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Fin de Siècle

Epoche - Autoren - Werke

AutorJohannes Pankau, Helmut Koopmann, Hans Richard Brittnacher, Ortrud Gutjahr, Antonia Eder, Fred Lönke
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl238 Seiten
ISBN9783534723232
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Die Literatur des Fin de Siècle reflektiert die fundamentalen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen der Zeit um 1900, indem sie aktuelle Themen künstlerisch verarbeitet und neue ästhetische Ausdrucksformen entwickelt. Die Beiträge dieses Bandes beschreiben die heterogenen Strömungen der literarischen Jahrhundertwende und entfalten ihre wesentlichen Aspekte. Die Literatur von und über Frauen, die Psychoanalyse, die Zentren der Bohème, die technischen Medien und die Unterhaltungskultur werden gleichermaßen behandelt. Ausgewählte Autoren, die auch heute noch präsent sind, finden sich ausführlich porträtiert, so Stefan George, Heinrich und Thomas Mann, Robert Musil, Arthur Schnitzler, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind. Die Verbindung von Biographie und Werkanalyse ermöglicht Einsichten in die zentralen Themen und Schreibformen der Jahrhundertwende.

Johannes G. Pankau, Prof. Dr., lehrt Germanistik und Rhetorik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und an der Universität Bremen.

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Leseprobe

Galina Hristeva

‚Nervenkunst‘: Psychoanalyse und Literatur


Einleitung


Sensationen, nichts als Sensationen, unverbundene Augenblicksbilder der eiligen Ereignisse auf den Nerven – das charakterisiert diese letzte Phase, in welche die Wahrheit jetzt die Litteratur getrieben hat. Sie ist noch lange nicht am Extrem: wir werden, wenn sie nur erst das scheue Zaudern des ersten Versuches überwunden und sich ihre eigentliche Bedeutung recht zum Bewußtsein gebracht haben wird, noch gar wunderliche Dinge mit ihr erleben und können uns getrost darauf gefaßt machen, nächstens die obligaten 350 Seiten hindurch die sämtlichen Sensationen versetzt zu kriegen, welche eine Havanna auf den Nerven vollbringt und wie ihre Wirkungen sich von denen der grünen Chartreuse unterscheiden; bald wird sich jeder Kritiker einen Lebemann als Sachverständigen der Nervosität zur Seite halten müssen.1

Mit diesen Worten leitet Hermann Bahr 1891 in seinem Aufsatz Wahrheit! Wahrheit! programmatisch eine neue literarische Bewegung ein und lädt zum „jähen Kopfsprung in die neue Romantik, in das neue Ideal, ins Unbekannte, um das uns diese wilden Schmerzen verzehren“2 ein:

Sie brauchen nur getrost das Nervöse zu betreten, mutig an den biegsamen Rand hinaus, und, kaum daß sie nur zögernd sich leise darauf wiegen, so schwingt es sich von selbst in den Traum hinab, tief in den Abgrund des göttlichen, seligen Traumes, wo nichts mehr von der Wahrheit, sondern nur Schönheit ist.3

Als Hermann Bahr diese Zeilen schreibt, ist das von ihm apostrophierte „Nervöse“, „eins der markantesten Phänomene der Zeit um 1900“4, im Leben der Menschen in Mitteleuropa schon längst da. Die von Bahr so emphatisch gefeierte Nervosität entwickelt sich zu einem der drückendsten Probleme der Moderne – „eine beunruhigende und quälende Erfahrung“5, die etwa von folgender Selbstaussage eines 21jährigen Patienten dokumentiert wird: „Ich sag’s Ihnen genau, ich bin verloren. Meine Nerven sind kaputt bis auf den Lebensnerv, und auch der ist im Absterben begriffen.“6 Auch der berühmte Psychiater Richard von Krafft-Ebing schreibt 1895 in seiner Schrift Nervosität und neurasthenische Zustände, „dass die Nervosität in fataler Weise um sich greift.“7 Zahlreiche ärztliche und literarische Zeugnisse aus dieser Zeit geben Aufschluss über die Ubiquität der Nervosität und über ihre Symptome: „Müdigkeit, Nervenschwäche, blasierte Skepsis“8, „Schwäche des Willens, mangelnde Aktivität, Abwertung aller Wirklichkeit und entfremdete Isolierung von ihr, gesteigerte Sensibilität, ferner die Abwendung vom Natürlichen und die Neigung zur Künstlichkeit […]“9 sowie ein Gefühl der „Spätzeitlichkeit“10 und des „Krisenbewußtsein[s]“11. Als Auslöser der modernen Nervosität gelten in der Forschung die Industrialisierung und die Urbanisierung12, die „Reizüberflutung durch technische Beschleunigung und neue Medien“13, „die Überforderung des auf sich gestellten Individuums“14, der „Verlust der Bindungen und absoluten Gewißheiten und Werte […]“15 sowie der „Dauerzustand diffuser Begierden“ und das „Hin-und-her-gerissen-Werden zwischen einer Vielzahl von Wünschen“, die der Historiker Joachim Radkau aus dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaft ableitet16. Solche diffusen Krankheitsbilder geringerer Intensität wurden bisher in der Forschungsliteratur verstärkt analysiert, wobei die ‚Nervenkunst‘ auf die Empfindungen meist willensschwacher Individuen und auf ihre Suche nach immer „neue[n] Genüsse[n]“ und „Sensationen“17 reduziert wurde. Der traumatische Charakter ihrer Erfahrungen wurde weitgehend vernachlässigt, während sich der Blick hauptsächlich auf die Schwäche und die „Liebe zum Verfall“18 der beteiligten Akteure richtete: „Es sind fast immer Menschen von geschwächter Vitalität, verminderter Lebensenergie, gebrochener Willenskraft, erschlafften Nerven“.19 Übersehen wird dabei, dass die ‚Nervenkunst‘ der Jahrhundertwende auch Strategien des Überlebens und der Gegenwehr entwirft. Sie ist nicht nur Poetik der flüchtigen „Sensationen“, sondern auch Poetik des Traumas, welche auch Wege aus dem Trauma konturiert.

Die von Nietzsche ausgehende Dichotomie von Vitalität und Dekadenz ist unfruchtbar und ist zu revidieren. Die Plage der modernen Nervosität rief eine Vielzahl von Erklärungs- und Therapiekonzepten auf den Plan, die im Kontext der für die Jahrhundertwende charakteristischen Tendenzen von „Ende und Neubeginn“20 und der Konkurrenz der Modelle und Konzepte21 zu situieren sind. Mit der Neubewertung des geläufigen und teilweise irreführenden Begriffs ‚Nervenkunst‘ soll auf zwei extreme Positionen erwidert werden: auf die Verwerfung der ‚Nervenkunst‘ als entartet bei Nietzsche, Nordau, Bartels u.a. sowie auf die Einschätzung dieser Kunst ausschließlich als ‚Ästhetik des Verfalls‘, die Nietzsches Position lediglich mit einem positiven Vorzeichen versieht.

Zwischen Physiologie, Psychologie und Biologie – Friedrich Nietzsche und die ‚Nervenkunst‘


Nietzsche verstand sich als herausragender Diagnostiker der bürgerlichen Gesellschaft. Insbesondere in seiner Schrift Der Fall Wagner. Ein Musikantenproblem (1888)22 nahm er sich das „Labyrinth der modernen Seele“ vor und entlarvte die moderne Kunst am Beispiel von Wagners Musik als „Wille zum Ende“ und „grosse Müdigkeit“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 12):

[…] Wagner’s Kunst ist krank. Die Probleme, die er auf die Bühne bringt – lauter Hysteriker-Probleme –, das Convulsivische seines Affekts, seine überreizte Sensibilität, sein Geschmack, der nach immer schärfern Würzen verlangte, seine Instabilität, die er zu Principien verkleidete, nicht am wenigsten die Wahl seiner Helden und Heldinnen, diese als physiologische Typen betrachtet (– eine Kranken-Galerie! –): Alles zusammen stellt ein Krankheitsbild dar, das keinen Zweifel lässt. Wagner est une névrose. (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 22)

Nietzsche zeigt das Bild einer „sinistre[n] Wirklichkeit“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 26): Wagner „macht Alles krank, woran er rührt, – er hat die Musik krank gemacht.“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 21) Nietzsches höchst imposante Verfallsszenarien, seine Typisierungen und Generalisierungen haben eine enorme Suggestivkraft, welche die Verdammung der dekadenten Kunst der „müden Nerven“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 23) effektvoll forciert. Das ganze ingeniös aufgebaute Netz rhetorischer Gesten in dieser Schrift – z.B. die Anreden an den Leser, die polternde, gewalttätige Sprache – versperrt jedem Versuch einer kritischen Überprüfung der Thesen des Autors den Weg. In der Pose eines allmächtigen Richters und Anklägers donnert Nietzsche gegen die moderne Nervosität. Seine sich in Form medizinischer Diagnosen äußernden Urteile sind Invektiven und Stigmata – so sei die moderne Kunst der Nerven auf „Charakterverfall“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 26) zurückzuführen. Nietzsche pocht stets auf seine psychologische Kompetenz, zieht jedoch nur die alte ätiologische Erklärung der Nervosität als „Ausdruck physiologischer Degenerescenz“ und das Verdikt „Hysterismus“ heran (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 27). Dabei begnügt sich der Autor nicht mit der Analyse von Richard Wagners Dekadenz, einer ohnehin dürftigen Analyse, die mit Sätzen wie „Damit, dass das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt“ auftrumpft (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 27), sondern überträgt seine Diagnosen auch auf Wagners Anhänger, die er mit dem Blick des Physiologen taxiert: „Sehen Sie doch diese Jünglinge [die Wagnerianer] – erstarrt, blass, athemlos!“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 29)

Dagegen setzt Nietzsche die „Halkyonier“ und ihr Kunstideal: „la gaya scienza; die leichten Füsse; Witz, Feuer, Anmuth; die grosse Logik; den Tanz der Sterne; die übermüthige Geistigkeit; die Lichtschauder des Südens; das glatte Meer – Vollkommenheit …“ (Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 37) Nietzsche drängt zu einer energischen Abrechnung mit Wagner, den er aufgrund einer dunklen und diffusen Physiologie der Instinkte verurteilt (so sei Wagner „nicht Musiker von Instinkt“ gewesen – Nietzsche, KSA, Bd. 6, S. 30), und mit der dekadenten Kunst: „Ich bin ferne davon, harmlos zuzuschauen, wenn dieser...

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