Sie sind hier
E-Book

Gebrauchsanweisung für Sylt

AutorSilke von Bremen
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783492965569
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Sylt ist viel mehr als nur die Insel der Reichen und Schönen - Einheimischen und Stammgästen gilt sie als Königin der Nordsee, als Paradies und Weltanschauung. Ehrlich und hautnah erzählt Silke von Bremen von den Segnungen des Tourismus und vom Glück, ein echter Sylter zu sein. Von Sansibar und Gosch, Pidder Lüng und anderen Inselgrößen; vom Leben in List, dem nördlichsten Ort Deutschlands, von Westerland als Insel-Metropole und vom bekanntesten FKK-Strand der Nation. Sie verrät, was berühmte Schriftsteller in die Sylter Heide und Maler zum Roten Kliff zog, wie lange ein Reetdach hält und was sich hinter »Wohnen im Warftgeschoss« verbirgt. Weiht uns in die feinen Unterschiede zwischen schick und Schickimicki ein, zwischen Lachmöwe und Silbermöwe, Wanderdünen und Dünenwandern. Und führt uns dorthin, wo sich Sylt am besten anfühlt.

Silke von Bremen, Jahrgang 1959, aufgewachsen im Alten Land bei Hamburg, ist Diplom-Geografin. Sie kam der Liebe wegen nach Sylt und lebt mit ihrem Mann, dem Sylter Landschaftsfotografen Hans Jessel, in Westerland. Bis 1995 betreute sie das Sylter Heimatmuseum in Keitum und arbeitet seit 1999 als zertifizierte Gästeführerin auf der Insel. Sie veröffentlichte mehrere Bücher, u.a. mit ihrem Mann den Bild-Text-Band »365 Tage Sylt«.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Alles über Insulaner, Einheimische und Sylter

Auf Sylt gibt es – laut Zensus aus dem Jahre 2011 – um die 18000 gemeldete Einwohner. Wie viele Menschen sich im Sommer tatsächlich auf der Insel aufhalten, ist nicht eindeutig klar, und im Hinblick auf das Finanzamt – oder aus was für Gründen auch immer – halten sich die Anstrengungen, exakte Gästezahlen herauszufinden, eher in Grenzen. Die offiziellen Daten, gewonnen aus den Erhebungen der Tourismusbetriebe, verraten für die letzten Jahre einen beachtlichen Anstieg der Gästezahlen von 725000 (2006) auf rund 900000 (2015) und machen deutlich, wie der Bau der vielen neuen Hotelprojekte Wirkung zeigt. Dass die Zahl auch sonst nicht mehr als ein Richtwert sein kann, weiß auf Sylt jedes Kind. Denn die statistischen Daten können nur das wiedergeben, was ausgewertet wird. Kurkarten zum Beispiel. Aber nicht jeder Gast ist verrückt nach diesem kostenpflichtigen »Inselausweis«.

Man könnte vermutlich auch den durchschnittlichen Wasserverbrauch eines Deutschen im Sommer zugrunde legen und ihn mit den Zahlen der örtlichen Wasserversorger in Beziehung setzen. Und würde dann vermutlich feststellen, dass die Insulaner und ihre Gäste unter einem Waschzwang leiden oder die Leitungen leck sind.

Aber selbst wenn man sich diese Mühe machen würde, hätte man noch immer nicht die korrekte Zahl, da es derzeit keine zuverlässige Methode gibt, die im Sommer massenhaft anreisenden Tagesgäste (die, per Bus mittels Fähre oder über den Hindenburgdamm kommend, die Insel fluten) zu erfassen.

Aber wie viele Gäste die Sylter in der Saison auch bedienen, es ändert nichts an den besonderen gesellschaftlichen Strukturen der Insel. Mir kommt es manchmal so vor, als gäbe es hier zwei Parallelwelten, die zwar miteinander zu tun haben, weil sie sich nicht aus dem Weg gehen können, aber ansonsten für sich leben.

Da sind zum einen die Sylter, auf der anderen Seite die Gäste, gemeinhin als »Touris« bezeichnet. Manchmal purzelt einem Sylter der älteren Generation noch das Wort »Kurschwein« aus dem Mund. Dieser Begriff muss wohl noch aus der Zeit stammen, als man die Ställe aufmöbelte, um lieber Badegäste unterzubringen. So nach dem Motto »Kühe und Schweine raus – Kurgäste rein«.

Eigentlich müsste man als dritte Gruppe noch die zahllosen Festlandsbewohner mit einbeziehen, die sich jeden Morgen auf den Weg machen, damit das »System Sylt« nicht zusammenbricht, was durchaus geschehen kann, wenn das Bahnsystem selbst zusammenbricht. So haben es die konkurrierenden Betreiber wie die Deutsche Bahn AG, die DB Fernverkehr AG, die den »Sylt Shuttle« (für PKW) betreibt, die Railroad Development Corporation mit ihrem »Autozug Sylt« und vor Kurzem auch noch die privat betriebene Nord-Ostsee-Bahn 2016 fertiggebracht, die Zirkulation auf der Nabelschnur Hindenburgdamm praktisch zum Erliegen zu bringen. Mit dramatischen Konsequenzen für die Sylter Betriebe und schätzungsweise 4500 Pendler, die von den Syltern gern als »Schienenschieter« bezeichnet werden. Aber das würde zu weit führen. Konzentrieren wir uns einfach auf die Sylter und die Sylter Gäste. Immerhin haben Sie schon einen Eindruck davon gewonnen, dass die Insulaner im sprachlichen Umgang nicht zimperlich sind.

Im Übrigen auch nicht untereinander. Lange Tradition haben auf Sylt die sogenannten Oekelnamen. Eine Art Spitzname – das englische nickname trifft es am ehesten. Am besten kann ich Ihnen das an handfesten Beispielen erläutern: Im Sylter Osten lebte vor rund 100 Jahren eine »Dame«, die mehrere uneheliche Kinder hatte, wenn ich mich recht entsinne, hieß sie Merret. Die Sylter nannten sie alle nur »Merret ohne Büx«, und jeder wusste, um welche Merret es sich handelte, wenn dieser Name fiel. Das ist ein klassischer Oekelname.

Oder der frühere Milchmann Bleicken, dessen Pferd regelmäßig mit ihm durchging, weil es am Ende der Auslieferungstour zusah, dass es so schnell wie möglich wieder in den warmen Stall oder auf die grüne Wiese kam. Er wurde von den Insulanern nur »Bleicken ben Hur« genannt.

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Friesen Humor haben, wenn auch einen ganz speziellen … Die Tradition hat sich übrigens bis in die heutige Zeit erhalten, eine Bürgermeistersgattin, die in ihrer Rolle sichtlich glücklich war, hieß allgemein nur »Hillary«, ein längst von dannen gezogener Kurdirektor war »Herr Sarkozy von List«.

Aber ich schweife ab. Zurück zur Definition »Sylter«. Sylter? Tja … natürlich ist nicht jeder ein Sylter, der hier lebt. Auch nicht, wenn er hier geboren wurde.

Man lernt auf der Insel in kürzester Zeit, dass es viele Chancen im Leben gibt, selbst sechs Richtige nebst Zusatzzahl im Lotto sind möglich, aber ein Sylter zu werden, nein, das geht nach meiner Erfahrung nicht.

Und so kommt es zu den unterschiedlichsten Missverständnissen, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Wer jedenfalls glaubt, die Gnade der Sylter Geburt oder Wohneigentum machten einen Menschen zum Sylter, der lebt leider im Tal der Ahnungslosen.

Wie ein Kölner Ehepaar, das sich unlängst bei mir beklagte: »Stellen Sie sich vor, unsere Nachbarn begrüßen uns immer noch nicht mit ›Moin‹, obwohl wir doch nun Sylter sind.« Sie hatten sich vor zwei Monaten ein Apartment in Keitum gekauft.

Über die Bedeutung von »Moin« oder »Moin, Moin« streiten sich übrigens die Gelehrten. Für die einen bedeutet »moi« so viel wie »schön«, »Moin« also etwa »einen schönen« (zu ergänzen: Morgen, Tag, Abend), sodass man den Gruß den ganzen Tag anwenden kann. Andere halten »Moin« lediglich für einen verkürzten und abgeschliffenen »Morgen – Morjen – Morn«. Auf Sylt versteht jeder darunter, was er will.

Wichtig ist nur, wenn Sie mit diesem Gruß auf Sylt ernst genommen werden möchten, dass Sie das »Moin« ganz kurz und knapp betonen und das Wort unter keinen Umständen in die Länge ziehen. Und lieber nicht »Moin, Moin« sagen, das gilt als geschwätzig.

Spannend ist, wie einem äußerst subtil vermittelt wird, ein Sylter zu sein sei etwas ganz Besonderes.

Warum, das ist mir noch immer nicht ganz klar, denn warum sollte es ein Geschenk sein, auf dieser Insel geboren worden zu sein? Und zwar von Eltern, deren Eltern und auch deren Eltern ebenfalls hier geboren wurden? Wer käme schon auf den Gedanken, Frau Müller aus Klein-Kleckersdorf dafür zu beneiden, dass die letzten 20 Generationen ihrer Familie es nicht geschafft haben, sich endlich vom Acker zu machen und mal woanders ihr Glück zu versuchen?

Auf Sylt ist eben einiges anders, und manch einer ist zutiefst davon überzeugt, dass es erstrebenswerter ist, ein Sylter Friese zu sein, als ein anständiger Hanseat oder kölscher Jeck. Ich meine mich zu erinnern, in den ersten Jahren meines Insellebens einen Aufkleber gesehen zu haben mit dem bemerkenswerten Slogan »Mehr als Sylter kann ein Mensch nicht werden«. Mehr als staunen kann man da erst einmal nicht.

Gleichwohl ist es natürlich angenehm, mit selbstbewussten Menschen zu tun zu haben. In diesen Zusammenhang passt ein herrliches Zitat von Ernst von Salomon, der in den 1930er- und 1940er-Jahren zeitweise auf Sylt lebte und nicht nur ausreichend Gelegenheit hatte, die Insulaner zu studieren, sondern auch noch eine gute Beobachtungsgabe besaß: »Die Friesen pflegten seit je den höchsten Grad der Toleranz – jenen der völligen Nichtbeachtung anderer Sitten und Gebräuche.« Besser kann man es nicht formulieren – dieses Lebensgefühl wird von vielen Syltern souverän gelebt.

Die auf der Insel lebenden Menschen sind also mitnichten eine homogene Gruppe, die sich im Trachtenverein organisiert und geschlossen bei der freiwilligen Feuerwehr antritt.

Nein, die Gesellschaftshierarchie auf Sylt ist erheblich diffiziler.

Mögen in anderen Regionen Fürsten, Grafen oder Kaufleute die gesellschaftliche Oberschicht bilden – auf Sylt ist es der Sylter per se. Er ist sozusagen die Krone der insularen Schöpfung, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht erkennen kann. Aber sollten Sie auf jemanden treffen, der Sie ungefragt korrigiert, wenn Sie »in« Sylt statt »auf« Sylt gesagt haben, sind Sie schon ganz dicht dran.

Echte Sylter haben einen Stammbaum in der Tasche, der in die Zeiten von Pidder Lüng (so eine Art Sylter Störtebeker des 15. Jahrhunderts – wir kommen noch ausführlich auf ihn) zurückführt.

Sie heißen Petersen, Jansen oder Nielsen, denn früher gab es hier keine Familiennamen, der zweite Name des Kindes wurde einfach aus dem Vornamen des Vaters abgeleitet. Und bei allen, die »Andersen« hießen, wusste man vermutlich nicht, wer der Vater war … Bis es dem dänischen König zu bunt wurde, der ja schließlich Steuerlisten führen wollte. Und das war nur schwer möglich, wenn die Familien in jeder Generation fröhlich ihre Namen änderten. So gab es 1777 kurzerhand eine Verordnung, nach der die Sylter bis heute die immer selben Namen an ihre Kinder weitergeben.

Wenn diese Sylter zwei Tage auf dem Festland sind, werden sie ernsthaft krank. Schon wenn der Wind von dort herüberweht, können sie in eine starke Depression sinken. Und natürlich sprechen sie untereinander Friesisch, eine Fähigkeit, um die ich sie manches Mal glühend beneide. Sie können sich nämlich ungeniert, wenn sie beispielsweise in der Schlange vor der Post stehen, über die Umstehenden austauschen, ohne dass die Betreffenden auch nur ahnen, dass ihre Frisur oder ihre Garderobe gerade gründlich durchdiskutiert...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Europa - Tourismus und Reiseführer

Lost Places Magazine

E-Book Lost Places Magazine

Vielen Dank, dass Sie die erste Ausgabe des Lost Places Magazine geladen haben und wir wünschen Ihnen schon vorab viel Spaß beim Lesen und Blättern der digitalen Seiten. Begriffe wie 'Lost ...

Weitere Zeitschriften

Atalanta

Atalanta

Atalanta ist die Zeitschrift der Deutschen Forschungszentrale für Schmetterlingswanderung. Im Atalanta-Magazin werden Themen behandelt wie Wanderfalterforschung, Systematik, Taxonomie und Ökologie. ...

cards Karten cartes

cards Karten cartes

Die führende Zeitschrift für Zahlungsverkehr und Payments – international und branchenübergreifend, erscheint seit 1990 monatlich (viermal als Fachmagazin, achtmal als ...

Computerwoche

Computerwoche

Die COMPUTERWOCHE berichtet schnell und detailliert über alle Belange der Informations- und Kommunikationstechnik in Unternehmen – über Trends, neue Technologien, Produkte und Märkte. IT-Manager ...

die horen

die horen

Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik."...weil sie mit großer Aufmerksamkeit die internationale Literatur beobachtet und vorstellt; weil sie in der deutschen Literatur nicht nur das Neueste ...

dima

dima

Bau und Einsatz von Werkzeugmaschinen für spangebende und spanlose sowie abtragende und umformende Fertigungsverfahren. dima - die maschine - bietet als Fachzeitschrift die Kommunikationsplattform ...