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E-Book

Förderung bei kulturellen Differenzen

AutorStephanie Wagner
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl183 Seiten
ISBN9783170317666
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR
Pädagogen in vielen Arbeitsfeldern stellen sich heute multiplen Herausforderungen, die sich aus der Tatsache kultureller Diversität und multikulturellem Zusammenleben ergeben. Das Buch schärft zunächst den Blick für Kulturunterschiede und kulturelle Differenzen in den Dimensionen Erziehung und Sozialisation. Behandelt werden dann kulturspezifische Normen und Werte als Leitlinien des Handelns und der Einstellungen. Auffälliges Verhalten wird auf seine migrations- und kulturbedingten Anteile untersucht. Ausgehend vom Begriff der 'Interkulturellen Kompetenz' behandelt das Buch dann praxisorientiert die Förderung bei oder trotz kultureller Unterschiede. Dabei stehen im Mittelpunkt spielerische Methoden, kultursensible Biographiearbeit und schließlich die interkulturelle Mediation und Konfliktlösung.

Dipl.-Päd. Stephanie Wagner war viele Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Universität Würzburg und arbeitet aktuell in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Würzburg.

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Leseprobe

 

3


Kultur und Verhalten


Nachdem im vorigen Kapitel ein ausführlicher Einblick in kulturtheoretische Begriffe und Konzepte gegeben wurde, sollen nun Kultur und menschliches Verhalten und deren wechselseitige Relation zueinander betrachtet werden, wobei zunächst Verhalten näher analysiert wird.

3.1       Definition von Verhalten


Eine allgemeingültige, behavioristische Definition des Verhaltensbegriffes sieht menschliches Verhalten als die »im Gegensatz zur inneren Haltung oder Gesinnung äußerlich beobachtbare und entsprechend beschreibbare Aktivität eines Menschen« (Böhm 2000, 556). Myschker & Stein hingegen gehen von einem anderen Verständnis aus: »Unter Verhalten wird hier die Gesamtheit menschlicher Aktivitäten verstanden, die im Wechselspiel zwischen Organismus und Umwelt generiert werden und von einfachen Reaktionen auf Reize bis zu willentlichen, komplexen, umweltverändernden Handlungen reichen. Im Sinne eines weiten Verständnisses impliziert damit Verhalten nach außen hin sichtbare Reaktionen und das innere Erleben« (Myschker/Stein 2014, 50). Diese erweiterte Sichtweise, Verhalten nicht nur als das äußerlich wahrnehmbare, beobachtbare Verhalten und erkennbare Handlungen zu umschreiben, sondern gleichwertig auch die Ebene des Verhaltens und Erlebens, d. h. der innerpsychisch erlebten affektiven und kognitiven Prozesse zu verstehen, hat den entscheidenden Vorteil, dass sie Aufschluss über Hintergründe und Ursachen von Verhalten gibt und somit eine andere, gewinnbringende Erklärungsperspektive für den interkulturellen Kontext bietet.

Konkretisiert werden soll dies unter Zuhilfenahme des Verhaltensbegriffs bei Seitz & Rausche, die dem menschlichen Verhalten verschiedene individuelle Verhaltensstile zuschreiben. Diese entstehen aus einem Konglomerat aus Selbst- und Fremdbild, dem Bild von Um- und Mitwelt, überdauernden Gefühlen und Stimmungen sowie Motiven, die unser Verhalten steuern und mitbestimmen können. Insbesondere diese (Handlungs-)Motive setzen sich zusammen aus spezifischen Bedürfnissen und Interessen, individuellen Einstellungen und Haltungen sowie aus individuellen und (sozio-)kulturellen Normen und Werthaltungen, die unser Verhalten bzw. unsere Verhaltensstile prägen (vgl. Seitz/Rausche 1992, 50 ff.; Stein/Stein 2014, 31 f.). Ein Verhaltensmuster oder -stil kann nicht richtig interpretiert und verstanden werden, wenn man nicht die Einstellungs-, Wahrnehmungs- und Erlebensperspektive kennt und korrekt deuten kann, die hinter dem von außen beobachtbaren Verhalten liegen. Insbesondere auf der Ebene der Einstellungen, der Norm- und Werthaltungen, d. h. den übergeordneten (Handlungs-)Motiven, finden sich kulturspezifische, internalisierte Werte, die das Verhalten deutlich prägen und beeinflussen können. Auch das Selbstbild und das Bild von der Um- und Mitwelt können kulturspezifisch geprägt sein und variieren zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen unter Umständen erheblich.

Diese Perspektive ergänzend beschreibt Lamnek Verhalten als durch »Situation, Motivation und Verhaltenserwartung« determiniert (Lamnek 1996, 15). Durch den situativen und normativen Aspekt findet sich Kultur also auch als Determinante menschlichen Verhaltens. Terminologisch sollen daher für beide Begriffe ›Kultur‹ und ›Verhalten‹ jeweils das erweiterte Verständnis zugrunde gelegt werden, das hinsichtlich ›Kultur‹ neben Hochkultur, d. h. Kulturgütern und der materiellen Dimension von Kultur, vor allem auch die soziale Dimension und alltägliche Interaktionen sowie Normen und Werte mit einbezieht (vgl. Bolten 2007) und für ›Verhalten‹ auch innerpsychische Prozesse des Verhaltens und Erlebens mit einschließt. Nur diese erweiterte Perspektive kann zu einem umfassenderen Verständnis kulturbedingten Verhaltens und des Zusammenhangs zwischen Kultur und Verhalten führen.

3.2       Wechselseitiger Einfluss von Kultur, Persönlichkeit und Verhalten


Dieses Kapitel widmet sich der Frage, ›wieviel‹ Kultur in unserer Persönlichkeit steckt, d. h. wie kultur(un)abhängig sie ist, inwieweit Kultur sie beeinflusst, aber auch inwieweit der Mensch die Kultur prägt und weiterentwickelt. Kurz gesagt, es geht um den wechselseitigen Einfluss von Kultur und menschlichem Verhalten. Persönlichkeit kann dabei definiert werden als »die einzigartigen psychologischen Merkmale eines Individuums, die eine Vielzahl von charakteristischen konsistenten Verhaltensmustern (offenen und verdeckten) in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeitpunkten beeinflussen« (Zimbardo 1995, 475). Versucht man das Charakteristische der menschlichen Persönlichkeit zu analysieren, so ergibt sich eine Kombination aus Kulturdimensionen, -standards und Persönlichkeitsfaktoren, das heißt überdauernden Persönlichkeitseigenschaften, sog. ›traits‹. Die Einflüsse der Kulturdimensionen wie Individualismus, Kollektivismus, Scham- oder Schuldorientierung, usw. auf die Persönlichkeitsfaktoren machen den Grad der Ausprägung der kulturellen Dimension der Persönlichkeit aus. Auch Trommsdorff verweist auf den Einfluss der Kulturdimensionen auf die Persönlichkeit, wenn sie independente und interdependente Person-Umwelt-Beziehungen kontrastiert. Hinsichtlich der folgenden Faktoren ergeben sich für sie teils gravierende kulturbedingte Unterschiede im Entwicklungsverlauf der Persönlichkeit: Entwicklung des Selbst (z. B. autonom oder reflexiv), Sozialentwicklung, kognitive oder moralische Entwicklung (z. B. autonome vs. heteronome Moral), Handlungsmotivationen, biographische Orientierung (beruflich, sozial, sexuell, religiös, …), Leistung und Leistungsorientierung, Emotion und Emotionsregulation sowie Selbstregulation und Kontrollorientierung (vgl. Trommsdorff 2007; vgl. dazu auch Trommsdorff 2003; Keller/Krettenauer 2007; Keller 2003). Andere essentielle Einflussfaktoren auf die Persönlichkeit sind die entwickelte Identität, die persönliche Biographie, gemachte Erfahrungen sowie die individuelle Resilienz.

Um den Einfluss von Kultur auf Verhalten weiter zu verdeutlichen, soll kurz exemplarisch die Emotionsentwicklung sowie der -ausdruck angeführt werden. Emotionen gelten einerseits als biologische Universalien (vgl. Röttger-Rössler 2004, 8, zit. n. Mayer 2008, 153), Freude, Wut, Angst, Ekel, Überraschung, Trauer gelten als angeborene universelle Grundemotionen, die sich in allen Kulturkreisen weltweit zeigen. Durch die Kultur bestimmt und spezifiziert sind jedoch der Grad der Ausprägung, die Intensität und der situative Kontext des Ausdrucks (vgl. Friedlmeier/Holodynski 1999; Friedlmeier/Matsumoto 2007; Holodynski/Friedlmeier 2006; Holodynski 2004; Trommsdorff/Friedlmeier 1999). Nach Rosenberg kommen ergänzend noch kulturspezifische Sekundärgefühle wie Schuld, Scham, Glück etc. im weiteren Entwicklungsverlauf hinzu (vgl. Rosenberg 1990, zit. n. Mayer 2008, 154).

Der Einfluss von Kultur auf menschliches Verhalten (als Ergebnis seiner Persönlichkeit und seiner Handlungen) zeigt sich auch darin, dass der Mensch einerseits durch Erziehung, Sozialisation, Enkulturation, Schulbildung, Medien, die Sozialstrukturen der Gesellschaft, in der er lebt, sowie durch die Kulturdimensionen und -standards geprägt, somit durch Kultur auch buchstäblich ›miterzogen‹ und zu der Person gemacht wird, die er ist. Im Gegenzug kann aber auch von einem dynamischen und wechselseitigen Prozess ausgegangen werden, da der Mensch Kultur aktiv lebt und weiterentwickelt durch Erschaffen, (Weiter-)Entwickeln und Verbreiten von Kulturgütern, soziokulturellen Normen und Werten sowie kulturspezifischen und -universellen Denkmuster und Verhaltensweisen. Insbesondere das unter Kapitel 2.2 dargestellte Modell von Kultur nach Erll & Gymnich mit den drei Dimensionen mental, sozial und material verdeutlicht dies recht gut.

Auch Podsiadlowski verweist auf den Einfluss von Kultur auf unsere Werte und unser Verhalten und stellt heraus, dass es sich um einen zirkulären Prozess handelt, indem uns Kultur bei der Prägung und Weiterentwicklung unserer Werte beeinflusst und wiederum diese dann unser Verhalten mit bestimmen. In unserem Verhalten kommen unsere Normen, Werte sowie Einstellungen zum Ausdruck, was wiederum langfristig auch Kultur beeinflusst und verändert (vgl. Podsiadlowski 2004, 5 f.).

3.3       Kultur als ›Erzieherin im Hintergrund‹


Um sich dem Einfluss der Kultur auf Erziehung widmen zu können, sollen zu Beginn kurz ausgewählte Definitionen des Erziehungs-Begriffs vorangestellt werden. Mit Böhm kann »Erziehung« verstanden werden als

»jene Maßnahmen und Prozesse […], die den Menschen zu Autonomie und Mündigkeit hinleiten und ihm helfen, alle seine Kräfte und...

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