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Gefahr ist mein Beruf

MH17, Pablo Escobar, Florian Homm - Deutschlands erfahrenster Privatermittler packt aus

AutorJosef Resch
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783843712491
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Manche nennen ihn Detektiv, Privatermittler oder Wirtschaftsfahnder, andere auch: Kopfgeldjäger. Er ist seit 35 Jahren im Geschäft und war u.a. bei den Entführungen von Richard Oetker und Jan Philipp Reemtsma involviert. Er kennt sich mit Zeugenschutzprogrammen aus und vor allem mit den Schwächen derjenigen, die er sucht. Vertrauen aufbauen und Misstrauen säen gehört zu seinem Geschäft. Resch ist bekannt für unkonventionelle Methoden. Auf seiner Website hat er 47 Millionen US-Dollar angeboten - für Hinweise die zur Klärung des Absturzes des Malaysia-Airlines-Flug MH 17 in der Ost-Ukraine führen. Bisher hat er die Öffentlichkeit gemieden. Kurz vor dem Ruhestand lässt Josef Resch (einen Teil) der in diesem Geschäft existentiellen Diskretion fallen. Er schildert konkrete Operationen, nennt Namen und beschreibt die Entstehung seiner Täterprofile, die ihn zu einer enormen Erfolgsquote führten.

Josef Resch, * 1949, ist seit 35 Jahren als Privatermittler aktiv. Er ist Geschäftsführer der Firma Wifka GmbH | Kapitaldienstleistungen.

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Leseprobe

Kapitel 1


Junior

Wie aus dem Jungen von der Alm
ein Privatermittler wurde

Bierkrüge wurden in die Luft gestemmt und krachten im dichten Nebel aneinander. »Ein Prosit« auf den einen, »zum Wohl« auf den anderen. Niemand wurde vergessen, keiner ausgelassen. Ein Grund fand sich immer. Das Akkordeon meiner Mutter lief heiß, virtuos nutzte sie ihr Repertoire an bayerischem Liedgut, um die Stimmung immer weiter aufzuheizen. Darin verstand sie sich wie kaum eine andere. Mein Vater hielt einen tönernen Bierkrug mit drei Löffeln in der Hand und klatschte im Rhythmus der Musik mit der anderen Hand dagegen. Die Dirndl-Bedienungen schleppten im Akkord frische Bierkrüge und Obstler an die Tische.

Es war eine reine Herrenrunde, die sich an diesem Abend so ausgelassen eine Auszeit von den Niederungen der Politik genehmigte. Es hagelte derbe Witze und beißenden Spott. Draußen in der Welt tobte der Kalte Krieg. Draußen vor der Schwaigeralm in Kreuth am Tegernsee hingegen der Winter. Der war auch kalt, bitterkalt sogar. Das Thermometer hatte sich bei minus zwanzig Grad eingependelt. Das war keine Seltenheit hier oben in 850 Metern Höhe. Doch der große Kamin sperrte die Kälte draußen vor der Tür aus.

Viele Schnäpse später stellte mein Vater den Bierkrug zur Seite, entzündete seine armlange Pfeife und setzte sich zu dem Mann, der in dieser Runde unangefochten die Rolle des Alphatiers innehatte. Er legte seinen Arm um ihn, schaute ihn mit seinen glücklich lachenden Augen an und sagte: »Weißt was? Wenn sie dich in Bonn nicht mehr brauchen, dann kommst zu mir als Schankkellner, weil saufen kannst gut.«

»Abgemacht«, sagte der und reichte meinem Vater die Hand.

Doch daraus wurde nichts. Er wurde in Bonn und in der kalten Welt noch gebraucht, auch wenn er das an diesem Abend noch nicht wissen konnte. Es war der Mann, der nur wenige Jahre später mit einer demütigen Geste, die um die Welt ging, das Bild vom bösen Aggressor Deutschland etwas zurechtrückte und das eiserne Tor zwischen dem Osten und dem Westen einen kleinen Spalt breit öffnete. Mein Vater durfte diesen symbolträchtigen Akt nicht mehr erleben. Er starb ein Jahr vor Willy Brandts Warschauer Kniefall im Alter von nur 48 Jahren.

Der Abend in dieser denkwürdigen Runde 1967 mit Willy Brandt und seiner Entourage war sicher einer der Höhepunkte im Leben auf der Schwaigeralm – der einzige war er aber keinesfalls. Meine Mutter Hermine hatte schon 1956 damit begonnen, ein Gästebuch zu führen, in das sich all die Prominenz eintrug, die uns im Laufe der Jahrzehnte auf der Schwaigeralm besuchte. Meine Eltern waren Vollblutgastronomen, die einfach ein Händchen für ihre Gäste hatten und jedem das Gefühl gaben, auf das Herzlichste willkommen zu sein. Sie machten dabei keinen Unterschied zwischen dem einfachen Holzarbeiter und einer königlichen Hoheit wie Kaiserin Soraya, die einmal mit ihrer Mutter Eva Esfandiary bei uns einkehrte.

Mein Vater hatte sich mit der Alm einen Lebenstraum verwirklicht. Der kleine Schustermeister vom Tegernsee, eines von sieben Kindern einfachster Arbeiter, hatte in 14 Jahren aus einer nur mit dem Notwendigsten ausgestatteten Bergalm einen Platz geschaffen, an dem sich neben Spitzen aus Politik, Film, Sport und Gesellschaft Urlauber und Einheimische gleichermaßen für einen Augenblick fallenlassen und oberbayerische Gastfreundschaft und eine ausgezeichnete Küche genießen konnten. Aber der Preis, den er dafür gezahlt hat, war eigentlich zu hoch. Ganze drei Tage Urlaub in all diesen Jahren sind ein Teil dieser Bilanz. Und jener Urlaub wurde in der Pension von Verwandten in Garmisch-Patenkirchen verbracht. All die anderen Tage hatten den immer gleichen Ablauf: morgens um fünf Uhr aufstehen, die Tiere versorgen, sich anschließend bis spät in den Abend ums Geschäft kümmern.

Mein erstes Gefühl für die Schwaigeralm war abgrundtiefer Hass. Sie war der Grund, warum ich das Liebste aufgeben musste, das ich als sechsjähriger Bub hatte: meine Schäferhündin Cora. Sie war meine ständige Begleiterin, als meine Großeltern die Schwaigeralm noch bewirtschafteten und ich mit meinen Eltern auf der Lodenfrey-Hütte lebte. Diese Hütte war der erste Versuch meines Vaters, sich von seinem erlernten Handwerk ab- und der Gastronomie zuzuwenden. Es war wirklich nichts anderes als eine Hütte, die in den Sutten, einem Skigebiet südlich des Tegernsees, lag. Eigentümer war die Firma Lodenfrey, die in München hochwertige Trachtenkleidung herstellt. Es gab eine Küche, einen Schankraum und unter dem Dach ein großes Matratzenlager für die Gäste. Meine Eltern hatten keine Sekunde gezögert, als sie das Angebot für die Bewirtschaftung bekamen. Ich war damals knapp drei Jahre alt, hier beginnen meine ersten Erinnerungen. Zwar waren ständig Menschen um mich herum, doch einsam war ich trotzdem. Ich lebte mit Cora in meiner eigenen Welt und lernte sehr früh, meine Tage selbstständig zu gestalten. Das Leben meiner Eltern war hart und bestand ausschließlich aus Arbeit. Ich lief nebenher. Was zählte, war das Wohl der Gäste.

Böse war ich deswegen nicht auf meine Eltern. Ich kannte ja kein anderes Leben. Mit drei Jahren stand ich sicher auf den Skiern, mit vier Jahren schickten mich meine Eltern hinab zur ein paar hundert Meter entfernten Moni-Alm, um Milch und Eier zu holen. Sorgen machten sie sich keine. Sie wussten, dass ich mich nicht verlaufen würde, und sie wussten, dass Cora ihr Leben riskieren würde, um mich zu beschützen. Einem Waldarbeiter und Freund meiner Eltern wäre das beinahe zum Verhängnis geworden. Als er mich auf einem dieser Erledigungsgänge im Wald traf, herzlich begrüßte und zum Spaß ein wenig in die Luft warf, sprang Cora ihm ansatzlos von hinten ins Genick. Er stürzte, und knurrend stand meine Hündin mit gefletschten Zähnen über ihm. Es muss ein seltsames Bild gewesen sein. Ein Vierjähriger rettet einen gestandenen Waldarbeiter vor einem zu allem entschlossenen Schäferhund.

Am 1. Mai 1929 hatten die Eltern meiner Mutter, Georg und Anna Steger, die Schwaigeralm übernommen, die damals wirklich nicht mehr war als eine kleine Bergalm. Es gab keinen Strom und nur eine einzige Feuerstelle. Fließend Wasser hatte nur der Sagenbach, der bis kurz oberhalb der Schwaigeralm über vier Kilometer unterirdisch verläuft und deswegen der kälteste Bach der ganzen Region ist. Im Sommer brachte der Verpächter sein Vieh auf die Alm, das auf den zu der Zeit noch wenig bewaldeten Bergwiesen rund um die Alm graste. Meine Großeltern durften für die Arbeit mit den Kühen und Kälbern umsonst wohnen und hatten das Recht, neben der Milch auch noch Kaffee und alkoholfreie Erfrischungsgetränke an Wanderer und Arbeiter zu verkaufen.

Die untere Etage des Hauses bestand praktisch nur aus der kleinen Küche und dem großen Gastraum. In der oberen Etage waren die Schlafkammern, die alle eisig kalt waren. Durch die unverschalten Zimmerwände blitzten in den ersten Jahren einzelne Sterne. Der Raureif ließ sich von den Wänden kratzen. Zwischen Fenstern und davorgehängten Winterfenstern hatten meine Großeltern dicke Stoffrollen mit Holzwolle und Sägemehl zur Abdichtung gestopft.

Die Winter hier oben waren einfach brutal. Daran sollte sich in den nächsten Jahrzehnten nicht viel ändern. Von Mitte November bis Mitte Januar schafft es kein einziger Sonnenstrahl über den Gipfel des Hohlenstein. Mit großer Gewissenhaftigkeit hatte sich mein Großvater auf den ersten Winter vorbereitet. Brennholz war genügend vorhanden, alle Lebensmittel waren im Herbst nach dem Almabtrieb eingekauft. Fiel der erste Schnee, gab es kaum etwas anderes zu tun als Wege in die bis zu drei Meter hohen weißen Massen zu schaufeln und zu sägen.

Mein Großvater starb 1951. Von da an war Großmutter gezwungen, die Schwaigeralm allein mit meiner Tante Bertha zu bewirtschaften. Als Bertha heiratete und zu ihrem Mann zog, kam der Hilferuf an meine Eltern. Sie müssten die Lodenfrey-Hütte aufgeben und sie bei der Arbeit unterstützen. Für meinen Vater war die Sache sofort klar, denn er sah großes Potential in der Alm. Anders als in der kleinen Hütte in den Sutten konnte er hier seine gastronomischen Pläne verwirklichen. Für Mutter bedeutete es eine Rückkehr in ihr Elternhaus, das Großvater vor ein paar Jahren endlich hatte kaufen können.

Auf der Schwaigeralm gab es immer noch keinen Strom. Meine Großeltern waren extrem sparsame Menschen, viel hatten sie seit ihrem Einzug 1929 nicht verändert. Womit auch? Das Geschäft reichte gerade eben zum Leben, aber bestimmt nicht für größere Investitionen. Was ich nicht geahnt hatte, war, dass ich durch unseren Umzug meine geliebte Cora verlieren würde, denn auf der Schwaigeralm gab es schon einen Hund. Einen Spitz, die damals groß in Mode waren. Bella hieß die falsche Schlange, und als mir meine Eltern offenbarten, dass wir Cora auf der Lodenfrey-Hütte zurücklassen müssen, weil es sonst blutige Kämpfe zwischen den beiden Hündinnen geben würde, hätte ich es gerne darauf ankommen lassen. Aus dem Kampf konnte nur meine Cora als Siegerin hervorgehen. Doch meine Eltern blieben hart. Cora blieb in der Hütte, Bella auf der Alm. Am liebsten wäre ich mit meinen sechs Jahren sofort zur Großmutter auf die Alm gelaufen, um den verhassten Köter im eiskalten Sagenbach zu ertränken. Stattdessen saß ich heulend zusammen mit meinen Eltern auf dem Traktor, der unsere bescheidene Habe von der Lodenfrey-Hütte zur Schwaigeralm brachte. Einen großen Anhänger haben wir nicht gebraucht. Meine Eltern besaßen nur wenig mehr als nichts.

Cora hatten wir an der alten...

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