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E-Book

Große Frauen

Portraits aus fünf Jahrhunderten

AutorIrma Hildebrandt
VerlagDiederichs Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl502 Seiten
ISBN9783641039721
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Irma Hildebrandt porträtiert herausragende Frauen aus fünf Jahrhunderten. Die Texte sind ein Parcours durch die europäische Geschichte, von der Barockzeit bis in die Gegenwart. Künstlerinnen, Literatinnen, Kämpferinnen für den Frieden und für wissenschaftlichen Fortschritt - allesamt faszinierende Persönlichkeiten, die schon früh den Wunsch hatten, die Welt zu gestalten.

Mit Porträts von:
Anna Magdalena Bach
Bettina von Arnim
Rosa Luxemburg
Anne Frank
Jil Sander
Christa Wolf
Maria Theresia
und vielen anderen


Irma Hildebrandt, geboren in Hergiswil/Schweiz, studierte Germanistik, Soziologie und Pädagogik in Zürich und Bielefeld und lebt heute als freie Autorin und Redakteurin in Vlotho an der Weser. Neben Biografien und Essays schreibt sie Kurzprosa, Lyrik und Hörspiele. Bei Diederichs sind von ihr schon mehrere Bücher mit Frauenporträts erschienen.

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Leseprobe
Kann man sich vorstellen, dass die Geschichte Europas im 18. Jahrhundert entscheidend von einer Frau geprägt wurde? Dass eine Frau, Kaiserin Maria Theresia, das weiträumige Habsburgerreich zusammenhielt, Kriege führte und nebenher 16 Kinder zur Welt brachte? Dass ein halbes Jahrhundert später die junge Königin Luise von Preußen dem Erzfeind Napoleon die Stirn bot und er sie achtungsvoll eine »große Feindin« nannte?
Ohne Thron und Staatsamt, nur durch ihre Überzeugungskraft hat Rosa Luxemburg Macht und Einfluss gewonnen - und für ihre revolutionäre Agitation 1919 mit dem Leben bezahlt. Im politischen Geschäft wird mit harten Bandagen gekämpft, das bekam Carla del Ponte als UNO-Chefanklägerin in Den Haag zu spüren. Sie konfrontierte den früheren jugoslawischen Staatschef Milosevic mit seinen Verbrechen und Gräueltaten wider die Menschlichkeit und ruht auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt nicht, bis alle für das Srebrenica-Massaker Verantwortlichen gefasst und verurteilt sind. Dass solche Kriegsverbrechen im 21. Jahrhundert noch geschehen können, hätte Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, nie für möglich gehalten. Ihr Buch Die Waffen nieder! ist ein eindrücklicher Friedensappell, wie dies auch die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Plakate und Holzschnitte von Käthe Kollwitz sind.
Im Dritten Reich war Frieden kein Thema mehr. Vergeblich die mutigen Flugblattaktionen von Hans und Sophie Scholl, die Geschwister wurden 1943 »wegen Hochverrats« hingerichtet. Die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler - nach Gottfried Benn »die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte« - ist nach Zürich geflohen, nachdem SA-Männer sie in Berlin auf offener Straße zusammengeschlagen haben. Die große Schauspielerin Tilla Durieux konnte als Frau eines Juden im »Reich« nicht mehr spielen und bemühte sich von Jugoslawien aus verzweifelt um Pässe für Honduras. Die Wiener Kinderanalytikerin Anna Freud ging mit ihrem Vater Sigmund Freud im letzten Augenblick nach London ins Exil. In einem Amsterdamer Versteck führte Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, Tagebuch und ließ so nach ihrem Tod im KZ die Nachwelt teilhaben an ihrem Schicksal. Vom gescheiterten Widerstand gegen das NS-Regime am 20. Juli 1944 berichtet die langjährige ZEIT-Chefin Marion Gräfin Dönhoff, die selbst Kurierdienste zu Widerstandsgruppen im Ausland geleistet hat, in ihren Aufzeichnungen.
Aufbegehren gegen Unrecht, Einsatz für Schwache und Geächtete hat zu allen Zeiten Mut erfordert. Bettine von Arnims Berliner Wohnung ist während der 1848er-Revolution Treffpunkt konspirativer Geister. Ihre Anprangerung sozialer Missstände in Preußen verpackt sie, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen, raffiniert in einer Schrift, die sie »Seiner Königlichen Majestät Friedrich Wilhelm IV.« widmet. Die Schriftstellerin Christa Wolfbefasst sich nicht von ungefähr mit Bettine von Arnim. Sie sieht die Parallelen zu ihren eigenen Zensurerfahrungen in der DDR.
Ebenfalls mit einer spektakulären Schrift macht die Pädagogin und Frauenrechtlerin Helene Lange 1889 von sich reden. Die Forderungen in ihrer berüchtigten »Gelben Broschüre« nach besserer Mädchenbildung und Hochschulzugang für Frauen bringen ihr statt Unterstützung nur Schikanen aus der preußischen Verwaltung ein. Auch die Zürcher Stadtschreibersgattin Johanna Spyri löst mit ihrer eigenständigen Schriftstellerei in den Honoratiorenkreisen der Stadt Befremden aus, erst durch den Welterfolg ihrer Heidi-Bücher schlägt die Kritik an der unordentlichen Hausfrau in Bewunderung um. Die Dada-Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, tagsüber brave Kunstlehrerin, hält ihre nächtlichen Auftritte im avantgardistischen Zürcher Cabaret Voltaire der Schulbehörde gegenüber vorsichtshalber geheim. Mit kühnen Wortexperimenten, aber nicht so schrill wie die Dadaisten und nicht so spielerisch wie ihr langjähriger Gefährte Ernst Jandl arbeitet die 1924 geborene Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker in ihrer vertrauten »Schreibhöhle«.
Musik hat das Leben zweier Frauen im 19. Jahrhundert bestimmt: Fanny Mendelssohn in Berlin, Clara Schumann in Leipzig. Beide genießen als Pianistinnen hohes Ansehen, tun sich aber mit ihren eigenen Kompositionen schwer, Fanny Mendelssohn im Schatten ihres Bruders Felix, Clara Schumann an der Seite des genialen, aber labilen Ehemannes Robert. Für Bachs zweite Frau Anna Magdalena steht der Verzicht auf eine Karriere als Sängerin von Anfang an fest, sie ist mit dem Kantorenhaushalt und der Erziehung einer großen Kinderschar voll ausgelastet.
Unter mangelnder Zusammenarbeit mit ihrem Kommilitonen und Ehemann Albert Einstein hat die hochbegabte Mathematikerin Mileva Einstein-Marie stets gelitten - bei Alexander und Margarete Mitscherlich klappte die gemeinsame Arbeit besser. Doch die 1917 geborene Psychoanalytikerin legte auch großen Wert auf eigene berufliche Entfaltung, während es ein paar Generationen früher für Goethes Mutter Katharina Elisabeth ganz selbstverständlich war, nur für ihren Sohn da zu sein und ihren Mann, den Kaiserlichen Rat, zu umsorgen. Erstaunliches gelingt im 17. Jahrhundert einer Getto-Jüdin in Hamburg: Glückel von Hameln führt nach dem Tod ihres Mannes dessen Handels- und Börsengeschäfte selbstständig weiter und zieht ohne fremde Hilfe ein Dutzend Kinder groß. Von Leipzig aus geht die Komödiantin Caroline Neuber, die berühmte Neuberin, um 1750 mit einer eigenen Theatertruppe auf Tournee, und von Amsterdam aus bricht 1699 die Kupferstecherin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian mit 52 zu ihrem Traumparadies Surinam auf, um die farbenprächtigen tropischen Schmetterlinge zu erforschen und im Bild festzuhalten ... Abenteuerlust, gepaart mit beruflichem Engagement.
Die Kirche bot Frauen von jeher wenig Entfaltungsmöglichkeit, und doch gelang es einzelnen Ordensfrauen seit dem Mittelalter, sich Freiräume zu schaffen. In München gründet Maria Ward 1627 eine Niederlassung der »Englischen Fräulein«, setzt sich selbstbewusst über kirchliche Hierarchien hinweg und landet erstaunlicherweise nicht als Hexe auf dem Scheiterhaufen. In unseren Tagen zeigt das Beispiel der furchtlosen, charismatischen Ärztin und Nonne Ruth Pfau, wie es einer Frau gelungen ist, gegen alle Widerstände ein Hospital für verstoßene Leprakranke in den Elendsvierteln von Pakistan aufzubauen. In Südamerika hat die Theologin Dorothee Sölle mit Energie und Fantasie zahlreiche Hilfsprojekte auf den Weg gebracht. Ihre meditativen, weltoffenen Texte haben vielen Menschen Halt und Hoffnung gegeben.
Dreißig Porträts aus fünf Jahrhunderten: Frauen mit ganz unterschiedlichem Lebenszuschnitt, doch alles eigenwillige, starke Persönlichkeiten, geprägt von Gestaltungskraft, Mut und Durchhaltewillen auch unter schwierigen Umständen.

Maria Ward und die Englischen Fräulein
(1585-1645)
Nach Maria Ward ist in München eine Straße benannt. Sie führt zum Nymphenburger Schloss. Unter dem Straßenschild am nördlichen Schlossrondell Frage an die Passanten: Kennen Sie Maria Ward? - Kopfschütteln, Achselzucken, Nachdenken. Eine Engländerin war das, eine Nonne, sagt ein älterer Mann. Und eine Frau erinnert sich undeutlich: Hat die nicht etwas mit den Englischen Fräulein zu tun?

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