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Gewalt und politischer Wandel im 1. Jahrhundert n. Chr.

AutorDirk Rohmann
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl261 Seiten
ISBN9783831606085
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis42,99 EUR

Die althistorische und philologische Forschung hat häufig darauf hingewiesen, dass die römische Literatur des ersten nachchristlichen Jahrhunderts in auffallender Weise von Darstellungen physischer Gewalt geprägt ist. Jedoch ist dieses Phänomen bislang weder schlüssig erklärt noch ist seine historische Aussagekraft eingehend untersucht worden. Diesen Versuch unternimmt Dirk Rohmann in der vorliegenden Arbeit:

Er analysiert die antiken Einstellungen sowie die textuelle Funktion von Gewalt anhand sprachlicher Untersuchungen, Bewertungen in der Philosophie sowie besonders erklärungsbedürftiger expliziter Beschreibungen von Gewalt in Geschichtsschreibung und Dichtung.

Die Arbeit diskutiert die Historizität und Tendenzen von Gewaltszenen sowie die Wahrscheinlichkeit und Reichweite nahe liegender historischer oder literaturgeschichtlicher Ursachen. Die Gewalt in der Literatur wird dabei als veränderte Form der politischen Kommunikation beschrieben, die wiederum die gewandelte Rolle der schriftstellerisch tätigen Aristokratie im frühen Prinzipat besser zu verstehen hilft.

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Leseprobe

3 Ästhetisierung der Gewalt (S. 54)

3.1 Einleitung

Neben Wortfelduntersuchungen und expliziten oder sporadischen Erörterungen des Gewaltbegriffs in der Philosophie sind die Gewaltszenen der Literatur selbst ein Indikator für antike Einstellungen. Damit diese bei der Rezeption nicht auf Ablehnung stoßen, müssen die grundsätzlichen Normen eingehalten worden sein.

Explizite Darstellungen extremer Gewalt in anspruchsvoller Literatur sind besonders aufschlussreich, da sich an ihnen Abweichungen vom heutigen Konsens am deutlichsten ausmachen lassen.

Einige Motive und Erzähltechniken wiederholen sich und scheinen erklärungsbedürftig, wie Standhaftigkeitstopoi, Todesdarstellungen, die durch die Art ihrer Ästhetisierung auf charakteristische Attribute im Leben des Betroffenen Bezug nehmen, sowie gravierende Differenzen in der Darstellung von Gewalt im Kontext von sozialer Gruppenzugehörigkeit.

Diese Motive finden sich sowohl in der Historiographie als auch in der fiktionalen Literatur, hauptsächlich in den Seneca zugeschriebenen Tragödien. Es soll im Folgenden diskutiert werden, wie sich diese und andere Motive, die sich einem modernen ästhetischen Empfinden zu entziehen scheinen, mit Kategorien, wie den bereits genannten, besser verstehen lassen.

Es geht dabei allein um die Diskurse, nicht um die Historizität der Darstellungen. Da die Literatur des ersten Jahrhunderts eine einzigartige Fundgrube für literarische Gewaltszenen darstellt, lassen sich auf diese Weise die antiken Einstellungen zur Gewalt selbst weiter herausarbeiten und problematisch erscheinende Institutionen, wie die Arenaspiele und öffentlichen Todesstrafen, mit anderen Kategorien verständlich machen, als in der Forschung bisher geschehen.

3.2 „Leben ist schlimmer als der Tod" – Standhaftigkeitstopoi

Die Bezeugung des Glaubens durch das standhafte Ertragen von extremen Schmerzen und Tod ist vor allem aus der christlichen Märtyrerliteratur vertraut.1 Doch finden sich ähnliche Motive bereits in der frühkaiserzeitlichen nichtchristlichen Literatur.

Besonders die Senecatragödien werfen in ihrer eigentümlichen Hyperbolie ein Schlaglicht auf Standhaftigkeitstopoi: Im Agamemnon sieht Elektra nach dem Gattenmord der Klytämnestra, die diese zusammen mit ihrem Liebhaber Ägisth durchführt, ihrem eigenen Tod unerschrocken entgegen. Aus diesem Grund möchte sie Ägisth lieber in einem Verlies verschmachten lassen, da „das Leben schlimmer sei als der Tod, wenn man sterben will".

Kassandra empfindet in der gleichen Szene Dankbarkeit, weil sie zur Enthauptung abgeführt wird. Im Hercules Oetaeus fasst Deianira, die ihrem Gatten Hercules unwissentlich todbringende Gewänder geschenkt hatte, den Entschluss zum Selbstmord.

Während ihre Amme auf das Schicksal der Verwandten von Selbstmordopfern hinweist, erscheint Deianira das Abraten vom Tod im Unglück als geradezu grausam: Nur gelegentlich sei der Tod eine Strafe, viel öfter jedoch für den Sterbenden ein Geschenk.

In den Phoenissae zählt der zum Sterben entschlossene Oedipus einen ganzen Katalog schwerstmöglicher Strafen auf, um schließlich den Beschluss zu fassen, weiterzuleben. Das gleiche Motiv bildet die Kernaussage des Hercules furens. Nach dem grauenvollen Mord an seinen sämtlichen Verwandten aus seiner Trance erwacht, entscheidet Hercules sich in der Unterwelt gegen den Selbstmord.

Die Seneca-Interpreten haben darin häufig eine Inkonsequenz des Dramas gesehen – zu Unrecht, wie richtig erkannt worden ist, denn in Anbetracht der vorerwähnten Textauszüge nimmt Hercules durch seinen Beschluss, am Leben zu bleiben, eine Strafe auf sich, die grausamer erscheint, als jede noch so langsame und qualvolle Todesart.

Handelt es sich bei dieser uns fremdartig erscheinenden Vorstellung allein um eine literarisch stilisierte Demonstration des stoischen Determinismus oder welche andere Motivation lag ihr zugrunde? Zweifellos besaß die stoische Philosophie eine große Anziehungskraft.

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis6
Vorwort8
Abkürzungsverzeichnis9
1 Einleitung10
1.1 Gewalt in der Literatur des ersten Jahrhunderts n. Chr.10
1.2 Ziele der Arbeit20
2 Was war Gewalt?27
2.1 Bisherige Forschungen zu antiken Einstellungen zur Gewalt27
2.2 Gewalt im Spiegel der antiken Terminologie31
2.3 Perspektiven von Gewaltdarstellungen41
2.4 Gewalt in der Philosophie46
2.4.1 Senecas De ira und De clementia46
2.4.2 Aspekte der Gewalt bei Plinius und im Stoizismus55
2.5 Zusammenfassung61
3 Ästhetisierung der Gewalt63
3.1 Einleitung63
3.2 „Leben ist schlimmer als der Tod“ – Standhaftigkeitstopoi63
3.3 „Zum Tod stehen tausend Zugänge offen“71
3.4 Dulce est dolorem reddere: Rache, Vergeltung, Talion81
3.5 Gewalt, Mitleid und sozialer Status91
3.6 Zusammenfassung100
4 Realismus und Tendenz von Gewaltdarstellungen102
4.1 Einleitung102
4.2 Der tote Kaiser103
4.3 Der grausame Kaiser107
4.4 Sklaven, „Barbaren“ und pagane „Märtyrer“123
4.5 Methodik der Autoren139
4.5.1 Hellenistisch139
4.5.2 Kaiserzeitlich147
4.6 Zusammenfassung150
5 Mögliche Erklärungen153
5.1 Einleitung153
5.2 Waren literarische Gewaltszenen eine Folge der verschärften Strafpraxis?154
5.2.1 Die so genannte Dichotomie zwischen honestiores und humiliores154
5.2.2 Literarische Zeugnisse zur Strafpraxis des ersten Jahrhunderts n. Chr.164
5.3 Waren Gewaltszenen eine Folge der zeitgenössischen Bühnenkultur, insbesondere der Gladiatorenspiele?181
5.4 Waren Gewaltszenen eine Folge der Alltagskriminalität?195
5.5 Zusammenfassung210
6 Ergebnisse213
Anhang217
Literaturverzeichnis217
Register der zitierten literarischen Quellen237
Personen- und Sachregister251

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