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Gebrauchsanweisung für Nizza und die Côte d'Azur

AutorJens Rosteck
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783492972055
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Die Engelsbucht, die berühmtesten Corniches der Welt und ihr romantisches Hinterland, Fluchtpunkt der Literaten und Maler, der Boheme und der High Society- die Côte d'Azur ist einzigartig und ihr Ruf legendär. Der Autor porträtiert die Metropole Nizza in all ihren Facetten, nimmt uns mit auf Blumenmärkte und Friedhöfe, erzählt von Amuse-Bouches, von Luftschlössern und kuriosen Kopfgeburten- und davon, wie aus dem Sumpfgebiet Juan-les-Pins die Glamourenklave Antibes wurde. Er flaniert durch das Fürstentum Monaco, besucht die Filmstadt Cannes, die sich jeden Mai in einen einzigen roten Teppich verwandelt, das charmante Menton und dessen ramponierte Rivalin Saint-Tropez. Er verrät, wie Sie Ihr Strandtuch am besten platzieren und wo auch heute noch die (Lebens-)Künstler zu Hause sind.

Jens Rosteck, Jahrgang 1962, promovierter Musikologe, studierte Musik- und Literaturwissenschaft in Berlin und lebt seit 1990 in Frankreich. Zu seinen Buchpublikationen gehören »Zwei auf einer Insel«, das Doppelporträt von Lotte Lenya und Kurt Weill, die Doppelbiografie »Jane und Paul Bowles ? Leben ohne anzuhalten« sowie Monografien zu Bob Dylan und Oscar Wilde. Jens Rosteck wirkt als Buchautor und Musikforscher in Nizza.

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Leseprobe

Vorgeschmack auf Farbenrausch

Zur Einstimmung empfehle ich Ihnen, liebe Leser, neben einem ersten neugierigen Blick auf die Landkarte ein winziges Gläschen Limoncello vorab. Selbstverständlich nur, nachdem die Flasche mit diesem köstlichen, zuckrig-gelbgrünen Likör im Gefrierfach Ihres Kühlschranks schon die gebührende Patina angesetzt hat: eine dicke, frostige Eisschicht. Wenn Sie dann, nach – eigentlich noch unverdientem – Genuss, zum Aufbruch an diesen faszinierenden Landstrich bereit sind, schließen Sie doch einmal für eine Weile die Augen. Stellen Sie sich eine nur von schwacher Windbewegung aufgeraute Meeresoberfläche vor, deren obere Grenze sich irgendwo in der Ferne in konturloser Himmelsunendlichkeit verliert. Sprechen Sie dabei in stetem Wechsel zwei charakteristische Wörtchen halb laut vor sich hin, die Ihnen auf den nächsten Seiten oder in den kommenden Tagen ständig begegnen werden. Zuerst, sinnierend, das zweisilbige französische »azur«: sinnlich, verführerisch, mit einem zärtlichen z, das wie ein weiches, schnurrendes s klingt, und mit der Betonung auf dem langgezogenen, traumverlorenen ü, das sich in einem kaum hörbaren Aushauchen auf einem kehligen r verflüchtigt. Und gleich darauf das konsonantenreiche italienische »azzurro«, wie Sie es aus Adriano Celentanos phänomenalem Schlager aus den späten Sechzigern mit seinem aufgekratzten Marschrhythmus kennen. Einem Sommerhit mit Drive, den ihm Paolo Conte auf den Leib geschrieben hatte: Schnarrend, prägnant und lebensbejahend rührt dieser mal wie ein Triumphschrei geschmetterte, mal heiser geröhrte Dreisilber an unsere Seele und appelliert an unsere Sinne.

Im gleichen Maße wie sein gallisches Pendant weckt er, wenn auch ungleich ruppiger und großmäuliger, die schwer in Begriffe zu kleidende Sehnsucht nach einem ganz bestimmten, nur vor Ort zu erlebenden Farbton. Wer sich entschieden hat, an die Côte oder, wie die Engländer sagen würden, an die »French Riviera« zu reisen, ist längst davon ergriffen. Er oder sie wird nicht ruhen, bis er seiner habhaft geworden ist – und sei es auch nur für die flüchtige Dauer einer Aufnahme mit der Digitalkamera. Hoffnungslose Romantiker aller Epochen wollten damals – und möchten heutzutage – wenigstens einmal ihren Fuß auf die Kieselstrände und felsigen Ausläufer zwischen Toulon und Roquebrune setzen und die Gegend kennenlernen, in der jeden Winter mit schöner Regelmäßigkeit »die Zitronen blüh’n«.

In den Vokabeln »azur« oder »azzurro« spiegeln sich jedoch auch die vielfältigen Nuancen und untergründigen Widersprüche des Farbtons. Zugleich verraten sie bereits ein wenig von den Wesensmerkmalen dieser einmaligen Region. Zwischen den Landesgrenzen hat sie sich, nur wenige Dutzend Kilometer lang, eingenistet und liegt gewissermaßen zwischen den Stühlen des Empfindungsspektrums. Nie wirklich kalt, aber auch nie zu heiß. Stets mild, von Brisen und kühlen Lüftchen gemäßigt. Nicht vom Mistral gebeutelt, doch auch nicht von Tramontana oder Saharawinden verschont. Zwei Seiten einer Medaille. Nicht hier und nicht dort. Fremd und vertraut. Auf Abstand zu den Extremen. Noch erdverbunden und schon nicht mehr von dieser Welt – fast zu schön, um wahr zu sein. Noch nicht tropisch, aber fast uneuropäisch sinnlich und südlich.

Schon nicht mehr richtig ausschließlich französisch, aber auch noch nicht vollständig italienisch, im Niemandsland von grande nation und bella Italia präsentiert sie sich uns. Und gehört dabei, gottlob, niemandem und allen: Den Einheimischen, denen das vergötterte Himmels- und Meeresblau jahrhundertelang ziemlich einerlei war (und ist!). Den Griechen und Römern, die sich hier dauerhaft niederließen, eine weise und vorausschauende Entscheidung, von der wir noch heute profitieren können. Den Briten, die sie entdeckten, urbar machten und den Grundstein für ihren Ruhm legten. Den übrigen Franzosen, die sie umtauften, vermarkteten und für den Fremdenverkehr zugänglich werden ließen. Den Russen, die sie sich zur südlichen Winteroase auserkoren; den Adligen und Monarchen, die hier in mediterranen Gefilden, unter Palmen, Zypressen, Mimosenbüschen und Orangenbäumen ihre aus dem Norden importierten Gebrechen auskurieren wollten und zugleich im Reisegepäck ihre unheilbare Schwermut mitbrachten. Den Parisern, die ihr während der Belle Époque zum Mythos urbaner Mondänität verhalfen; den Amerikanern, die sie in den Zwischenkriegsjahren zur Enklave der Avantgarde und zum Mekka der fashionable people umfunktionierten. Den Literaten und Malern, Architekten und Bildhauern, die sie mit Überschwang zum Garten Eden hochstilisierten – und dabei Zeugnisse und Kunstwerke hinterließen, zu denen wir heute noch mit unverminderter Bewunderung aufblicken. Den Italienern, die sie erst um 1860 aus ihren Fängen entließen, aber noch immer ein wenig als ihr Eigentum erachten. Den Spielernaturen, Opfer ihrer Leidenschaft und leichte Beute versierter Croupiers, die sich in den Casinos der Küste ein ums andere Mal die gierigen Finger verbrannten und die es dessen ungeachtet zu Beginn jeder Saison wieder an die grünen Tische lockte. Den Flüchtlingen, Vertriebenen und Emigranten eines Schreckensjahrzehntes auf der verzweifelten Suche nach einem Sicherheit gewährenden Unterschlupf. Der Schickeria der Jetztzeit, Trendsettern, Medienstars und -sternchen, auf Neufranzösisch people genannt (landestypisch natürlich falsch ausgesprochen: »piipp-pöl-le«, mit irritierender Betonung auf der mittleren Silbe). Den Nudisten, die es allsommerlich in ihre Sonnenstadt Héliopolis auf der touristisch noch unverdorbenen Île de Porquerolles zieht. Den Anwärtern auf die Goldene Palme. Den Sprachstudenten und Kongressreisenden des beginnenden dritten Jahrtausends – den Nachzüglern von heute. Den Deutschen, Skandinaviern, Jetsettern aus Übersee, gewieften Nomaden und übrigen Weltenbummlern, die für ein Wochenende, einen Kurzurlaub, einen Kulturaufenthalt oder auch für immer ein bisschen abbekommen wollen von diesem beispiellos betörenden Blau und seinem Sehnsuchtspotenzial – seiner Vergangenheit und Geschichte sowie den Städten, Dörfern, Stränden, Sehenswürdigkeiten, Bergen, Geschichten und Legenden drum herum. Dem Stoff, aus dem die Träume sind.

Allez, nippen Sie noch ein zweites Mal. Denn jetzt sind Sie auf den Geschmack gekommen.

Nizza, Cannes, Monaco, Monte-Carlo, Menton, Sainte-Maxime, Antibes, Grasse, Saint-Tropez – der bloße Klang dieser Städte- und Ortsnamen versinnbildlicht wie kaum ein anderer Luxus und Glamour, Charme und Eleganz, luftige Leichtigkeit und guten Geschmack, mediterrane Lebenskunst und ungehemmten Hedonismus. Er verspricht tolerantes laissez-faire und grenzenloses plaisir, schwereloses dolce vita in Saus und Braus oder das angenehme Überwintern in einem irdischen Paradies. Er lässt an Glanz und Geld, an teure Jachten und funkelnde Casinos, an Apéritifs an der Croisette und an Jazzabende in Juan-les-Pins denken, an Segeltouren und Roulette, an Modenschauen und raffinierten small-talk, an Flanerien auf der kilometerlangen, in weitem Bogen geschwungenen, wie ein Fischernetz ausgeworfenen Promenade des Anglais und an blumengeschmückte Karnevalscorsi. An die roten Teppiche der Filmfestivals und an nicht enden wollende Sommernächte unter Sternenhimmel, an Bakkarat, Black Jack und ununterbrochenen Sonnenschein und natürlich immer aufs Neue an das mal azurblau schimmernde, dann wieder türkishell gleißende Mittelmeer.

Ein unendlicher Horizont und immense, im Mittagslicht glitzernde Farbflächen schieben sich hier, mal monochrom, mal changierend, unablässig ineinander: Dieses Meer ist Kulisse, Theaterbühne, Schauplatz, Showstar, Hautperson in einem. Tagaus, tagein. »Ja, das Meer ist blau, so blau!«, dichtete Bertolt Brecht einst mit genialer Simplizität, keine Tautologie scheuend, in seinem Happy End, Kurt Weill komponierte die schmissigen Rhythmen seines Matrosen-Tango dazu, und Lotte Lenya trällerte die entsprechende Songmelodie mit herber Intonation und ungebrochener Nonchalance. Diese drei mussten es wissen, hatten sie zuvor doch schon die gesamte Dreigroschenoper genau hier, zwischen Le Lavandou und Saint-Cyr an den Gestaden dieses verführerischen Küstenstriches, wie nebenbei ersonnen und der modernen Musikgeschichte zwischen zwei Strandnachmittagen, voll des fruchtigen Roséweines von Bandol, zu einem anspruchsvollen Welterfolg voller Ohrwürmer verholfen. Kreatives dolce farniente in Reinkultur.

Blau, so blau, wie die tiefdunklen Indigo-Leinwände eines Yves Klein mit ihren enigmatischen Abdrücken nackter Frauenkörper, die zum visuellen Inbegriff der »École de Nice« bezeichneten Künstlergruppe um ihn, Arman, César, Ben, Niki de Saint-Phalle, Martial Raysse und Sacha Sosno geworden sind. Einer Gruppierung, der man im Kulturviertel Nizzas als Weihetempel das imposant-futuristische MAMAC, ein über Halbmondbögen thronendes Museum für moderne Kunst, errichtet hat. Blau, so blau wie die Himmelsfarben eines Marc Chagall, der im Windschatten der méditerranée eine neue Heimstatt fand und auch bereits vor Ort über ein eigenes Museum für seine heiter-verspielten Bibelszenen auf riesigen Leinwänden verfügt. Blau, so blau wie die Hintergründe auf den Nizza verherrlichenden Seestücken und Aquarellen eines Raoul Dufy, dessen frappierendes Talent für Transparenz man früher in der Galerie des Ponchettes in unmittelbarer Meeresnähe bewundern konnte und dessen wie hingehauchte Stimmungsbilder man jetzt ein wenig ins Abseits, ins klassizistische Musée des Beaux-Arts auf dem...

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