Sie sind hier
E-Book

Fremde und Außenseiter in der Welt der Mexicas

AutorJaime Echeverría García
VerlagFCAS- Fundación Cultural Armella Spitalier
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl79 Seiten
ISBN9786078187492
FormatPDF/ePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,49 EUR

Das Studium der prähispanischen Gesellschaften konzentriert sich nicht nur auf ihre bemerkenswertesten Aspekte wie die technologischen Entwicklungen, militärischen Heldentaten, politischen Ereignisse und wirtschaftlichen Erfolge, sondern auch auf die eher alltäglichen Erscheinungen, durch die ihre Ideologie und Identität wiedergegeben werden. Ein solches Element ist die Interaktion zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft und Ausländern oder der am Rande der Gesellschaft stehenden Figuren, jene Personen an der Peripherie einer Kultur, die die vorherrschenden sozialen, ethisch-moralischen und Verhaltensnormen ständig übertreten.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Die moralische Idealvorstellung der Mexicas wurde im Sprichwort tlacoqualli in monequi, „die gute Mitte ist notwendig“, zusammengefasst.5 Dieser Spruch ermahnte zur Mäßigung bei der Kleidung, beim Gehen und Sprechen, beim Essen und in der Sexualität. Dieser Grundsatz wurde durch eine Reihe von ermahnenden Reden ausgedrückt, die „altes Wort“, huehuetlatolli, genannt wurden. Solche Reden waren ein alltäglicher Bestandteil des Familienlebens, nicht nur unter Adligen, sondern auch Handwerkern und macehuales. Dazu gehörten Höflichkeitsfloskeln, Ratschläge, Ermahnungen und Warnungen der Eltern an ihre Kinder.6

 

  Links: Mexica-Göttin mit der typisch weiblichen Körperhaltung: auf den Knien. Sammlung FCAS, INAH: 1041-210.
Rechts: Mexica-Mann mit der typisch männlichen Körperhaltung: stehend. Nationalmuseum für Anthropologie.

 


  Ein Herrscher ermahnt sein Volk. Florentiner Codex.



Es gab in den verschiedenen Klassen Unterschiede in den huehuetlatolli, und das nicht nur in Bezug auf die Rhetorik. Obwohl zum Beispiel die Mäßigung in allen sozialen Schichten gefordert wurde, war es doch die herrschende Klasse, bei der die strengsten Verhaltensregeln durchgesetzt wurden. Sie wollte damit ihren höheren Status gegenüber dem Rest der macehual-Bevölkerung rechtfertigen. Auf diese Weise unterschied sich der Edelmann vom Bauern. Auf einer anderen Ebene trennte dieser Verhaltenskodex die Mexicas von allen anderen ethnischen Gruppen und positionierte den Ausländer in Bezug auf das richtige Verhalten als entgegengesetztes Extrem.

 

  Ein Vater fordert seinen Sohn zu gutem Verhalten auf. Florentiner Codex.

 

Ein Vater ermahnte seinen Sohn, indem er ihm sagte:

Du musst auf Reisen vorsichtig sein; friedlich, ruhig, still [...] gehst du, nimmst den Weg, reist. Schleudere deine Beine nicht viel, heb sie nicht hoch, spring nicht, es sei denn, du willst dumm und schamlos genannt werden. Geh auch nicht zu langsam und schlurfe nicht mit den Füßen.7 [...] weder zu hastig noch zu gemächlich, sondern mit Ehrlichkeit und Reife [sollst du gehen].8

Andernfalls, so gibt Sahagún an, würden sie ixtotomac cuecuetz genannt.

Die junge Adlige wurde gebeten, ohne Eile zu gehen, das heißt ohne Rastlosigkeit (cuecuetzyotl)9 und auch ohne herumzuschlendern, da sie sonst zu sehr auffallen würde; sie sollte die Straße mit gesenktem Kopf entlanggehen, ohne Stolz zu zeigen; sie sollte den Kopf nicht von einer Seite zur anderen oder nach oben wenden, da dies auf Heuchelei hinweisen würde. Sie sollte auch nicht verlegen handeln und sich den Mund bedecken und keineswegs jemandem direkt in die Augen schauen.10 Weder zu hastig noch zu langsam sollte sie gehen, weder die Füße zu hoch heben, noch sie nachziehen; in einer geraden Linie und ohne sich hin und her zu wiegen.

  Adlige. Florentiner Codex.

Die Art der Kleidung war gewissermaßen das Sprachrohr, mit dem der Status der sie tragenden Person mitgeteilt wurde: die soziale Schicht, die Ethnie und das Alter. Die Kleidung wies darauf hin, wie man sich gegenüber einer bestimmten Person verhalten und welche Haltung man einnehmen müsse. Es ist möglich, dass die Nahuas bestimmte Kleidung und Schmuckstücke mit spezifischen Verhaltensweisen in Verbindung brachten, da sich die Mäßigung bei der Bekleidung gegenüber der Ausschweifung und der Prunksucht durchsetzte. Weder Männer noch Frauen sollten sich mit auffälliger Kleidung (topallotl) schmücken. Voller Ornamente sein hätte auf Eitelkeit hingedeutet, auf „wenig Hirn und Narretei“. Aber sie sollten auch keine Lumpen tragen (tzotzomatli), für Adlige ein „Zeichen von Armut und Niedrigkeit“ und den Spott des Restes der Gesellschaft herausfordernd.11


  Adlige Frauen, die verschiedene Frisuren tragen, ihrem sozialen Status entsprechend. Florentiner Codex.


Es gab ganz genaue Anweisungen, wie man einen Umhang oder eine Decke richtig tragen sollte. Einem jungen pilli war es verboten, sie auf dem Boden schleifen zu lassen oder so weit unten hängend zu tragen, dass er beim Gehen stolpern würde. Sie war auch nicht zu kurz zu verknoten, so dass sie sehr hoch sitzen würde und auch nicht an den Achseln festzumachen. Vielmehr war sie so zu befestigen, dass sie die Schulter bedeckte.12

Junge Männer wurden auch dazu angehalten, auf Schmuck zu verzichten:

Kämme dich nicht ständig; schau dich nicht immerzu im Spiegel an; schmück dich nicht ständig, putz dich nicht nicht die ganze Zeit heraus; begehre nicht häufig, dich herzurichten, denn dies ist nichts Anderes als die Art des Teufels, Menschen einzufangen.13

  Alter Mann mit seinem Umhang auf Achselhöhe geknotet. Codex Mendoza.

Die Eltern forderten ihre Kinder dazu auf, langsam und bedächtig zu sprechen, nicht zu keuchen oder eine schrille Stimme zu benutzen. Die Anlässe, bei denen ein junger Mensch sprechen durfte, waren streng geregelt. Wenn es dann soweit war, sollte er es vermeiden, nutzlose, leere Worte zu verwenden.14 Diese Ermahnungen betrafen vor allem die Kinder der Adligen. Sie legten großen Wert auf ihre Körpersprache, um sich dadurch klar vom gemeinen Volk zu unterscheiden. Die feine, elegante Sprache (pillatolli) wurde damit einer groben, unhöflichen und eher rustikalen Sprache (cuauhtlatolli) gegenübergestellt.15

Die huehuetlatolli zeigen auch die Beziehung, die es zwischen der Sprache, der Kontrolle der eigenen Leidenschaften und den Herrschern gab. Keiner, der „Possen [riss] und spöttische Worte“ verwendete oder ausfallend wurde, war würdig, eine Position in der Regierung zu besetzen. Wer so sprach, wurde tecuhcuecuechtli genannt, „was ,Gauner‘ bedeutet“. Die Herrscher und militärischen Führer der Mexicas waren dagegen profiliert als diejenigen, die sich dem Gebet und der Andacht widmeten, den Tränen und Seufzern überließen, bescheiden, gehorsam, umsichtig, nicht überheblich und friedfertig waren.16

  Fünf Männer unterschiedlichen Alters beim Essen im Inneren eines Hauses. Florentiner Codex.



Die Steuerung des menschlichen Verhaltens erstreckte sich auch auf die Speisen: „Vor allem beim Trinken und Essen wirst du besonnen sein“. Die Etikette bei der Einnahme der Mahlzeiten schrieb vor, dass Fleisch nicht zu hastig verzehrt werden sollte. Die Tortillas wurden zum Beispiel ganz vorsichtig gehalten, um sie nicht zu zerbrechen.

Sehr viel oder sehr schnell zu essen, wurde als unschickliches Verhalten aufgefasst. Die Nahrungsmenge, die mit jedem Bissen in den Mund genommen wurde, sollte weder sehr groß sein noch unzerkaut geschluckt werden. Das Essen umzurühren war ebenso verpönt wie das Eintauchen in die Schüssel mit Salsa. Jegliches Verhalten, das die anderen zum Lachen bringen oder Spott provozieren konnte, sollte unbedingt vermieden werden.17

  Prostituierte...

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Titelseite1
Prolog4
Inhaltsverzeichnis6
Einleitung7
Moral und Verhaltensweisen der Mexicas11
Die Art zu gehen12
Kleidung und Körperpflege13
Sprache15
Essgewohnheiten16
Sexualität18
Die Darstellung von Ausländern und interethnischen Beziehungen20
Die Otomi und andere Bewohner der Sierra22
Die Cuexteken27
Die Michoacanos31
Andere Ausländer32
Die Nahua-Feinde der Mexicas36
Außenseiter im Mexica-System39
Der Landstreicher40
Der Verrückte46
Der Betrunkene48
Die Prostituierte51
Schlussbetrachtung53
Glossar55
Quellenangaben61
Literaturverzeichnis65
Abbildungsverzeichnis71
Verzeichnis der Fotograf?ien73
Jaime Echeverría García74
Rückseite79

Weitere E-Books zum Thema: Archäologie - Kulturanthropologie

Großbootshaus - Zentrum und Herrschaft

E-Book Großbootshaus - Zentrum und Herrschaft
Zentralplatzforschung in der nordeuropäischen Archäologie (1.-15. Jahrhundert) - Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen AltertumskundeISSN 52 Format: PDF

Boathouses, built for the protective storage of watercraft, have a centuries old tradition that is archaeologically proven. Used in great numbers in Scandinavia and the North Atlantic even today,…

Die Reliefs des Galeriusbogens

E-Book Die Reliefs des Galeriusbogens
Format: ePUB/PDF

Studienarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Archäologie, Note: 2,9, Christian-Albrechts-Universität Kiel, Veranstaltung: Seminar, 3 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: In…

Die Henning-Parthenon-Replik

E-Book Die Henning-Parthenon-Replik
Format: PDF/ePUB

Wissenschaftlicher Aufsatz aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Archäologie, Note: '-', , 2 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Der Parthenonfries ist der Fries am wohl…

Tod und Grab Konstantins

E-Book Tod und Grab Konstantins
Format: PDF/ePUB

Studienarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Archäologie, Note: 1,0, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Lehrstuhl für Christliche Archäologie), Veranstaltung: Hauptseminar '…

Römische Terrakotten

E-Book Römische Terrakotten
Format: ePUB/PDF

Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Archäologie, Note: 1,0, Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Professur für Archäologie der Römischen Provinzen), Veranstaltung: Proseminar: Römische…

Weitere Zeitschriften

Archiv und Wirtschaft

Archiv und Wirtschaft

Fachbeiträge zum Archivwesen der Wirtschaft; Rezensionen Die seit 1967 vierteljährlich erscheinende Zeitschrift für das Archivwesen der Wirtschaft "Archiv und Wirtschaft" bietet Raum für ...

Burgen und Schlösser

Burgen und Schlösser

aktuelle Berichte zum Thema Burgen, Schlösser, Wehrbauten, Forschungsergebnisse zur Bau- und Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Denkmalschutz Seit ihrer Gründung 1899 gibt die Deutsche ...

küche + raum

küche + raum

Internationale Fachzeitschrift für Küchenforschung und Küchenplanung. Mit Fachinformationen für Küchenfachhändler, -spezialisten und -planer in Küchenstudios, Möbelfachgeschäften und den ...

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler ist die Fachzeitschrift für die CE- und Hausgeräte-Branche. Wichtige Themen sind: Aktuelle Entwicklungen in beiden Branchen, Waren- und Verkaufskunde, Reportagen über ...

IT-BUSINESS

IT-BUSINESS

IT-BUSINESS ist seit mehr als 25 Jahren die Fachzeitschrift für den IT-Markt Sie liefert 2-wöchentlich fundiert recherchierte Themen, praxisbezogene Fallstudien, aktuelle Hintergrundberichte aus ...