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Gefangen in der Freiheit

Ein Leben in der religiösen Zwangsjacke oder wie schwer es ist, ein totalitäres System zu verlassen

AutorAna Lorena
Verlagtao.de
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl264 Seiten
ISBN9783958028166
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Was würden Sie sagen, wenn Sie Ihr halbes Leben verlieren? Und wie wäre es, wenn Ihnen jemand ein halbes Leben schenkt? Schwer zu entscheiden, nicht wahr? Wenn Sie die Chance hätten, einen nahen Verwandten zu erwecken, der seit über 30 Jahren im Koma liegt, würden Sie es tun? Er würde den Rest seines Lebens gewinnen, aber er würde auch überhaupt erst erfahren, dass er jede Menge Leben unwiederbringlich versäumt hat. Ungefähr so lässt es sich - mindestens geistig und seelisch - vorstellen, wenn ein Mensch aus einem radikalen Glauben auftaucht. Plötzlich steht eine völlig andere Art zu leben vor ihm, aber genauso plötzlich sieht er, dass eine machtvolle Täuschung hinter ihm liegt. Wer das Gefängnis eines isolierten und hermetisch abgeschlossenen Glaubenssystems verlässt, muss diese zwei Tatsachen bewältigen, mit allem Drum und Dran. Er kann sich lediglich entscheiden, ob er sich als gestorben empfinden will oder als neu geboren. Aber gerade das ist ja eben die große Besonderheit einer solchen Erfahrung ...

Nach 37 Jahren verlässt die Autorin die geistige Manipulation und seelische Vereinnahmung einer radikalen Glaubensgemeinschaft. Obwohl sie von Kindheit an nichts anderes kennt, tritt sie entschlossen in das Leben außerhalb dieser Zwangsjacke. Bis zu diesem Zeitpunkt liegt bereits eine Odyssee der Suche nach dem Ausgang hinter ihr, und ab diesem Moment ist sie auf sich allein gestellt und muss nahezu jeden Schritt in der Außenwelt neu lernen. Ihre innere Sehnsucht spielt dabei eine große Rolle, sie ist nämlich das einzige Indiz für den Weg, die Richtung und all die Entscheidungen, die sie zu treffen hat ...

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Leseprobe

Verschwundene Berge

Plötzlich waren alle Berge fort – unglaublich! Mit wachsendem Unbehagen beobachtete ich während der Fahrt, dass sie immer kleiner und weniger wurden, und dann waren sie ganz weg. Dass es Landschaften ohne Berge gibt, wusste ich gar nicht. Das hatte mir niemand gesagt, wahrscheinlich hatte es auch keinen interessiert. Aber hätte ich es mir vorstellen sollen, dann wäre ich erst recht dagegen gewesen. Schließlich aber war nur die Rede von einer größeren Wohnung und einem Kinderzimmer für meinen Bruder und mich. Doch selbst mit dem Versprechen eines Zimmers für mich ganz allein hätte ich diesen Deal nicht machen wollen. Nun, in den frühen Sechzigern war es nicht gerade an der Tagesordnung, Kinder in Familienentscheidungen mit einzubeziehen. Ich glaube, diese Idee galt damals generell noch als ausgesprochen abwegig, in meiner Familie auf jeden Fall. Wir fuhren in unserem ersten Auto, der ganze Stolz meines Vaters, auf der Autobahn Richtung Norden. Ich beobachtete alles. Meinen großen, schlanken Vater, der es irgendwie geschafft hatte, sich zusammenzuklappen, damit er in dieses Auto passte. Für meine Mutter, zwei Köpfe kleiner als er, war das Fahrzeug viel besser geeignet. Ich konnte sie natürlich nur von hinten sehen, aber wären sie erschrocken oder so beunruhigt gewesen wie ich, hätte zumindest meine Mutter dies aufgeregt kundgetan. Offensichtlich war dies wieder ein Gefühl, das es nur bei mir gab. Mein Bruder Rainer und ich saßen auf der Rückbank des Autos, einem Lloyd. Und da wir noch klein genug waren, sozusagen gut stapelbar, hockten wir dort oben auf dem Gepäck. Rainer war knapp zwei Jahre jünger als ich und nahm das Ganze ziemlich gelassen. Sein Autoquartett sorgte für die nötige Ruhe, verschwindende Berge zu beobachten, war wirklich nicht sein Ding. Überhaupt waren wir beide sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zu mir lebte er gerne im Haus, mochte aber keine Spaziergänge im Wald. Letzteres löste bei ihm die gleichen tränenreichen Aktionen aus wie bei mir tote Tiere auf dem Esstisch. Er benötigte für seine Seelenruhe keinen Garten, liebte dafür jedoch kräftiges Essen. Überhaupt war er schlicht und ergreifend ein Stubenhocker. Es war einfach nicht zu verstehen, weshalb sich unsere Eltern den Stress machten, uns einander angleichen zu wollen. Hätten sie auf mich gehört, hätte mein Bruder zu Hause bleiben, spielen und essen dürfen, und ich wäre im Wald und Garten geblieben. Allen wäre es gut ergangen. Aber nein, sie hatten einen Gerechtigkeitstick! Wir beide mussten unbedingt gleich behandelt werden. Wie blöd ist das denn? Gibt man einem Seehund und einem Kolibri etwa das gleiche Futter? Diese Frage stellte ich mir häufig, ich besaß nämlich ein wunderschönes Buch über Tierkinder aus aller Welt, und da gab es riesige Unterschiede! Warum musste man ausgerechnet Menschenkinder gleich machen? Doch das waren meine üblichen Standardgedanken, auf die es auch nur Standardantworten gab, meine Mutter pflegte in der Regel zu mir zu sagen: „Mensch, nimm doch das Leben nicht so schwer und kompliziert!“

Mein Unbehagen wurde immer größer, denn fehlende Berge in der Landschaft machten mir Angst. Diese Situation – ganz ohne Oma und Opa – mit einem unbekannten Ziel war ganz und gar nicht in Ordnung für mich. Den Abschied von meinen Großeltern, mit denen ich meine ersten sechs Lebensjahre verbracht hatte, empfand ich als sehr schmerzhaft. Früher lebten wir alle im gleichen Haus, allerdings in verschiedenen Wohnungen. Wir lebten nur eine Etage tiefer, und ich konnte die Großeltern jederzeit erreichen. Für mich war das optimal, für meine Mutter wohl eher schwierig, da sie und meine Oma nicht wirklich kompatibel genannt werden konnten. Beide Frauen erhoben Anspruch auf denselben Mann, meinen Vater. Sehr früh entwickelte ich dadurch eine tiefe Abneigung gegen Eifersucht. Nun war es mein größter Schmerz, dass mein Opa für mich nicht mehr greifbar war, er war nämlich mein unantastbarer Held. Er mochte fast alles, was mir wichtig war. Mit ihm war ich draußen in der Natur, wir werkelten im Garten, und auf langen Wanderungen im Schwarzwald beobachte er mit mir die Tiere. Mein Opa liebte mich ohne Wenn und Aber. Ich musste nichts dafür tun, sondern für ihn durfte ich einfach nur SEIN. Den Rest der Familie zurückzulassen, die Freunde und meine erste Schulklasse, fand ich nicht so dramatisch, aber doch nicht meine Großeltern! Das fühlte sich scheußlich und schmerzhaft an. Es war zwar gemischt mit der Vorfreude und Neugier auf das Neue, aber kein besonders schönes Gefühl. Allerdings habe ich solche Querulanten-Gedanken meist nicht kommuniziert, denn es hätte unerquickliche Belehrungen zur Folge gehabt. Mitzuteilen, dass ich mich – im Gegensatz zu allen anderen – nicht freute, hätte mit Sicherheit wieder „eine überkandidelte Extrawurst“ aus mir gemacht. Das konnte ich schon singen. Sehr früh schon hatte sich mir eingeprägt, dass meine Empfindungen allem widersprachen, was andere fühlten. Es schien mir selbst, dass meine eigenen Gefühle meine Umwelt terrorisierten, und das machte mir große Sorgen. Denn grundsätzlich empfand ich es als unverschämt, dass andere Menschen glaubten, ich teile ihnen vermeintlich störende oder mindestens Aufregung erzeugende Gefühle mit. Nichtsdestoweniger wollte ich – nur noch umso dringender - endlich „richtig“ fühlen lernen. Andererseits konnte ich mir nur schwer von Erwachsenen etwas vorschreiben lassen, da ich immer das Gefühl hatte, nur körperlich kleiner, aber „in Wirklichkeit“ viel älter als sie zu sein. Natürlich war ich schlau genug, dies nie auszusprechen, es machte dennoch viele Situationen schwierig. Das Zusammenleben mit meiner Familie empfand ich (außer mit Oma und Opa) als sehr anstrengend. Ich wollte dauernd draußen leben und nur zum Schlafen in die Wohnung zurück kommen, ich wollte nur essen, wenn ich Hunger hatte, und nicht nach einer blöden Uhr, die über mich bestimmte. Essen war überhaupt ein Dramen-Thema. Wieso sollte ich an einem Tisch essen, wenn ich doch alles im Garten fand und dabei nicht sitzen musste. Das wirklich Allerschlimmste aber waren die toten Tiere, die in Form von Wurst oder Fleisch auf meinem Teller landeten. Ich fand es widerlich und litt tränenreich darunter. Meine Oma erbarmte sich dann und gab mir alternativ Streichkäse und manchmal ein Ei. Bei dem hatte ich zwar den Verdacht, dass es ein unfertiges Tier war, hütete mich aber, das zu fragen, sonst hätte ich es mir bestimmt mit der Oma auch verdorben. Und das wäre keine gute Idee gewesen, denn Oma war zwar klein, aber energisch und willensstark, sie wäre mit jedem in den Ring gestiegen. Zum Thema Essen hatte sie zwar eine entspannte Haltung, aber ich wollte sie auch nicht reizen. Meine Mutter dagegen unterlag dem irrsinnigen Glauben, dass man zum Aufwachsen und Gesundbleiben Fleisch benötigt. Für diese Überzeugung kämpfte sie unermüdlich mit mir, bis ich 18 Jahre alt war. Sie hatte letztlich den Kampf gewonnen: Ich aß Fleisch und Fisch, verzichtete auf eine für meine Umwelt wahrnehmbare Pubertät, und vor allem war ich freundlich und pflegeleicht. Ihr Erziehungsprogramm war gelungen.

Den mühsamen Weg zu diesem grandiosen Erfolg kannte ich allerdings noch nicht, als die Berge hinter den Fensterscheiben unseres Lloyd verschwanden. Als wir an unserem Bestimmungsort ankamen, betrat ich das platteste Land, das ich je gesehen hatte. Es stresste mich auf Anhieb und auf ganz unerklärliche Weise. Es war ein Samstag, als wir die neue Wohnung in Besitz nahmen. Das große Kinderzimmer für Rainer und mich gab es wirklich. Hinter dem Haus, in dem noch fünf andere Familien lebten, lag ein Spielplatz. Herrlich, dahinter nur Wiesen und ein Bachlauf, das war wirklich vielversprechend. Mein erster beängstigender Eindruck verflog für ein Weilchen. Die nächsten dunklen Wolken zogen aber schon am Sonntag auf. Kisten auszuräumen und die Zimmer einzurichten, (das war wirklich nachvollziehbar wichtig) war nicht das Einzige, was mich interessierte, ich wollte es auch gerne gemütlich haben. Aber die Arbeit wurde plötzlich unterbrochen, und wir mussten uns „schön“ anziehen, was bedeutete, einen unbequemen Rock zu tragen, und das ließ nichts Gutes ahnen. Wir gingen zu einer Veranstaltung, die sich „Versammlung“ nannte und in der Altstadt von Bad Kreuznach stattfand. Schon aus Freiburg kannte ich das seit zwei Jahren, aber dort handelte es sich um einen sogenannten „Königreichsaal der Zeugen Jehovas“, der viel größer war als hier. Es waren dort viel mehr Leute, und wir fielen nicht so auf, außerdem war Oma immer dabei. Die Bad Kreuznacher Altstadt gefiel mir wirklich gut, und die Erbsengasse, unsere Zieladresse, hätte ich gerne mehr erkundet. Aber das war natürlich nicht der Grund, weshalb wir dort waren. Der „Königreichsaal“ lag hier in einem sehr kleinen Häuschen, man musste ihn über eine Art Hühnerleiter erreichen, was mich ein wenig an ein Baumhaus erinnerte. Ein Saal muss anders aussehen, dachte ich, das Schild war doch falsch! Es gab nur einen Raum, so etwas wie eine kleine Bühne mit einem Rednerpult, einem Tisch und zwei Stühlen. Ansonsten schmucklose, kahle Wände und vielleicht 30 alte Kinostühle, die laut schnappten, wenn man zu schnell aufstand. Das war alles. In der hinteren Ecke an einem Tisch wurden Bücher und Zeitschriften verkauft. Keine Bilder von Heiligen, keine Abbildungen von biblischen Geschichten, kein Kreuz, wie man es aus Kirchen kennt. Solche Darstellungen sind bei den Zeugen Jehovas verboten, sie zählen zum „abtrünnigen heidnischen Brauchtum“. Das würde für die nächsten Jahre eine wichtige Formulierung werden, stets kombiniert mit der Bemerkung: „Das ist verboten!“ Fast alles, was Spaß machte oder zu unserem...

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