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Griechische Kulturgeschichte

Alle 4 Bände: Die Griechen und ihr Mythus + Staat und Nation + Religion und Kultus + Die Erkundung der Zukunft + Zur Gesamtbilanz des griechischen Lebens + Die Bildende Kunst + Poesie und Musik...

AutorJacob Burckhardt
Verlage-artnow
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl525 Seiten
ISBN9788026829805
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Dieses eBook: 'Griechische Kulturgeschichte' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Jacob Christoph Burckhardt (1818-1897) war ein Schweizer Kulturhistoriker mit Schwerpunkt Kunstgeschichte. Inhalt: Die Griechen und ihr Mythus Die Polis in ihrer historischen Entwicklung Das Königtum Sparta Untertänige Bevölkerungen anderer Polis Die Sklaverei Die griechische Aristokratie Die Tyrannis Die Demokratie und ihre Ausgestaltung in Athen Die Demokratie außerhalb Athens Lebenszähigkeit der Stadtbevölkerungen Objektive Betrachtung der Staatsformen Die Einheit der griechischen Nation Der gegenseitige Kampf und die Kräfte der nationalen Einigung Griechen und Barbaren Das hellenische Pathos Religion und Kultus: Die Metamorphosen Die Griechen und ihre Götter Der griechische Heroenkultus Die Erkundung der Zukunft Zur Gesamtbilanz des griechischen Lebens Die Bildende Kunst Das Erwachen der Kunst Die Kunstgattungen Die Philosophen und Politiker und die Kunst Poesie und Musik Die Urzeit Die hexametrische Poesie Die Musik Die Poesie ausserhalb des blossen Hexameters Zur Philosophie, Wissenschaft und Redekunst Fördernisse und Hemmung Der Bruch mit dem Mythus Die Redekunst Die freie Persönlichkeit Die wissenschaftliche Forschung Geschichte und Völkerkunde Der hellenische Mensch in seiner zeitlichen Entwicklung: Der heroische Mensch Der koloniale und agonale Mensch Der Mensch des V. Jahrhunderts Der Mensch des IV. Jahrhunderts bis auf Alexander Der hellenistische Mensch

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Leseprobe

Erster Abschnitt. Die Griechen und ihr Mythus



Das hochbegabte Volk, welches wir die Griechen nennen, betrat den Boden, der ihm gehören sollte, vielleicht sehr allmählich, in Gestalt einer Vielheit von Stämmen, ähnlich wie Germanen, Slaven und Kelten, Keltiberer und Italier, nur auf noch engrem Raum als diese. Was für Bewohner sie antrafen, werden wir vielleicht genauer durch die Erforschung der prähistorischen Denkmäler erfahren. Schon Strabo (VII, 7) und Pausanias (I, 41, 8) waren beiläufig einmal der Meinung, daß Hellas einst ganz oder beinahe ganz von Barbaren bewohnt gewesen sei1.

Mit der Zeit erhoben sich inmitten dieser Griechenstämme die Hellenen als herrschender Name. Wer es irgend vermochte, schloß sich ihnen an und gehörte zu ihnen, während nahe ursprüngliche Verwandte, wie Leleger, Karer, Dardaner, Dryoper, Kaukonen, Pelasger als Halbbarbaren ausgeschieden wurden und allmählich in Splitter gingen oder gänzlich verschwanden, schon weil niemand mehr gerne zu ihnen gerechnet sein wollte2.

Vielleicht nimmt man diesen Hergang zu feierlich. Waren die Hellenen ein höchst aktiver, auch physisch, kriegerisch, religiös bevorzugter Teil der Nation? Oder kam die Herrschaft dieses Namens mehr zufällig zu Stande? Im XV. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekamen die Eidsgenossen am Fuße der Alpen den Namen Schweizer, bloß weil in einem langen Kriege die Schwyzer im Vordergrunde der Parteiung gestanden hatten. Gab es für die Hellenen irgend welche Gründe, die sich anschließen Wollenden nicht abzuweisen? Gaben sie sich diesen Namen selbst, oder erhielten sie ihn durch Fremde? Es scheint ein früherer Gesamtname vorhanden gewesen zu sein, die Gräken, welcher dann bei den Römern weiter klingt; genügte derselbe nicht mehr? und weshalb nicht? Lauter Fragen, auf welche wir keine Antwort wissen. Sicher ist nur, daß der Name Hellas in den frühesten Erwähnungen zwei nördliche Gaue, die thessalische Phthiotis und (laut Aristoteles) die Umgegend des epirotischen Dodona bezeichnet, dann aber auf ganz Thessalien, weiter auf Alles nördlich vom Isthmus, endlich auf den Peloponnes und die Inseln ausgedehnt wird, bis zuletzt das Wort Hellenen alle Nichtbarbaren bedeutet3.

Außerordentlich dunkel ist dann wieder das Auseinandergehen der Hellenen selbst in die berühmten vier Stämme. Von den Namen derselben hat nämlich einer, die Aeoler, sehr wahrscheinlich auch als Gesamtname der Nation gedient, und ein anderer, die Achäer, besitzt offenkundig diesen Umfang bei Homer, während die beiden übrigen, die Dorer und Ionier, nie etwas anderes als Teilnamen gewesen sind4, welche im Verlauf der Zeit einen höchst inhaltsreichen Gegensatz von Sitte, Denkweise und Sprache bedeuten. Ohne allen Wert und völlig irrig in der Koordination ist vollends die bekannte Stammtafel, wonach Hellens Söhne Aeolos, Doros und Xuthos, und des Xuthos Söhne Ion und Achäos gewesen wären. Dies führt uns auf einige besondere Schwierigkeiten der griechischen Ethnographie.


In der Tradition stellt sich die frühere griechische Zeit wie lauter Wanderung dar; ein Stamm schiebt den andern weg und setzt sich an dessen Stelle, bis ihm durch einen dritten Ähnliches widerfährt, ein Prozeß, der viele Jahrhunderte gedauert haben kann. Erst die sogenannte dorische Wanderung im XI. Jahrhundert brachte dann diejenige Lage und Verteilung des Volkes hervor, welche die dauernde wurde; es war jene (aus einer leidlich feststehenden Vulgata bekannte) Reihenfolge von Stößen, durch welche Thessalier, Böotier, Dorer, Aetoler, Achäer, Ionier u.a. neue Heimatlande auf beiden Seiten des ägäischen Meeres erhielten, neue Staaten gegründet wurden und einzelne alte verschwanden. Daß oft ein Wechsel aller Dinge mit diesen Wanderungen verbunden gewesen, läßt sich schon schließen aus den doppelten, ja mehrfachen Namen so vieler Örtlichkeiten; es hieß dann etwa: der frühere Name stamme aus der Sprache der Götter, einmal aber, bei einer berühmten Insel, ist auch der neue Name göttlichen Ursprungs: »Einst nannten die ewigen Götter diejenige Insel Abantis, welche nun Zeus von einem Rinde Euboia nannte5.« Die nach einander angelangten Völkerschichten scheinen die Örtlichkeiten von selbst neu benannt zu haben.

Gewiß enthalten die Wandersagen der ältern, vor der dorischen Wanderung gelegenen Zeit eine Menge geschichtlicher Tatsachen, die uns jedoch kaum mehr als solche zu gute kommen, weil sie trümmerhaft, chronologisch isoliert erzählt werden, so daß man Älteres und Urältestes nicht mehr unterscheiden und die Bewegungen der Stämme nicht mehr verfolgen kann. Auch wird vielleicht, was rasche Eroberung und was langsames, Jahrhunderte währendes Vorschieben gewesen ist, in denselben Ausdrücken erzählt. Wohl scheinen die reichlich vorkommenden Genealogien der Herrscherhäuser einen Anhalt zu gewähren für die Schicksale und Bewegungen der Stämme, bis man endlich inne wird, wie man mit dieser Aushilfe daran ist.

Denn dieses Alles hat zunächst der Mythus dicht in seinen schimmernden Duft eingehüllt, in welchem er so viel Tellurisches und Kosmisches, so viele Religion und Poesie, so viele unbewußte Weltbetrachtung und aufsummiertes Erlebnis mit beherbergt. Die Bilder, welche aus diesem Ganzen aufstiegen, wurden als das der fernen Vorzeit Entsprechende festgehalten, doch sehr frei und zwanglos. Die stärksten Varianten und Widersprüche, unvermeidlich bei so verschiedenem Ursprung der Dinge, stören die Nation nicht. Dazu kommt aber eine aushelfende freie Fiktion, namentlich in genealogischen Dingen. Frühe wie späte Autoren, auch wenn sie Anspruch auf genaue Erzählung zu machen scheinen, sind und bleiben nicht nur Zöglinge des Mythus und schauen die Dinge mit mythischen Augen, sondern sie fingieren und ergänzen auf eine Art und Weise weiter, welche der ganzen neuern Welt völlig fremd ist.

Bis zu einem gewissen Grade hatte man ein Bewußtsein von dieser Lage der Dinge. Die Tradition, ursprünglich in den Händen der Rhapsoden und Theogoniendichter, war dann in diejenigen der Logographen geraten, jener Sammler von Orts- und Stammsagen, von welchen Thukydides (I, 21) meint, sie hätten geschrieben mehr für Annehmlichkeit des Hörens als nach der Wahrheit. Später heißt es bei Strabo (VIII, 3): »Die alten Schriftsteller sagen Vieles, das nicht geschehen ist, indem sie mit der Lüge aufgewachsen sind vermöge des Aufzeichnens von Mythen.« Er sagt es bei Anlaß des vielleicht wichtigsten jener Logographen, des Hekatäos von Milet; dieser aber, ein halbes Jahrtausend vor Strabo, hatte selber geschrieben: »Die Griechen haben viele und lächerliche Berichte.« – Ephoros, der erste, welcher (im IV. Jahrh. v. Chr.) eine allgemeine Geschichte der Griechen in Verbindung mit derjenigen des Auslandes wagte, wird wohl seine guten Gründe gehabt haben, erst mit der dorischen Wanderung zu beginnen.

Zunächst muß von einer allgemeinen Voraussetzung die Rede sein, welche den griechischen Gesichtskreis völlig beherrschte. So höchst wahrscheinlich die Griechen von außen in ihr Land gekommen sind – mag man sich ihre letzten vorherigen Wohnsitze im Kaukasus, in Kleinasien oder in Europa vorstellen – so völlig hatte man im Volk jede Ahnung hievon verloren. Diejenigen Wanderungen, von welchen man noch etwas zu wissen glaubte, waren nicht von außen her geschehen, sondern auf griechischem Grund und Boden vor sich gegangen; die anerkannten Ausnahmen aber (Kadmos, Pelops, Danaos u.a.) betrafen nur Fürstenhäuser, nicht Bevölkerungen6. Während nun die ganze Nation sich für eine Urbevölkerung, für autochthon hielt, machten einige griechische Stämme sich noch einen ganz besonderen Ruhm daraus, an der nämlichen Stelle zu wohnen, wo mit ihnen einst das Menschengeschlecht entstanden wäre. Mag auch αὐτόχϑων, γηγενής7 (uransässig, bodenentsprossen) bisweilen nur ein negativer Ausdruck sein, um anzudeuten, daß man über einen bestimmten Menschen hinaus nichts Früheres mehr wisse, mag es hie und da sogar nur die Nicht-Flüchlinge bezeichnen, welche bei dem ewigen Wandern, Vertriebenwerden, Flüchten wegen Totschlages u. dgl. in der mythischen Zeit fast in Minderheit sind, – allzu viele und starke Aussagen beweisen, daß es in der Regel wörtlich genommen und als Ruhmestitel betrachtet wurde. Vom ersten Menschen und König von Arkadien sang schon ein sehr alter Dichter (Asios): »Den göttergleichen Pelasgos ließ in hochwaldigen Gebirgen die dunkle Erde emporsteigen, damit ein Geschlecht von Sterblichen vorhanden sei8.« Auf dem menschenleeren Ägina läßt Zeus auf Bitten des Aeakos Menschen aus dem Boden heraufkommen oder Ameisen sich in Menschen verwandeln; auf Rhodos wohnte zuerst ein autochthones Volk unter dem Herrscherhaus der Heliaden9; vollends war das Volk von Attika stolz auf seine Autochthonie, und hier lernen wir auch den symbolischen Ausdruck dafür kennen: Kekrops – laut derjenigen Auffassung, welche ihn nicht als Ägypter, sondern als Eingebornen betrachtete, – ging unten in einen Schlangenleib aus10. Von der Entstehung des Menschengeschlechtes hatten die Griechen sehr verschiedene Ansichten, aber jedenfalls war dasselbe im Lande selbst entstanden. Wenn die spätere Ansicht galt, wonach Prometheus die Menschen aus Lehm bildete, so lagen ja noch Blöcke von diesem Lehm, sogar wie Menschenhaut riechend, bei Panopeus in Phokis11 zu Tage; stammten aber die Menschen von den Göttern, so hatten die Griechen ja auch die Geburtsorte dieser Götter, ihre Mythen, die Gigantenkämpfe, die großen alten Naturkrisen und endlich die Flutsage in ihrem eigenen Lande beisammen, das Meiste sogar in mehrern Landschaften besonders...

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