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E-Book

Gut leben

Ein Kompass der Lebenskunst

AutorTheodore Zeldin
VerlagHoffmann und Campe Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl496 Seiten
ISBN9783455851632
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Gutes Leben entsteht im Dialog, im Dialog mit der Vergangenheit und mit unseren Mitmenschen. Nur so bekommen wir eine Ahnung davon, was es bedeutet, Mensch zu sein. In seiner ebenso kenntnisreichen wie unterhaltsamen Abhandlung über die Kunst des Lebens widmet sich der bedeutende englische Philosoph und Historiker Theodore Zeldin der Frage, was wir aus der Vergangenheit lernen können für ein besseres Leben. Vor welchen Problemen standen unsere Vorfahren - zu denen so prominente Figuren wie Albert Einstein, Thomas Morus, der Philosoph Francis Bacon und die Schriftsteller Hans Christian Andersen und Fjodor Dostojewski zählen, aber auch ein texanischer Farmer des 19. Jahrhunderts -, und wie können wir ihre Erfahrungen für uns nutzbar machen? Höchst eindrucksvoll zeigt Zeldin, dass die größten Probleme unserer Zeit, aber auch die größten Chancen von unseren zwischenmenschlichen Beziehungen abhängen und wie viel reicher unser Leben sein kann, wenn wir wirklich in Austausch miteinander treten

Theodore Zeldin, geboren 1933, hat viele Jahre in Oxford Geschichte gelehrt. Als Autor hat er sich unter anderem mit <EM>Eine intime Geschichte der Menschheit </EM>einen Namen gemacht. Die britische Zeitung <EM>The Independent </EM>setzte ihn auf die Liste jener weltweit vierzig Menschen, deren Ideen das 21. Jahrhundert nachhaltig beeinflussen werden. Zeldin ist Kommandeur der französischen Ehrenlegion, Mitglied der British Academy und der Royal Society of Literature. Er lebt mit seiner Frau, der Linguistin und Kognitionswissenschaftlerin Deirdre Wilson, bei Oxford.

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Leseprobe

1 Was ist das große Abenteuer unserer Zeit?


1859, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, verließ ein iranischer Student sein Elternhaus in Sultanabad, weil er nicht heiraten wollte. Seine Eltern drängten ihn dazu, aber er sagte, in jungen Jahren sesshaft zu werden bedeute, sein ganzes Leben lang am gleichen Ort zu verbringen und nichts von der Welt zu erfahren. Er nahm nur drei Laibe Brot mit und trug Sommerkleidung, als er sich nach Norden aufmachte, ohne genau zu wissen, wo der Weg ihn hinführen sollte. Schließlich erreichte er Russland. Achtzehn Jahre lang durchwanderte und bereiste er die meisten Länder Europas, die USA, Japan, China, Indien und Ägypten. Neunmal schloss er sich einer Pilgerreise nach Mekka an. »Kein Beschwer in der Welt ist schlimmer als Unwissenheit«, schrieb er in sein Tagebuch.

Es mag Backpacker geben, die ebenso weit gereist sind, aber wer von ihnen hat schon wie Hajj Sayyah die Sprache fast jeden Landes erlernt, das er besuchte, und seinen Lebensunterhalt als Übersetzer verdient? Obwohl er kein Geld, keine Empfehlungsschreiben und keine einflussreiche Familie vorweisen konnte, wurden ihm Audienzen beim russischen Zaren, beim Papst, beim griechischen und belgischen König, bei Bismarck und Garibaldi gewährt, und er wurde mehrfach vom amerikanischen Präsidenten Ulysses Grant empfangen. Er war der erste Iraner, der amerikanischer Staatsbürger wurde. Er bewies, was Freundlichkeit, Höflichkeit und Bescheidenheit erreichen konnten. Überall war er willkommen. Nur einmal wurde er überfallen, in Neapel. Nur einmal wurde er dort beleidigt, vom ottomanischen Konsul, der sagte: »Er ist Iraner; wie können wir ihm glauben?« Aber der Konsul entschuldigte sich später, als er ihn besser kennengelernt hatte. Selbst die Taschendiebe von Neapel freundeten sich mit ihm an und gewährten ihm freie Unterkunft in dem Haus, in dem sie unerfahrene Taschendiebe anlernten. Er hegte keinen Groll und fragte sich nur: »Wie kann es solch extreme Unterschiede unter den Menschen geben? Wie kann jemand so hundsgemein sein, oder im Gegenteil so edel?«

Seine unersättliche Neugier führte ihn nicht nur in die Museen einer jeden Stadt, sondern auch in ihre Schulen, Bibliotheken, Kirchen, Fabriken, botanischen Gärten, Zoos, Gefängnisse und Theater. Wenn man ihn fragte, wer er sei, pflegte er zu antworten: »Ein Geschöpf Gottes und ein Fremder in dieser Stadt.« Sein bevorzugtes Sprichwort war: »Halte dein Vermögen, dein Ziel und deine Religion geheim«. Er genoss es, ein »gewöhnlicher Mensch« zu sein, der in der Lage war zu erkennen, wie ungewöhnlich jeder gewöhnliche Mensch war. »Wenn ich König wäre, würde ich die Dinge nie so sehen, denn Könige können nicht unter den Armen leben. Ein König hat vor dem Volk den Schein zu wahren, während es den Armen vergönnt ist, die Leute so zu sehen, wie sie sind. Sie bewegen sich frei und ohne Angst. Niemand nimmt von ihnen Notiz, aber sie sehen alles und jeden.«

Die Leute waren sehr freundlich zu ihm und luden ihn ein, sie zu Hause zu besuchen, mit ihnen ins Theater zu gehen und an ihren Ausflügen teilzunehmen, denn sie erwiderten das Interesse, das er ihnen entgegenbrachte. Nicht, dass er alles gutgeheißen hätte. Er äußerte offene Kritik an der Herstellung von Waffen, als er den belgischen König traf. Er prägte sich die bitteren Klagen über Armut und Unterdrückung ein, die er zu hören bekam. Aber in Paris schrieb er: »Die Menschen hier genießen die Freiheit. Sie sagen frei heraus, was sie wollen. Niemand mischt sich in die Angelegenheiten anderer ein … Sorgen verkürzen das Leben. Diese Menschen haben keine Sorgen; sie sollten niemals sterben.«

Als er schließlich in den Iran zurückkehrte, wandte er sich einem ganz anderen Abenteuer zu – der Politik, der Suche nach politischen Lösungen für die Übel der Menschheit. Er protestierte gegen die »unverdienten Härten und Grausamkeiten, die über das hinausgehen, was Tiere – geschweige denn Menschen – ertragen können, und armen, glücklosen und ungebildeten persischen Untertanen wie mir zugefügt werden«, und schloss sich der Bewegung gegen Korruption und Regierungswillkür an, die zur jungpersischen Revolution von 1905 führte. Er wirkte in dem einflussreichsten Geheimbund mit, der einen Umsturz plante, wurde ins Gefängnis und ins Exil auf dem Land geschickt, und als er um sein Leben fürchten musste, suchte er fünf Monate lang Zuflucht in der amerikanischen Botschaft. Nach der Revolution, weithin bewundert für seine Weisheit und Bescheidenheit, nannte man ihn den geheimen Vorboten der Humanistischen Bewegung. Das persische Wort für »Humanist« lautet »adamiyat«. Hajj Sayyah war ein Protagonist des »Freundeskreises der Humanität« (ashab-e adamiyat). Aber es stellte sich heraus, dass die Politik zu sehr von Rivalitäten und Feindseligkeiten durchsetzt war, um seine Ideale zu übernehmen. Backpacker hingegen sind in der Regel nur daran interessiert, den Tag hinauszuschieben, an dem sie sich schließlich die Zwangsjacke überziehen müssen, die die gesellschaftlichen Institutionen für sie bereithalten. Welchen anderen Weg kann man einschlagen?

Hajj Sayyahs achtzehnjährige Reise war ein Abenteuer, das Gegenteil einer Karriere. Er unterschied sich von Abenteurern wie Cortés – der in dem Bestreben, sich ein Königreich zu verschaffen, herkömmliche Waffen, Gewalt und Hinterlist einsetzte – oder Kolumbus, der nach dem sagenumwobenen Gold Indiens gierte. Er hatte weder etwas mit den Piraten und Kurtisanen, den Söldnern oder den kalifornischen Goldsuchern gemein, die früher einmal die archetypischen Abenteurer darstellten, noch mit der Definition des Abenteurers, die die Französische Akademie 1823 prägte: »Eine Person ohne Vermögen oder Status, die von Intrigen lebt«. Erst in letzter Zeit hat ein Abenteurer genannt zu werden nichts Herabwürdigendes mehr, sondern bezeichnet stattdessen einen idealistischen Menschen, der nach etwas sucht, was die Gesellschaft nicht bietet. Aber darunter wurde häufig nur eine vage Sehnsucht nach dem Exotischen verstanden, nach neuen Empfindungen oder primitiver Einfachheit, oder eine Verachtung weltlicher Bestrebungen, wenn nicht gar allen Strebens, getreu der Maxime des Dichters Rimbaud, dass Ziele sinnlos sind. Abenteurergeist könnte als Flucht interpretiert werden, als eine individuelle Leistung oder als ein Triumph der Technik, wie die Reise zum Mond.

Fast genau ein Jahrhundert, nachdem Hajj Sayyah seine lange Reise angetreten hatte, entschloss sich Simon Murray, ein 19-jähriger Brite, den seine Freundin hatte sitzen lassen und dessen Arbeit in einer Eisengießerei in Manchester ihn anödete, sein Land zu verlassen und in die französische Fremdenlegion einzutreten. Er wollte sich beweisen, dass er ein besseres Schicksal verdiente und stark genug war, die Auswüchse der Grausamkeit und des Kriegs zu überstehen. Sein Lohn war Selbstbewusstsein. Er schrieb ein Buch, in dem er mit bemerkenswertem literarischem Talent schilderte, wie er die Grausamkeiten und Gefahren der Wüste überwand, und das war so packend, dass es verfilmt wurde. Dann ging er in die Wirtschaft, leitete riesige Konzerne und wurde sehr reich. Doch das war ihm nicht genug. In seinen Sechzigern wiederholte er seine jugendliche Rebellion und brach zu Fuß in die Antarktis auf. Aber seine Abenteuer folgten der Tradition, Dinge zu tun, weil sie schwierig sind und eine Herausforderung darstellen. Sie stellten eine Ergänzung des Lebens dar, so wie der Sport eine Flucht aus dem Alltag ist, ohne jedoch das Leben selbst zu ändern. Für ihn waren diese Abenteuer wichtig, aber für andere ging das gewöhnliche Leben weiter wie zuvor. Allerdings sind andere Arten von Abenteuern möglich.

Wenn ich Ihnen im 16. Jahrhundert begegnet wäre, hätte ich Ihnen gesagt: Das große Abenteuer unserer Zeit ist es, neue Kontinente und Ozeane zu entdecken. Hören wir auf, über all das zu murren, was uns unzufrieden macht, und suchen wir uns ein aufregenderes Ziel. Brechen wir nach Amerika auf. Und danach erkunden wir die ganze Welt. Wie können wir uns einbilden, wirklich gelebt zu haben, solange wir den Lebensraum der Menschheit nicht in seiner ganzen Ausdehnung gesehen haben?

Ein Jahrhundert später hätte ich Ihnen gesagt, das große Abenteuer unserer Zeit sei die Wissenschaft. Sie wird uns enthüllen, dass sich hinter dem, was wir sehen, berühren und hören können, eine noch erstaunlichere Welt verbirgt. Kein Objekt ist, was es zu sein scheint. Lassen Sie uns die Geheimnisse der Natur entdecken: Sie sind weit verblüffender als die Phantasien der Magie.

Im 18. Jahrhundert stellte ein wunderbares Abenteuer eine völlig neue Ära der Gleichheit in Aussicht. Kommen Sie und schließen Sie sich dem Kampf gegen die öffentlichen und privaten Tyranneien an. Lassen Sie uns Despoten stürzen und Freiheit für alle verkünden. Sorgen wir dafür, dass jeder Mensch das Recht hat, nach jedweder Art von Erfolg zu streben, wie arm seine Eltern auch gewesen sein mögen.

Wieder andere Abenteuer gibt es schon seit dem Beginn der Zeit. Eines davon ist die Suche nach einem Sinn und einer weniger egozentrischen...

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