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E-Book

Ganz normale Organisationen

Zur Soziologie des Holocaust

AutorStefan Kühl
VerlagSuhrkamp
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl411 Seiten
ISBN9783518738788
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Warum waren während der Zeit des Nationalsozialismus so viele Deutsche bereit, sich an der Vernichtung der europäischen Juden aktiv zu beteiligen? Stefan Kühl behauptet: Es war die Einbindung in Organisationen des NS-Staats, die diese Menschen dazu gebracht hat, sich an Deportationen und Massenerschießungen zu beteiligen - und zwar unabhängig von den ganz unterschiedlichen Motiven, die sie ursprünglich zum Eintritt in diese Organisationen bewogen haben. Kühl belegt diese These unter Einbeziehung der einschlägigen geschichtswissenschaftlichen und sozialpsychologischen Forschung, aber mit dem theoretischen Instrumentarium der Soziologie. Er zeigt damit auch, was diese wissenschaftliche Disziplin mit Blick auf das Thema zu leisten vermag.

<p>Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.</p>

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Leseprobe

7Einleitung


Angesichts des Grauens des Holocaust ist das Bedürfnis nach einfachen Antworten nachvollziehbar. Es hätte etwas Erleichterndes, wenn man die Ghettoliquidierungen, die Massenerschießungen und die Vergasungen in den Vernichtungslagern dadurch erklären könnte, dass die Täter von Adolf Hitler verführt wurden, dass sie einem besonders brutalen Menschenschlag angehörten oder dass sie sämtlich eliminatorische Antisemiten waren, die aufgrund eines in der deutschen Kultur tief verwurzelten Hasses gegen Juden quasi zwangsläufig zu »Hitlers willigen Vollstreckern« wurden.

Eine solche Personalisierung weist die Verantwortung einigen wenigen zu und hat dadurch für alle anderen eine entlastende Funktion. Personalisierung heißt, dass Personen anhand einer spezifischen biologischen, medizinischen oder kulturellen Prägung identifiziert und als pathologisch, kriminell oder absonderlich markiert werden. Die diesen Personen zugeschriebenen Handlungen werden damit zugleich von allen anderen, die sich durch die entsprechenden Merkmale nicht angesprochen fühlen, »wegpersonalisiert«. Es sind dann – so die auf den ersten Blick beruhigende Erklärung – fanatische Nazis, krankhafte Sadisten oder besonders engagierte eliminatorische Antisemiten gewesen, die den Genozid zu verantworten haben. Wenn man sich selbst nicht zu einer dieser Gruppen zählt, kann man sich beruhigt zurücklehnen und sich in dem Glauben wiegen, dass man selbst ganz anders gehandelt hätte.[1]

Eine solche Personalisierung der Verantwortung stößt aber schnell an ihre Grenzen. Zweifellos wurde der Nationalsozialismus von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung begrüßt, zweifellos gab es in den Polizeitruppen und den Konzentrationslagern Personen, die ihren Job als Möglichkeit sahen, einen tiefsitzenden Sadismus auszuleben, und zweifellos gab es unter den überzeugten Antisemiten in Deutschland manche, die auch eine »Ausrottung« der jüdischen Bevölkerung aktiv propagierten. Aber das Überra8schende ist, dass an den Massentötungen viele Personen beteiligt waren, an denen weder vor Beginn noch nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein solch mörderisches Verhalten oder eine entsprechende Gesinnung nicht beobachtet wurde.

Im Mittelpunkt dieses Buches steht eine Frage, die zu den umstrittensten der Holocaustforschung gehört: weswegen »ganz normale Männer« und in einer Reihe von Fällen auch »ganz normale Frauen« bereit waren, Hunderte, ja manchmal Tausende von Männern, Frauen und Kindern zu demütigen, zu quälen und zu töten.[2] Ich möchte in diesem Buch eine dezidiert soziologische Antwort auf diese Frage geben, indem ich vorhandene Einsichten aus der geschichtswissenschaftlichen, politikwissenschaftlichen, philosophischen und sozialpsychologischen Forschung aufnehme und mithilfe der systemtheoretischen Soziologie zu einem umfassenden Erklärungsansatz zusammenführe.[3]

Die Herausforderung besteht darin, eine soziologisch informier9te Analyse so zu präsentieren, dass sie an die breite Diskussion über den Holocaust anschlussfähig ist. Denn gerade in der systemtheoretischen Soziologie werden häufig so abstrakte Beschreibungen verwendet, dass sich andere Disziplinen, etwa die Geschichtswissenschaft, die Politikwissenschaft, die Philosophie oder die Psychologie, aus nachvollziehbaren Gründen durch sie nicht mehr irritieren, geschweige denn anregen lassen. Wenn man als Soziologe zur Erklärung des Holocaust mit Konzepten wie binäre Codierung, autopoietische Reproduktion oder selbstreferenzielle Schließung hantiert, mag man sich zwar in der eigenen auf diese Theorie spezialisierten soziologischen Subsubgruppe als ambitionierter Theoretiker profilieren, Wissenschaftler anderer Disziplinen hingegen werden solche in ihren Ohren unnötig kompliziert klingenden Erklärungsansätze mit guten Gründen einfach ignorieren.[4]

Die Leserinnen und Leser dieses Buches können jedoch beruhigt sein. In diesem Buch wird nicht nur auf die für Nichtsoziologen häufig abschreckend wirkende Darstellung systemtheoretischer Grundlagen verzichtet, sondern darüber hinaus werden die soziologischen Überlegungen an einem konkreten Beispiel illustriert: dem Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, derjenigen »Tötungseinheit« des NS-Staates also, die bisher in der Wissenschaft am ausführlichsten untersucht worden ist.[5] Gerade weil zu diesem 10Polizeibataillon scheinbar alles gesagt ist und gerade weil dieses Bataillon so kontrovers diskutiert wurde, sollen die Stärken eines soziologischen Erklärungsansatzes in Ergänzung und häufig auch im Kontrast zu bereits existierenden Erklärungsmustern der Holocaustforschung deutlich gemacht werden.

Jenseits der Kontroverse zwischen »ganz normalen Männern« und »ganz normalen Deutschen«


Das Reserve-Polizeibataillon 101 zieht in der Forschung deswegen so viel Aufmerksamkeit auf sich, weil dessen Angehörige in einem auffälligen Maße »normal« waren. Bei den in Hamburg ausgehobenen Polizisten handelte es sich überwiegend um Familienväter, die zivilen Berufen wie Hafenarbeiter, Friseur, Handwerker oder Kaufmann nachgegangen waren, bevor sie als Polizeireservisten nach Polen verlegt wurden. Nur die wenigsten der etwas über 500 Bataillonsangehörigen hatten sich vor ihrem Einsatz in Polen als engagierte Nationalsozialisten oder SS-Männer hervorgetan.[6]

11Die kontrovers geführte Debatte über dieses Polizeibataillon dreht sich um die Frage, in welchem spezifischen Sinne diese Männer »normal« waren.[7] Waren es – so die Zusammenfassung der bisherigen Debatte in einer einzigen Frage ? »ganz normale Männer« oder »ganz normale Deutsche«? Den unbedarften Leser mag dieser Gegensatz überraschen, weil es naheliegt, dass es sich in der Zeit von 1933 bis 1945 bei Hamburger Polizisten mehrheitlich, wenn nicht sogar ausschließlich sowohl um »Männer« als auch um »Deutsche« gehandelt hat. Die Betonung des einen oder des anderen Wortes macht in der Debatte jedoch den grundlegenden Unterschied aus.

Mit der Betonung des Wortes »Männer« wird herausgestellt, dass im Prinzip jede männliche Person zur Tötung der Juden imstande gewesen wäre, wenn sie sich nur in der gleichen Situation 12wie die Angehörigen des Polizeibataillons befunden hätte. Damit diese »ganz normalen Männer« zu »Mördern« werden konnten, bedurfte es – so besonders Christopher Browning – einer Reihe von Bedingungen: Einer »Brutalisierung in Kriegszeiten«, eines ausgeprägten »Rassismus«, eines »arbeitsteiligen Vorgehens verbunden mit wachsender Routine«, eines gerade in der Führungsschicht dominierenden »Karrierismus«, »blindem Gehorsam und Autoritätsgläubigkeit« sowie einer »ideologischen Indoktrinierung und Anpassung«. Dazu kamen eine »ausgeprägte Korpsmentalität«, »ein erheblicher Gruppendruck« sowie »Alkoholexzesse, verbunden mit einer immer weiter fortschreitenden Abstumpfung gegenüber Gewalttaten jeder Form«.[8] Hinter diesem Bündel aus handlungsleitenden Faktoren steckt letztlich ein moderater strukturalistischer Ansatz, der auf die eher begrenzten Handlungsmöglichkeiten einzelner Personen im Zwangsapparat des NS-Staates verweist.[9]

Mit der Betonung des Wortes »Deutscher« wird nicht ausgeschlossen, dass Brutalisierung, Gruppendruck oder Autoritätsgläubigkeit eine Rolle gespielt haben. Gerade bei den nichtdeutschen Beteiligten am Holocaust – zum Beispiel den in den besetzten Gebieten rekrutierten Hilfstruppen aus nichtjüdischen Ukrainern, Polen, Letten, Litauern oder Esten ? seien, so das Argument, solche Faktoren wichtig gewesen, und auch bei den deutschen Polizisten, SS-Angehörigen und Wehrmachtssoldaten könnten diese Aspekte nicht komplett ignoriert werden. Diese Faktoren seien aber für das Verhalten der Deutschen bestenfalls zweitrangig gewesen. Die »ganz normalen Deutschen« seien – so besonders Daniel Goldhagen – aufgrund eines lange schon vorherrschenden und auf Ver13nichtung zielenden Antisemitismus zu dem Schluss gekommen, »dass die Juden sterben sollten«. »Die Täter« hätten sich an ihren eigenen, kulturell tief verankerten »Überzeugungen und moralischen Vorstellungen« orientiert und die Massenvernichtung der Juden deshalb für gerechtfertigt gehalten. Diese Erklärung ist letztlich die radikale Variante eines voluntaristischen Ansatzes in der Holocaustforschung, der auf den eigenen Antrieb der Täter verweist. Die Deutschen, so die Kurzformel, »wollten nicht Nein« zum Holocaust sagen, ja, sie wollten sogar zu großen Teilen Ja zur Ermordung der europäischen Juden sagen.[10]

Aus einer soziologischen Perspektive sind beide Erklärungsansätze unbefriedigend. Der voluntaristische Ansatz, das Verhalten über einen tiefsitzenden eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen zu erklären, geht von einer simplen Übereinstimmung zwischen den Zwecken der Polizei – »Vernichtung der europäischen Juden« – und den Motiven der Organisationsmitglieder – »eliminatorischer Antisemitismus« ? aus.[11] Diese Erklärung versagt 14aber spätestens dann, wenn es um die Beteiligung von nichtdeutschen Hilfskräften – den »Fußvölkern der Vernichtung« – geht.[12] Demgegenüber hat der auf die Vielzahl von Faktoren verweisende strukturalistische Ansatz zwar den Vorteil, dass man sich mit einem Strauß von Erklärungen letztlich nicht irren kann. Aber das ist auch der Nachteil. Die unterschiedlichen Motive werden in einer biederen Faktorenforschung aneinandergereiht.[13] Die verschiedenen Aspekte werden weder...

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