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Für mich ist auch die 6. Stunde

Überleben unter Schülern

AutorFrau Freitag
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783843713351
Altersgruppe12 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR

Ratschläge fürs Lehrer-Leben, im typischen Frau Freitag-Sound

Jeder Lehrer steht vor den ewiggleichen Problemen: Wie gehe ich mit Störern um? Welche Haltung beziehen ich bei Handys, Schminke und Jacken im Unterricht? Was tun, wenn einem der Klassenchef auf der Nase herumtanzt? Wie wäre es zum Beispiel mit der Konfrontationstaktik? »Na, Mustafa, möchtest du vor deiner und seiner Mutter wiederholen, was du eben zu Emre gesagt hast? Was meinst du, wie deine Mama es findet, dass du so Sachen sagst wie: Ich pisse auf das Grab deiner Toten?« Frau Freitag gibt in ihrem unterhaltsamen Ratgeber Tipps und Tricks, wie Lehrer, Schüler und Eltern den Unterrichtsalltag überleben. Mit Problemen im Schulalltag kennt sie sich aus. Seit über fünfzehn Jahren unterrichtet sie an Brennpunktschulen. Ihre eigene Ausbildung wird Frau Freitag nie vergessen: diese Mischung aus Panik, mangelndem Selbstvertrauen und liebevoll-chaotischen Schülern, die das Unterrichten unmöglich macht. Was nicht hilft: die Theorien der Pädagogikpäpste, die seit Jahren keine Schule mehr von innen gesehen haben. Frau Freitags Kultbestseller sind schon längst Lehrmaterial. Und jetzt hat sie den praxisnahen Ratgeber geschrieben, den sie selbst gerne gehabt hätte.



Frau Freitag, geboren 1968, wollte schon immer Lehrerin werden. Seit über zehn Jahren unterrichtet sie Englisch und Kunst in lauter überdrehten, dafür recht leistungsschwachen Klassen. Sie lebt in einer deutschen Großstadt.

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Leseprobe

Schlagschatten –
Wenn der Hauptseminarleiter kommt


»Oliver, zeig uns jetzt mal die Schlagschatten!«, sage ich und gucke unauffällig nach hinten zu meinem Hauptseminarleiter Herrn Dannert. Sein erster Besuch bei mir.

Meine Kunstseminarleiterin hat gesagt, dass ich eine gute Lehrerpersönlichkeit hätte, allerdings an meinen Impulsen arbeiten und die Tische umstellen müsse. Kein Problem, dachte ich und bastelte für die Stunde mit Herrn Dannert eine komplett neue Sitzordnung. Ich bin eine super Lehrerin, sagte ich mir, dem Herrn Dannert werde ich eine ganz authentische Unterrichtssituation präsentieren. Deshalb erzählte ich den Schülern vorher nicht, dass wieder Besuch kommen würde.

Es klingelt. Die Schüler stürzen in den Raum. Mittendrin Herr Dannert.

»Was ist das für ’ne behinderte Sitzordnung?«

»Was ist mit die Tische? Wie ich soll neben Justin sitzen? Niemaaals!«

»Frau Freitag, kann ich nicht neben Katrin, ich sitze immer neben sie?«

Herrn Dannert habe ich dummerweise direkt hinter ADHS-Paul und Fuat gesetzt. Warum sitzen die eigentlich zusammen? Egal.

Es geht um Schatten. In dieser Stunde sollen die Schüler eine angestrahlte Klopapierrolle zeichnen. Dazu habe ich extra eine Stehlampe und diverse weiße Sachen durch die ganze Stadt in die Schule geschleppt. Ich will mit einer kurzen Wiederholung beginnen, um mit dem Schülerwissen zu glänzen.

»Wer von euch kann mir auf den Gegenständen mal die Schlagschatten zeigen?«

Sofort fliegt Olivers Arm in die Luft. Wie schön, denn Oliver beteiligt sich sonst nie am Unterricht. Außerdem hat er die nervende Angewohnheit, alles, was ich sage, zu wiederholen: »Höhö, Schlagschatten. Hihi, Gegenstände.« Ständig brabbelt er vor sich hin wie ein gestörter Papagei.

Aber jetzt meldet er sich: »Ich, ich, Frau Freitag, nehmen Sie mich!«

Ich reiche ihm den Laserpointer. Er grabscht gierig danach.

»Oliver, nun zeig uns doch mal die Schlagschatten!«

Oliver guckt mich an, senkt den Kopf und strahlt sich mit dem Laserpointer direkt ins Auge. Dazu gibt er unverständliche Urlaute von sich: »Uaaagh!!!«

Häh? Ich denke: Auge, Laserpointer, Laserpointer, Auge! Die anderen Schüler werden unruhig. Ich gucke zu Herrn Dannert, der hektisch irgendetwas in meinen Unterrichtsentwurf kritzelt. Ich entreiße Oliver den Laserpointer.

»Okay, also wo waren wir stehen geblieben?« Ich wühle in meinen Unterlagen. Plötzlich fliegt eine Papierkugel gegen die Tafel.

»Wer war das?« Niemand meldet sich. Ich sehe, wie Justin seine Hände unterm Tisch versteckt. Hände voller Papierkugeln. Ich habe den Faden verloren. Finde ihn auch nicht mehr wieder. Was soll ich jetzt tun? Ich habe keine Lust mehr. Ich will hier raus. Irgendwann klingelt es.

Die Schüler verschwinden. Herr Dannert setzt sich mit mir an einen Tisch.

»So, Frau Freitag.«

»Ja, Herr Dannert«, sage ich und weiß dann nicht weiter. Herr Dannert wartet.

»Na ja«, sage ich, »kann noch verbessert werden. War noch nicht perfekt, oder?«

Herr Dannert lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkt die Arme hinterm Kopf und sagt: »Frau Freitag, ich bin jetzt seit dreiundzwanzig Jahren Seminarleiter, aber so was habe ich noch nie gesehen.«

Konflikt ist unser Job! –
Eine gesunde Berufseinstellung


Die Schlagschattenstunde mit Herrn Dannert hatte mir zu denken gegeben. War ich vielleicht doch keine so super Lehrerin, wie ich dachte? Irgendwie war es in all meinen Unterrichtsstunden unruhig. Aber zum Glück gibt es Ratgeberbücher.

»Ich habe mir gestern ein neues Buch gekauft. Mit Schülern klarkommen. Das MUSST du auch haben! BRAUCHST du!«, sage ich zu Frau Dienstag. Sie schreibt sich den Titel auf. »Cornelsen«, sage ich.

Wir sind seit ein paar Monaten im Referendariat. Wenn ich nicht in der Schule bin, dann sitze ich entweder am Schreibtisch oder stöbere durch die Schulbuchläden. Klett, Cornelsen, Westermann, Diesterweg. Ich habe meine feste Runde. Gestern habe ich Mit Schülern klarkommen – Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten gekauft. Ich komme gar nicht klar. Überhaupt nicht. Aber jetzt habe ich das Buch. Genau das brauche ich. Ich brauche professionellen Umgang. Ich bin nicht professionell.

Jeden Tag gehe ich in den Unterricht und versuche die Lehrerin zu sein. Aber ich komme mir vor wie eine schlechte Schauspielerin. Die Schüler merken doch sofort, dass ich es nicht draufhabe. Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten. Ich habe ständig Unterrichtsstörungen. Obwohl, wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich eigentlich nur Störungen, denn Unterricht mache ich so gut wie nicht. Es ist immer so laut, dass ich gar nicht zum Unterrichten komme.

Im Lehrerzimmer lächle ich und tue so, als hätte ich alles im Griff. Die erfahrenen Lehrerinnen und Lehrer sitzen da entspannt rum und schlürfen ihren Kaffee. Niemand fragt mich, ob ich klarkomme. Und selbst wenn sie fragen würden – würde ich mich trauen zu sagen, dass ich so dermaßen nicht klarkomme? Dass bei mir jede Stunde Chaos herrscht, dass jeder macht, was er will, dass niemand auf mich hört? Nie sind die Schüler leise. Aber zum Glück habe ich ja nun das Buch.

»Jetzt wird alles anders«, sage ich zu Frau Dienstag.

»Hol ich mir gleich morgen«, sagt sie.

Ich brauche Hilfe. Die Schüler sollen endlich ruhig sein. Ich will endlich unterrichten. Die erfahrenen Kollegen sagen Sachen wie »Erst mal die Zügel hart anziehen« oder »Don’t smile until Christmas«. Aber was soll das heißen? Ich will doch nicht gleich meckern und streng sein. Ich will eine nette Lehrerin sein. Die Schüler sollen mich mögen. Die Lehrer, die ich in meiner Schulzeit mochte, die haben nicht gemeckert und rumgeschrien. So wie sie will ich auch werden.

Neben meinem Schreibtisch stehen zwei große Billy-Regale. Sie sind voll mit Büchern aus den Schulbuchverlagen. Bei jedem Buch denke ich: Brauch ich! Dieses Buch wird mein Leben verändern. Kein Wunder, dass die Schüler nicht mitmachen, wenn ich so langweilig unterrichte.

Darum kaufe ich Bücher mit total spannenden Unterrichtsbeispielen und lese die zu Hause genau durch. Ich kopiere auf farbigem Papier, laminiere, schneide, klebe und mache alles genau so, wie es in den Büchern steht. Aber die Schüler machen nicht mit. Die anderen Lehrer verteilen nie farbige Arbeitsblätter. Ich kopiere sogar immer noch eine extra für die Stunde designte Titelzeile und kleine Bilder von den Simpsons darauf. Trotzdem arbeiten die Schüler nicht mit.

Darum kaufe ich noch mehr Bücher. Nicht nur zum Unterricht. Auch zur Unterrichtsführung. Richtig dicke Bücher. Bücher über die Pubertät, über Lernpsychologie und Disziplinierung. Wenn ich die alle durchgearbeitet habe, dann bin ich endlich eine gute Lehrerin. Dann werden die Schüler vor mir sitzen, mit dem Arbeitsmaterial auf dem Tisch, und mir zuhören. Wenn ich genau mache, was in den Büchern steht, dann werden sie interessiert und leise sein. Dann werden sie mitmachen und ganz viel bei mir lernen. Darauf freue ich mich. Denn so soll Unterricht doch sein. So sieht Unterricht immer im Fernsehen aus. Die Schüler sitzen ruhig im Raum und arbeiten, bis es klingelt. Unser Lehrer Dr. Specht kann sogar während des Unterrichts rausgehen, und die Schüler bleiben auf ihren Plätzen und lernen. Das will ich auch. Ich werde alles dafür tun, dass es schnell so wird. Ich will eine gute Lehrerin werden.

So dachte ich im Referendariat und in den ersten Berufsjahren. Ich war davon überzeugt: Irgendwann kommt der Tag, an dem alle meine Schüler ruhig auf ihren Plätzen sitzen und interessiert mitarbeiten. Nie wäre ich damals auf die Idee gekommen, dass es diesen Idealzustand gar nicht gibt. Jedenfalls nicht an den Schulen, an denen ich unterrichte. Frau Dienstag dachte genauso wie ich.

Irgendwann! Irgendwann werden sie immer ruhig sein und uns zuhören. Das steht doch auch in den Büchern. Wenn du die und die Methode anwendest, die Sozialform änderst, die Phasen gut einteilst und dich perfekt vorbereitet hast, dann wird alles super. Und bleibt auch so. Bis zur Rente.

Damals hat mir niemand gesagt, dass es nie so sein wird. Warum eigentlich nicht? Vielleicht um mich nicht zu entmutigen. Vielleicht denken manche Lehrer noch nach zwanzig Jahren und unzähligen im Chaos untergegangenen Stunden, dass irgendwann der Tag der lieben, ruhigen, wissbegierigen Kinder kommt.

»Weißt du was?«, sagt Frau Dienstag irgendwann, als wir uns nach dem Sport umziehen. »Ich glaube, Konflikt IST unser Job.«

»Wie? Was meinst du?«

»Na, man denkt doch immer, unser Job ist es zu unterrichten. Aber eigentlich geht es doch immer um irgendwelche Konflikte. Das ist unser Job. Die Konflikte zu begleiten und zu lösen. Immer wieder. Jeden Tag.«

Konflikt ist unser Job. Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht. Innerlich hielt ich auch nach Jahren immer noch an dem Wunschtraum einer ruhigen, folgsamen Fernsehklasse fest. Aber eigentlich hat Frau Dienstag recht. Jeden Tag gibt es Konflikte. Die Schüler sind nicht pünktlich, haben ihr Arbeitsmaterial nicht dabei, hören nicht zu, streiten oder schlagen sich, spielen mit dem Handy … nenn es, wie du willst: Konflikte, Unterrichtsstörungen, Disziplinprobleme … alles, was dich und die Schüler daran hindert, Unterricht zu machen, ist ein Konflikt. Wenn das eigentlich unser Job ist,...

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