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Freundschaft und politische Macht

Freunde, Gönner, Getreue Margaret Thatchers und Tony Blairs

AutorJudith Gurr
VerlagV&R Unipress
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl291 Seiten
ISBN9783862348930
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis44,99 EUR
Freundschaften strukturieren das menschliche Zusammenleben maßgeblich. In der politikwissenschaftlichen Forschung allerdings werden diese sozialen Kategorien bislang nicht genügend beachtet. Sie galten lange Zeit als marginale, weil scheinbar rein private Phänomene. Judith Gurr arbeitet systematisch heraus, dass Freundschaft auch eine zentrale Kategorie der Politik ist. Politische Freundschaften sind in der aristotelischen Typologie auf dem philia-Konzept beruhende Zweckfreundschaften: Als elementare Machtinstrumente politischer Führungspersonen und -gruppen sind sie nützliche Machterwerbs-, Machtsteigerungs- und Machterhaltungspraktiken, politisches und soziales Kapital. Damit verbinden sich wichtige Fragen: Welche Funktionen hat Freundschaft für die Politik heutiger Gesellschaften? Wie kann sich Freundschaft im politischen Machtspiel der Moderne auswirken? Die Autorin untersucht diese Fragen am Beispiel des Verhältnisses von Margaret Thatcher und Tony Blair zu ihren Freunden, Gönnern und Getreuen.

Dr. Judith Gurr studierte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. Wissenschaftliche Politik und Neuere und Neueste Geschichte und promovierte 2010 im Fach Wissenschaftliche Politik. Sie arbeitet zurzeit als Akademische Rätin am Lehrstuhl für Politische Philosophie, Theorie und Ideengeschichte der Universität Freiburg.

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Leseprobe
8 Freunde, Gönner, Getreue: Tony Blair und politische Freundschaft (S. 207-208)

Waren »falsche« Freunde schuld an Thatchers Niedergang? Vielleicht neigte sie selbst zu dieser Deutung und übersah dabei ihr übergroßes Misstrauen, ihre bisweilen eisige Rücksichtslosigkeit und die Bereitschaft, andere Menschen gnadenlos zu brüskieren. Von ihr nicht zu verantwortende Gründe liegen natürlich auch vor: Abnutzungserscheinungen, unvorhersehbare sachliche Fehler oder, wie es am Ende von Helmut Kohls langer Regierungszeit hieß: Die Menschen hatten sich einfach satt an ihm gesehen. Neben der Einsamkeit des Mächtigen gibt es auch das bittere Alleinsein des Gescheiterten. Margaret Thatcher hatte sich das Ende ihrer politischen Laufbahn sicherlich nicht so disharmonisch vorgestellt.

Die »Eiserne Lady« hat als Staatslenkerin Großbritannien »thatcherisiert«, d. h. umorientiert hin zu einem wirtschaftsliberalen Staatswesen – auch hierin Ronald Reagan nahe. Politische Gegner warfen ihr die Rückkehr zu einer Art Manchester-Kapitalismus vor.

Margaret Thatcher wurde als Premierministerin nicht abgewählt, ihre Konservative Partei hatte während ihrer Regierungszeit immer die Stimmenmehrheit. Erst mit denWahlen 1997 fielen die Tories mit John Major auf 30,7 % ab. Tony Blair und die Labour-Partei erlebten einen erdrutschartigen Sieg.

8.1 Persönlichkeit und Politik: Tony Blairs Aufstieg im politischen Netzwerk


Tony Blair wurde 1953 in Edinburgh geboren. Sein Vater Leo hatte sich aus dem Arbeitermilieu in die gut situierte Mittelschicht emporgearbeitet. Nach einem Herzinfarkt 1964, den der Vater knapp überlebte, wurde Tony Blairs Mutter Hazel zu seiner zentralen Bezugsperson. Leo Blair schickte seine Söhne Bill und Tony auf Schottlands angesehenstes Internat, das Fettes College (»›Eton of Scotland‹«). Tony Blair entdeckte seine Anlage zur Schauspielerei und spielte am College u. a. Mark Anthony in Shakespeares Julius Caesar und Kapitän Stanhope in Robert Cedric Sheriffs Klassiker Journey’s End.

Viele Jahre später, zur Zeit des Irak-Krieges, erinnert sich Blair an diese Rolle: »That play had a real effect on me […] You have to isolate yourself when people are dying from what you yourself have decided to do.« Er verließ das Fettes College mit guten Noten und einem Studienplatz in Oxford – neben Cambridge Großbritanniens politische Kaderschmiede.

Von einem Mitschüler als »rebelwithout a cause«850 beschrieben, war Blair mit seinen achtzehn Jahren eher orientierungslos als bereits wie Thatcher »politisiert«.851 Anthony Seldon, auf dessen seriöse und fundierte Blair-Biographie in diesem Kapitel im Wesentlichen zurückgegriffen wird, betont jedoch, dass sich das Charisma des späteren Premierministers schon in dieser Zeit herausgebildet habe: »When Tony Blair walked into a room, he naturally became the focus of attention. He was liked by both men and women.« Er war ein gewinnender Kommunikator. Sein Charisma diente Blair als Mehrheitsbeschaffungsinstrument – bis aus Blair »Bliar« wurde."
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Title Page3
Copyright4
Inhalt5
Danksagung9
Einleitung11
Fragestellung, Hypothesen und Vorgehensschritte12
Forschungsstand, Methode und Material17
1 Politische Freundschaft: Wesen und Konzepte25
1.1 Kulturgeschichtliche Stationen des Phänomens Freundschaft25
1.2 Konzepte politischer Freundschaft30
1.2.1 Politische Freundschaft in der griechischen und römischen Philosophie: Aristoteles und Cicero31
1.2.2 Friedrich Nietzsche: der tolle Mensch und die Beliebigkeit. Carl Schmitt: Freund-Feind39
1.2.3 Politische Freundschaft in der Moderne43
1.3 Zusammenfassung48
2 Kategorien der (politischen) Freundschaft: Emotionalität, Vertrauen, Reziprozität, Netzwerke51
2.1 Politik und Emotionen51
2.2 Politik und Kooperation58
2.2.1 Vertrauen und Sozialkapital58
2.2.2 Wie man den Freund vom Schmeichler unterscheidet64
2.2.3 Emotionale und kalkulatorische Reziprozität66
2.2.4 Netzwerke71
2.3 Zusammenfassung76
3 Politik auf der Hinterbühne79
3.1 Dasein heißt eine Rolle spielen: politische Vorder- und Hinterbühne79
3.2 Neubewertungen persönlicher Beziehungen in der Politik80
3.2.1 Paradigmenwechsel im 18. und 19. Jahrhundert80
3.2.2 Patronage: Korruption oder Kooperation?84
3.2.3 Der britische Civil Service: vom Patronage- zum Leistungssystem87
3.3 Arkanräume der Politik: Formen informellen Regierungshandelns90
3.4 Zusammenfassung95
4 Persönlichkeit und Politik97
4.1 Zum Spannungsverhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit97
4.2 Der Faktor Persönlichkeit in der Politik100
4.3 Zusammenfassung106
5 Leadership-Forschung und Regierungsstilanalyse: zum Sinn für das politische Spiel109
5.1 Forschungsansätze zur politischen Führung109
5.2 Führen, Koordinieren, Integrieren: Regierungsstilanalyse112
5.3 Der Sinn für das Spiel: Bourdieus Konzept des politischen Feldes115
5.4 Zusammenfassung120
6 Regieren in Großbritannien: formale und informelle Beziehungen123
6.1 Das Westminster-System123
6.2 Der britische Premierminister: Erster unter Gleichen?128
6.2.1 Machtressourcen und die Organisation von No. 10 Downing Street128
6.2.2 Wie mächtig ist der Premierminister?135
6.3 Informelles Regieren138
6.3.1 Core executive und power-dependency-model138
6.3.2 Inner circles (Küchenkabinette)141
6.4 Praktische Bedeutungen politischer Freundschaft144
6.5 Zusammenfassung146
7 Freunde, Gönner, Getreue: Margaret Thatcher und politische Freundschaft147
7.1 Persönlichkeit und Politik: Margaret Thatchers Aufstieg im politischen Netzwerk147
7.2 Die Außenseiterin im politischen Establishment158
7.2.1 Faktor Weiblichkeit158
7.2.2 Wets and Dries: Margaret Thatchers Kabinettspolitik164
7.3 Die Eiserne Lady: Margaret Thatcher im politischen Feld167
7.3.1 Regierungsstilanalyse: Überzeugungspolitikerin167
7.3.2 Margaret Thatcher und der Civil Service: institutionalisiertes Misstrauen171
7.3.3 Familiäre Atmosphäre in No. 10 Downing Street: Mitgefühl und Loyalität173
7.3.4 Margaret Thatchers Personalpolitik: Is he one of us?176
7.4 Wem sie ihre Seite gönnt: Margaret Thatchers Umgang mit politischem Personal183
7.5 Margaret Thatcher und Ronald Reagan: eine besondere Beziehung189
7.6 Die Einsamkeit der Macht: Margaret Thatchers Abstieg im politischen Netzwerk193
7.7 Zusammenfassung201
8 Freunde, Gönner, Getreue: Tony Blair und politische Freundschaft207
8.1 Persönlichkeit und Politik: Tony Blairs Aufstieg im politischen Netzwerk208
8.2 Teflon Tony und Sofa Government: Tony Blair im politischen Feld214
8.3 »The Beautiful People«: Tony Blair und seine politischen Freunde220
8.4 Politische Ehe: Tony Blair und Gordon Brown230
8.5 Tony Blair: Thatchers Erbe?240
8.6 Zusammenfassung242
Schlussbetrachtung247
Fazit: Freundschaft und politische Macht247
Forschungsperspektiven253
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis257
Verzeichnis der Archivalien, Interviews, Korrespondenz und Literatur259
Verzeichnis der Archivalien, Interviews und Korrespondenz259
Literaturverzeichnis260

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