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E-Book

Grüningers Fall

Geschichten von Flucht und Hilfe

AutorStefan Keller
VerlagRotpunktverlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl248 Seiten
ISBN9783858696038
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Die bewegende Geschichte des Hauptmanns Grüninger, der in den dreißiger Jahren zahlreichen Juden und Jüdinnen das Leben rettete, wurde nun auch verfilmt; anlässlich des Filmstarts von 'Akte Grüninger' am 30. Januar 2014 wird auch Stefan Kellers sorgsam recherchiertes Buch zum 5. Mal aufgelegt - in neuer, frischer Edition! Stefan Keller berichtet fundiert über die Geschehnisse um den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der seinem Gewissen und nicht den Gesetzen folgte und damit vielen Menschen half, seine Zivilcourage aber auch bitter bezahlen musste. Filmpremiere Grüningers Fall an den Solothurner Filmtagen im Januar 2014

Stefan Keller, geboren 1958 im Thurgau. Redaktor bei der WochenZeitung in Zürich. Seine Bücher Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden (1991) und Grüningers Fall (1993) und Die Zeit der Fabriken (2001, alle drei Rotpunktverlag) waren international beachtete Verkaufserfolge. Er lebt in Zürich.

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Leseprobe

1.


IN DER NACHT vor der Absetzung von Hauptmann Grüninger war Polizeiaspirant Anton Schneider im Dienst. Er bewachte den Zentralposten und das Regierungsgebäude im Klosterhof von St. Gallen. Regelmäßig musste er eine Stechuhr bedienen, die seine Rundgänge protokollierte. Etwa um sechs Uhr früh, sagt Schneider, habe der Regierungsrat telefoniert und befohlen, er dürfe den Hauptmann nicht mehr ins Haus lassen. Kurze Zeit später sei der Hauptmann zur Arbeit erschienen. Am Tag seiner Suspendierung trug Grüninger die Uniform, und Schneider erinnert sich heute, dass sie einander unten am Eingang begegneten.

»Sie, Herr Hauptmann«, sagte der Aspirant, »Sie dürfen hier nicht mehr herein.«

»Ja, warum nicht?«, fragte der Hauptmann, und dann, nachdem er vom Anruf des Regierungsrates erfahren hatte, drehte er sich einfach um und ging weg.

»So?«, habe er vielleicht noch gesagt, oder »Je nun!«

Hauptmann Paul Grüninger war der Kommandant der St. Galler Kantonspolizei. Anton Schneider gehörte zu seinen rangniedrigsten Beamten; er war vor ein paar Monaten eingestellt worden und wartete auf den Beginn der Polizeirekrutenschule. Inzwischen setzte man Schneider für Nachtwachen ein, als Hilfskraft auf dem Büro, oder er musste die Gefangenen verpflegen. Mit dem Kommandanten hatte er nicht viel Kontakt. Der Kommandant gab sich mit einem Untergebenen, der nicht einmal die Rekrutenschule hinter sich hatte, normalerweise wenig ab. Im Büro führte Schneider die Flüchtlingskartei, die heute noch erhalten ist. Er sagt: Die Flüchtlinge seien häufig in Gruppen von zehn bis zwanzig Leuten auf den Zentralposten gekommen, oft habe er sie anschließend zur »Judengesellschaft« begleitet. Eine »Judengesellschaft« an der Teufenerstraße habe die Flüchtlinge nämlich entgegengenommen und sie in Lager verbracht. Über die Vorwürfe gegen den Hauptmann wurden die Aspiranten seinerzeit nicht informiert. Bloß, dass es um »Judensachen« ging, so viel hörten sie natürlich schon.

»Das war alles«, sagt Anton Schneider, »dann hatte ich nie mehr mit ihm zu tun.« Wahrscheinlich sei Grüninger an jenem Morgen in seine Amtswohnung zurückgekehrt.

Der spätere Bundespolizei-Kommissär Emil Rüthemann, der 1935 ins sankt-gallische Landjägerkorps eintrat und Sekretariatsarbeiten für den Kommandanten verrichtete, weiß noch das Datum der Suspendierung. Es war Montag, der 3. April 1939. Am Samstag zuvor wurde Rüthemann eine Tochter geboren, er meldete sich deshalb beim Hauptmann ab, und am Montag sah er ihn nicht mehr. Sie hätten den Hauptmann »in Empfang« genommen, hieß es. Was gegen Paul Grüninger aber eigentlich vorlag, hat man auch Rüthemann nie richtig erklärt. Im Korps sei damals gemunkelt worden, Grüninger habe vielleicht versucht, bei den jüdischen Flüchtlingen hie und da etwas für sich persönlich herauszuholen. Ein Verdacht, eine reine Annahme halt, meint Rüthemann heute, denn konkrete Feststellungen in diesem Sinne habe bestimmt keiner von den Polizisten gemacht. Grüninger sei ein anständiger Vorgesetzter gewesen, sehr wohlwollend, umgänglich und korrekt, und insofern, als er dann Knall auf Fall entlassen und nachher »ein armer Kerli« wurde, insofern habe er ihm leidgetan.

Der ehemalige Landjäger Fritz Krucker hingegen sagt: Ständig Frauen und Fußball im Kopf des Kommandanten, aber nie genug Zeit für das Korps, das konnte ja nicht gut gehen! »Ganz unabhängig von der Judensache wäre eine Entlassung gerechtfertigt gewesen!« Nur Günstlinge hätten die Absetzung bedauert. Krucker war seit 1937 bei der Polizei, er war ebenfalls auf dem Zentralposten anwesend. Fritz Krucker erinnert sich, wie er selber mit einer Zwangsjacke ausrücken musste, weil Grüninger am Ende den Platz nicht räumte – erst als zwei Landjäger samt einem Wachtmeister mit Zwangsjacken bewaffnet vor seinem Schreibtisch auftauchten, sei der Hauptmann gegangen.

Es kann jedoch sein, dass diese Geschichte von Krucker, da sie anderen Darstellungen widerspricht, in Wirklichkeit fünf Wochen später passierte, als man Paul Grüninger gar nicht vertreiben, sondern psychiatrisch internieren wollte.

Aus den Akten geht hervor, dass der Polizeikommandant am 3. April 1939 auf »punkt 8.30 Uhr« ins Amtshaus an der St. Galler Neugasse bestellt wurde, wo ihm ein außerordentlicher Untersuchungsrichter einen Brief überreichte, etwa zweieinhalb Stunden nach seiner Begegnung mit Aspirant Schneider. Der Brief war acht Zeilen lang, er war vom Chef des Polizeidepartements unterzeichnet. Neben der vorläufigen Amtsenthebung teilte er dem Hauptmann die Eröffnung eines Strafverfahrens mit und verbot ihm jetzt schriftlich, die Räume der Kantonspolizei zu betreten. Mit der Leitung des Polizeikorps beauftragte der Regierungsrat interimsweise den Vorstand der Automobilkontrolle. Den bisherigen Stellvertreter des Kommandanten schickte er in Urlaub.

Nach den Akten zu schließen wurde Paul Grüninger wegen Urkundenfälschung und Amtspflichtverletzung suspendiert. Nach Ansicht der Behörden hatte er seinen Chef hintergangen und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement zu täuschen versucht. Er hatte unrichtige Dokumente angefertigt und falsche Auskünfte gegeben. Als der Untersuchungsrichter seine Ermittlungen weiterzog, kamen bald noch zusätzliche Vergehen ans Licht, und die entdeckten Straftatbestände häuften sich angeblich »von Tag zu Tag«.

Es gilt als sicher, dass Paul Grüninger im Jahr vor seiner Absetzung mehrere Hundert, vielleicht einige Tausend Menschen gerettet hat.

MÄRZ 1938. Österreich lässt sich von Deutschland erobern. Adolf Hitler verkündet die »Wiedervereinigung« des Reiches. Die österreichische Bevölkerung ist begeistert. Mit der Wirtschaft soll es nun aufwärtsgehen. In Wien werden Leute, die kein Hakenkreuz tragen, eingesammelt und malträtiert. Jüdinnen und Juden werden aus ihren Wohnungen geholt, verhöhnt und beraubt. Karl Haber zum Beispiel, ein neunzehnjähriger Handelsangestellter, der später in die Schweiz fliehen wird, muss zusammen mit seinem Vater, zusammen mit vielen, auf der Straße politische Parolen wegschrubben, Zahnbürsten und ähnliche Werkzeuge sollen sie benutzen; die Umstehenden johlen. Vor dem Lebensmittelladen des Vaters steht ein Posten mit Schild: »Arier, kauft nicht beim Juden!« Der Vater ist bürgerlich und patriotisch, er hat im Ersten Weltkrieg gekämpft, er wird in Auschwitz umkommen. Bei der Schneiderin Susi Mehl zum Beispiel, der künftigen Frau von Karl Haber, steht eine alte Bekannte in Begleitung der SA vor der Türe; die alte Bekannte nimmt die Teppiche mit, die SA holt den Vater und die drei Brüder ab. Auch die Eltern von Susi Mehl werden nicht überleben. Der Terror ist eine Massenbewegung in Wien, oft geschildert: ein orgiastischer Pogrom. Die schlimmsten Verfolger sind die Nachbarinnen und Nachbarn. So einfach hatten es die Nazis im Altreich noch nie. Fast alle scheinen spontan mitzumachen. Fast alles ist erlaubt. In fünf Jahren soll Wien »judenrein« sein, hat Hermann Göring versprochen. Innert weniger Monate werden siebzigtausend Wohnungen konfisziert, jüdische Betriebe werden aufgelöst oder von sogenannten Kommissaren übernommen, die sie meistens auf eigene Rechnung weiterführen. Jüdische Angestellte fliegen raus, Verhaftungswellen, Totschlag etc. – ein Vorgeschmack auf das, was folgen wird, eine Probe für die totale Vernichtung, von der aber noch nicht die Rede ist.

Der Schuhmacher Moritz Hacker zum Beispiel, der im letzten Moment aus Wien entkam, weil ein Freund zu den Nazis übergelaufen war und ihn trotzdem vor der Festnahme warnte, sagt heute: »Ja, zuerst wollten sie, dass wir auswandern. Aber dann haben sie beschlossen: nicht mehr auswandern, sondern umbringen! Alles umbringen! — Haben Sie davon gelesen, von dieser alten Sache?«

Aus dem »Vorarlberger Tagblatt« an der Grenze, 18. März 1938, eine Woche nach dem deutschen Einmarsch:

»Bei der Denkart der Juden darf es nicht wundern, dass diese volksfremden Elemente außer Land gehen, da ihnen nun endlich auch in Österreich der Boden für Nichtstun und Gaunerei entzogen ist. Dass das ›große Wandern‹, wie es das Vorarlberger Tagblatt vor einigen Tagen nannte, von der heimattreuen Bevölkerung gerne gesehen wird, muss nicht besonders betont werden. Weniger erfreulich ist, dass diese Menschen noch zu retten suchen, was zu retten ist. Dank der schlagartig eingesetzten, sehr verschärften Kontrolle, die in Feldkirch ihren Abschluss findet und hier so gründlich besorgt wird, dass die internationalen D-Züge eine mehrstündige Verspätung erfahren, ist es schon in den ersten Tagen gelungen, namhafte Kapitalswerte sicherzustellen und dem deutschen Volke zu erhalten. Die am Feldkircher Bahnhof vorgenommene Kontrolle führte in der Zeit bis 16. März, 12 Uhr mittags, zur Beschlagnahme von Geld und Geldeswerten im Gesamtbetrage von 121 353...

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