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E-Book

Globetrotter

Familien in interkulturellen Dienst

AutorAnnemie Grosshauser
VerlagVerlag der Francke-Buchhandlung
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783868277876
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis3,99 EUR
Planen Sie einen Auslandseinsatz oder sind Sie bereits im interkulturellen Dienst? Die Rahmenbedingungen für Auslandseinsätze unterliegen einem extremen Wandel. Eine Familie, die sich ins Ausland begibt, hat sich vielen Herausforderungen zu stellen. Globalisierung, erhöhte Sicherheitsrisiken, instabile politische Verhältnisse, das Internet und der Zwang zu größtmöglicher Mobilität führen zu sich ständig verändernden Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mit diesem Buch ermutigt Annemie Grosshauser die Familien, die sich diesen Herausforderungen stellen. Darüber hinaus bestärkt und sensibilisiert sie die Freunde, Gemeinden, Personalleiter und die Verantwortlichen der sendenden Organisationen in ihrer unterstützenden Begleitung. Sie macht auf Chancen und Verluste aufmerksam, die durch den kulturübergreifenden Dienst entstehen können. Im Zentrum ihrer Betrachtung steht die Belastbarkeit der Familie, die sich vorrangig auf drei Säulen stützt: die Ehefähigkeit der Eltern, die Achtung der Individualität der Kinder und die geistliche Stabilität innerhalb der Familie. Wenn Eltern auf dieses Fundament bauen, wird ihr Dienst sowohl für ihre interkulturell aufwachsenden Kinder als auch für die Menschen, denen sie durch ihr Vorleben und ihren Einsatz ein Zeugnis geben wollen, zum Segen.

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Leseprobe

1. Werte im Wandel

Der „innere“ Wandel, der sich in unserer Gesellschaft vollzieht, wird meines Erachtens häufig unterschätzt, wenn es um die Ausrüstung und die Belastbarkeit einer Familie geht, die sich auf einen interkulturellen Einsatz vorbereitet.

Im Vergleich zu unserem ersten Einsatz, bei dem wir recht unbedarft ins Ausland zogen und das Wort „Member Care“ noch ein Fremdwort war, werden Kandidaten heute sehr umfangreich auf die persönlichen, sprachlichen und kulturellen Herausforderungen vorbereitet. Durch psychologische Tests, Gespräche und umfangreiche Fragebögen wird versucht, den Kandidaten bestmöglich in seiner Persönlichkeitsstruktur und seinem Gabenpotenzial zu erfassen; durch gezielte Seminare wird das kulturübergreifende Denken geschult und Informationen über das Einsatzland vermittelt.

Erfassen wir aber dadurch wirklich die innere Struktur des Menschen, um ihn bestmöglich zu verstehen und für die Aufgaben vorzubereiten? Wie tief ist der Einzelne geprägt durch Faktoren, die heute so zur Norm geworden sind, dass wir ihre belastenden Auswirkungen fast übersehen?

Dysfunktionale Familie

Dass psychische Krankheiten, Gewalt in der Familie und Scheidungen drastisch zugenommen haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Dass dies auch zunehmend in christlichen Familien ein Problem ist, wird zwar anerkannt, aber den Auswirkungen nicht immer Rechnung getragen.

Schon Alexandre Rodolphe Vinet, ein Theologe und Literaturhistoriker des 19. Jahrhunderts, behauptete: „Das Schicksal des Staates hängt vom Zustand der Familie ab.“

Wir tun gut daran, die Familiendynamik und ihre Konsequenzen ernst zu nehmen, um entsprechende Hilfsangebote zu geben und Fehlentscheidungen vorzubeugen.

Jede sendende Organisation und Gemeinde versucht, umfassende Auswahlkriterien einzusetzen und weise Entscheidungen zu treffen, aber so manches Mal kann auch der Personalmangel im Ausland, die Überzeugung der Anwärter oder die eigene Erfolgsrate der treibende Motor sein.

Das folgende Beispiel verdeutlicht, welche Folgen das haben kann:

Eine junge Familie mit drei heranwachsenden Kindern möchte im Ausland Gott dienen. Die Eltern werden eingehend befragt, getestet und vorbereitet. Vor der Entsendung melden die Teamleiter im Einsatzland aufgrund der recht instabilen Familiengeschichte noch Zweifel an: Beide Eltern kommen aus zerrütteten Familien, waren vor ihrer noch recht jungen Bekehrung suchtgefährdet, der eine Elternteil hat eine psychiatrische Erkrankung in der Familiengeschichte. Nach ihrer eindrucksvollen Bekehrung stellt ihre Gemeinde sie auf ein Podest und unterstützt ihre Berufung in den Dienst mit großer Begeisterung.
Wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Übersee beginnt ein Zerrüttungsprozess in dieser Familie: Ihr junger Glaube und die Ehe halten dem Druck der kulturellen und geistlichen Herausforderungen des Einsatzlandes nicht stand. Sie verfallen wieder in alte Verhaltensmuster, und die Kinder werden zusehends instabil. Nach eingehender Bestandsaufnahme und Absprache aller Beteiligten kehrt die Familie in ihr Heimatland zurück, enttäuscht, aber letztlich äußerst dankbar, wie aus dem fortwährenden Schriftverkehr deutlich wird. Das rechtzeitige Eingreifen hat die Familie vor einer Katastrophe bewahrt, und sie hat sich in kurzer Zeit wieder stabilisiert.

Als ich sie später fragte, wie sie denn durch all die Tests, Fragebögen und Interviews gekommen seien, ohne „entdeckt“ zu werden, haben sie etwas verschämt gelächelt und gemeint: „Es war doch leicht zu durchschauen, worauf es ankam.“

Sicher, Garantien gibt es nicht, aber ein dysfunktionaler und instabiler Hintergrund sollte uns zumindest für die versteckten Nöte hellhörig machen.

Fehlende Stabilität kann im persönlichen Umfeld, in der Teamfähigkeit und dem interkulturellen Einsatz zu eingeschränkter Belastbarkeit führen, was sich u.a. durch eine reduzierte Frustrationstoleranz und den Hang zur ungesunden Kompensation (Internet, Videos, Süchte) zeigt. Zum Schutz der Kandidaten und des Einsatzteams als auch des Zeugnisses vor Ort ist hier große Umsicht geboten.

Geistliche Vorbelastungen

Menschen, die in ihrer Jugend oder später im Erwachsenenalter zum Glauben finden, haben häufig schon religiöse Erfahrungen verschiedenster Art gemacht. Nicht zuletzt durch die Drogenkultur der letzten Jahrzehnte, die Aufweichung der ethischen Werte und die zunehmende Orientierungslosigkeit sehnen sich Menschen nach einem Sinn in ihrem Leben. Auf der Suche danach geraten sie in das Fahrwasser von Sekten, fernöstlichen Gurus, esoterischen Methoden und okkulten Praktiken. Oder sie sind durch die okkulten Verstrickungen ihrer Eltern belastet, teilweise sogar darüber aufgeklärt, ohne sich jedoch ernsthaft darüber Gedanken zu machen.

Die meisten sind sich der Auswirkungen auf ihr Leben nicht bewusst, und oft erfahren sie nach ihrer Bekehrung auch keine vollmächtige Anleitung, sich dieser Belastungen zu entledigen und durch eine klare Absage neue geistliche Freiheit zu gewinnen.

Ein solches Angriffsfeld stellt ein potenzielles Risiko dar, vor allem auch für diejenigen, die sich in den interkulturellen Dienst begeben und in Ländern anderer religiöser Prägung arbeiten. Die persönliche oder auch familiäre Verletzbarkeit kann sich verstärken und in seelischen, körperlichen und geistlichen Symptomen Ausdruck finden.

Eine Familie mit zwei kleinen Kindern arbeitet in der islamischen Welt. Die vierjährige Tochter, die bis vor Monaten eine gute und normale Sprachentwicklung zeigte, beginnt heftig zu stottern. Ihre Eltern sind bestürzt und bitten mich um Rat. Liegt eine unbearbeitete traumatische Erfahrung vor? Braucht das Kind logopädische Therapie?, fragte ich mich. Ich fühlte mich geführt, mich bei den Eltern nach einem Freimaurer-Hintergrund in ihrer Familie zu erkundigen. Sie waren verdutzt und schauten mich ungläubig an. Ja, den gab’s: Der Großvater väterlicherseits war und ist darin sehr aktiv. Ich bot den Eltern an, mit ihnen für die Heilung und Freisetzung ihrer Tochter zu beten, was wir gemeinsam taten. Ein Jahr später traf ich diese Mutter wieder und sie berichtete mir strahlend, dass ihre Tochter von diesem Tag an wieder altersgemäß sprechen konnte.

Vielleicht ist dies ein extremes Beispiel, aber es verdeutlicht, wie „Altlasten“ uns und unsere Familien verletzbar machen können – sei es in unserem eigenen Umfeld oder im interkulturellen.

Mein Anliegen ist es, dass Kandidaten in diesem Bereich intensiv geschult werden, um durch hilfreiche Gebete Ruhe und Ordnung in den ohnehin turbulenten Dienst zu bringen.

Innerer Mangel

Aus der Entwicklungspsychologie ist bekannt, dass gerade die frühkindlichen Jahre die entscheidende Basis für eine gesunde seelische Entwicklung darstellen: Wärme, Liebe, Schutz, Nahrung. Doch dies ist heute immer weniger selbstverständlich, wobei die Berichte über verhungerte und zu Tode gequälte Kinder in Europa nur die Spitze des Eisberges darstellen.

Die feineren Formen sind Liebesentzug, konditionelle Liebe, sich streitende Eltern, harsche Erziehungsmaßnahmen bis hin zum geistlichen, körperlichen und sexuellen Missbrauch – und das auch zunehmend in christlichen Familien. Dies ist meine traurige Erfahrung. Immer wieder begegne ich Menschen, die ihre Gaben im Dienst einsetzen, aber irgendwie nicht zu einer inneren Freiheit durchdringen.

Der innere Mangel führt zu einer versteckten Not, die sich auf verschiedene Weise ausdrückt. Der Betroffene sucht nach Liebe, Sicherheit, Wertschätzung und Anerkennung; die fehlende Erfahrung und Reife drückt sich durch Selbstzentriertheit, Unzufriedenheit, kindisches und manipulatives Verhalten aus.

Leider verstärkt solch ein Verhalten weitere Ablehnung und bildet eine enorme Herausforderung gerade für multikulturelle Teams, die in der kulturübergreifenden Arbeit ohnehin oft über ihre Grenzen herausgefordert sind.

Nicht selten führen solche tiefen Mangelleiden zu einer erhöhten Rückkehrrate, da weder der Kandidat noch das Team entsprechend sensibilisiert und ausgebildet sind.

Viele Kandidaten sind sich dieses tief liegenden Mangels gar nicht bewusst, und von daher werden persönlicher Frust und erfahrene Ablehnung eher auf das Umfeld projiziert. Deshalb sind im Zuge der Jüngerschaftsschulung und Feldvorbereitung Seminare zu Themen wie Selbstwahrnehmung und Innere Heilung empfehlenswert. Wenn auch nicht alle Wunden gleich geheilt werden, so erhalten sie doch zumindest Erste Hilfe.

Medienkonsum

Der Medienkonsum ist enorm angestiegen: TV, Videos, Musik, Computerspiele und Internet haben eine starke Faszination auf Menschen, vor allem auf Jugendliche. Abgesehen vom nicht zu unterschätzenden Zeitaufwand führen sie auch zu einer erheblichen visuellen und mentalen Reizüberflutung, die in Konzentrationsstörungen und geringer Frustrationstoleranz, aber auch in mangelnder Sozialkompetenz und Isolierung ihren Ausdruck finden können.

Organisationen, Gemeinden und Teams, die junge Menschen aussenden bzw. empfangen, müssen sich dieser Entwicklung stellen. Die seelische und mentale Belastbarkeit wird zunehmend beeinträchtigt und damit auch die Anpassungs- und Teamfähigkeit. Außerdem werden die vermittelten Werte, wie z.B. Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Freiheit oft unbewusst und ungeprüft übernommen und erschweren die Anpassung an kulturübergreifende Werte.

So fühlen sich zum Beispiel manche junge Frauen durch...

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