Sie sind hier
E-Book

Griechische Kulturgeschichte, Band 4

Vollständige Ausgabe

AutorJacob Burckhardt
VerlagJazzybee Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl450 Seiten
ISBN9783849606282
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Burckhardts Werk gehört auch heute noch zu den absoluten Klassikern der Kulturgeschichte und ist ein unerschöpfliches Referenzwerk. Dies ist Band 4 mit folgendem Inhalt: Inhalt: Neunter Abschnitt. Der hellenische Mensch in seiner zeitlichen Entwicklung I. Einleitendes II. Der heroische Mensch III. Der koloniale und agonale Mensch IV. Der Mensch des V. Jahrhunderts V. Der Mensch des IV. Jahrhunderts bis auf Alexander VI. Der hellenistische Mensch

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

II. Der heroische Mensch


 


Neuere gehen bei Taxierung des Wertes der einzelnen Zivilisationen etwa von "Fortschritten" und "Erfindungen" aus, wobei dann die Griechen sehr kurz zu kommen. Ägypter und Babylonier sind schon Jahrtausende her sehr fleißige Leute gewesen und haben technische, mechanische, chemische Leistungen der höchsten Art aufzuweisen, bevor sie ihr Tagediebeleben begannen. "In materieller Beziehung haben die Griechen auch nicht eine nennenswerte Erfindung hinterlassen", sagt Hellwald; "ja auch in ihrer Gedankenwelt und Formenwelt haben sie sich den stärksten vorderasiatischen Einflüssen gar nicht entzogen".

 

Es ließe sich auf die letzte Behauptung entgegnen, daß sie eben nur allem ihre Fasson gegeben haben. Was aber jene "Fortschritte" betrifft, so ist darüber zweierlei zu sagen. Erstlich ist die Ansicht erweislich falsch, daß sich erstA1 mit der materiellen Bereicherung und Verfeinerung des Lebens auch der geistige Fortschritt einstelle, indem erst mit der Armut auch die Roheit verschwinde. Hie und da offenbart bei bevorzugten Rassen, auch wenn die materielle Kultur sehr mäßig ist und der von Hellwald so hochgeschätzte und vom Luxus so sorglich unterschiedene1 "Komfort" gänzlich fehlt, alles, was von der Seele eines Volkes abhängt, schon die höchste und reichste Schönheit, und nun geht ja über die Geschichte der Nausikaa an Seelenschönheit und Zartheit nichts mehr hinaus2. Sodann aber garantiert die materielle Bereicherung und Verfeinerung des Lebens nicht gegen die Roheit. Diejenigen Klassen, welche mit ihr emporgekommen, sind oft unter luxuriöser Tünche erst recht roh und gemein und die, welche unten bleiben, vollends. Und ferner führt sie mit sich auch die Ausnützung und Erschöpfung der Erdoberfläche, sowie die Vermehrung, gleichA2 Verpöbelung der städtischen Menschheit, d.h. alles, was auf den Untergang hindrängt, auf jenen Zustand, da sich die Welt doch wieder nach "Erfrischung" durch noch unverbrauchte Naturkräfte, also nach einer neuen "Roheit" umsieht.

 

Da wir nun hier die Griechen nicht nach ihrem äußern, materiellen Dasein zu schildern haben, dürfen wir auch die materielle Tradition, die sie von Vorderasien empfingen, glücklicherweise übergehen. Sie selbst haben ja andern Völkern ihre Erfindungen und Entdeckungen im ganzen gerne gelassen3, wenn auch etwa einmal ihr Ehrgeiz erwachte und fand, es wäre doch schön, dergleichen auch gemacht zu haben4; für die mythische Anschauung der Kulturfortschritte hatten sie neben andern Verbildlichungen5 ihren Prometheus, der der Menschheit das Feuer gebracht und sie vom Verzehren des rohen Fleisches (omopagia) befreit hatte.

 

Überhaupt ist hier nicht von den ersten Anfängen zu sprechen. Vor allem nicht von der hypothetischen allgemeinen Urgeschichte der Menschheit, wovon Lucrez6 – wahrscheinlich nach epikureischer Doktrin – ein immerhin lesenswertes Bild gibt, ebenso nicht von den prähistorischen Menschen, den Troglodyten und makedonischen Pfahlbaumenschen usw., auch nicht von den indogermanischen (über Phrygien gekommenen) vermutlichen Einwanderungsschichten usw.A3, zumal auch nicht von den verrufenen. Pelasgern. Da ferner lebendig doch nur der mythisch-heroische Mensch überliefert ist, und die archäologische Forschung täglich neue Resultate bringen kann, beschäftigt uns auch die Frage, wer die Herrschenden und Dienenden von Alt-Ilion, Orchomenos, Tiryns, Mykenä waren, hier nicht7, und nur kurz wollen wir auch darauf hinweisen, daß die Griechen außerhalb ihres Landes urkundlich waren, bevor sie auf eigene Rechnung in ihrem Lande selbst mythisch sind. Wir denken dabei an die ägyptischen Inschriften des XIV. Jahrhunderts, welche die Namen der DardaniA4 (Dardaner), Daanau (Danaer), Tekkra (Teukrer), AchaiuschaA5 (Achäer) usw. als Gefangener der Ägypter enthalten und, wenn die Namendeutung richtig ist, auf Raubfahrten gegen Ägypten schließen lassen, die, was die Entfernung betrifft, nur an den Wikingszügen ihr Gegenstück haben8. Der Heroenmythus trennt diese uralte Welt von der historischen, bald nur wie ein zarter Schleier, bald wie ein dichter, fester Vorhang; wir sehen von jenseits her etwas schimmern oder hören auch nur Waffenklang und Rossestampfen, dumpfen Ruf und Ruderschlag; es ist das alte Tatsächliche, das aber nicht mehr als solches zu uns hindurchdringen kann. Und es ist kaum ein Schade drum; die alten Piraten dürften vielmehr froh sein, daß man von ihnen nichts Näheres weiß; es würde kaum erbaulich lauten. Der Vorhang allein macht das Tatsächliche, also Vergängliche, zum Unvergänglichen.

 

Im weitern sind hier auch die Wandersagen und die frühesten mythischen Städteeroberungen zu übergehen. Von jenen ist das für uns Brauchbare schon bei früherer Gelegenheit erörtert worden9; was diese betrifft, so sind die Städteeroberungen des Herakles sachlich und zeitlich von sehr verschiedenem Ursprung10. Jedenfalls aber wollen einzelne Städte, wie Athen und Theben11, schon enorm viel erlebt haben, bevor sie in die urkundliche Geschichte eintretenA6, und es ließe sich fragen, ob die ganze übrige Welt noch eine einzige Stadt von so schicksalsreichen Präcedentien, wie Theben, besessen habe.

 

Schließlich ist hier auch eine Charakteristik nach Stämmen zu unterlassen, so stark auch die Gegensätze beim KoloniegründenA7 und später noch im Peloponnesischen Kriege betont werden, und wenn schon z.B. bei Thukydides (I, 124) die Korinther meinen: "man muß den Potidäaten helfen, weil sie Dorer sind und von Ioniern belagert werden". Diese Gegensätze wurden, wenigstens in der spätern Zeit, nur wieder aufgerufen, wo es diente12.

 

Das Volk, das in der Welt die Griechen hieß, hat nun in den verschiedenen Epochen seines Lebens eine ganz ungemein verschiedene Ausdehnung gehabt, und man hat sich bei ihm immer wieder den stark veränderten geographischen Horizont klarzumachen. So erhebt sich denn auch schon für den Mythus sowohl der vortroischen als der troischen Generation und der Nostoi die Frage nach dem Schauplatze, wobei wir davon absehen wollen, daß das Terrain selbst noch in Wanderung begriffen ist, indem der Hellespont, der Euripus, der Faro von Sizilien ein früher zusammenhangendes Land durchrissen haben sollen, und Lesbos als ein Fragment des Ida, der Ossa als eines des Olymp gilt usw.13. Als Gaue der Sage kommen natürlich vor allem der Peloponnes mit den westlichen Inseln, Hellas und Thessalien in Betracht; aber auch noch Ätolien ist damals berühmt14, und sogar Epirus. Ferner wird ein ansehnlicher Küstenrand in Makedonien und Thrakien als griechisch vorausgesetzt: in dem perrhäbisch-magnetischen Gyrton am Fuße des Olymp herrschten Peirithoos und Ixion; auf der Halbinsel Pallene hausten die Giganten, welche Herakles erlegte; Asteropaios, der Sohn des Pelegon, stammt aus dem spätern Makedonien; Abdera hieß nach Abderos, welchen die Rosse des Diomed fraßen; auf Samothrake waren Iasion und Dardanos zu Hause, zu geschweigen des Orpheus, der nach dem Thrakien der Sänger, d.h. Pierien gehört, und u.a. im Dorf Pimpleia bei Dion wohnte. Ferner ist die nordwestliche Ecke von Kleinasien nebst Lesbos im Mythus hochberühmt. Die Ilias zeigt eine ganz spezielle Kenntnis der ganzen Gegend am Ida; an den dortigen Höfen mögen Homers Vorgänger ihre Lieder gesungen haben15; auch der Weg der Argonauten bis Kolchis ist in den großen, heroischen Mythos aufgenommen, und südlich reicht derselbe über das wenigstens durch die späteren Schicksale der Auge und des Telephos bekannte mysischeA8 Pergamos bis an den Berg Sipylos, wo Tantalos, Pelops und Niobe hausen16. Dagegen ist ganz Ionien, wo doch Homer lebte und sang, nebst KarienA9 von dem Gesamtmythus wie abgeschnitten, obschon es dort an der ganzen Küste an religiösen Einzelmythen nicht fehlte. Die Bevölkerung muß irgendwie nicht die Kräfte gehabt oder den Moment verpaßt haben, sich in denselben hineinzuflechten, weshalb die von Curtius vertretene Annahme, daß sie schon vor der dorischen Wanderung urgriechisch gewesen sei, uns nicht ganz sicher erscheint. Erst Rhodos ist dann wieder schon von alters her der Sitz der aus Kreta gekommenen Telchinen, und das Heiligtum der Athene zu Lindos ist von den Danaiden gestiftet; zumal aber folgt nun ganz unvermutet als eine mythenberühmte Gegend Lykien mit seinem alten Apollsdienst, seinen Sagen von Leto, die mit ihren Kindern hier Pflege gefunden, und dem Mythus von Bellerophontes und der Chimära17. Mythisch hochberühmt sind auch eine Anzahl von Inseln, und besonders wird die Bedeutung Kretas für den Mythus immer merkwürdig sein. Was aber die weiteren Gründungen am Strand von Pamphylien, in Kilikien und auf Zypern betrifft, so werden wir nie mehr in den Prozeß hineinsehen, wodurch sie griechisch waren oder wurden; neben denjenigen, die sich durch Anknüpfung an die Nosten als nachheroisch zu erkennen geben, gibt es auch etwa eine, welche deutlich älter sein...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Antike - Antike Kulturen

Archimedes: Ein antikes Genie

E-Book Archimedes: Ein antikes Genie
Format: ePUB/PDF

Studienarbeit aus dem Jahr 2005 im Fachbereich Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike, Note: 1,3, Technische Universität Dresden (Insitut für Alte Geschichte), Veranstaltung: Einführung…

Weitere Zeitschriften

arznei-telegramm

arznei-telegramm

Das arznei-telegramm® informiert bereits im 51. Jahrgang Ärzte, Apotheker und andere Heilberufe über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln. Das arznei-telegramm®  ist neutral und ...

FREIE WERKSTATT

FREIE WERKSTATT

Hauptzielgruppe der FREIEN WERKSTATT, der unabhängigen Fachzeitschrift für den Pkw-Reparaturmarkt, sind Inhaberinnen und Inhaber, Kfz-Meisterinnen und Kfz-Meister bzw. das komplette Kfz-Team Freier ...

BMW Magazin

BMW Magazin

Unter dem Motto „DRIVEN" steht das BMW Magazin für Antrieb, Leidenschaft und Energie − und die Haltung, im Leben niemals stehen zu bleiben.Das Kundenmagazin der BMW AG inszeniert die neuesten ...

Card Forum International

Card Forum International

Card Forum International, Magazine for Card Technologies and Applications, is a leading source for information in the field of card-based payment systems, related technologies, and required reading ...

Computerwoche

Computerwoche

Die COMPUTERWOCHE berichtet schnell und detailliert über alle Belange der Informations- und Kommunikationstechnik in Unternehmen – über Trends, neue Technologien, Produkte und Märkte. IT-Manager ...

dental:spiegel

dental:spiegel

dental:spiegel - Das Magazin für das erfolgreiche Praxisteam. Der dental:spiegel gehört zu den Top 5 der reichweitenstärksten Fachzeitschriften für Zahnärzte in Deutschland (laut LA-DENT 2011 ...