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GLÜCK SUCHT LEBEN

Die Sucht nach immer mehr und wie wir uns davon befreien können

AutorBrigitte Witzer
VerlagAriston
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783641155438
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Machen, machen, machen - alles im Griff, aber innerlich am Ende
Wir sind abhängig von Anerkennung und Bestätigung - auf der Jagd danach agieren wir oft an der Grenze unserer Kräfte. Alkohol und Nikotin helfen, diese Grenze ein wenig auszudehnen; Shopping oder Marathonlaufen verschaffen uns die Befriedigung, die der Alltag uns nicht gibt. Wir sind süchtig und wissen es gar nicht, denn viele unserer Süchte sind unauffällig und gesellschaftlich akzeptiert. Experten schätzen, dass hierzulande mehr als jeder Vierte in der einen oder anderen Form süchtig ist - eine alarmierende Zahl. Hinzu kommen jede Menge Angehörige, Freunde, Bekannte, Mitarbeiter und Kollegen, die massiv darunter leiden.
Brigitte Witzer deckt unsere verborgenen Süchte auf und zeigt, wie sie das gute Leben zerstören - wie der kurzzeitige Kick in dauerhaftes Unglück führt. Der Ausstieg aus der Abhängigkeit kann nur durch uns selbst gelingen - wenn wir anfangen, das Leben und uns selbst anzunehmen.


Prof. Dr. Brigitte Witzer, Geisteswissenschaftlerin aus Passion, hatte sich mit Ende 20 von der Redakteurin zur Verlagsleiterin hochgearbeitet. Mit Anfang 30 reüssierte sie als erste Frau in einer Geschäftsführung bei einem großen Medienkonzern. Ihre Dissertation über 'Führung und Menschenbild' brachte sie dazu, ihre Konzernkarriere auf- und stattdessen ihre Erkenntnisse weiterzugeben. In Leipzig baute sie den Studiengang Medientechnik auf, erlebte den Zynismus des Systems Hochschule und tauschte die Sicherheit der Professur gegen ein freies Leben in der Wirtschaft. Seit 1998 arbeitet sie als Executive Coach mit Menschen in machtvollen Positionen zu den Themen Persönlichkeit, Integrität und neue Formen von Autorität.

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Leseprobe

Machen, machen, machen

Die junge Frau neben mir im Zug diskutiert schon seit zehn Minuten mit ihrer Mutter, wann die beiden Grundschulkinder Zeit für die Oma haben: Am Montag ist erst Ballett, dann »Flip into English«, am Dienstag Selbstverteidigung, am Mittwoch Chor, anschließend geht es in den Garten zum Erholen, am Donnerstag wartet erneut das Ballett, und am Freitag gibt es einen neuen Kurs, der offenbar »Kreative Spiele mit dem Ball« heißt. Ich kann kaum verhindern, mit einem Ohr zuzuhören, und mache mir meine Gedanken. Ist das wirklich nötig und gut, ein derart ausgefeiltes Programm? Auch wundere ich mich: Was hatten wir damals doch für Freiheiten!

Pädagogen nennen die Gegenwart von Kindern heute »Hauskindheit«, im Gegensatz zu einer Straßenkindheit, wie sie vor fünfzig Jahren noch ganz normal war. Wir kamen aus der Schule, machten unsere Hausaufgaben – und weg waren wir. Irgendwo draußen, manchmal im Garten, oft genug am Rhein oder am Waldrand, wo wir Baumhäuser zu bauen hatten, und bei Regen wunderbare Lesestunden mit Comics, aber auch mit Hanni und Nanni verbrachten und dabei Lakritz kauten.

Heute sind die Kindheiten verplant, es wird unentwegt aus den besten Gründen dies und jenes gemacht. Kinder sind eingebunden in vielfältige Bewegungs-, Freizeit- und Qualifizierungsmaßnahmen, die es ihnen in der Gegenwart, mehr aber noch in der Zukunft erleichtern sollen, ein erfolgreiches und vernünftiges Mitglied unserer Leistungsgesellschaft abzugeben. »Erfolgreich« muss offenbar sein – oder kann man sich vorstellen, dass Eltern sich für ihre Kinder gerade das nicht wünschen, eine gute Karriere nämlich? Wohl kaum.

Und so fehlt es an langer Weile. Ich erinnere mich an höchst uninteressante Sonntage, wenn die Freundinnen genau wie ich zu Hause blieben, parat standen für Verwandtenbesuche und zur Zierde der jeweiligen Familie. Langes Schlafen war die erste erforderliche Notwendigkeit, um diesen toten Tag irgendwie niederzukämpfen. Danach harrten unentwegt Serviceleistungen meiner Kinderhände: Tisch decken, spülen und abtrocknen, Kuchen aus dem Keller hochholen. Bis es endlich aufregend wurde, weil Besuch kam und wir bei den Erwachsenen sitzen durften und zuhören, was diese sich gegenseitig zu erzählen hatten.

Es öffneten sich gerade an diesen langweiligen Sonntagen immer wieder neue Welten, wenn etwa Onkel Klaus erzählte, wie mein Vater meine Mutter »wirklich« kennengelernt hatte. Oder als der Mythos, ich sei ein Sechsmonatskind, weil sechs Monate nach der Hochzeit geboren, auf einmal gebrochen wurde mit der Geschichte, wie ich drei Wochen zu spät auf die Welt kam und die Gurken noch schnell eingemacht werden mussten. Das war am Ende spannend, allerdings war nicht alles, was die Erwachsenen redeten, besonders aufschlussreich.

Und heute? Wird immer etwas angeboten, gibt es stets etwas zu tun für Kinder. Wenn alle Stricke reißen, lässt sich die pädagogisch wertvolle App hervorholen – Hauptsache, das Kind bleibt mit dem iPad bei der Sache und unter keinen Umständen unbeschäftigt! Die Eltern, zwischen Taxidienst und qualitativer Auswahl dieses gigantischen Freizeitunterfangens im vollen Einsatz, wollen sich natürlich nichts zuschulden kommen lassen – kein Fehler in der Früh- und Ersterziehung des Nachwuchses. Schließlich werden schon hier die wesentlichen Weichen gestellt!

Waren meine Eltern noch damit befasst, in uns, in ihre Kinder, Vertrauen zu setzen, reicht das heute bei Weitem nicht mehr. Elternschaft bedeutet vielmehr, die Vereinbarkeit der unterschiedlichsten Ansprüche und Anforderungen abzusichern, damit aus dem Nachwuchs auch bestimmt etwas wird. In Zeiten, wo kein Kind mehr »versehentlich« geboren wird, ist jedes Kind ein Schatz, aus dem ganz selbstverständlich und gesichert etwas werden muss.

Kinder sind verdammt zum Erfolg. Wie sonst lässt sich am Ende zeigen, dass aus jedem von ihnen ein vernünftiger Mensch geworden ist? All die Investitionen und Verzichtsleistungen der Eltern müssen erfolgreich sein, müssen sich doch lohnen.

Aktionismus statt Entspannung

Ortswechsel: Im Ferienresort machte ich schon seit einer guten Stunde nichts. Zwei Damen in meinem Alter beobachteten das voller Skepsis; mittlerweile hielt sie nichts mehr, und sie begannen, mir Vorschläge zu machen, wie ich meinen Tag aufs Gelungenste anfüllen könnte. Schließlich bot das Resort ja ein herrliches Programm der wunderbarsten Aktivitäten! Um 7.30 Uhr ging es mit Wassergymnastik los – da schliefe ich noch, wandte ich ein. Dann könnte ich um 8.15 Uhr bei Tai-Chi im Saal mitmachen, um 10.00 Uhr bei »Kraftübungen mit dem Thera-Band«, um 11.00 Uhr am Vortrag zum Fasten teilnehmen, und, mit etwas Engagement, wäre auch Pilates um 11.30 Uhr noch drin. Natürlich, das war alles im Preis mit enthalten, und wer die Angebote nicht nutzte, bekam keinen Cent zurück. Und zu guter Letzt hielt mir eine der beiden resoluten Urlauberinnen einen Krimi hin: Wenn ich schon all das nicht mitmachte, obwohl es mir sicher guttäte, so könnte ich doch wenigstens etwas lesen.

Ganz offensichtlich gehört es zum Normalzustand, dass Zeiten von Ruhe und Erholung angefüllt sind mit Angeboten, die primär einem dienen: der Selbstoptimierung. Statt in der Ruhe einfach mal ruhig zu sein, finden sich auch in meinem Urlaubsresort die meisten doch lieber zur Meditationsstunde ein. Hier lässt sich schließlich lernen, wie man das Beste aus der Ruhe herausholt. Bloß keinen Gedanken nachhängen, bloß nicht wie ein Blatt im Wind mal hierhin und mal dorthin wehen, so kommt es mir vor.

Freizeit, einmal ernst und wirklich angenommen, erfordert offenbar unentwegtes Tun. Kein Wunder also, dass es etwa in Berlin, wo ich lebe, für viele Leute erforderlich ist, sich schon für ein Telefonat zu verabreden. Anders ist ihnen überhaupt nicht beizukommen, sie sind einfach zu beschäftigt – mit Chillen, mit Coolsein, damit, an den angesagten Orten aufzukreuzen oder an denen, die eben gerade nicht angesagt sind. Alle, so scheint es mir, »machen« ständig irgendetwas.

Ich nenne das blinden Aktionismus. Es wird gemacht, ohne jeden Gedanken an die Wirkung, an die Folgen eines solchen Machens, ohne Bedenken, in welchem Rahmen da gemacht wird oder welche Strukturen damit bedient werden. Im Urlaub wäre doch Entspannung und Loslassen das Gebot der Stunde – im Alltag wird oft genug zuerst »gemacht« und dann überlegt, ob die damit unterstützte Sache eigentlich gewünscht ist. Es sieht ganz im Gegenteil so aus, als müsste unbedingt vermieden werden, dass man in langweilig und leer verbrachter Zeit womöglich zum Denken kommt, oder, schlimmer noch, zum Fühlen.

Was wäre denn schlimmstenfalls zu denken oder zu spüren? Dass man nicht gebraucht wird? Dass man jetzt gerade überhaupt nicht störungsfrei funktioniert? Funktionieren scheint so wichtig für unseren Alltag: Sind wir einmal gut eingespurt, dann steigen wir so leicht nicht mehr aus, komme, was da wolle. Wir funktionieren so gern, am allerliebsten ohne Probleme.

Eigentlich wissen wir es: Menschen haben kleine Mängel, oft sogar sympathische – sie sind störungsbehaftet und eben keine Roboter. Es gibt viel Arbeit, die von Maschinen sehr gut erledigt werden kann und die wir diesen bitte gern überlassen sollten! Wir werden damit zwar nutzlos im Sinne der wirtschaftlichen Selbstausbeutung, aber: Wir sind doch kein Vieh! Nutzen ist nicht die vorherrschende Bedingung menschlicher Existenz, jedenfalls nicht in meinem humanistischen Verständnis.

Was aber macht Menschsein aus und führt schließlich zu etwas, was ich ein gelingendes, erfülltes Leben nennen könnte? Ich war lange Jahre sicher: Ohne perfektes Funktionieren lässt sich ein solches Leben nicht erringen, im Gegenteil. Eine vage Idee in meinen ersten Berufsjahren war sogar die, ein gutes Leben stünde quasi am Ende eines Weges, auf dem ich gut funktioniert haben würde – als Preis, den ich nur erringen könnte durch vielfaches Machen, durch unentwegte Beschäftigung.

Natürlich schwingen da eine christliche Erziehung und das Versprechen auf Erlösung mit, auch der von Friedrich dem Großen verordnete Fleiß für alle Preußen wirkte bei solchen unbewussten Bahnungen ein. Dass die Sache ganz anders anzufassen ist, begriff ich erst mit den ersten breit publizierten Ergebnissen der Neurowissenschaftler, die aufgrund neuer bildgebender Verfahren seit Anfang der 1990er-Jahre zu bahnbrechenden Erkenntnissen gelangt waren.

Wie die Suche nach Glück in die Sucht führt

»Ich fühle, also bin ich.« Die Quintessenz des Buchs von Antonio R. Damasio1 machte 1995 mit einem enormen Knall die ersten Erkenntnisse der Neurowissenschaften einem breiten Publikum zugänglich. Mit der Lektüre schloss sich für mich ein Kreis, und ich verstand, warum ich, die superkluge Kopffüßlerin, so lange vergeblich versucht hatte, ein irgendwie lebenswertes Leben hinzubekommen – und stets wieder gescheitert war. Ich hatte mich immer und immer wieder »außen« orientiert, an den Gedanken anderer, an dem, was »man sagte«, also an den Vorstellungen anderer davon, wie ein gutes Leben aussehen könnte.

Statt in diesem Zustand war ich allerdings in verschiedenen Süchten gelandet: Ich war süchtig nach Nikotin, nach Zucker, nach Diäten ebenso wie nach Anerkennung, nach Adrenalin und nach Besserwissen. Ich hatte zwar mäßig, aber jeden Abend Wein getrunken und mich sediert, tagsüber hatte ich mich mit Milchkaffee ruhiggestellt. Wo ich auch hinschaute: Mein Alltag bestand darin, auf keinen Fall etwas zu fühlen. Einmal wach geworden, begriff ich, wie sehr mich dieses aktive...

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