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E-Book

Good morning, New York!

Ein Jahr im Big Apple

AutorUlrike von Bülow
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783843706575
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Ulrike von Bülow ist seit fünf Jahren verliebt in New York. Sie ist fasziniert von grenzenloser Freiheit und unverständlichen Regeln. Sie liebt den Blick von ihrem Dach auf die glitzernde Skyline und akzeptiert dafür die nervigsten Wasserschäden der Welt. Sie hat Frauen wie aus Sex-and-the-City kennengelernt und Männer, die in Sportsbars Light-Bier trinken. Sie ist begeisterter Baseballfan geworden und möchte vor allen Dingen eins: nie mehr weg aus ihrem Haus im East Village mit der rostigen Feuerleiter und seinen liebenswürdigen Bewohnern.


Ulrike von Bülow, Jahrgang 1973, hat Jens Bujars Geschichte aufgeschrieben. Sie war lange Zeit Redakteurin im Bereich Kultur & Unterhaltung des stern und arbeitet derzeit als Autorin in New York City, von wo sie u.a. für den stern und die Süddeutsche Zeitung berichtet.

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Leseprobe

New Yorker Studientage

Als ich nach New York City zog, war es, als begänne ich hier zu studieren wie Randy. Mein Fach: »Der New Yorker Alltag«. So vieles war hier anders, so vieles gab es zu lernen.

Ich war oft im Urlaub oder auf Dienstreise hier gewesen – doch nie länger als eine Woche. Ich liebte die Stadt, trotzdem fühlte es sich ein bisschen komisch an, als ich auf dem Flughafen in Newark landete: Sonst war ich immer als Tourist eingereist, nun zeigte ich bei der »Immigration« einen Pass vor, in dem plötzlich ein Visum steckte.

Der Plan war, zunächst drei Jahre hierzubleiben. Es war nicht ganz mein Plan, ich betrachtete mich eher wie das Plus-eins auf einer Gästeliste: Mein da­maliger Lebensgefährte war versetzt worden, er hatte einen Job in New York City bekommen. Ich war Redakteurin des stern, der mich – und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein – mitgehen und als Freie in seinem New Yorker Büro arbeiten ließ.

Ich weiß noch, es war Sonntag, der 2. September 2007, als ich mit Sack und Pack vom Flughafen kommend auf der Second Avenue aus dem Taxi fiel, in meinem New Yorker Leben landete – und mich fragte: Wie schwül kann es in einer Stadt sein? Es waren über 30 Grad, und die Luftfeuchtigkeit betrug gefühlte 300 Prozent. In New York City ist alles ein bisschen extremer als anderswo, angefangen beim Wetter. Ich schwitzte wie ein Boxer in der zwölften Runde, als ich vor dem sandfarbenen Kasten im East Village stand, in dem wir ein Apartment gemietet hatten. Oben, im sechzehnten Stock. Ich war noch allein, mein damaliger Lebensgefährte kam etwas später nach, ebenso wie unsere Möbel, die noch in ­einem Container auf dem Atlantik unterwegs waren.

Das Haus hatte einen doorman, bei dem ich mich vorstellte. An jenem Sonntag war José im Dienst, ein gemütlicher Dominikaner mit netten Grübchen, der wie alle doormen eine Uniform trug: eine Mütze und einen dunkelgrauen Anzug mit einem kleinen Aufnäher auf der Brust, in dem mit goldenem Faden unsere Hausnummer eingestickt war. Insgesamt gab es sechs Herren, die sich auf dem Posten abwechselten. Sie hielten alten Damen die Türen auf, nahmen jungen Frauen die Einkaufstaschen ab, vor allem aber sorgten sie dafür, dass niemand unangemeldet in eines der Apartments kam. José trug mein Gepäck zum Fahrstuhl und wünschte mir »einen schönen Einzug«. Doch lange hielt es mich nicht in der neuen Wohnung.

Die Firma meines Lebensgefährten hatte sich netterweise darum gekümmert, dass Telefon und Internet eingerichtet waren. Und sie hatte uns einen Fernseher ins Wohnzimmer gestellt, der amerikanische Ausmaße hatte, also etwa so groß war wie eine Tischtennisplatte. Er erschlug den leeren Raum, während mich die Aussicht umhaute. Das Apartment hatte eine kleine Terrasse nach Süden, und von der guckte man über das East Village hinweg. Sah den East River und seine Brücken, bis hin zur Brooklyn Bridge. Dazu die Skyline Lower Manhattans, der im Westen etwas fehlte; zu diesem Zeitpunkt war noch nichts von dem Turm zu erkennen, der auf Ground Zero entstehen sollte.

Ich ging in die Küche und schaute in den leeren Kühlschrank. Fragte mich, wie ich den jemals vollbekommen sollte, denn auch er: supersize. Es war Zeit für einen XXL-Einkauf. Ich zog mich um: Raus aus den Hamburger September-Klamotten (Jeans, Sweatshirt, Turnschuhe), rein in ein kleines Sommerkleidchen, mit dem ich durch die New Yorker Hitze kam, ohne zu zerlaufen. Als ich unten vor die Haustür trat, kam ich mir vor wie Carrie aus »Sex and the City«: Ich blickte nach links, wo sich die Autos auf der Second Avenue stauten, hupend. Nach rechts, wo ich das Chrysler Building entdeckte, in meinen Augen das schönste aller schönen New Yorker Gebäude. Seine Spitze lugte in der Ferne hinter Häusern hervor, wie ein Dartpfeil, der in den Himmel zielte. Wow, dachte ich, ich lebe jetzt hier – wie Carrie und ihre Freundinnen! Doch mein »Sex and the City«-Gefühl war schnell vorbei, denn ich hatte Carrie & Co. nie bei K-Mart gesehen – und schon gar nicht bibbernd.

K-Mart ist ein 1-a-Billigmarkt, in dem es alles gibt: Lebensmittel, Elektrogeräte, Handtücher, Schmuck. K-Mart lag von der Qualität etwas über »Woolworth« in Hamburg-Niendorf, wo ich als Kind nie gesehen werden wollte, wenn ich dort meine Schulhefte kaufte, weil es uncool war. K-Mart aber fand ich jetzt supercool. Der Laden liegt am Astor Place, nur zwei Blocks von meinem neuen Zuhause entfernt.

K-Mart besteht aus drei Etagen, die jeweils der Fläche eines Fußballfeldes entsprechen, mit Flutlicht, grellen Neonleisten, die in jeder Etage an der Decke flimmern. Ich glaubte, dort alles unter einem Dach zu finden, was ich brauchte. Erst mal aber brauchte ich eine Heizung, denn bei K-Mart war es eisiger als in unserem Riesenkühlschrank. Minus zehn Grad, schätzte ich, als ich den Laden betrat und sich auf meinen Armen Gänsehaut bildete. Ich hätte einen Schal mitnehmen sollen, doch daran hatte ich nicht gedacht: Ist es in New York draußen heiß, wird es drinnen kalt, denn dann schalten die New Yorker die Air Condition auf »Gefrierpunkt«. Im Winter ist es andersherum, also draußen kalt und drinnen heiß. Dann wiederum kann man bei K-Mart ein rohes Ei in die Luft halten, und zehn Sekunden später ist es hartgekocht.

Eier gibt es bei K-Mart natürlich im Einhunder­terpack, denn anders als im Grocery Store bei mir an der Ecke, der klein und eng und zugestellt ist, haben sie hier Platz und orientieren sich bei der Rationierung an der Think-big-Mentalität der Vereinigten Staaten von Amerika. Wer mal in einem Supermarkt in Texas oder in Florida war, wo die Leute mit ihren Riesen-SUVs vorfahren, die sie auf riesigen SUV-Parkplätzen abstellen, der weiß: In diesem Land gleicht ein Paket Cornflakes schon mal einem Wandschrank. Auch gibt es hier Ketchupflaschen, die die Türme des Kölner Doms winzig erscheinen lassen. Und natürlich war der Einkaufswagen bei K-­Mart jetzt so breit, dass eine Bärenfamilie darin hätte übernachten können. Ich mühte mich, das Ding durch den Laden zu schieben, auf der Suche nach einem Verlängerungskabel, das ich meinte zu brauchen, weil sie hier ja andere Netzstecker und Steckdosen haben als wir, mit flachen, schmalen Schlitzen.

Ich fand einen Verkäufer, der ganz dem K-Mart-Muster entsprach, also etwa so schlank war wie ­Reiner Calmund. »Excuse me«, sprach ich, »I’m looking for a … for a … äähhhh …« Wie hieß denn bloß Verlängerungskabel auf Englisch? Ich versuchte zu erklären, was ich meinte. Brabbelte irgendwas von »to make things longer« oder so. »An extension cord?«, fragte der K-Mart-Calmund. Na klar! Verlängerung heißt extension! Wie bei Victoria Beckham, wenn die eine »Hair Extension« bekam. Schade, dass ich da nicht drauf gekommen war. Speicherte ich aber gleich ab als Eselsbrücke für verlängern: Vickys Haare. Der Verkäufer zeigte mir, wo ich ein Verlängerungskabel fand. Ich kaufte gleich fünf davon, angefixt vom amerikanischen Übertreibungs­wahn, packte noch allerlei Zeug in meinen Bärenfamilien-Wagen und ging zur Kasse, wo ich das nächste Missverständnis zu bewältigen hatte.

Die Kassiererin fragte mich etwas, aber sie hatte einen Akzent, der sich für mich nach hinterstem Alabama anhörte. »Y’ant csch back?«, oder so ähnlich. Ich fragte dreimal nach: Was? Ein Mann hinter mir in der Schlange half, der ganz langsam und in aus­gesprochen geraden Worten sagte: »Do? You? Want? Cash? Back?« Ah, klingelte es bei mir, Geld zurück. Nur zu, dachte ich, immer her damit! Aber ich wusste, was das bedeutet: Ich konnte mit meiner Kreditkarte mehr bezahlen als die 43,28 Dollar, die an der Kasse angezeigt waren. 100 Dollar zum Beispiel – und dann bekäme ich die Differenz von 56,72 Dollar in bar zurück. Typisch amerikanisches Leben auf Pump: Erst mal das Kreditkarteninstitut auslegen lassen, was man später in der Sportsbar an Scheinen unter die Leute brachte. Außerdem spart man sich so den Weg zum Geldautomaten. Das können sie gut hier: Bloß nicht zu viel bewegen!

Die Kassiererin griff sich meine Verlängerungs­kabel und steckte jedes davon in eine einzelne Plastiktüte, was ich total absurd fand. Aber die Amerikaner sind Weltklasse im Plastikverschwenden. Sie packen alles, besser: lassen alles in eine Plastiktüte ­packen, auch wenn es nur ein winzig kleines Kaugummi ist. Ich ärgerte mich, dass die Jutebeutel, mit denen ich im politisch korrekten Deutschland einkaufen ging, noch im Container auf dem Weg hierher waren. Doch kaum waren sie angekommen, begann ich dazwischenzugrätschen, wenn ein Verkäufer zur Plastiktüte griff: Danke, ich habe eine Tasche, sprach ich und hielt meinen Jutebeutel hoch. Die meisten Verkäufer guckten dann wie der kleine ­Elliot, als er E. T. in seinem Schuppen entdeckte, aber das war mir egal. Auch war mir egal, dass mein Nachbar Jeff mich den »shopping-bag-Nazi« rief, wenn er mich mit meinem Jutebeutel sah. Es war ihm gegönnt, sich einen Spaß mit den Germans zu machen, die neben ihm eingezogen waren. Denn die Germans machten auch ihre Späße über ihn, einen echten Amerikaner. Auch wenn Jeff sagte: »Ich bin ein echter New Yorker.« Was stimmte: Geboren und aufgewachsen in Queens, lebte er seit Anfang der neun­ziger Jahre in dem großen sandfarbenen Kasten im East Village. Wo es nun im sechzehnten Stock zu einem kleinen Clash der Kulturen kam.

*

Ich begegnete Jeff noch an meinem ersten Abend. Unsere Terrasse grenzte an sein Apartment, genauer: an sein Badezimmer, das ein kleines Fenster hat. In Kopfhöhe. Ich sah...

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