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Geschichte des Rassismus und des Antirassismus in Luxemburg von 1970 bis 2011

AutorFabio Spirinelli
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl79 Seiten
ISBN9783656319849
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2012 im Fachbereich Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung, Note: 17,0, Université du Luxembourg, Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende Arbeit legt den Fokus auf zwei Aspekte, die eng miteinander verbunden sind. Zum einen soll untersucht werden, auf welche Weise sich rassistische Phänomene, wie Antisemitismus oder Islamophobie, in Luxemburg seit den 1970er Jahren manifestiert haben. Zum anderen soll die Entwicklung des Rassismus, sowie des Antirassismus, auf gesellschaftlicher und politischer Ebene analysiert werden. in diesem Kontext soll vor allem erläutert werden, welche Kontinuitäten und Zäsuren festzustellen sind. Rechtsextremistische Gruppierungen und rassistische Äußerungen werden ebenso in Betracht gezogen wie antirassistische Organisationen und Kampagnen. Auch die Rolle des Staates im Kampf gegen Rassismus wird in der Analyse eingeschlossen.

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Leseprobe

 

III. 1980 bis 1996: Eine Zunahme rassistischer Phänomene oder verstärkte Sensibilisierung?


 

III.1. Rassismus und Rechtsextremismus


 

Ein Merkmal der Periode zwischen 1980 und 1996 ist das Aufkommen rechtsextremistischer Gruppierungen. Diese mögen sich zwar nicht offen als rassistisch bezeichnen, doch gibt es einige Punkte, die sich mit rassistischen Ideologien aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichen lassen.

 

III.1.1. Die FELES als rassistische Vereinigung?


 

Im Zuge von Unstimmigkeiten innerhalb der Actioun Lëtzebuergesch und unter der Initiative von Charel Malané und Emile Schmit ist am 6. Oktober 1984 die FELES (Federatioun Eist Land Eis Sprooch) gegründet worden.[43] Schmit und Malané befürchteten eine „Überschwemmung“ portugiesischer Einwanderer und lehnten das Wahlrecht für Ausländer strikt ab, aus Angst, dass diese in Luxemburg das Ruder übernehmen könnten. „Luxemburg den Luxemburgern“[44], so lässt sich die Position der beiden FELES-Gründer zusammenfassen.

 

Die FELES setzt sich die Verteidigung Luxemburgs und der luxemburgischen Sprache zum Ziel.[45] Sie respektiere zwar die Bräuche und Sprache aller, aber im Gegenzug erwarte sie den gleichen Respekt für ‚ihre’ (d.h. die luxemburgische) Sprache, ‚ihre’ Bräuche und ‚ihr’ Staatssystem.[46] Die Sprache sei Teil der eigenen Identität.

 

Die FELES, welche ihre politische und religiöse Neutralität betont,[47] führt keinen offenen rassistischen Diskurs, allerdings gibt es in ihren Überzeugungen einige Parallelen zu rassistischen Theorien, insbesondere wenn es um die Angst vor dem Verlust der nationalen Identität geht. Ein Volk mit einer eigenen nationalen Identität bilde eine „Familie“ mit Recht auf Leben und Überleben. Letzteres sei allerdings durch innere und äußere Gefahren in Frage gestellt. Als innere Gefahr glaubt die FELES ein Abschwächen des Überlebensinstinktes zu identifizieren, sichtbar durch eine niedrige Geburtenrate sowie durch einen moralischen Verfall. Die äußere Gefahr würde sich bemerkbar machen, wenn der Einfluss der Ausländer überwiege.[48]

 

Mit diesem Gedankengut nähert sich die FELES den Vorstellungen eines französischen Schriftstellers und Philosophen, der mit seinem Essai sur l’inégalité des races humaines (1853-1855) viel zu den Rassentheorien beitrug: Arthur Comte de Gobineau (1816-1882). Gobineau verfasste seine Schrift in der Überzeugung, die Gefahren (Zentralisation und Konfrontation) für die französische Nation erkannt zu haben. Sein ideales Frankreich ist durch Ritterlichkeit, Ehre und dem aristokratischen Freiheitsideal geprägt, besteht aus Bauern und Aristokraten und zeichnet sich durch eine lokale Verankerung aus, also keine Zentralgewalt.[49]

 

Gobineau unterscheidet drei „Rassen“ mit jeweils unterschiedlichen Merkmalen: die gelbe, weiße und schwarze. Seine Rassentheorie überträgt er auf die französische Gesellschaft, wobei die „weiße Rasse“, von Natur aus überlegen, mit den Tugenden des Adels das ideale Frankreich symbolisiere. Gobineau wirft der Bourgeoisie („gelbe Rasse“) vor, den Adel zu korrumpieren.[50] Die „schwarze Rasse“, wenig intelligent aber mit überentwickelter Sinnlichkeit ausgestattet, sei stellvertretend für die Massen, der „entfesselte Mob“ in Frankreich.[51] Gobineau prophezeit eine Degeneration der „weißen Rasse“ durch den Einfluss der „gelben“ und „schwarzen Rassen“, welche in Zukunft die Geschichte beherrschen würden.[52]

 

Alphonse de Candolle (1854-1936) und Georges Comte Vacher de Lapouge (1854-1936) sind von Gobineau beeinflusst worden, allerdings versuchten sie ihre Theorien durch wissenschaftliche Erklärungen zu untermauern. Für de Lapouge, Vertreter des Sozialdarwinismus, stehe die arische „Rasse“, anpassungsfähig und den anderen „Rassen“ überlegen, vor der Herausforderung, überleben zu müssen. Die Feinde der Arier seien die minderwertigen „Rassen“, wie etwa die Juden.[53]

 

Dieser Exkurs in die Rassentheorie Gobineaus und zwei seiner Nachfolger soll eine komparative Analyse mit dem Diskurs der FELES ermöglichen. Die FELES redet zwar nicht von ‚Rassen’, in ihren Statuten erklärt sie sogar, dass sie die Kultur und Eigentümlichkeit „Anderer“ respektiere. Doch während es bei Gobineau die gelbe ‚Rasse’ ist, die eine Gefahr für die weiße darstellt, ist in der Vorstellungswelt der FELES das luxemburgische Volk durch die Ausländer gefährdet. Die nationale Identität laufe Gefahr einer „Degeneration“. Die Verbreitung ausländischer Kulturen und Lebensarten zwinge das luxemburgische Volk, sich an diese anzupassen.[54] Der Begriff der Ausländer wird auch nicht eingeschränkt, so dass Xenophobie und Rassismus hier Hand in Hand gehen.

 

Die FELES benutzt ein anderes Vokabular, doch dahinter verbirgt sich die gleiche Idee. Statt der arischen Rasse ist es die nationale Identität, an die Stelle der Juden treten die Ausländer. Die FELES lehnt eine inter- und multikulturelle Gesellschaft ab. Diese führe nur zu einem „Gulasch von Völkern“ und die „alten“ Kulturen würden zerstört.[55]

 

III.1.2. Der rassistische Diskurs bei der Gréng National Bewegung und der Eislécker Fräiheetsbewegung


 

Nachdem es innerhalb der FELES zu Streitigkeiten und Unstimmigkeiten gekommen war, ausgelöst durch die Kandidatur ihres Mitglieds Georges Dessouroux bei den Gemeindewahlen,[56] wurden 1987 zwei rechtsextreme Parteien gegründet: die Grüne Nationalbewegung (Gréng National Bewegung), sowie die Freiheitsbewegung des Oeslings (Eislécker Fräiheetsbewegung). Beide sind sich in ihren Zielen ähnlich, nur dass letztere den Schwerpunkt auf die bäuerliche Welt legt.[57]

 

Die GNB, später unter dem Namen National Bewegung (NB) bekannt, vertrat Ansichten, die sich kaum von denen der FELES unterschieden, nur wurden sie noch weiter ausgeführt, ohne politische Neutralität. Die GNB sieht sich als Verteidigerin der luxemburgischen Interessen und des luxemburgischen Kulturgutes, dazu zählte u.a. der „natürliche Lebensraum“,[58] ein Ausdruck der in ähnlicher Weise schon von den Nationalsozialisten benutzt worden war.[59]

 

Für die NB und die EFB gilt derselbe Leitspruch wie für die FELES: „Luxemburg den Luxemburgern“.[60] Im Rahmen ihrer Immigrationspolitik will die NB „illegale“ (d.h. sich illegal aufhaltende) Ausländer ohne Arbeit, die sich strafbar gemacht haben und von einer ansteckenden Krankheit befallen sind, abschieben.[61]

 

Die Programme der NB und EFB hat der Historiker Lucien Blau wie folgt zusammengefasst:

 

Les programmes du NB et du EFB expriment un différentialisme nationaliste qui se veut une rupture avec la modernité et qui porte en lui des tendances à l’auto-enfermement et à l’affrontement des cultures.“[62]

 

Die ethnische Einheit und Einheitlichkeit ist möglich und muss gegen jeglichen ausländischen Einfluss geschützt werden.[63]

 

Beide Parteien stellen sich auch gegen den Islam. Das Feindbild Jude, so Blau, sei bei der NB und EFB durch Moslem ersetzt worden. So wirft man den Muslimen vor, die „Weltherrschaft“ auf kultureller und wirtschaftlicher Ebene an sich reißen zu wollen. Laut der NB sollen in Luxemburg zahlreiche Geschäfte in den Händen von „Iranern, Arabern usw.“ sein.[64] Auf welche Quellen sie sich dabei beruft, bleibt schleierhaft.

 

Weder bei den Wahlen von 1989, noch bei jenen von 1994 gelang der NB ein Durchbruch.[65] Die EFB ist schon 1991 aufgelöst worden, die NB hingegen erst 1995.[66]

 

III.2. Rassismus in der Gesellschaft


 

Rassismus bedarf nicht unbedingt einer rechten Partei. In den 1980er Jahren gab es auch einen ‚unorganisierten’ und latenten Rassismus, rassistische Verhaltensweisen und Diskurse also, die sich außerhalb irgendwelcher Parteien oder Organisationen offenbarten oder in scheinbar flüchtigen Äußerungen und Handlungen ihren Ausdruck fanden.

 

III.2.1. Die natalistischen Thesen


 

Als Beispiel sollen die natalistischen Thesen von Georges Als, Direktor des STATEC zu jener Zeit, herangezogen werden, die schon bis in die 1970er Jahren zurückgehen.[67] In seinem Artikel „De la société traditionnelle à la crise de la famille“ aus dem Jahr 1989 macht er eine eher pessimistische Prognose für Luxemburg: „[…] le remplacement des générations n’est pas assuré du fait d’une chute excessive de la fécondité, ce qui fait planer une menace sur l’avenir du pays.[68]

 

Dieser düsteren Prognose sollte man nicht zu viel Gewicht...

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