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E-Book

Friedelind Wagner

Die rebellische Enkelin Richard Wagners

AutorEva Rieger
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl504 Seiten
ISBN9783492958684
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Sie galt als 'das schwarze Schaf der Familie', doch unbeirrt ging Friedelind Wagner ihren eigenen Weg: Eva Rieger schreibt die erste Biografie der Enkelin Richard Wagners, die sich als Einzige des Bayreuther Clans zum Widerstand entschloss - gegen ihre Familie und gegen das Nazi-Regime. Sie emigrierte nach England und opferte so ihren Lebenstraum, an der begehrten Festspielleitung mitzuwirken. Selbst nach dem Krieg bekam die 'Verräterin' noch den Zorn und die Feindseligkeit ihrer Familie zu spüren.

Eva Rieger, geboren 1940 auf der Insel Man, lehrte als Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität Bremen. Heute lebt sie in Vaduz/Liechtenstein und ist Autorin erfolgreicher Bücher, u. a. über Minna und Richard Wagner sowie Nannerl Mozart. Die überzeugte Feministin begründete in Deutschland den Forschungszweig 'Frau und Musik'.

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Leseprobe

Einleitung


Strahlend blaue Augen, grellrot geschminkte Lippen, blondiertes Haar und auffällige Stoffe – nicht alle mochten sie auf Anhieb, als die amerikanische Staatsbürgerin Friedelind Wagner nach Jahren der Emigration 1953 wieder deutschen Boden betrat und in Bayreuth die Festspiele besuchte, die ihr berühmter Großvater 1876 gegründet hatte. Die Urenkelin Franz Liszts, Enkelin von Cosima und Richard Wagner sowie Tochter von Winifred und Siegfried Wagner war eine starke Persönlichkeit, die viel redete – manchen zu viel. Ihre Argumente waren laut und feurig, oft undiplomatisch bis hin zur Taktlosigkeit. Dennoch ging etwas von ihr aus, das Menschen faszinierte. Es war nicht nur die auffällige physiognomische Ählichkeit mit ihrem Großvater, dessen Werk zu den bedeutendsten Leistungen der Musikgeschichte zählt: Ihr scharfer Witz, ihre Gewandtheit und ihr Charme taten ihre Wirkung. Und doch hat kaum ein Mitglied der großen Wagner-Familie so viele Schmähungen und Unwahrheiten ertragen müssen wie Friedelind. Diese reichen von sprachlich abwertenden Umschreibungen (»Walküre des Jet-Zeitalters«) bis hin zu groben Drohbriefen. Sicherlich haben diese Angriffe mit ihrer häufig rebellischen Art und ihren zuweilen provokanten Aussagen zu tun, aber ebenso oft hängen sie mit ihrer Opposition gegen manches zusammen, was in Bayreuth hochgehalten und vertreten wurde. Sie stellte sich gegen ihre Mutter, gegen die Rehabilitierung ehemaliger Nazis im Nachkriegsdeutschland und gegen die Versuche ihres Bruders Wolfgang, der nachfolgenden Generation den Zugang zu Inszenierungen in Bayreuth zu versperren. Kein Wunder, dass sich das Bayreuther Establishment angegriffen und irritiert fühlte.

Mit dem Bau des Festspielhauses hoch über der Stadt, das ausschließlich seine Werke aufführen sollte, hatte sich Richard Wagner 1876 einen lange gehegten Traum erfüllt: ein eigenes Musiktheater zu besitzen, das genau nach seinen Plänen und Ideen gebaut wurde. Für dieses Theater hatte er den Ring des Nibelungen und Parsifal geschrieben. Er hatte ein Leben lang seine Mühe mit der Öffentlichkeit gehabt, sie aber andererseits ausgiebig genutzt, indem er für zahlreiche Zeitschriften schrieb und mit Leserbriefen, Gedichten oder anonymen Aufsätzen eingriff, wenn ihm etwas nicht passte. In der Folge hatte er auch hinnehmen müssen, dass mit seinem steigenden Bekanntheitsgrad allerlei Spekulationen (über seine Abstammung, seine Frauenbeziehungen, sein Verhältnis zu Ludwig II. und vieles mehr) ins Kraut schossen. Bis heute färbt dieses Verhältnis zur Öffentlichkeit auf seine Nachkommenschaft ab. Die Wagners sind zu »Ersatz-Royals der Deutschen« geworden, »denen man bei jeder Gelegenheit unter die Bettdecke schauen darf«1, zumal die Nachkommenschaft ihre Fehden stets in der Öffentlichkeit austrug. Bei Friedelind war es weniger ihr Privatleben, das die Medien interessierte, sondern eher ihr Abschied von Bayreuth und ihre kritische Sichtweise auf die Nachkriegsfestspiele.

Die Grundlage für die Kritik, die ihr entgegenbrandete, bildete ihre Autobiografie Nacht über Bayreuth. Es ist kaum verwunderlich, dass das Buch erst 1994 in Deutschland erschien, obwohl es schon ein halbes Jahrhundert früher in den USA herauskam und danach in mehrere Sprachen übersetzt wurde.2 Ihr Bruder Wolfgang Wagner, damals Leiter der Festspiele, wollte mit diesem Oppositionsgeist möglichst wenig zu tun haben. Nach dem Erscheinen gab es am Bücherstand vor dem Bayreuther Festspielhaus ein Versteckspiel: »›Doch, wir haben das Buch‹, sagt die Verkäuferin und greift unter den Tresen, ›aber machen Sie’s nicht so offensichtlich, der Wolfgang Wagner hat das nicht so gern.‹«3 Mutter Winifred behauptet in ihrem Filminterview mit Syberberg herablassend, dass Friedelind das Werk gar nicht selbst geschrieben habe, und Wolfgang nennt das Buch ein »subjektives und phantasievoll-fabulierfreudiges Werk«.4 Die Brüder sprachen von »Irrtümern, Geschmacklosigkeiten, Verleumdungen« und von »Niveaulosigkeit«.5 Ihr Ärger ist verständlich, denn während sie bis zuletzt dem »Führer« geglaubt hatten, hatte sich Friedelind längst von ihm losgesagt.

Selbstzeugnisse müssen bekanntlich nicht größeren dokumentarischen Wert oder mehr Wahrheitskraft besitzen als andere Berichte, und Friedelind hat oft überzeichnet. Dennoch gibt es keine Veranlassung, ihre Integrität anzuzweifeln. In ihrem Nachlass befinden sich Unterlagen, die zeigen, dass eine Verlagsmitarbeiterin die Kapitel lektoriert und in passableres Englisch gebracht hat. Auch die Parallelquellen, wie Briefe, denen man da, wo sie präzise Ereignisse umschreiben, Authentizität zubilligen kann, zeigen, dass Friedelind sich trotz mancher Ausschmückung weitgehend an die historische Wahrheit gehalten hat. Zudem macht ihre intime Nähe zu den NS-Größen, die in Bayreuth ein- und ausgingen, das Buch gerade angesichts des Schweigens ihrer Geschwister zu einem besonderen Dokument. Die Beschreibung ihres Lebens ist daher nicht nur als eine biografische Quelle anzusehen, sondern auch als Zeugnis der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte.

Obgleich die zeitliche Distanz die Erinnerung hin und wieder verblassen ließ, ist Friedelind fast immer dort zuverlässig, wo sie sich auf eigene Erfahrungen stützt. Wenn sie sich auf Erzählungen verlässt, entstehen zuweilen Unschärfen oder Übertreibungen, wie bei einem finanziellen Eklat im Jahr 1938, den sie dem Bayreuther Finanzbeauftragten Knittel anlastete6, an dem in Wirklichkeit jedoch Winifred genauso schuld war. Das konnte sie nicht wissen, denn die Mutter hatte sie nicht eingeweiht. Entscheidend ist das Selbstverständnis Friedelinds, das sich im Geschriebenen manifestiert. In einem Punkt allerdings muss man sie schuldig sprechen: Sie gibt den Zeitpunkt ihrer Abwendung vom Nationalsozialismus zu früh an. Es war ein kontinuierlicher Lernprozess, der auch Zweifel einbezog, die aufgrund ihrer Herkunft nur zu verständlich sind, bis sie dann zur entschiedenen Gegnerin wurde.

Wie Jonathan Carr zu Recht schreibt, ist die Tatsache, dass sie »in Nachkriegsdeutschland regelmäßig als ›schwarzes Schaf‹ bezeichnet wurde, an Schäbigkeit kaum zu überbieten.«7 Das hat aber auch mit den ungeschriebenen Gesetzen der Beschreibung öffentlich bekannter Personen zu tun. »Tief eingegrabene mythische Strukturen bestimmen, wer unter den berühmten Toten als sympathisch und wer als unsympathisch zu gelten hat«, schreibt Janet Malcolm, die sich wie kaum eine andere mit den Fallstricken für Biografen befasst hat.8 Diese Gesetzmäßigkeiten führten dazu, dass Friedelind in der deutschen Presse oft als »Abtrünnige« galt, die von Nazigegnern »als Propagandaobjekt« benutzt wurde, die voller Komplexe war und mit ihrem Buch ein »Abreagieren von Minderwertigkeitskomplexen und vermeintlichem Zurückgesetztsein« zelebriert habe.9

Die Lebenswegmodelle von Männern und Frauen unterscheiden sich meist grundlegend. So erfahren Frauen häufiger Diskontinuitäten und Brüche, die ihr Leben prägen und ihm die Stetigkeit nehmen. Dies erschwert das Finden einer übergreifenden biografischen Leitlinie. Hinzu kommt, dass Frauen noch immer kritischer betrachtet werden als Männer. Diejenigen Frauen, die sich einen eigenen, selbstständigen Weg durch das Leben bahnten oder sich gegen gängige Strömungen stellten, haben es besonders schwer gehabt. Bei Friedelind kommt hinzu, dass sie sich gegen das herrschende Bayreuth stemmte. Zuweilen wurde ihr Entschluss, Deutschland zu verlassen, lediglich als Akt der inneren Rebellion gegen alles Herkömmliche interpretiert10, oder aber man deutete ihre Briefe aus der Emigration als »eine sanguinische Wirrköpfigkeit«11, wie dies ihre Schwägerin Gertrud tut. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich die idealisierende Herausstellung Friedelinds, die – horribile dictu – »in verschiedene Zucht- und Besserungsanstalten« verfrachtet wurde, deren Persönlichkeit durch die Mutter und die Umstände angeblich »reduziert oder zerstört wurde« und die »Psychoterror, juristische Drohung und finanzielle Nötigung« erleiden musste, um das Erscheinen ihres zweiten Buches zu verhindern12 (das in Wirklichkeit nie geschrieben wurde).

Es bleibt die Frage, ob es sich lohnt, das Leben einer Frau zu dokumentieren, die sich auf berühmte Groß- und Urgroßeltern berufen kann, aber kein Theater leitete, keine überragende Leistung im Sinne einer historischen Großtat hinterließ. Die Stilisierung bedeutender Menschen zu Heroen ist aber gerade seitens der Geschlechterforschung oft und zu Recht kritisiert worden, weil sie die vielen Frauen ignoriert, die im Hintergrund agierten und dennoch Großartiges leisteten. Neuerdings interessiert man sich stärker für die sozial-, alltags- und kulturgeschichtlichen Anteile eines Lebens. Friedelinds weit vernetztes Kommunikationssystem, ihre Bekanntheit und die Freundschaften mit bedeutenden Künstlern und Künstlerinnen, ihre Förderung junger Hochtalentierter, ihr lebenslanger Kampf für bessere Opernaufführungen – das alles macht sie zu einer faszinierenden Person, deren Leben mit den politischen Umwälzungen und Ereignissen verschmolzen ist und dem nicht mit einem voyeuristischen Blick auf die »Skandalfamilie« Wagner Genüge getan ist. Dennoch sind die Kämpfe um die Leitung und Ausrichtung der Festspiele, um den Nachlass Siegfrieds und Winifreds und um die Nachfolgeordnung, die die weitverzweigte Familie immer...

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