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Frau - Männin - Menschin

Zwischen Feminismus und Gender

AutorHanna-Barbara Gerl-Falkovitz
VerlagButzon & Bercker GmbH
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783766641144
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Wer heute zum Thema "Weiblichkeit" schreibt, wagt sich in ein Minenfeld unterschiedlichster Standpunkte. Doch auch in der Diskussion um Gender und Feminismus ist die Frauenfrage nicht allein eine Frage weiblichen Selbstverständnisses, sondern ebenso eine von Geschichtsdeutung und Selbstverständnis des Menschen. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz definiert das "Frausein" nicht biologisch, sondern kulturell. Sie stellt kritische Anfragen und bringt aus christlichem Kontext neue Denkanstöße in die Diskussion ein. Ihr Fazit: Die Frau ist weder Männin noch Menschin, sie ist Frau.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, geboren 1945, seit 1993 Professorin für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der TU Dresden; zahlreiche Veröffentlichungen, darunter zur theologischen Grundlegung der Neuzeit und zur Anthropologie der Geschlechter

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Leseprobe

II. Es lebe doch der Unterschied!?
Zum Spannungsfeld Christentum und Feminismus


1. Horizonte, heute

Die Frauenfrage spielt sich heute weithin im areligiösen Feld ab, fernab von irgendwelchen christlichen Vorgaben. Oder, falls sich die Theorie auf die Vergangenheit einlässt und auf deren jüdisch-christliche Bausteine, so bestellen die Forschungen überwiegend ein religionskritisches, auch bibelkritisches Feld. Der herkömmliche Glaube, gestützt auf viele Bibelstellen, sei – von einigen „positiven Anstößen“ abgesehen – dem Thema Frau eher abträglich gewesen, habe Unterordnung, Dulden, Sich-Einfügen gelehrt. „Wie vormals gegen ihre Feinde muss sich die Kirche heute zuweilen vor ihren eigenen Kindern verteidigen. Hamlet, der seiner Mutter das Gewissen erforscht, ist die Rolle Tausender auf offener Szene, Zehntausender hinter den Kulissen geworden.“ So Joseph Bernhart 1935, so die Lage heute. Besonders wer heute über das Thema „Frau“ schreibt und das Ganze in die Helle des Christentums stellt, gerät ohne weiteres Dazutun stattdessen ins Zwielicht: in die Abrechnung mit dem Christentum in einer unduldsamen, oft gehässigen Variante. Geschichte lässt sich herrlich ungeschichtlich unter den Leitlinien heutiger Emanzipation abfragen. Nicht ohne meine Vorurteile! Hier stehen die Väter in der Mutter Kirche, aber auch die gläubigen Frauen in der Männerkirche vor einem eigentümlichen Tribunal, das in den letzten Jahren scharf zu einer anschwellenden Kirchenschelte überging. Wer als Frau heute zur Kirche gehört, kann das nur „trotzdem“ – meinen viele (auch Frauen). Leiden an der Kirche ist in, Kirche selbst ist mega-out – meinen viele (auch Frauen).

Dabei bleibt jedoch – so die These – in der Regel die reiche, vielgesichtige Frauengeschichte auf der Strecke. Vor allem bleibt auf der Strecke, wie sich die Frauen der jüdisch-christlichen Lebenswelt selbst verstanden. Die gelebten, geglückten oder misslungenen Leben werden nach dem ersten tatsächlichen Vergessen nun ein zweites Mal auch theoretisch begraben. Sofern die zum „Atheismus“ erzogenen Generationen ihr kulturelles Gedächtnis verlieren, ist es entscheidend, das Flussbett mit dem Strom des Geschehenen zu füllen, es gegen die massiv-unwirkliche Einebnung – die doch so wirksam ist – zu verlebendigen. Freilich war auch in der Frauenfrage die Kirche selbst ihr eigenes Problem. Anstelle des Leuchtfeuers, das sie in ihren Ursprungsschriften bei sich trägt, kennzeichnet manche Ereignisse und Aussagen ein zähes Widerstreben gegen die eigenen Frauen. Sehr wohl könnte die Kirche im Spiegel ihrer Testamente das Gesicht der Freiheit auftauchen sehen, ja den Freien selbst. Die Unterscheidung der wirklichen Emanzipation von der faulen Frucht der Willkür wird ihr niemand abnehmen, denn dazu hat sie den Geist als Prüfer der Geister erhalten. Nicht selten verschenkt und vergrämt sie aber in ihrer langen Geschichte die eigenen Erzeugnisse, denn Emanzipation ist ein altes christliches Erbe, und das weiß sie sehr wohl. Nur kam zuweilen der Mut abhanden, sich dieser eigenen Schätze, des eigenen Pulvers aus der Pulverkammer zu bedienen. So läuft heute ein Vorgang der Enterbung, der die Ergebnisse und Leistungen dieser christlichen Geschichte wie eine Beute unter sich verteilt, häufig auch nur mit deren Bruchstücken um sich wirft.

Trotzdem bleiben Frauen nicht nur – gerade noch – in der Kirche, viele sind in ihr und wollen in ihr sein, nicht am Rand und mit einem Fuß, sondern in der Mitte. Und es wäre gut, es würde jenseits von Verteidigung und Angriff gelingen, die Gründe dafür aus der Sache heraus darzustellen. Sofern die Sache Bestand hat, bedarf sie keiner Verteidigung. Sie bedarf einer Augenöffnung, und auch diese soll sich im Folgenden nicht erstrangig auf Glaubensaussagen abstützen (die nicht alle teilen), sondern zunächst auf Geschichte, Daten, Erfahrungen.

2. Ein Blick in andere religiöse Kulturen: Die Asymmetrie der Geschlechter

Das schwierig gewordene Verhältnis Frau und Mann scheint zunächst ein Sonderproblem des 19. und 20. Jahrhunderts zu sein, mehr noch der Nachkriegsentwicklung seit 1945. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass die heutige Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Frau mit dem Mann vielmehr ein moderner Ausschnitt aus einem auch sonst interkulturell und interreligiös nicht befriedigend gelösten Feld der Geschlechterzuordnung ist. Denn die Geschlechter stehen in allen Kulturen und Religionen asymmetrisch zueinander. Ihre Vorgaben und Aufgaben („Natur“ und „Kultur“) sind unterschiedlicher Art und waren daher bis ins 20. Jahrhundert nicht austauschbar aufeinander bezogen.

Drei solcher Zuordnungen von Mann und Frau lassen sich skizzieren. Sie treten durchgängig durch die bekannten Kulturen als Grundmuster auf; ihre Entwicklung, aber auch Gleichzeitigkeit sind für den alteuropäischen Kulturraum (Mesopotamien, Ägypten, Griechenland, Rom) gut erforscht. Judentum und Christentum haben beide an den drei Grundmodellen Anteil, verändern aber jede der Zuordnungen in bedenkenswerter Weise. Die Darstellung dieser drei Zuordnungen schließt bereits ein tieferes Verständnis auf, da auch in diesem Fall die Geschichte nicht einfach „hinter“ uns, sondern „in“ uns liegt. Zu beachten ist, dass es sich um Typologien handelt: Nicht jede Frau und jeder Mann verhält sich gleichermaßen; das Einzelschicksal ist und bleibt das Reizvolle.

a) Die Macht der Mütter. Typik der Fruchtbarkeit

Die Gleichsetzung von Frau = Mutter ist eine erste grundlegende kulturelle Konstante. In manchen Sprachen gibt es nur das Wort „Mutter“, aber kein eigenes Wort für „Frau“.69 Und hier setzt bereits die erste Asymmetrie ein: Der Mutterschaft entspricht kaum eine vergleichbare Vaterschaft, beides biologisch betrachtet. Im Lebensgefühl dieser frühen Zeit übernimmt die Frau als Fruchtbare (aber eben nur als Fruchtbare) eine bestimmende Aufgabe: Nur über die Geburten ist die Lebensfähigkeit eines Stammes zu erhalten. Unfruchtbare Frauen gelten daher in der Regel als verflucht. In der Mutter (oder auch in der Großen Mutter = Großmutter, die die Töchter und Schwiegertöchter „verwaltet“) wird die geheimnisvolle Tatsache verehrt, ja als „göttlich“ empfunden, dass die Frau das Leben aus sich heraus weitergibt. Lange Zeit hindurch ist der Vater – oder ein bestimmter Vater – wohl nicht einmal als zugehörige „andere Hälfte“ im Bewusstsein, auf jeden Fall nicht in der unmittelbaren Verantwortung für das Kind. In dieser naturhaft-autonom empfundenen Fruchtbarkeit der Frau ist auch die Wiedergeburt verankert: Es sind die Mütter, die die verstorbenen Mitglieder des Stammes zu neuem Leben erwecken (müssen). Ebenso weiblich betont ist die Verabschiedung in den Tod und das Versorgen oder Ernähren der Verstorbenen auch nach dem Tod. Ahnenkulturen sind grundsätzlich weiblich konnotiert. In bestimmten Tempeln in Japan besuchen und „pflegen“ die Mütter ihre „Wasserkinder“, die abgetrieben wurden, bringen Geschenke, Spielsachen, Süßigkeiten, je nach „mitwachsendem“ Alter.

In diesem „weiblichen“ Netz von Leben und Tod sind die vielfachen religiösen Rituale angesiedelt, die gerade die Mütter zu besorgen haben. Als Trägerin numinoser (= naturhaft göttlicher) Fruchtbarkeit garantiert die Gebärerin in den alten Kulturen das Leben der Sippe. So wirkt die Frau in der rituellen Erweckung der Fruchtbarkeit, auch indem sie tötet: Häufig wird ein Kind, etwa die Erstgeburt, geopfert, was heißen will: dem numinosen Kreislauf der „heiligen Naturkräfte“ zurückgegeben. Erschreckend für das heutige Bewusstsein sind in der Regel gerade die Fruchtbarkeitsriten, sofern sie entweder Tier- und Menschenopfer oder auch Sexualverkehr anonymer Art einschließen; dazu gehören etwa jahreszeitliche „heilige Hochzeiten“, Tempelprostitution, Verehrung von Genitalien als Gottheiten.70 Mit solchen Riten wurde (auch in Kanaan als dem Nachbarland Israels) die mütterlich-göttliche Fruchtbarkeit auf die Erde herabgerufen; das Göttliche war vielfach ausdrücklich sexuell besetzt und wurde im Geschlechtsakt verehrt.

„Mutterkulturen“ bedeuten in der Regel allerdings keine moderne „politische“ Wirksamkeit der Frau; „nach außen“ repräsentieren meist Männer die Gruppe, nicht selten kraft der Verwandtschaft zu einer bestimmten hochrangigen Frau, bei der die Sippenverbindungen blutsmäßig zusammenlaufen.71

b) Die Frau als Rätsel des Mannes, der Mann als Löser der Frau. Typik des Erotischen

Die erotische Anziehung und das Werbungsspiel der Geschlechter sind interkulturell ebenfalls asymmetrisch angelegt. Wie die großen Geschlechtermythen quer durch Religionen und Kulturen anschaulich schildern, stellt sich die Frau dem Mann als Rätsel und lockende Aufgabe dar, der Mann bietet sich ihr umgekehrt als Befreier („Freier“) und Löser aus ihrer scheinbaren Abgeschlossenheit und Selbstgenügsamkeit an. Die Frau erscheint dabei häufig passiv-abwartend: in einen Turm oder eine Burg eingeschlossen, hinter einer Dornenhecke schlafend, von der „Waberlohe“ geschützt, aber auch durch einen mächtigen Zauber gelähmt. Bei genauem Zusehen ist es aber sie, die einen hohen, sogar den höchsten Preis fordert, indem sie die Bedingungen für die Heirat setzt und den Mann zu (fast unerfüllbaren) Aufgaben, bis zum Einsatz des eigenen Lebens, anstachelt. In vielen Kulturen ist es auch die Sippe, die einen entsprechend hohen „Brautpreis“ festlegt oder nur gleichrangige Partner zulässt – dabei aber gleichsam „im Interesse“ der Frau agiert.

Wo die Kultur des Erotischen nicht zum bloßen Sexualgenuss oder zur männlichen Gewaltübung verkommen ist, wird sie...

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