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E-Book

Gebrauchsanweisung für Leipzig

AutorBernd-Lutz Lange
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783492967723
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Bernd-Lutz Langes Bühnenprogramme und Erinnerungsbücher sind legendär. Hier zeigt er uns sein Leipzig, die Messemetropole mit ihrer Kunstszene, dem Thomanerchor und dem Gewandhaus, den Passagen und Märkten. Er blickt auf seine tausendjährige Stadt, in der die Menschen freiheitsliebend und liberal sind. Er flaniert zu Auerbachs Keller, durch das Barfußgässchen, die Ausgehmeile. Er durchquert die Stadt neuerdings unterirdisch, durch den viel kritisierten wie gelobten City-Tunnel. Er fragt, was aus dem jüdischen Leben in der Stadt geworden und wie viel von der Buchstadt übrig geblieben ist. Er streift durch das Umland mit Weißer Elster und Cospudener See, porträtiert seine Heimat als Paradies für Paddler und Pedalritter.

Bernd-Lutz Lange, geboren 1944 in Ebersbach/ Sachsen, wuchs in Zwickau auf. Nach einer Gärtnerlehre studierte er an der Fachschule für Buchhändler in Leipzig. Er ist Gründungsmitglied des Kabaretts »academixer« und seit Jahrzehnten feste Größe auf Deutschlands Kleinkunstbühnen. Neben Kurt Masur gehört er zu den »Leipziger Sechs«, die sich am 9. Oktober 1989 für einen friedlichen Verlauf der Demonstrationen einsetzten. Im Oktober 2014 wurde er für sein Engagement für demokratische Verhältnisse in der DDR mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Lange lebt seit 1965 in Leipzig und ist Autor zahlreicher Bücher, darunter »Mauer, Jeans und Prager Frühling« sowie »Das Leben ist ein Purzelbaum«. Zuletzt erschien von ihm zusammen mit Tom Pauls »Nischd wie hin. Unsere sächsischen Lieblingsorte«.

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Leseprobe

Ankunft


Ortsfremde möchte ich mit dem Spruch eines bedeutenden Menschen an meine Heimatstadt heranführen. Nein, er stammt nicht aus dem kompletten Zitatenschatz des mit Leipzig verbundenen Johann Wolfgang von Goethe, sondern ist eine Sentenz vom ebenfalls genialen Gotthold Ephraim Lessing: »Ich komme nach Leipzig, an einen Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann.«

Wer hätte das erwartet? Lessing spielt natürlich auf unsere Messen an. Die haben die Bewohner der Stadt über Jahrhunderte geprägt, denn sie sahen dadurch immer mehr von der Welt als der Rest Sachsens. Leipziger sind weltoffen, der Kontakt mit Menschen aus anderen Erdteilen, der Austausch mit ihnen verhinderte den Absturz ins Provinzlertum.

Und sie hatten seit jeher Visionen. Wer zum ersten Mal in den Leipziger Hauptbahnhof einrollt, wird das bestätigen. Da haben die Altvordern den folgenden Generationen etwas ganz Besonderes hinterlassen. Es ist flächenmäßig der größte Kopfbahnhof Europas. Seit fast hundert Jahren fahren die Züge hier ein und aus. Reisende aus aller Herren Länder erreichen auf diesem Wege die Stadt. Und was die Eisenbahner an turbulenten Messetagen vollbringen, grenzt schon an Zauberei.

Der Reisende öffnet die Tür und hört: »Meine Damen und Herren …« Solche Begrüßungen gab es zu DDR-Zeiten hier nicht. Da stiegen keine Damen und Herren aus den Zügen, da hieß es: »Werte Reisende« oder – wenn die Verspätung gar zu groß war – höchstens mal »Sehr verehrte Reisende …«

Die nächsten Anschlüsse werden durchgesagt. Nach Zwickau, Dresden, Halle, Erfurt. Wir befinden uns in Mitteldeutschland.

Eine ältere Dame quält sich aus dem Waggon, eine junge Frau umarmt selig ihren Freund. Mühelos ziehen die Reisenden ihre Koffer über den Bahnsteig. Wie lange hat die Menschheit auf diese praktische Erfindung warten müssen!

Im Vorbeigehen fallen mir Werbetexte auf: »Du hast viele Seiten. Welche lebst du heute?« – Heute führe ich Sie über den Hauptbahnhof und durch die Stadt, freue mich mit Ihnen auf Leipzig.

Mein Blick schweift nach oben, und ich bewundere die imponierende Leichtigkeit der Eisenkonstruktionen in den Längsbahnsteighallen. Am Übergang zum Querbahnsteig blitzt eine Glasverkleidung, die eine Begrenzung dieses Raumes schafft. Auf den Scheiben werben die beiden übereinandergestapelten M mit dem Spruch: »Messen nach Maß.«

Auf dem benachbarten Bahnsteig erkenne ich an gleicher Stelle »Leipziger Volkszeitung«. Das Blatt warb eine Zeit lang mit dem Slogan: »Die liest man hier.« Der Spruch war aber letztlich recht simpel, da es – außer einem Boulevardblatt – keine zweite Tageszeitung in der Stadt gibt. Manche Leute meinten deshalb, es müsse eher heißen: »Die muss man hier lesen.«

Ist das Ende des Bahnsteigs erreicht, blickt der Reisende in die riesige Querbahnsteighalle. Die Sonne scheint durch die Oberlichter des kolossalen Baus; Millionen Stäubchen wirbeln durch den Raum.

Zur Einweihung 1915 war unser Hauptbahnhof einer der größten der Welt. Die Dresdner Professoren William Lossow und Max Hans Kühne konnten sich mit ihrem Entwurf »Licht und Luft« gegen 76 beteiligte Architekten durchsetzen.

Die beiden haben diese Kathedrale des Verkehrs entworfen, ohne Neid zu empfinden, dass die Landeshauptstadt nicht über so einen prächtigen Verkehrsbau verfügte. Sie haben bei ihren Planungen schon weit in die Zukunft gedacht. Desgleichen ist heute nicht mehr so in Mode.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof schwer zerstört. Sehe ich Fotos aus jener Zeit, dann bewundere ich immer wieder den Mut und den Willen der Menschen, im Angesicht der Ruinen nicht zu resignieren. Allein aus diesem Trümmerfeld mussten die Leipziger 34 000 Tonnen Schutt wegräumen, um den prunkvollen Bau wiedererstehen zu lassen.

Als ich zum Studium nach Leipzig kam und zum ersten Mal hier aus dem Zug stieg, fragte ich mich, wieso Leipzig nur so einen riesigen Bahnhof hat? Es ist der Weitsicht der Architekten und der damaligen Eisenbahn-Experten zu danken, die es verstanden hatten, die Bauherren von ihren Entwürfen zu überzeugen. Das Projekt war für die ständig wachsende Besucherzahl zu den Messen hervorragend konzipiert. Schon beim Anblick des Bahnhofs wird jedem Ankommenden klar, dass diese Stadt eine große Vergangenheit haben muss.

Ein Chronist aus dem Mittelalter nannte »München die schönste, Leipzig die reichste Fürstenstadt«. Vor allem um 1900 war meine Heimatstadt eine vermögende Metropole.

Erbaut wurde der Hauptbahnhof von 1902 bis 1915 auf dem Gelände von drei früheren Bahnhöfen. In Betrieb ging er schon 1913. Der Personenzug Corbetha – Leipzig kam damals pünktlich 5.26 Uhr an. Na ja, es ist eben schon lange her 

Die Bahnsteige 1 bis 13 waren unter preußischer, die Bahnsteige 14 bis 26 und die 5 Außenbahnsteige unter sächsischer Verwaltung. Man erzählt, dass sich die Dienstvorsteher genau in der Mitte des Querbahnsteigs trafen und nach einer zackigen Begrüßung, wie es sich für königlich-kaiserliche Beamte geziemt, entsprechende Informationen austauschten.

Es gab zwei Wartesäle, einen in der preußischen, einen in der sächsischen Hälfte. Über 1000 Fahrgäste fanden dort jeweils Platz. Im ehemaligen Preußischen Wartesaal hat sich jetzt die Bahnhofsbuchhandlung niedergelassen. Dagegen ist nichts zu sagen, Büchern kann man gar nicht genug Platz einräumen. Und der ist hier reichlich vorhanden. Etwa 15 500 Titel hat die Buchhandlung jederzeit vorrätig. Also, wer da nichts findet, dem ist nicht zu helfen! Nach dem Kauf kann der Bücherfreund die breite Treppe nach oben gehen, um im attraktiven Café bei einem Cappuccino schon mit dem Lesen der Neuerwerbung anzufangen. Schaut er vom Buch auf, hat er einen schönen Blick auf die Menschen an Regalen und Tischen in der Halle.

Im ehemaligen Sächsischen Wartesaal kann man auf der rechten Seite ebenfalls Kaffee trinken: Starbucks Coffee. Oder einen Latte Macchiato. »Dunkler Espresso vereint sich mit samtigem Milchschaum zu einer eleganten Versuchung.« In den Sesseln sitzen jene, die dieser eleganten Versuchung nicht widerstehen konnten.

Sie sollten aber zuerst einmal nach oben sehen, um den imposanten Lichthof mit den farbigen Bleiglasscheiben zu bewundern, und dann den Blick weiter zu den Messingkronleuchtern schweifen lassen. Unvorstellbar, wie prächtig die Altvordern diesen Wartesaal ausgestattet haben!

Der majestätische Raum offeriert auch ganz besondere landestypische Produkte: Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge. Und so leuchtet der Adventsstern das ganze Jahr über einer Vielzahl verschiedenster Pyramiden. Hier sind für Käufer aus Deutschland und der Welt die Jahreszeiten außer Kraft gesetzt, weil der Osterhase mit dem Christkind ein Stelldichein hat. Eine Fülle von Holz- und Drechslerwaren wartet auf Käufer, aus den Werkstätten verschiedenster erzgebirgischer Firmen – aus Seiffen oder Olbernhau oder wie die romantischen Orte alle heißen. Und Kinder drücken sich die Nase an den Scheiben platt, hinter denen die berühmten Engelorchester von Wendt & Kühn Aufstellung genommen haben.

Auf dem Querbahnsteig steht in der Nähe der DB-Lounge, ältere Menschen nennen das immer noch Wartesaal, die Büste des 1846 gestorbenen Friedrich List. Ihm ist es entscheidend zu verdanken, dass die erste deutsche Ferneisenbahn 1839 von Leipzig nach Dresden fuhr! Allen Befürchtungen zum Trotz – denn damals erklärte ein bayrisches Medizinal-Kollegium, dass der Bau von Eisenbahnen ein Verbrechen an der Volksgesundheit sei; das Tempo führe bei den Fahrgästen zu Gehirnerschütterung und bei den Zuschauern zu Schwindelanfällen. Letztere überfallen die Bahnkunden heutzutage angesichts der Preise für eine Fahrkarte, und so packen sie denn die Familie doch wieder ins Auto und reihen sich in die Staugesellschaft ein.

2014 feierte man also 175 Jahre Leipzig-Dresdner Eisenbahn, und bei der Gelegenheit sei daran erinnert, dass die in Dresden gebaute »Saxonia« die erste deutsche Lokomotive war. Sie gibt es leider nicht mehr, aber einen Nachbau können Sie immerhin im Dresdner Verkehrsmuseum besichtigen. Während seinerzeit die Eilpost mit Kutsche zwischen den beiden sächsischen Städten (alle 15 Kilometer erfolgte ein Pferdewechsel) rund neun Stunden für diese Strecke brauchte, dauerte nun eine Fahrt dank der grandiosen »Saxonia« nur noch knapp vier Stunden. Heute sind wir in einer Stunde und fünf Minuten in Elbflorenz – wenn die Bahn keine Verspätung hat. Doch das kommt leider nur zu oft vor.

Der Nationalökonom Friedrich List ist übrigens nicht nur der Initiator dieser Eisenbahn, sondern gilt als Vordenker der europäischen Einheit. Menschen wie er prägten unsere Stadt. Und nach der großen Vergangenheit Leipzigs, die gern da und dort beschworen wird, mühen sich nun die Bewohner in der Gegenwart, um in der Zukunft wieder daran anschließen zu können. Ab und an ist das schon gelungen, aber es ist eben schwer, nach zwölf Jahren Nazi-Regime, vierzig Jahren DDR und schließlich dem Beitritt im Jahre 1990 den Anschluss wieder zu bekommen 

Die Halle des imposanten Querbahnsteigs hat nach der Wende einen großen Teil ihres Grundes an eine geschäftstüchtige Idee verloren. Wer über das Geländer nach unten schaut, erblickt ein Eldorado für Kaufwillige – die Bahnhofspromenaden. Die laden seit 1997 zum Promenieren ein. An einem Tag nehmen etwa 100 000 Menschen diese Einladung an. In drei Etagen kann der Kunde an rund 140 Kassen treten.

Bahnhof allein rechnete...

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