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«Hab ich vergessen, ich hab nämlich Alzheimer!»

Beobachtungen einer Ethnologin in Demenzwohngruppen

AutorUlrike Krasberg
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl292 Seiten
ISBN9783456952789
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Über ein Jahr lang arbeitete die Ethnologin als Aushilfskraft in vier Demenzwohngruppen. Ihre positiven Beziehungen zu den Bewohnern veranlassten sie dazu, die medizinische Diagnose «Alzheimer» zu hinterfragen und über die kulturelle Bedeutung des Alters nachzudenken. Auf welchem Menschenbild beruht die biomedizinische Forschung und der Umgang der Öffentlichkeit mit Alter und Demenz? Ließe sich dieses Bild nicht ändern, um die Integration und gesellschaftliche Teilhabe alter und dementer Menschen zu verbessern?

Das Buch beschreibt das Leben in den Wohngruppen aus Sicht der «Dementen» und der Pflegenden. Es bewertet den Verlust kognitiver Fähigkeiten und die damit einhergehenden, keineswegs nur negativen Persönlichkeitsveränderungen letztlich als ein Handicap wie andere auch. Wir lernen allmählich, Menschen mit Down-Syndrom oder Querschnittslähmung zu integrieren; ebenso müsste eine lebenswerte Gesellschaft alte und demente Menschen mit ihren typischen Verhaltensweisen im Alltag akzeptieren, anstatt sie abzuschieben.

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Kapitelübersicht
  1. «Hab ich vergessen, ich hab nämlich Alzheimer»
  2. Einleitung
  3. 1 Leben ohne Arbeit?
  4. 2 Das Eigene und das Fremde
  5. 3 Fru¨her kam der Sensemann
  6. 4 «Wo ist denn mein Bett?»
  7. 5 «Ich hab’ Ru¨cken!»
  8. 6 «Eigentlich ist das nicht zu schaffen!»
  9. 7 Abschied vor dem Abschied?
  10. 8 Jeder von uns ist Kunst – gezeichnet vom Leben
  11. 9 Home, Ekstase, Inszenierung, Leibessicht, Ritual
  12. Ru¨ckschau
  13. Literatur
  14. Deutschsprachige Literatur, Adressen und Links zum Thema «Demenz»
Leseprobe
2 Das Eigene und das Fremde (S. 19-20)

Wie ich das Waldhaus kennen lernte

Ich muss also ganz schnell außerhalb der Uni Geld verdienen, wo auch immer. Aber was kann ich denn noch außer Kulturanthropologie? Ich klicke mich im Internet durch die Jobbörsen. In der Altenpflege werden ständig Aushilfen und Hilfskräfte gesucht. Ich zögere. Mich gruselt etwas vor dem Thema «Alter». Außerdem hat Altenpflege irgendwie ein schmuddeliges Image. Ich folge den Links in den Jobbörsen mal hierhin und mal dahin. Irgendwann lande ich dann doch wieder auf den Homepages von Altersheimen. Auf einer lese ich: Aushilfen gesucht für Wohngruppen mit Demenzkranken. – Demenzkranke? In mir erwacht eine gewisse Neugierde. Warum nicht in einem Bereich unserer Gesellschaft arbeiten, den ich überhaupt nicht kenne? So eine Art ethnologische Feldforschung im Pflegeheim? Ich wähle die Telefonnummer auf der Homepage. Am Handy spricht eine ganz sympathische Frau mit mir. Ja, sie suchen Aushilfskräfte. Ich könne am nächsten Tag ja mal vorbeikommen und mir das Emma-Bechthold-Haus ansehen. Clarissa ist vielleicht zehn Jahre jünger als ich, sieht so aus wie ich: Jeans, T-Shirt, lockige, kurz geschnittene Haare. Sie ist angenehm freundlich, nicht von der aufgesetzten professionellen Art und auch nicht vom Typ «rustikaler Hausdrachen», wie ich mir das weibliche Führungspersonal in Heimen aller Art immer vorgestellt habe (und die tatsächlich auch an anderen Stellen im Haus arbeiten). Ich sage ihr, dass ich Ethnologin sei, von der Durchführung wissenschaftlicher Projekte lebe, mir gerade die Finanzierung eines Projekts abgelehnt wurde und ich mich jetzt vorübergehend anderweitig finanzieren müsse. Ich füge hinzu, dass ich noch nie in der Altenpflege gearbeitet habe, aber zwei Kinder großgezogen habe und Haushalt eigentlich immer ganz gerne gemacht habe. «Wenn Sie hier arbeiten wollen, lernen wir Sie an, das ist kein Problem! », sagt Clarissa und fügt dann mit einem Lächeln hinzu. «Sie haben eine positive Ausstrahlung, jemanden wie Sie können wir gut brauchen.» Wir sprechen über Krankheit, Tod und Sterben. Ich sage ihr, dass ich während meiner Feldforschungen schon mit Sterben und Tod konfrontiert wurde und über Bestattungsrituale geforscht habe. Sie nimmt es als Information, kein «oh, wie spannend! », was ich sonst oft höre. Sie schlägt vor, mir die Demenzwohngruppen im Waldhaus zu zeigen.

Das Waldhaus, in dem die Wohngruppen untergebracht sind, ist neu, solide und schlicht, in lichtem Rotbraun verputzt und mit ein paar ästhetisch ansprechenden architektonischen Details versehen. Es liegt in einer weitläufigen Parkanlage, nah am Haus gibt es einen Teich mit Seerosen und quakenden Fröschen. Der Autolärm der Großstadt ist als Rauschen im Hintergrund nur zu ahnen. Das Haus riecht angenehm, es ist hell und freundlich und der Eingang, mit Fahrstuhl und Treppe ins Obergeschoss, ist gestaltet wie in einem Familienhaus, keineswegs wie die Lobby eines Luxushotels, worauf in «Seniorenresidenzen» oft Wert gelegt wird. Auf den zwei Etagen öffnen sich in drei Richtungen die Wohnbereiche. Schon im Eingang empfängt uns Klaviermusik. Eine fröhliche Weise, die mich sofort berührt. «Das ist schön!», entfährt es mir. «Ja, das ist einer unserer Bewohner. Er kann nicht mehr sprechen, aber noch spielen.» Die vier Wohngruppen sind nach Preußen-Prinzessinnen benannt: Viktoria, Charlotte, Friederike und Luise. Bevor wir den Wohnbereich «Luise» betreten, sagt Clarissa, das Wichtigste sei, auf die Demenzkranken wirklich einzugehen. «Die merken sofort, ob Sie wirklich an ihnen interessiert sind oder nur so tun.»
Inhaltsverzeichnis
«Hab ich vergessen, ich hab nämlich Alzheimer»1
Inhalt6
Einleitung8
1 Leben ohne Arbeit?14
2 Das Eigene und das Fremde20
3 Fru¨her kam der Sensemann34
4 «Wo ist denn mein Bett?»50
5 «Ich hab’ Ru¨cken!»92
6 «Eigentlich ist das nicht zu schaffen!»128
7 Abschied vor dem Abschied?172
8 Jeder von uns ist Kunst – gezeichnet vom Leben196
9 Home, Ekstase, Inszenierung, Leibessicht, Ritual220
Ru¨ckschau244
Literatur258
Deutschsprachige Literatur, Adressen und Links zum Thema «Demenz»262

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