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Fußnoten

Ein Hornist ohne Arme erobert die Welt

AutorFelix Klieser
VerlagPatmos Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl168 Seiten
ISBN9783843605533
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Ausgerechnet Horn! - die unglaubliche Lebensgeschichte eines Ausnahmekünstlers. Als Vierjähriger verkündet Felix Klieser wie aus dem Nichts seinen Eltern: »Ich will ein Horn!« Den Vorschlag der heimischen Musikschule, es doch lieber mit Blockflöte oder Xylophon zu probieren, lehnt der kleine Felix ab. Nichts anderes als ein Horn soll es sein! Dabei bringt Felix für dieses Instrument die schlechtesten Voraussetzungen mit, die man sich denken kann: Er wurde ohne Arme geboren. Doch Felix nimmt Unterricht und übt wie ein Besessener. Und er hat Erfolg. Heute ist er einer der weltbesten Hornisten und hat Auftritte mit Sir Simon Rattle und dem Popstar Sting. Dass Felix sein Horn mit den Füßen spielt, wird dabei zur Nebensache! Felix Klieser erzählt seine ungewöhnliche Geschichte mit viel Humor, Leichtigkeit und einer gesunden Portion Eigensinn. Er zeigt damit, wie man trotz Handicap den eigenen Zielen treu bleiben und das eigentlich Unmögliche schaffen kann.

Felix Klieser, 1991 in Göttingen geboren, wurde schon mit 13 Jahren an der Musikhochschule in Hannover unterrichtet. Er spielte unter Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Mario Venzago und Dennis Russell Davies und konzertierte mit der Rocklegende Sting auf dessen Deutschlandtournee. 2013 erschien sein Debütalbum Reveries, das glänzende Kritiken erhielt.

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Leseprobe

1. Das Streben nach Perfektion


Es ist dieses Gefühl. Dieser Augenblick, in dem einfach alles passt, in dem jeder Ton sich selbst trägt. Ein Moment der Einheit, schwer zu finden, noch schwerer zu beschreiben. Als würde ich einem riesigen Puzzle das allerletzte fehlende Teilchen hinzufügen, um dann einen Schritt zurückzutreten und vor nahtloser Schönheit zu stehen. Vollkommene Harmonie, fast so, als könne ich mit meinem Horn jede Note nur genau so und nicht anders intonieren; als habe ich von all den Möglichkeiten, wie sich das Stück interpretieren lässt, die eine gefunden, die perfekte. Ein Gefühl, als habe man die Musik nicht nur gespielt, sondern vollendet.

Dieses Gefühl ist es, das ich suche.

Die Aufnahmen zu meinem ersten Album katapultieren mich aus meiner Studentenbude mitten in ein Raumschiff. Anders lässt sich der Ortswechsel kaum beschreiben. Dort Couch und Katze, hier ein unbestuhlter Konzertsaal, der rund vierhundert Leute fasst – und, daher der Ufo-Vergleich, beinahe völlig ­losgelöst im Gebäude schwebt: Der Raum hängt an und steht auf Stahlfedern, wodurch er akustisch komplett entkoppelt ist. Das bedeutet, dass Klänge weder von außen nach innen dringen können noch umgekehrt. Anders gesagt: Führe draußen ein Leopard-Panzer vorbei, würden wir hier drin nicht einmal ein entferntes Brummen hören. Die Töne werden quasi abgefedert.

Ich stehe also in diesem Studio 2 des Bayerischen Rundfunks, dem Saal für die Kammermusik, und schaue auf die Bühne, den schwarzen Steinway-Flügel darauf, die Mikros und die mobilen Wände, die Klänge reflektieren oder absorbieren. Und auf meinen Stuhl, auf dem ich den größten Teil der kommenden vier Tage verbringen werde. Sobald ich darauf sitze, geht mein Blick vor allem in zwei Richtungen: Entweder wandert er über meine rechte Schulter, wo der voll verglaste Regieraum halb über die Wand ragt, oder er fällt auf die rote, zylinderförmige Lampe, die direkt vor mir steht und bei den Aufnahmen brennt.

Der Saal füllt sich. Dutzende Menschen wuseln durch den Raum und in der Glaskabine über mir, schauen auf Bildschirme, drücken auf Knöpfe. Es ist Dezember, minus 14 Grad, ein klirrend kalter Morgen, und ich bin von Göttingen nach München gekommen, um hier mein Debütalbum aufzunehmen. Eine Aufnahme, die mein Streben nach Perfektion zu neuen Gipfelstürmen peitscht. Ich habe zig Konzerte gespielt; viele davon vor Kritikern, die an einem einzigen Abend über Top oder Flop entscheiden können. Und doch fühlt sich live ganz anders an, so ohne Rückspulknopf oder Repeattaste.

Die Klänge eines Konzertes sind mit dem letzten verhallenden Ton verschwunden und existieren nur noch in der Erinnerung, im subjektiven Empfinden – aber eine Aufnahme bleibt für immer.

Bei einer Albumaufnahme muss zuallererst das optimale Klangbild gefunden werden. Dazu setze ich mich mit meinem Horn auf die Bühne, spiele ein paar Takte und lasse dann zusammen mit dem Tonmeister die Mikros auf den Millimeter genau austarieren. Letztere sind überall im Raum verteilt, sie stehen vor und hinter mir oder baumeln von der Decke. Ich sitze also in einem Wald aus Mikrofonen und blicke in den komplett ausgeleuchteten Saal und auf das rote Licht, das signalisiert, wann gerade aufgenommen wird und wann nicht. Per Lautsprecher kommuniziere ich mit dem Tonmeister im Regieraum. Lampe an, Aufnahme läuft. Lampe aus, man kann über Gott und alle anderen lästern, ohne dass es für die Nachwelt festgehalten wird.

Das ist reine Handarbeit – im Gegensatz zum Pop-Rock, bei dem das meiste technisch hingebogen wird, sobald die Aufnahmen im Kasten sind. In der klassischen Musik funktioniert das nicht. Stattdessen nehme ich zusammen mit meinem Klavierpartner Christof Keymer einen Abschnitt mehrmals hintereinander auf. Spiele, stoppe, gehe hoch in die Regie und höre mir die Aufnahme an. Was stimmt? Was noch nicht? Ich gehe runter, spiele wieder. Die Mikrofone sind auf Wanderschaft, und die Stunden mit ihnen.

Um das optimale Klangbild zu finden, eignet sich am besten ein Stück mit möglichst großer klanglicher und dynamischer Bandbreite – vom schmetternden Fortissimo bis zum zärtlichsten Piano und wieder zurück. Ich habe für die ersten zwei Stunden Probeaufnahmen die Exposition des 1. Satzes der Sonate von Josef Gabriel Rheinberger ausgesucht, die diese Bedingungen erfüllt: Sie beginnt mit einem Signalruf, viel Pathos, voller Klang, um gleich danach in nachdenklich gesangliche Passagen zu münden. Die Techniker müssen all diese Feinheiten der Lautstärke und Tonalität in den Griff kriegen und ausbalancieren. Nichts darf übersteuern, keine leise Nuance verloren gehen. Und diese Klangvorstellungen muss ich gemeinsam mit meinem Pianisten Christof den Technikern genau mitteilen. Wie soll das Verhältnis zwischen Horn und Klavier sein? Welche Klangfarben eignen sich für die Literatur am besten? Dementsprechend werden die Mikros verschoben und eingestellt, bis die Klangfarbe unseren Vorstellungen so nah wie möglich kommt. Erst danach geht die eigentliche Aufnahme los.

*

Mit meinem unaufhörlichen Streben nach Perfektion mache ich mich nicht unbedingt beliebt. Manche Menschen glauben, der Drang nach Verbesserung sei in Wirklichkeit nur schlecht verhohlene Unzufriedenheit. Ihre Logik: Wer sich ständig selbst kritisiert, ist entweder ein dauerfrustrierter Querulant mit miesem Karma oder er hat schlicht nicht mehr alle Kekse in der Dose. Ich glaube das nicht. Wer sich einmal in die Biografien von Leuten vertieft, die etwas erreicht haben – damit meine ich nicht unbedingt Musiker, sondern auch Sportler oder Unternehmer –, der wird merken, dass diese Leute alles, aber auch wirklich alles getan haben, um ans Ziel zu kommen. Und wer sie nach ihrem Erfolg fragt, merkt schnell, wie all die oberflächlichen Höflichkeiten wegbröckeln und diese charmanten, umgänglichen, bescheiden wirkenden Siegertypen einem knallhart ins Gesicht sagen: Wenn du wirklich was erreichen willst, musst du mehr arbeiten. Deine Leistung auf die Spitze treiben. Mehr denken. Mehr machen. Dich mehr pushen, immer weiter. So weit, bis mehr nicht mehr geht.

Mit dieser Einstellung wirke ich gerade außerhalb der Musikerwelt bestenfalls abgehoben, generell aber eher wie ein ziem­licher Unsympath. Das ist aber nur dem Ziel geschuldet, besser zu werden. Privat mache ich sehr gern Witze, auch mal auf eigene Kosten – in der Hinsicht bin ich lockerer geworden, denn früher habe ich diese Späßchen seltener gemacht. Das soll nicht heißen, dass meine Einstellung zur Musik eine andere geworden sei; nur habe ich inzwischen gelernt, meine Arbeitsmoral von meinem Privatleben abzukoppeln. Wenn man es denn so nennen will, denn in erster Linie geht es nicht um Moral oder um die Arbeit. Es geht nur um den Willen, der dahintersteckt.

Wenn ich vor einem Löwen stehe, will ich weglaufen. Jede Faser meines Körpers schreit nach Flucht. Ich denke nicht erst mal darüber nach, ob meine Schuhe drücken oder ich ordentlich gefrühstückt habe, und ich überschlage auch nicht die Erfolgsquote, um mir dann zu denken: »Och nee, nur zehn Prozent? Da lohnt sich der Aufwand ja gar nicht.« Ich WILL weglaufen. Also tue ich es auch. So weit und so schnell und so lange ich nur kann. Das ist Wille. Alles andere hat damit nichts zu tun.

Diese Haltung steckt in mir drin, sie ist Teil meines Charakters – ein Teil, bei dem sich Fluch und Segen die Waage halten. Ich kann mich im Umgang mit anderen Leuten bisweilen immer noch sehr über deren Laisser-faire-Mentalität aufregen. Aber wenn zum Beispiel jemand nur so lange auf Diät ist, bis die nächste Grillparty naht, halte ich meist die Klappe; das ist schließlich deren Privatvergnügen. Früher war ich da noch wesentlich rationaler und zugleich aufbrausender. Das klingt arg nach exzentrischem Künstler, aber ich sagte tatsächlich immer sofort, wenn mir etwas nicht passte – und zwar als Musiker wie auch in meinem Privatleben; das habe ich eins zu eins übertragen. Geduld? Nachsicht? Fehlanzeige. Und ich rede hier nicht von Grundsätzlichem, sondern von eher belanglosen Dingen. War ich verabredet und mein Freund weder pünktlich noch entschuldigt, musste ich sofort bei ihm nachhaken: Was ist los, wo bleibst du, wieso kommst du nicht? Die süßsaure Ironie dabei: Viele Menschen nahmen meine Direktheit persönlich – so, wie ich ihre vermeintliche Nachlässigkeit persönlich genommen hatte.

Mittlerweile kriege ich es hin, mich zurückzuhalten. Oder, siehe Witzchen, meinen voll orchestrierten Ehrgeiz halbwegs zu übertönen. Das hat mich allerdings ein paar Jahre gekostet. Und in dieser Zeit gab es Situationen, in denen ich es vollständig vergeigt habe – Dinge, die ich bis heute bereue. Die Sache mit der Oxalsäure im Rhabarber zum Beispiel. Gymnasium, mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig, zehnte Klasse: Projektpräsentation einer Zusatzarbeit, die ich gemeinsam mit einer Freundin geschrieben hatte. Zehn Minuten, bevor wir vor versammelter Mannschaft unsere Ergebnisse vorstellen sollten, bemerkte ich, dass sie beim Übertragen der Rhabarber-Säurewerte anstelle des pH-Werts den pKs-Wert von 4,2 in die Tabellen übertragen hatte, der allerdings nur besagt, dass es sich bei der Säure auch tatsächlich um Oxalsäure handelt, und nicht, wie hoch die Konzentration ist. (Etwas, das ich mir bis heute gemerkt habe. Ich merke mir ständig total sinnlose Dinge.) Ein simpler Irrtum, weiter nichts, aber ich rastete total aus und machte ihr üble Vorwürfe. So heftig, dass sie zu weinen begann. Spätestens ab diesem Moment...

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