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Freud und Wittgenstein. Sprache und menschliche Natur

AutorLeon Botstein
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl70 Seiten
ISBN9783711750242
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
In der Suche nach gültigen Antworten über das Wesen des menschlichen Bewusstseins wirken Sigmund Freud und sein Schaffen bis heute fort. Zentral für seine Forschungen war eine Theorie der Sprache und deren Funktion im Bewusstsein des Individuums. Die Sprache war Sigmund Freuds wissenschaftliches Instrument - seiner Theorie nach ist sie zudem wesentlich für die Naturwissenschaften und die Künste, vor allem aber, so war Freud überzeugt, ein notwendiger Bestandteil von gemeinschaftlichen kulturellen Ideen, die das Aggressive im Menschen eindämmen können. Karl Kraus kritisierte Freud - die Psychoanalyse mache auf manipulierende und irreführende Art und Weise von der Sprache Gebrauch - und warf ihm vor, aufklärungsfeindlich und unwissenschaftlich zu sein. Ludwig Wittgenstein setzte diese Kritik fort - die Traumdeutung beispielsweise hielt er, genau wie Kraus, für unsachlich. Leon Botstein zeigt die Widersprüche, aber auch die Übereinstimmungen zwischen den Theorien Freuds und dem Werk Wittgensteins, insbesondere in Fragen der Identität, des Bewusstseins und vor allem der Sprache.

Leon Botstein wurde 1946 in der Schweiz geboren und ist seit 1975 Präsident des Bard College, New York. Er schlug eine zweifache Karriere ein, zum einen in der Wissenschaft, zum anderen in der Musik. So lehrte er etwa an der Harvard University Pädagogik und begann zur gleichen Zeit zu dirigieren. Seit 1992 ist er Musikdirektor und Dirigent des American Symphony Orchestra in New York. Das Bard Music Festival wurde von ihm begründet, wobei er sich auch als künstlerischer Direktor betätigt. Außerdem ist Botstein Autor und Herausgeber von Büchern zu Judentum und Musik. Im Picus Verlag erschien in der Reihe Wiener Vorlesungen 'Freud und Wittgenstein. Sprache und menschliche Natur' (2011).

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Leseprobe
Freud und Wittgenstein (S. 15-16)

Die Kultur endet, indem die Barbaren aus ihr ausbrechen.

Das Unterbewußtsein scheint nach den neuesten Forschungen so eine Art Ghetto der Gedanken zu sein. Viele haben jetzt Heimweh.

Humanität, Bildung und Freiheit sind kostbare Güter, die mit Blut, Verstand und Menschenwürde nicht teuer genug erkauft sind.

Karl Kraus

Die vordringlichsten Fragestellungen, die uns heute konfrontieren, sind im Wesentlichen dieselben, mit denen sich Sigmund Freud in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens auseinandergesetzt hat. In erster Linie geht es dabei um die Beharrlichkeit und das Ausmaß zerstörerischer Konflikte unter den Menschen.

Unsere Frage entspricht der Freuds aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts: Kann es ohne Einschränkung von Freiheit und Menschenwürde Hoffnung auf ein soziales, wirtschaftliches und politisches Zusammenleben, das nicht durch mörderischen Hass und extreme Gewalt gekennzeichnet ist geben?2 Freud starb 1939, kurz nach Kriegsbeginn, aber noch vor dem Holocaust und dem Atomzeitalter. Er starb [20]ohne Hoffnung. Schon 1929 hatte er im »Unbehagen in der Kultur« prophezeit, dass der nächste Konflikt brutaler sein würde als der Erste Weltkrieg.

Und weiter heißt es: »Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.«3 Ironischerweise spielt der technologische Fortschritt in den gewalttätigen Auseinandersetzungen seit Freuds Tod eine weit geringere Rolle, als er es sich vorgestellt hatte. Wenn überhaupt, dann wurde die Technologie – das schwarze Schaf der Philosophie des 20. Jahrhunderts, speziell für Martin Heidegger – zu einem neutralen Faktor.4 In den Gaskammern der nationalsozialistischen Konzentrationslager, bei den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, dem Napalm in Vietnam und den scheinbar opferlosen, intelligenten Waffen in den beiden Golfkriegen erfüllte Technologie den Zweck, schneller, wirksamer und müheloser zu töten.

Der Vorteil bestand dabei weniger in ihrer Effizienz als vielmehr darin, dass sie den Tod unsichtbar machte und damit unpersönlicher erscheinen ließ. Die meisten Gewalttaten, die wir heute als Zeugen miterleben, sind altmodisch in ihrer Ausführung. Gewaltakte sind überwiegend regional und nicht global, trotz weltweiter Kommunikation. Auch die Ursachen der Gewalt sind nicht neu. Unsere Feindseligkeiten sind uralt, primitiv, auch wenn das Feindbild wechselt.
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