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Gebrauchsanweisung für die Schweiz

12. aktualisierte Auflage 2017. Unter Mitarbeit von Peter Schneider

AutorThomas Küng
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783492955546
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Hier ist alles ein bisschen schöner - die Seen, Berge und Städte, die Menschen, die Läden und die Kleider: in der Schweiz, dem viersprachigen Alpenland zwischen Kunst, Käse und Kanton, Idylle und Industrie­nation. Thomas Küng kennt nicht nur die Schoko­la­denseiten seiner Heimat, die weltberühmt ist für ihre Präzisionsprodukte. Mit Wortwitz und Ironie schreibt er über Mentalitäten, Geschäftsusancen und die Riva­lität der Städte, nimmt uns mit nach Zürich, Luzern und Genf, zur Basler Fasnacht und in die Hauptstadt Bern, wo 1954 für Deutschland ein Wunder geschah. Er verrät, warum kein Schweizer Müsli isst und wie Sie sich in all dem Chrüsimüsi zurechtfinden. Und dass tschute und Fußballspielen ein und dasselbe sind.

Thomas Küng, 1956 in Zürich geboren, arbeitete als Hörspielautor und ist Musikjournalist und Filmkritiker für verschiedene Publikationen. Außerdem etablierte er den Küng Verlag und ist Verleger von Rätsel- und Sudoku-Magazinen sowie Comics. Thomas Küng lebt in Zürich.

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Leseprobe

Der harte Kampf ums Mittelmass –
Der Schweizer an sich


Die Durchschnittsschweizerin ist 166,1 Zentimeter gross, 62 Kilogramm schwer, der Mann 10 Zentimeter grösser und 74 Kilogramm schwer. Jeder Zweite duscht täglich. Der Schweizer stirbt mit 79,4 Jahren, 1 Monat, die Schweizerin mit 84,2 Jahren. Vorher bringt sie 1,46 Kinder zur Welt, was bekanntlich auf die Dauer zur Erhaltung des Artbestandes nicht ausreicht. Der Schweizer ist zu gut 40 Prozent katholisch, zu 35 Prozent protestantisch. In drei von vier Jahren macht der Schweizer ausgiebig Ferien, was die Schweizer zu einem der reisefreudigsten Völker der Welt macht. »Kunststück, wir haben auch das beste Ausland.« Solche Sprüche sind unüblich und verpönt, und selten, denn die Schweizer sind – wie angedeutet – nicht besonders zynisch oder sprachlich schlagfertig.

Aber sie sagen nicht häufiger Ja, wenn sie Nein meinen, als die Deutschen, sind insgesamt vielleicht ein bisschen bockiger und verschlossen abwartend – vor allem in Begegnung mit Deutschen. Und wenn Ihnen die Schweizer »noch ganz sympathisch« sind, sind den Schweizern die Deutschen eigentlich »gar nicht so sympathisch«. Denn sie hegen gegenüber jenen tiefsitzende Minderwertigkeitskomplexe. Sie fühlen sich von den Deutschen nicht so recht ernst genommen. Dass die hier alles so »niedlich und süss« finden, selbst die omnipräsenten Diminutive, das freut den Schweizer nicht.

Kommt in einem deutschen Film ein Schweizer vor, ist er meist halb debil und ein bisschen ungehobelt, ungeschickt, ein Aborigine. Dafür treu und verlässlich. Vielleicht meinen auch deswegen viele Deutsche, ihr Geld sei in der Schweiz vor Scharlatanen sicher.

So einfach ist das natürlich nicht. Der Solothurner Schriftsteller und Sozialdemokrat Peter Bichsel schrieb, dass die Schweiz in Deutschland ein Spiessertraum sei, dass die Schweizer aus falscher Liebe nicht ernst genommen würden. Und weil’s so praktisch sei, hätten die Schweizer die Sichtweise der Deutschen übernommen und spielten diese Rolle weiter, um davon zu profitieren. Wenn nötig, spielt der Bankier also die bäurisch zuverlässige Kontaktperson: die Schweizer, die am nächsten lebenden Exoten. Zunächst einmal sollten Sie der Tatsache unerschrocken ins Auge blicken, dass Sie die Schweizer mögen, aber nicht umgekehrt.

Der Schweizer mag den Deutschen nicht. Der Schweizer liebt am Franzosen die lockere Lebensart, am Italiener die temperamentvolle Spontaneität – und hasst am Deutschen vor allem sich selbst. Hier muss man präzisieren: Der Deutschschweizer tut das. Nicht, dass die Tessiner die Deutschen liebten, ebenso wenig aber mögen sie die Deutschschweizer Mercedesfahrer. Hingegen ist das Verhältnis der Deutschschweizer zu den Deutschen ein spezifisch deutsch-deutsches (wie es früher hiess), nämlich ein gespanntes. Wir sagten, es sei der Selbsthass, der den Schweizern die Beziehung zu den Deutschen vergällt. Und es ist der Neid. Beides zusammen gibt eine unangenehme Mischung.

Die Deutschen sprechen viel gewandter. Die Schweizer fühlen sich demgegenüber dumm und unbeholfen. Aber was die Deutschen so schnell und flüssig daherreden, ist ja vor allem arrogantes Geschwätz. Die Schweizer hassen die langweilige Stabilität ihres Landes und hassen ihren Reichtum, und darum sind die Deutschen die unangenehmen Protzer, die einem armen, aber stolzen Volk von Bergbauern immer dreinreden müssen.

Die Vorurteile gegen die Deutschen sind – um es in Anlehnung an Karl Kraus zu sagen – gerade so richtig, dass auch das Gegenteil nicht falsch wäre. Das Gleiche gilt für die Selbstwahrnehmung der Schweizer. Und weil beides zusammenhängt, ergibt das ein Gemenge an Schief heiten, das schier unkorrigierbar ist. Versuchen Sie einem netten Schweizer, den Sie mögen, zu erklären, Sie schätzten seine Weltgewandtheit (immerhin spricht er Italienisch und Französisch leidlich fliessend und kannte Florenz und die Toskana schon wie seine Westentasche, lange bevor der deutsche akademische Mittelbau überhaupt wusste, wo das liegt), Sie werden auf energischen Widerspruch stossen. Der Schweizer verachtet zwar die Deutschen, die zum Chianti Schianti sagen, aber darauf, dass er es besser weiss, kann er nicht stolz sein, weil er sich insgeheim noch viel tolpatschiger fühlt. Das Gefühl werden Sie ihm kaum nehmen können; es ist mehr als ein liebgewordener Besitz, es ist ein Stück seiner Identität. Versuchen Sie dennoch immer wieder, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Vielleicht ist es ja wie bei den Medikamenten: Viel hilft viel, und unter Umständen schlägt die Medizin der Komplimente in den nächsten hundert Jahren beim einen oder anderen doch mal an. Halten wir eines ein für alle Male fest: Natürlich ist die Schweiz provinziell; um vieles provinzieller noch sind zahlreiche Vorurteile über die Provinzialität der Schweiz.

Die reflexartige Abneigung lässt sich sicher überwinden und abbauen, aber bei Schweizern gilt, was hierzulande bei polizeilichen Vermisstenanzeigen oft angefügt wird: »Um schonendes Anhalten wird gebeten.« Schweizer sind im Grunde freundliche Menschen, wenn man sie nur lässt. Wie die Deutschen.

Sooo zurückhaltend mögen Ihnen die Schweizer auf Anhieb gar nicht scheinen. Es dürfte Ihnen schnell auffallen, wie häufig Sie gegrüsst und mit guten Wünschen überhäuft werden. Sie setzen sich an einen Tisch in einem Restaurant, und Ihnen ist nicht nur ein Grüezi der bereits anwesenden Gäste sicher. Dampft dann ein Teller Spaghetti vor Ihnen, kommt das unvermeidliche en Guete (guten Appetit), und wenn Sie gehen, begleitet Sie ein adieu, en schööne (einen schönen … Abend oder so) oder e schööns Tägli bis zur Tür. In kleinen Geschäften ist solche Freundlichkeit selbstverständlich, in ländlichen Gebieten gar auf der Strasse anzutreffen. In grösseren Städten hat die Dame an der Kasse im Supermarkt für Sie ein Grüezi und ein Danke übrig, ungeachtet dessen, dass Sie der 400. Kunde am Tag kurz vor Ladenschluss sind.

Wenn Sie sich zu einer Wanderschaft entschliessen und dabei Gegenden durchmessen, deren Schönheit andere vor Ihnen entdeckt haben, erwischen Sie vielleicht einen Grüezi-Weg, das heisst, Sie begegnen so vielen anderen Wanderern, dass Sie vor lauter Grüezi-Sagen die Landschaft nicht mehr geniessen können.

Diese Freundlichkeit auf den ersten Blick darf Sie aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schweizer ziemlich reserviert bleiben, misstrauisch sind und bei möglichen Kontakten erst einmal abwarten. Bei einer gemeinsamen Liftfahrt mit einem Unbekannten überrascht er Sie mit einem Grüezi und dann nochmals damit, dass es dabei bleibt. Im Zug setzen sie sich mit Vorliebe in leere Abteile, und wenn sie sich zu anderen setzen müssen, überlassen sie es meist jenen, ein Gespräch zu beginnen. So warten sie von Zürich bis Genf auf ein Wort des Gegenübers, das die langweilige Reise ein wenig verkürzen könnte, steigen schliesslich in Genf aus und bestätigen sich dann selbst, dass sie so kontaktscheu seien. Oder sie rücken ein Inserat wie dieses in die Zeitung: »Du hast im Zug (Zürich-Genf, 11. 11., Zürich ab 11.07) die Weltwoche gelesen. Ich (mit Brille und feuchten Händen) bin in Bern leider ausgestiegen, ohne Dich anzusprechen. Tust Du’s?« Schweizer kommen auch mit Schweizern nur schwer ins Gespräch. Grundlos einen Fremden anlächeln geht nicht. In Tram, Zug und auf dem Trottoir kann man zwischen Stör-mich-nicht- und Lass-mich-bloss-in-Ruhe-Gesichtern unterscheiden. Wenn Sie als Mann grundlos eine Dame ansprechen, werden Sie zuerst beweisen müssen, dass Sie nichts Unanständiges im Sinn haben.

Es ist stets an Ihnen, den ersten (zweiten und dritten) Schritt zu wagen, trotz – oder gerade wegen – Ihres Handicaps, beeindruckend fliessend die deutsche Sprache zu sprechen.

Des Schweizers Zurückhaltung gegenüber Deutschen ist historisch – über Jahrhunderte – gewachsen. Despektierlich nennen Schweizer Deutschland dann und wann den Grossen Kanton, um die ausgesprochenen Komplexe ein wenig zu kaschieren. Zu echter Rivalität mit Deutschland im wirtschaftlichen und politischen Bereich kann es aber nicht kommen, darum wird sie in ein paar wenigen Disziplinen auf die sportliche Ebene verlagert. Ausgerechnet im Fussball ist für die Schweizer seit etwa einem halben Jahrhundert wenig zu holen. Der Frust wird sublimiert: Alle, die vier Jahre lang Spaghetti, Neger und Kanaken heissen, werden an Fussballweltmeisterschaften zu Freiheitskämpfern edelsten Gemüts, sobald sie gegen Deutschland spielen. Und als gar die italienischen Fussballer in Spanien Deutschland im Final (in der Schweiz heisst’s der Final, nicht das Finale) schlugen, tanzten die Schweizer mit den Tifosi in den Strassen und verkniffen es sich mit Mühe, italienische Fahnen zu schwenken. Wer mehr über das schwierige schweizerisch-deutsche Fussballverhältnis wissen will: Bruno Ziauddin zeigt in seinem Buch Grüezi Gummihälse ausführlichst, »dass es für einen Schweizer tausend Gründe gibt, dem deutschen Fussball nicht übertrieben wohlgesinnt zu sein – historische, ästhetische, sportliche und pychologische, blöde und ungerechte, von den Deutschen selbstverschuldete und unverschuldete.« Ausgerechnet beim Skilaufen, dem unbestrittenen TV-Nationalsport, können die Eidgenossen durchaus Sympathien für Deutsche entwickeln – vor allem, wenn die sich in wichtigen Rennen vor den Österreichern platzieren. Diese Rivalität ist noch ein paar Jahrhunderte älter.

Versuchen Sie also, die Schweizer mit Komplimenten von ihrer Verschlossenheit zu befreien. Dass...

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