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Götter am Nil

Ägyptische Mythologie für Einsteiger

AutorGarry J. Shaw
Verlagwbg Philipp von Zabern
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl248 Seiten
ISBN9783805349062
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR
Garry J. Shaw leitet den Leser in diesem großartigen, illustrierten Überblick durch das Labyrinth der ägyptischen Mythologie. Im Wirken der Götter erschließt sich für die alten Ägypter die Welt. Wenn jeden Tag die Sonne am blauen Himmel aufgeht, so ist das beispielsweise Re, der auf seiner Sonnenbarke über den Himmel zieht. Aber nicht nur die Welt, in der wir leben, auch die Vorstellungen vom Jenseits durchweben die Mythen. Die Götter am Nil sind aber auch zutiefst menschlich und durchaus streitsüchtig. Ihre Abenteuer erzählen Geschichten von Mord und Totschlag, von Machtstreben und mächtiger Liebe. Wie der neidische Seth seinen Bruder Osiris ermordet. Wie die zaubermächtige Isis dem Sonnengott Re seine Macht entreißen will. Wie Re die trunkene Himmelskuh Hathor überlistet und Geb Jagd auf Res magische Perücke macht. Es sind tolle Geschichten, die ein ganzes Universum und die Welt zugleich eröffnen.

Garry J. Shaw ist promovierter Ägyptologe und unterrichtete an der American University in Kairo. Heute ist er Chefredakteur der Zeitschrift ?Al-Rawi: Egypt's Heritage Review? sowie Dozent für die ?Egypt Exploration Society? in London.

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Leseprobe

1 Unordnung und Schöpfung


Der Versuch, das altägyptische Denken über die Schöpfung zu verstehen – ja, der Versuch überhaupt, die ägyptischen Mythen zu rekonstruieren –, erinnert an die Aufgabe, ein Puzzle zusammenzusetzen, von dem die meisten Stücke fehlen und jemand den Karton weggeworfen hat.

In der Vergangenheit sahen sich die Ägyptologen mit versprengten, vielfältigen und scheinbar widersprüchlichen Überbleibseln von Schöpfungsmythen aus verschiedenen Teilen des Landes konfrontiert. Darum teilten sie diese Mythenschnipsel nach denjenigen Kultzentren ein, von denen sie annahmen, dass sie jeweils die Quelle hervorgebracht (oder vereinheitlicht) hatten – einschlägige Forschungen sprachen von der „Memphitischen Theologie“ (aus der Stadt Memphis) oder der „Heliopolitanischen Theologie“ (aus Heliopolis). Manchmal wurde die Ansicht vertreten, dass diese Kultzentren mit ihren unterschiedlichen Interpretationen in „Wettbewerb“ standen, womit man unterstellte, dass Ägyptens Priester über ihre Kollegen in anderen Städten pikiert waren, weil einer davon dem Gott Amun in seiner Gestalt als „der Große Schnatterer“ den Vorrang gegenüber der göttlichen Kuh einräumte, die den Re hervorbrachte.

Vielleicht war das so. Aber wie die Dinge auch liegen mögen, in Wirklichkeit zeigen die verschiedenen Schöpfungsberichte bemerkenswert viel Verbindendes, denn sie weisen dieselben Kernthemen auf und verlaufen in immer ähnlichen Strukturen. Anscheinend legten sich die regionalen Kultzentren allgemeingültige mythologische Grundlagen jeweils passend zurecht, indem sie die Rollen einzelner Akteure, Schöpfungsphasen oder -aspekte hervorhoben und ihre eigenen Ortsgottheiten an die Stelle derer setzten, die anderweitig vorkamen. Auf diese Weise legten Ägyptens diverse Priesterschaften eher Alternativ- als konkurrierende Versionen vor, was das Risiko eines Gerangels zwischen den Glaubensrichtungen senkte.

Der Gott Nun hebt die Sonnenbarke in den Himmel

Die Achtheit von Hermopolis flankiert die Sonnenbarke, vier auf jeder Seite.

Obwohl es also keinen allgemeinen Schöpfungsmythos gab, existierte doch immerhin ein übergeordnetes Konzept – eine gemeinsame Basis – dafür, wie es tatsächlich zur Schöpfung gekommen war: Tief in Nun (dem unendlichen dunklen Ozean) erwachte ein Gott oder kam auf den Gedanken, zu erschaffen. Durch seine Macht teilten sich er oder seine Erscheinungsformen in die vielen Aspekte der geschaffenen Welt auf, wodurch sie die ersten Götter schufen und außerdem den ersten Erdhügel, der aus den Fluten auftauchte. Später ging die Sonne – in manchen Berichten das unabhängige Auge des Schöpfergottes, in anderen soeben aus einem Ei geschlüpft – zum ersten Mal auf und brachte Licht dorthin, wo einst Dunkelheit geherrscht hatte.

Während des Neuen Reiches, ungefähr um 1200 v. Chr., gab es in Theben einen Versuch, Ägyptens Haupttraditionen zu vereinheitlichen, mit dem Gott Amun als alleinigem Schöpfer. Deshalb ist diese Epoche der perfekte Ausgangspunkt, um die ägyptischen Schöpfungsmythen detaillierter zu beschreiben, denn die Texte aus jener Zeit gewähren den besten Einblick in das ägyptische Konzept von der Entstehung der Welt und beziehen obendrein die Lieblingstraditionen der wichtigsten Kultstätten des Landes ein – vorwiegend die aus Hermopolis, wo man sich auf die acht Götter (die Achtheit) im Universum vor der Schöpfung konzentrierte, die Fassung aus dem Tempel des Gottes Ptah in Memphis, nach der das gesprochene Wort alle Dinge ins Sein rief, und die von Heliopolis, wonach sich der Gott (Re-)Atum aus einem einzelnen Ei oder Samen in die gegenständliche Welt entwickelte. So werden wir in diesem Kapitel die Erschaffung der Welt kennenlernen – gestützt auf die Arbeiten des Ägyptologen James P. Allen und mit dem Großen Amunhymnus der Ramessidenzeit als Leitfaden, einem einmaligen Text, der als die theologische Summe der Amun-Priesterschaft gelten kann.

Die Schöpfer


Nun – die unendlichen Wasser Das Universum vor der Schöpfung ist eine endlose Wassermasse, eine Zone der Dunkelheit, träge und reglos; eher der Ort für ein U-Boot als für ein Raumschiff. Es besteht keine Trennung zwischen den Elementen, keine Erde und kein Himmel, nichts hat einen Namen und es gibt weder Tod noch Leben. In dieser Form hat die Welt seit Ewigkeiten existiert, unendlich, still und stumm. Obwohl sie sich dem menschlichen Verstehen entzieht, personifizierten die Ägypter, um dieses grenzenlose Gewässer in ein Konzept zu bringen und darüber sprechen zu können, seine ineinander verwobenen Aspekte als unauflösliche Paare aus Mann und Frau – die Männer als Frösche und die Frauen als Schlangen. So gab es Nun und Nauhet als die uferlosen Wasser, Huh und Hauhet als die Unendlichkeit, Kuk und Kauket als das Dunkel sowie Amun und Amunet als das Verborgensein. Diese Kräfte bezeichnet man oft kollektiv als die acht Urgötter von Hermopolis (die „Achtheit“ oder griechisch „Ogdoas“).

Laut den Theologen von Hermopolis, die in ihren Mythen diese vor der Schöpfung bestehenden Kräfte in den Mittelpunkt stellten, schufen die acht Gottheiten vereint den ersten Erdhügel (oder eine Insel) und bildeten anschließend ein Ei, aus dem der Sonnengott schlüpfte. Je nach dem Mythos, den man befragt, soll die Sonne öfters aus einem Ei gekrochen sein, das eine Gans namens Großer Schnatterer – oder aber der Gott Thot in Gestalt eines Ibis – gelegt hatte. Nach anderen Lesarten schaffen die acht Gottheiten eine Lotosblüte in Nun, aus der die Sonne geboren wird und erst die Form des Skarabäus-Käfers Chepre, dann des Kindgottes Nefertem annimmt, dessen Augen, als sie sich öffneten, der Welt Licht schenkten.

Die Form dieses Pyramidions steht wahrscheinlich für den Urhügel der Schöpfung.

Unter den acht Aspekten des Universums vor der Schöpfung kam Nun als den uferlosen Wassern besondere Bedeutung zu. Obwohl er manchmal wie seine drei Gefährten als Frosch dargestellt wird, konnte man ihn auch als Menschen mit dreigeteilter Perücke oder als Fruchtbarkeitsidol abbilden, das für Fülle, Ergiebigkeit und reichen Ertrag steht, denn wie wir sehen werden, war Nun zwar träge und reglos, dunkel und unendlich, doch er war auch ein Hervorbringer – ein Ort der Geburt und des Möglichen. Das leuchtet auf den ersten Blick nicht ein: Wie kann ein Ort der Dunkelheit und Unordnung denn eine Wachstums- und Lebenskraft sein? Da die ägyptische eine optimistische Kultur war, sahen die Ägypter in Nun das Potential für Dasein und Erneuerung: Licht kommt aus dem Dunkel, Land steigt mit erneuerter Fruchtbarkeit aus dem Überschwemmungswasser, Blumen sprießen aus trockenen, leblosen Samenkörnern. In der Unordnung liegt das Potential zur Ordnung.

In Nun also nahmen alle Dinge ihren Anfang.

Amun: „der sich zu Millionen machte“ Amun, eine der acht Urgottheiten, war für den ägyptischen Staatskult um 1200 v. Chr. beispiellos wichtig geworden – so sehr, dass man die Achtheit von Hermopolis nunmehr als die erste Entfaltung von Amuns eigener, verborgener Macht und Majestät ansah.

Die Acht waren deine [= Amuns] erste Form …

Eine weitere seiner [= Amuns] Formen ist die Achtheit …

Großer Amunhymnus

Die Ägypter stellten Amun als einen blauhäutigen Mann dar, der eine Krone aus zwei hohen Federbüschen trägt. Sein Titel „der Große Schnatterer“ verweist auf Amuns Verbindung zur Gans, jenem Vogel, der das Schweigen am Anfang der Zeit durch sein Schnattern brach; außerdem konnte man ihn als Widder zeigen – ein Fruchtbarkeitssymbol. Obwohl als Amuns Gemahlin meist die Göttin Mut betrachtet wurde, fand er als eine der Urkräfte von Nun sein weibliches Gegenstück in Amunet (die manchmal mit der Krone von Unterägypten geschmückt und einem Stab mit Papyrusspitze erscheint).

König Sethos I. (rechts) neigt das Haupt vor dem Gott Amun-Re.

Im Mittleren Reich (2066–1780 v. Chr.) wurde Amun im Gebiet von Theben bekannt, im Neuen Reich (1549–1069 v. Chr.) herrschte er unbestritten als höchste Gottheit und wurde als König der Götter bezeichnet. Da er für alles Verborgene stand, existierte Amun innerhalb und zugleich jenseits von Nun: transzendent, unsichtbar, hinter allen Dingen, vor den Schöpfungsgottheiten existent und selbsterschaffen. Er „verknüpfte seine Flüssigkeit mit seinem Leib, um sein Ei in Abgeschiedenheit hervorzubringen“, so erfahren wir, und war „Schöpfer seiner eigenen Vollkommenheit“. Selbst die Götter kannten sein wahres Wesen nicht.

Er [Amun] ist vor den Göttern verborgen, und sein Anblick

ist unbekannt. Er ist ferner als der Himmel,

er ist tiefer als der Staub [das Totenreich].

Kein Gott kennt seine wahre Erscheinung,

keine Prozessionsstatue von ihm wird durch Inschriften enthüllt,

niemand zeugt zutreffend von ihm.

Großer Amunhymnus

Amuns...

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