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Grundkurs Philosophie IV. Das Leib-Seele-Problem

AutorRafael Hüntelmann
Verlageditiones scholasticae
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl134 Seiten
ISBN9783868382037
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Das Geistige ist immateriell und nicht in Raum und Zeit. Alles Materielle ist ausgedehnt, räumlich und zeitlich. Wie kann dann etwas Mentales, wie ein Willensentschluss, eine physische Wirkung haben? Lässt sich eine Empfindung wie Schmerz auf neurophysiologische Prozesse reduzieren oder ist eine Empfindung mehr als solche Prozesse? Dies sind Fragen der Philosophie des Geistes, eines der wichtigsten Forschungsgebiete der Gegenwartsphilosophie. Der Grundkurs Philosophie IV stellt die wichtigsten Theorien der Gegenwartsphilosophie vor, die auf diese Fragen eine Antwort zu geben versuchen. Im Unterschied zu allen anderen Einführungsschriften zum Leib-Seele-Problem gibt diese Schrift darüber hinaus eine Antwort auf der Grundlage der aristotelisch-thomistischen Philosophie, die sich als echte Alternative sowohl zum Dualismus als auch zum Materialismus erweist.

Rafael Hüntelmann, Dr. phil. ist Verleger und Dozent für Philosophie an verschiedenen privaten Hochschulen. Er ist Autor verschiedener Bücher und Aufsätze mit dem Schwerpunkt Ontologie und Metaphysik. Zuletzt ist von ihm erschienen, Grundkurs Philosophie Band V, Die Existenz Gottes.

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Leseprobe

I. Das Leib-Seele-Problem


Um mit einem Ihnen bereits aus den früheren Bänden des Grundkurses bekannten Beispiel zu beginnen: Im Herbst gehen Sie im Park spazieren und finden einige Kastanien, die vom Baum herabgefallen sind. Sie sehen dieses für Kastanien typische, leicht glänzende Braun. Ist dieser Sinneseindruck, diese Farbwahrnehmung etwas, das sich vollständig durch bestimmte Hirnaktivitäten erklären lässt?

Vor allem in süddeutschen Städten gibt es im Spätherbst und Winter Stände, die heiße Esskastanien oder Maronen anbieten. Wenn Sie schon einmal eine Marone gegessen haben, kennen Sie diesen typischen, etwas trockenen und nussigen Maronengeschmack, der mit keinem anderen Geschmack vergleichbar ist. Ist dieser Sinneseindruck, diese Geschmackswahrnehmung vollständig durch eine Gehirnaktivität erklärbar?

Wenn Sie im Supermarkt den Preis zweier oder mehrerer Dinge, die Sie kaufen wollen, noch vor der Kasse kurz durchrechnen, um abzuschätzen, ob Sie genug Geld in Ihrem Portemonnaie haben, um die Dinge zu bezahlen, dann verwenden Sie dazu das mathematische Mittel einer einfachen Addition. Ist diese Tätigkeit des Rechnens nichts anderes als eine Hirntätigkeit, d.h., lässt sich die Beantwortung einer Rechenaufgabe auf rein materielle Weise auf bestimmte Gehirnaktivitäten zurückführen? Eine ähnliche Frage kann man stellen in Bezug auf logische Schlussfolgerungen. Sind diese etwas, das unabhängig vom Gehirn ist, handelt es sich dabei um eine rein geistige Tätigkeit, oder ist diese Tätigkeit ausschließlich durch neuronale Aktivitäten erklärbar?

Man könnte noch eine Reihe anderer und ähnlicher Fragen stellen. Alle diese Fragen sind solche, die zum Gegenstandsbereich der sogenannten „Philosophie des Geistes“ gehören. Die grundlegende Frage-stellung der Philosophie des Geistes ist die nach dem Zusammenhang von Geist, Bewusstsein oder Seele einerseits und Körper bzw. Leib andererseits. Dieses Fachgebiet der Philosophie ist als Fachgebiet relativ neu, obwohl die Fragestellung selbst so alt ist wie die Philosophie. Die Philosophie des Geistes ist heute, in der Gegenwartsphilosophie, wohl eines der umfangreichsten und am meisten interessierenden philosophischen Fachgebiete. Einer der wichtigsten Gründe für dieses enorme Interesse an einer an sich eher begrenzten Fragestellung dürfte der enorme Fortschritt der Neurowissenschaften in den vergangenen fünfzig Jahren sein. Dieser Fortschritt gibt für viele Anlass zu der Hoffnung, dass sich eines nicht allzu fernen Tages alle „mentalen“, also geistigen oder bewussten Tätigkeiten vollkommen naturwissenschaftlich und damit letztlich physikalisch erklären ließen. Vertreter dieser Hoffnung heißen deshalb auch Physikalisten oder, allgemeiner, Materialisten, weil sie der Auffassung sind, dass alles Geistige (im weitesten Sinne) letztlich auf Materielles reduzierbar sei.

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, die Fragestellung der Philosophie des Geistes nach dem Verhältnis von Körper und Geist, bzw. allgemeiner von Körper und Seele (ein Wort, das in der Gegenwartsphilosophie allerdings kaum noch verwendet wird) zu beantworten. Die eine Antwort habe ich gerade kurz vorgestellt: Alles Seelische oder Geistige sei letztlich nichts anderes als materiell. Es lasse sich vollständig durch die elektrophysiologischen Aktivitäten des Gehirns und der Sinnesorgane erklären. Die zweite, heute kaum vertretene Auffassung behauptet, dass es letztlich überhaupt nichts „Materielles“ in diesem Sinne gebe, dass vielmehr das Einzige, das existiere, der Geist sei. Dieser Geist bringe durch seine Tätigkeit die gesamte Wirklichkeit hervor, und was wir „materielle Wirklichkeit“ nennen, sei letztlich nichts anderes als eine bestimmte Konstruktion des Geistes. Vertreter dieser Auffassung werden als Idealisten oder Konstruktivisten bezeichnet. Die dritte Möglichkeit, das Leib-Seele-Problem zu beantworten, besteht in einer Theorie, die davon ausgeht, dass es diese beiden Arten von Wirklichkeit gibt, dass es eine wie auch immer zu verstehende nichtmaterielle Seele und einen materiellen Leib gibt und dass es irgendeine Verbindung zwischen diesen beiden „Dingen“ gibt. Und gerade in dieser „Verbindung“ von Leib und Seele liegt das ganze Problem der Philosophie des Geistes. Wenn nämlich der Körper materiell und die Seele nicht materiell ist, wie können beide dann verbunden sein? Wie kann etwas Nichtmaterielles auf etwas Materielles einwirken? Ursachen für materielle Veränderungen sind selbst immer materiell. Da wir nun aber offensichtlich davon ausgehen, dass unser Geist irgendwie auf unseren Körper einwirkt – z.B. wenn ich mir vornehme, morgen früh joggen zu gehen und dies dann auch tue –, dann glauben wir, dass der Geist, der Wille, dem Körper sagt, was er tun soll, dass also der Wille Ursache für bestimmte körperliche Tätigkeiten ist. Wie aber soll dies möglich sein, wenn nur Materielles auf Materielles einwirken kann?

Wegen der enormen Schwierigkeiten, die mit einer Beantwortung dieser Frage verbunden sind – einer Frage, die sich vor allem dem „Dualisten“ stellt, also demjenigen, der glaubt, dass es sowohl Geistiges als auch Materielles gibt –, neigen die meisten Philosophen gegenwärtig dazu, einer rein materiellen Erklärung für Mentales, also für geistige oder seelische Tätigkeiten den Vorzug zu geben. Diese Philosophen müssen dann allerdings die eingangs gestellten und noch einige weitere Fragen beantworten können. Und wir werden sehen, dass dies alles andere als einfach ist. Um es schon vorweg zu sagen: es gibt bis heute keine einzige hinreichende Antwort auf diese Fragen, und ich bin auch davon überzeugt, dass es eine solche rein materialistische oder physikalische Antwort prinzipiell nicht geben kann.

Die Fragestellung der Philosophie des Geistes ist nicht neu. Sie ist eher so alt wie die abendländische Philosophie selbst. Bereits in der antiken Philosophie gab es eine Diskussion über die Seele, ob diese materiell sei oder immateriell. In der Antike wurde die klare Unterscheidung zwischen Entitäten, die beseelt sind, und solchen, die leblos sind, herausgearbeitet. Das Prinzip des Lebens wird dabei als „Seele“, griechisch psyché bezeichnet. Dass diese psyché allerdings immateriell sei, galt als keineswegs erwiesen. Auch die Frage, ob die Seele eine bestimmte Art von Ding sei, das mit einem Körper verbunden ist, wurde heftig diskutiert.

Für die Auffassung, dass die Seele etwas Materielles ist, argumentierten vor allem die Atomisten. Die modernen Materialisten sind gewissermaßen Nachfahren der antiken Atomisten. Überhaupt ist die neuzeitliche Philosophie stark durch den griechischen Atomismus geprägt (Robert Pasnau 2011, 80ff.). Bekannte Namen antiker Atomisten sind Demokrit (460–370 v. Chr.), Epikur (341–271 v. Chr.) und, als einer der frühsten, Leukipp (450–370 v. Chr.). Diese Philosophen haben eine dingliche Vorstellung von der Seele. Die Seele ist grundsätzlich ein materielles Ding wie alle anderen Dinge der Welt auch (vgl. Ansgar Beckermann 22011, 9). Die Atomisten unterscheiden zwischen Seele und Geist. Während die Seele überall im Körper ist, ist der Geist nur in der Brust. Der Geist, der sich nur beim Menschen findet, steht über der Seele. Der Geist ist das „Organ“ des Denkens und des Wollens und die Seele „führt seine Befehle nur aus, indem sie die Glieder dazu bringt, sich so zu bewegen, wie der Geist es will“ (ibid.). Natürlich erscheint uns diese Auffassung heute ziemlich eigentümlich und antiquiert, aber das Prinzip ist durchaus nicht so sehr verschieden von modernen Auffassungen. Das zentrale Nervensystem und das Gehirn als Zentralorgan können durchaus in Analogie zu der Seele, die wie die Nerven im ganzen Körper verteilt ist, betrachtet werden, und das Gehirn als Geist, als Zentralorgan, das dieses Nervensystem steuert. Nach Auffassung der Atomisten sind deshalb auch die Seele und der Geist, wie alles Materielle, sterblich. Sie sterben mit dem Tod des Körpers.

Radikal davon verschieden ist die Auffassung Platons. Er argumentiert dafür, dass die Seele und der Geist vollkommen immateriell sind und daher auch unsterblich. Nach Platon existierte die Seele sogar bereits, bevor sie mit dem Körper vereint wurde, und sie wird auch dann existieren, wenn der Körper längst gestorben ist. Die Seele ist wegen ihrer Immaterialität und Unsterblichkeit vollkommen vom Körper verschieden, auch wenn beide, solange wir hier auf der Erde leben, irgendwie miteinander verbunden sind. Die Art dieser Verbindung wird von Platon leider nicht genauer thematisiert, vermutlich, weil sie ihm völlig selbstverständlich erschien. Es ist aber die Seele, die nach Platon das Wesen des Menschen ausmacht; der Körper ist nur ein vorübergehender Zustand, in dem die Seele gefangen ist. Ansgar Beckermann hat in seiner Einführungsschrift zum Leib-Seele-Problem (ibid., 12) diesen klassischen platonischen Dualismus in vier Thesen zusammengefasst:

1. Der Mensch besteht aus Körper und Seele, wobei die Seele immateriell ist.

2. Das eigentliche Wesen des Menschen besteht in der Seele und der Mensch ist für seine Existenz nicht auf den Körper angewiesen.

3. Körper und Seele sind nur während des irdischen Lebens mit-einander verbunden. Im Tod wird die Seele vom Körper befreit.

4. Der Körper ist sterblich, die Seele ist unsterblich.

Diese beiden Positionen zum Leib-Seele-Problem sind auch heute noch in der Diskussion der Philosophie des Geistes bestimmend. Es gibt allerdings eine dritte und mittlere Position, die auf Aristoteles zurückgeht, die aber leider bei den meisten Philosophen kaum Beachtung...

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