E-Book Zöliakie Mehr wissen - besser verstehen
Beschwerdefrei leben mit der sicheren Diagnose und einer glutenfreien Ernährung Format: PDF

Das Buch bietet Ihnen unverzichtbares Basiswissen: Wodurch entsteht die Erkrankung, wie verläuft sie, was sind mögliche Folgen? Wie ernähre ich mich glutenfrei? Gibt es darüber hinaus weitere…

Die therapeutische Beziehung

E-Book Die therapeutische Beziehung
Format: PDF

Die therapeutische Beziehung - wichtig bei allen ärztlichen Tätigkeiten! In der praktischen Medizin ist die Bedeutung der Arzt-Patient-Beziehung schon lange erkannt. Sie ist das, was den…

Weitere Zeitschriften

Augenblick mal

Augenblick mal

Die Zeitschrift mit den guten Nachrichten "Augenblick mal" ist eine Zeitschrift, die in aktuellen Berichten, Interviews und Reportagen die biblische Botschaft und den christlichen Glauben ...

FREIE WERKSTATT

FREIE WERKSTATT

Hauptzielgruppe der FREIEN WERKSTATT, der unabhängigen Fachzeitschrift für den Pkw-Reparaturmarkt, sind Inhaberinnen und Inhaber, Kfz-Meisterinnen und Kfz-Meister bzw. das komplette Kfz-Team Freier ...

BIELEFELD GEHT AUS

BIELEFELD GEHT AUS

Freizeit- und Gastronomieführer mit umfangreichem Serviceteil, mehr als 700 Tipps und Adressen für Tag- und Nachtschwärmer Bielefeld genießen Westfälisch und weltoffen – das zeichnet nicht ...

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler ist die Fachzeitschrift für die CE- und Hausgeräte-Branche. Wichtige Themen sind: Aktuelle Entwicklungen in beiden Branchen, Waren- und Verkaufskunde, Reportagen über ...

IT-BUSINESS

IT-BUSINESS

IT-BUSINESS ist seit mehr als 25 Jahren die Fachzeitschrift für den IT-Markt Sie liefert 2-wöchentlich fundiert recherchierte Themen, praxisbezogene Fallstudien, aktuelle Hintergrundberichte aus ...

VideoMarkt

VideoMarkt

VideoMarkt – besser unterhalten. VideoMarkt deckt die gesamte Videobranche ab: Videoverkauf, Videoverleih und digitale Distribution. Das komplette Serviceangebot von VideoMarkt unterstützt die ...