Sie sind hier
E-Book

Flexible Bürokratie

Zur Logik aktueller Rationalisierungstendenzen bei Finanzdienstleistern

AutorCarsten Dose
VerlagDUV Deutscher Universitäts-Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl195 Seiten
ISBN9783835090033
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis49,99 EUR
Carsten Dose untersucht die Reorganisation der Angestelltenarbeit anhand einer empirischen Untersuchung typischer Tätigkeitsbereich im Finanzdienstleistungssektor. Er analysiert, wie einerseits die bürokratische Formalisierung vorangetrieben wird, gleichzeitig aber auch die reflexiven Anteile des Arbeitsprozesses gestärkt werden. Die Folgen für die Mitarbeiter sind zwiespältig. Zwar bestehen Optionen für eine beschäftigtenorientierte Arbeitsgestaltung, diese werden jedoch nur unzureichend genutzt.

Dr. Carsten Dose promovierte bei Prof. Dr. Rudi Schmiede am Institut für Soziologie der Technischen Universität Darmstadt. Er ist als Referent beim Wissenschaftsrat tätig.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe
1 Einleitung (S. 1)

Die zentrale Funktion von Banken, Sparkassen und Versicherungen im Wirtschaftsprozess sichert den in dieser Branche stattfindenden Restrukturierungen eine höhe öffentliche Aufmerksamkeit. Vollzogene und nicht vollzogene Pläne immer neuer Zusammenschlüsse und Kooperationen im Finanzsektor füllten in den letzten Jahren die Seiten der Wirtschaftspresse. Dabei zeigte sich, dass zumindest für einige Großbanken das Privatkundengeschäft nicht mehr die strategische Bedeutung besitzt, die ihm einstmals zukam. Beim Versuch, die eigene Stellung im Investmentbanking, Firmenkundengeschäft oder auch im Segment der vermögenden Privatkunden zu stärken, wurde das Privatkundengeschäft - auf das sich die weiteren Ausführungen beschränken - zu einer Manövriermasse, für das verschiedenste Szenarien der Fusionierung, Ausgliederung und strategischen Neupositionierung entworfen wurden und werden.

Die Kunden sind davon unmittelbar betroffen. Filialen werden geschlossen, Selbstbedienung und Vertrieb über das Internet werden ausgebaut, das Beratungsangebot je nach wirtschaftllcher Potenz der Kunden differenziert und dabei für einen Teil der Kunden reduziert (Kundensegmentierung). Für die weniger beguterten Kunden besteht die Gefahr, dass die Beratungsqualität langfristig sinken wird. In einer Situation, in der sozialstaatliche Leistungen reduziert werden und die private Absicherung von Lebensrisiken immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist diese Entwicklung auch unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten kritikwürdig.

Diese Arbeit geht nun weniger den angesprochenen Marktveränderungen nach. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Veränderungen von Arbeitsprozessen und Tätigkeiten von Bankangestellten im Privatkundengeschäft. Unterhalb der in der Öffentlichkeit stark beachteten Ebene unternehmensstrategischer Entscheidungen vollziehen sich Veränderungen von Arbeit und Organisation, die weit reichende Auswirkungen für die Beschäftigten wie auch für die Kunden haben. Die bisherige Arbeitspolitik in dem hier verhandelten Tätigkeitsbereich bietet durchaus gute Anknüpfungspunkte für eine qualitäts- und kundenorientierte Arbeitsgestaltung.

Fraglich ist aber, ob unter dem Diktat der Kosteneinsparungen diese Potenziale intelligent genutzt werden. Dies gilt es stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Keineswegs ist ausschlielßlich von negativen Veränderungen zu berichten. Widersprüchliche Entwicklungen kennzeichnen das Untersuchungsfeld: Die Kundenbetreuung hat sich zum Teil verschlechtert, in einigen Aspekten aber auch stark verbessert. Tätigkeiten der Bankangestellten scheinen belastender, monotoner und in problematischer Weise spezialisierter geworden zu sein.

Andere Arbeltsplätze sind aber auch anspruchsvoller geworden, haben durch erhöhte Verantwortlichkeit und Selbständigkeit gewonnen. Diese Widersprüchlichkeiten werden sich als Thema durch die vorliegende Untersuchung ziehen, die zugrunde liegenden Bewegungen und Entwicklungstendenzen gilt es aufzuklären. All dies wirft auch konzeptionelle Fragen auf. Bisherige Ansätze der Angestelltensoziologie sind an die Grenzen ihres Erklärungspotenzials gekommen. Die zwei wichtigsten hatten Mitte und Ende der achtziger Jahre in Reaktion auf damals verbreitete Taylorisierungsthesen vorsichtig optimistische Aussagen über die weiteren Rationalisierungstendenzen von Arbeit im Angestelltenbereich gezogen.

Baethge/ Oberbeck (1986) spezifizierten in ihrer einflussreichen Studie zur „Zukunft der Angestellten", welche konkrete Ausprägung eine von ihnen postulierte systemisch erweiterte Rationalisierung im Angestelltenbereich annehmen werde. Sie sahen einen Trend zu einer integrativen Arbeitsorganisation, durch die die lange Zeit verfolgte Strategie höher Arbeitsteiligkeit wieder zuruckgenommen werde. Insbesondere an der Schnittstelle zum Kunden entstunden Tätigkeiten mit einem breiten arbeitsinhaltlichen Spektrum. Gondek/Heisig/Littek (1992, S. 38ff.) griffen Blaus Konzept höher Vertrauensbeziehungen auf, urn das speziflsche Regulierungsmuster von Angestelltenarbeit in Deutschland zu beschreiben.

Dabei verbanden sich die kooperativen, auf Konsens und Langfristigkeit ausgelegten Regulierungsansätze mit einem Beharren auf einem soliden Qualifikationsniveau der Angestellten. Die in den sechziger und siebziger Jahren verbreitete Rekrutierung unqualifizierter Beschäftigter und die dazu komplementären, stark arbeitsteiligen Organisationsstrukturen interpretierten sie als ein nur temporäres, dem damaligen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften geschuldetes Abweichen von einem spezifisch deutschen Modell der Angestelltenarbeit.
Inhaltsverzeichnis
Danksagung8
Inhaltsverzeichnis10
Verzeichnis der Abbildungen12
1 Einleitung13
2 Dienstleistungsarbeit im Spiegel der sozialwissenschaftlichen Diskussion21
2.1 Neuere Angestelltensoziologie in Deutschland21
2.1.1 „Zukunft der Angestellten" in der Ruckbetrachtung21
2.2 Die Kundenbeziehung in der Dienstieistungsarbeit27
2.3 Optionen der Organisation von Dienstleistungsarbeit33
3 Das Konzept der flexiblen Bürokratie47
4 Branchenübersicht61
5 Arbeitsorganisation zwischen Reflexivität und Formalisierung65
5.1 Der bankbetriebliche Bereich des Privatkundengeschäfts einer Großbank65
5.2 Die Kundenbetreuung einer Bausparkasse81
5.3 Der Filialbereich einer Großbank96
5.4 Das Call Center einer Direktbank106
5.5 Diskussion: Umbrüche in der Arbeitsorganisation115
6 Arbeiten in der flexiblen Bürokratie121
6.1 Tätigkeitsstrukturen121
6.2 Kundenbeziehungen139
6.3 Kooperation und Kollegialität155
6.4 Regulierung der Beschäftigungsverhältnisse und Kontrollstrategien168
7 Flexible Bürokratie als Leitkonzept aktueller Rationallslerungsansätze187
Literaturverzeichnis199

Weitere E-Books zum Thema: Management - Wirtschaft - Coaching

Versicherungen im Umbruch

E-Book Versicherungen im Umbruch
Werte schaffen, Risiken managen, Kunden gewinnen Format: PDF

Die Bedeutung von Versicherungen und Einrichtungen kapitalgebundener Altersvorsorge für unsere Gesellschaft ist immens und nimmt weiter zu. Es ist deshalb äußerst wichtig, dass die Institutionen ,…

Managed Care

E-Book Managed Care
Neue Wege im Gesundheitsmanagement Format: PDF

Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich in einem radikalen Umbruch. Ansätze zur Bewältigung dieser Herausforderungen finden sich in den vielfältigen Managementinstrumenten und Organisationsformen…

888 Weisheiten und Zitate für Finanzprofis

E-Book 888 Weisheiten und Zitate für Finanzprofis
Die passenden Worte für jede Situation im Beratungsgespräch Format: PDF

'888 Weisheiten und Zitate für Finanzprofis' bietet allen Finanzprofis, die noch besser verkaufen wollen, die 'schlagenden Argumente' für Präsentationen, Verhandlungen und Beratungsgespräche. Dieses…

Wertorientiertes Risikomanagement in Banken

E-Book Wertorientiertes Risikomanagement in Banken
Analyse der Wertrelevanz und Implikationen für Theorie und Praxis Format: PDF

Michael Strauß untersucht die Wertrelevanz des Risikomanagements von Banken aus einer Kapitalmarktperspektive. Er entwickelt eine neue Steuerungslogik und stellt konzeptionell dar, wie sich Insolvenz…

Gründungsintention von Akademikern

E-Book Gründungsintention von Akademikern
Eine empirische Mehrebenenanalyse personen- und fachbereichsbezogener Einflüsse Format: PDF

Sascha Walter untersucht wie universitäre Fachbereiche ein Gründungsinteresse ihrer Studierenden wecken können. Er zeigt mit Hilfe der Hierarchisch Linearen Modellierung, dass sich…

bAV erfolgreich verkaufen

E-Book bAV erfolgreich verkaufen
So überwinden Sie alle Hürden der Entgeltumwandlung Format: PDF

Die Situation der Gesetzlichen Rentenversicherung ist bekanntlich katastrophal: Die Alterspyramide steht kopf, es fehlt der Nachwuchs und wir werden immer älter. Daher ist es unbedingt notwendig, für…

Finance & Ethics

E-Book Finance & Ethics
Das Potential von Islamic Finance, SRI, Sparkassen Format: PDF

Die globale Finanzkrise 2007 fand ihren Ausdruck zunächst in der Bankenkrise. Dadurch wurde die Ausbreitung dieser auf andere Branchen unumgänglich. Diese Krise machte unmissverständlich klar, dass…

Verkaufschance Web 2.0

E-Book Verkaufschance Web 2.0
Dialoge fördern, Absätze steigern, neue Märkte erschließen Format: PDF

'Verkaufschance Web 2.0' bietet einen fundierten Überblick über die Möglichkeiten und Potenziale im Umgang mit den 'neuen Konsumenten'. Martin Knappe und Alexander Kracklauer beschreiben leicht…

Weitere Zeitschriften

Archiv und Wirtschaft

Archiv und Wirtschaft

Fachbeiträge zum Archivwesen der Wirtschaft; Rezensionen Die seit 1967 vierteljährlich erscheinende Zeitschrift für das Archivwesen der Wirtschaft "Archiv und Wirtschaft" bietet Raum für ...

aufstieg

aufstieg

Zeitschrift der NaturFreunde in Württemberg Die Natur ist unser Lebensraum: Ort für Erholung und Bewegung, zum Erleben und Forschen; sie ist ein schützenswertes Gut. Wir sind aktiv in der Natur ...

BONSAI ART

BONSAI ART

Auflagenstärkste deutschsprachige Bonsai-Zeitschrift, basierend auf den renommiertesten Bonsai-Zeitschriften Japans mit vielen Beiträgen europäischer Gestalter. Wertvolle Informationen für ...

DER PRAKTIKER

DER PRAKTIKER

Technische Fachzeitschrift aus der Praxis für die Praxis in allen Bereichen des Handwerks und der Industrie. “der praktiker“ ist die Fachzeitschrift für alle Bereiche der fügetechnischen ...

Deutsche Tennis Zeitung

Deutsche Tennis Zeitung

Die DTZ – Deutsche Tennis Zeitung bietet Informationen aus allen Bereichen der deutschen Tennisszene –sie präsentiert sportliche Highlights, analysiert Entwicklungen und erläutert ...

Evangelische Theologie

Evangelische Theologie

 Über »Evangelische Theologie« In interdisziplinären Themenheften gibt die Evangelische Theologie entscheidende Impulse, die komplexe Einheit der Theologie wahrzunehmen. Neben den ...