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E-Book

Hallervorden

Ein Komiker macht Ernst

AutorTim Pröse
VerlagHoffmann und Campe Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783455001600
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
»Ich bin privat ein scheuer Mensch. Der Autor Tim Pröse hat es geschafft, mich zu öffnen. Manche Dinge, nach denen er mich gefragt hat, überraschten mich. Nicht nur seine Fragen, sondern auch meine Antworten. Einiges, was ich im Leben tat, und vor allem warum ich es tat, war mir zuvor selber nicht so klar.« (Dieter Hallervorden) »Palim, palim!« - Als Didi hat er Generationen von Fernsehzuschauern zum Lachen gebracht. Und sich jahrzehntelang danach gesehnt, mehr als 'nur' Komiker sein zu dürfen. Mit über 70 Jahren, wenn die meisten Menschen längst in Rente sind, übernahm Dieter Hallervorden das Schlosspark Theater in Berlin. Und in den letzten Jahren überraschte er viele Millionen Kinozuschauer als Charakterdarsteller in »Sein letztes Rennen« oder »Honig im Kopf«. Tim Pröse hat sich auf die Spuren dieses Werdegangs begeben. Für sein biographisches Porträt hat er Hallervorden lange begleitet und zahlreiche Gespräche mit ihm geführt - ebenso mit seiner Lebensgefährtin und seinem Sohn, mit Weggefährten, Freunden und prominenten Kollegen. Er hat Hallervorden auf dessen privater Insel in der Bretagne besucht, auf die sich der Künstler seit Jahren regelmäßig zurückzieht. Entstanden ist eine stark erzählte und persönliche Annäherung an den empfindsamen und selbstkritischen Menschen Hallervorden. Ein besonderer Blick auf einen außergewöhnlichen Lebensweg und ein Buch, das eine der größten Fragen beantwortet: Wie wird man einfach nur man selbst?

Tim Pröse, geboren 1970 in Essen, ist Autor und freier Journalist in München. Er war Chefreporter der <EM>Münchner Abendzeitung</EM> und Redakteur der <EM>Focus-</EM>Ressorts "Menschen" und "Reportage". Eines seiner einfühlsamen zeitgeschichtlichen Porträts wurde mit dem Katholischen Medienpreis ausgezeichnet. Bei Hoffmann und Campe erschien 2017 <EM>Hallervorden. Ein Komiker macht Ernst. </EM>Außerdem veröffentlichte er 2016 den Longseller <EM>Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler</EM>. <EM>18 Begegnungen</EM>, 2018 erschien <EM>Samstagabendhelden. Begegnungen mit den legendärsten Stars aus Film, Funk und Fernsehen</EM> und zuletzt <EM>Mario Adorf. Zugabe!</EM> (2019).

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Leseprobe

Prolog


Ein Mann, eine Insel

Der Weg zum wahren Hallervorden ist weit. Raus aus dem Grau seines Berlins führen 1520 Kilometer in sein verborgenes Ich. In seine Abgeschiedenheit. In der sich der Himmel weiten wird, der gerade noch über Deutschland lastet.

Ein Air-France-Flieger stößt durch die Wolkendecke ins Sonnenlicht. Er gleitet nach Paris-Charles-de-Gaulle. Dann geht es weiter mit der nächsten Maschine nach Brest. Von dort schlängelt sich der Besucher in anderthalb Stunden Fahrt mit dem Mietwagen die bretonische Küste entlang. An den Säumen der Landstraße wachsen immer buntere und immer wildere Blumen aus dem Gras. Als kündigten sie die Freiheit jenes Mannes an, die er hier sucht und nach der er sich so sehnt. Das Licht und die Farben flirren. Die Welt löst sich auf wie in Pinselstrichen.

Die Fahrt zum anderen, der Öffentlichkeit bislang unbekannten Hallervorden führt mich bis in den nordwestlichsten Zipfel von Frankreich. Bis der Kontinent aufhört. Bis sich die Landstraße am Horizont im großen Blau des Atlantiks verliert.

Irgendwo dort draußen in diesem Blau liegt Hallervordens Zweitwohnsitz – auf seiner Privatinsel. Die Mittagssonne gleißt mit einer Macht über das Meer, dass ihre Strahlen die Gestalt der Insel verschwimmen lassen. Hallervorden zieht sich auf sie immer wieder zurück, weil ihn sein ganzes Wesen dorthin treibt. Um auf ihr zu verschwinden und sich von der Welt verschlucken zu lassen.

*

Für dieses Buch durfte ich ihn ein Jahr lang begleiten, auch auf diese Insel. Selbst in sein Schloss, das auf ihr thront. Auch das ist eine Premiere in seinem an Erstaufführungen, Abschieden und Neubeginnen reichen Leben. Zum ersten Mal wird sich Hallervorden, mit dem Generationen von Fernsehzuschauern aufwuchsen und den viele zu kennen glauben, wirklich öffnen. Er wird seine bunten Masken ablegen, hinter denen er erfolgreich war. Und einiges an Theaterpuder wird er sich abschminken. Er wird von seinen Träumen, von seiner Traurigkeit und auch von seiner Schwermut erzählen.

Etwas von dieser Tiefe erahnt jeder, der seine Kinofilme Honig im Kopf oder Sein letztes Rennen gesehen hat. Aber da ist noch mehr. Hallervorden wird in diesem Buch auch von seinen Ängsten erzählen und von dem, was ihn immer schon quält.

Seine Lebensgefährtin wird zum ersten Mal über ihre Liebe zu ihm sprechen. Und seine Kinder über ihre Nähe zu ihrem Vater.

Für Dieter Hallervorden selbst waren unsere zahlreichen Gespräche eine Überwindung, manchmal eine Häutung. Doch schließlich tat er das, was er jahrzehntelang öffentlich vermieden hatte: Er zeigte seine ganze Seele. Und war am Ende von sich selbst überrascht – »nicht nur von den Fragen, sondern auch von meinen Antworten«, wie er ohne jedes Augenzwinkern sagte.

*

Da war einer verwundert über sich selbst. Und über seine große Verwandlung in den vergangenen Jahren. Von eben jener will dieses Buch erzählen. Es ist die Geschichte von einem, der vor langer Zeit auszog, das Lachen zu lehren. Von einem, der sehr ernst zu sich selbst ist. Von einem, der feststeckte in den Schubladenköpfen der Fernsehmacher und der sich noch einmal neu erfand. Von einem, der noch vor ein paar Jahren sagte, er meide rote Teppiche und VIP-Feten seiner Branche. Und der nun mit seiner neuen Liebe – in etlichen Ausgaben von Gala und Bunte sieht man es auf Hochglanz gedruckt – durch die Nächte tanzt. Von einem, der sich als Eulenspiegel der BRD ausgab und seine Doktorarbeit schon begonnen hatte. Von einem, der sagt, er glaube nicht an einen Gott, und der doch fast jeden Tag zum Himmel hinaufschaut, um sich bei seiner Mutter zu bedanken.

*

Es ist Mai 2017. Die Alleen der Bretagne stehen Spalier auf dem Weg zu ihm hin. Manche Bäume hat der Seewind zerzaust. Manche trotzen ihm, stellen sich ihm entgegen. Das Salz in der Luft schlägt gegen die Windschutzscheibe. So entlegen ist die Gegend, dass das Navi im Mietwagen aussetzt. Fragt man deswegen die alten Männer im Dorf nach der Insel »mit dem Château« und »dem Monsieur Comédien aus Allemagne«, antworten sie: »Ah oui, oui, Monsieur ’Allervooorden! Oui, oui, Didier …« Sie lächeln und deuten weiter Richtung Meer. Sie kennen den lustigen Deutschen, von dem die Kapitäne Tag für Tag auf den Touristenbooten über die Bordlautsprecher erzählen, wenn sie zum Sightseeing an seiner Privatinsel vorbeituckern.

Was für eine Macht, mit der der Atlantik hier an die Küste der Bretagne drückt. Wie er erst in Wellen und später als Gischt an den Felsen zerschlägt. Wer aussteigt, den umarmen die warmen Böen. Der steht am Ufer, atmet, schmeckt das Salz der Luft, staunt und spürt die offene See. Eine Küste, die berührt und befreit.

Deswegen also ist er hier, denke ich mir.

Deswegen also fühlt er sich heute noch frankophiler und freier als damals. Als er Romanistik studierte mit dieser großen Vorliebe für die französische Sprache und jede Art von Unabhängigkeit.

Nur ein paar Kilometer sind es jetzt noch bis zu ihm hin. Der kleine Zacken von Frankreich, der hier in den Ozean ragt, ist einzigartig, unverwechselbar. Es sind besondere Steine, die es nur an diesem Ort der Welt gibt und sonst nur noch auf den Seychellen, so wird Dieter Hallervorden es mir erklären. Riesige Findlinge und Felsbrocken, die von den Jahrtausenden geschliffen wurden. Die märchenhaft anmuten. Sie berühren die Erde kaum. Als hätte sie ein Riese vor kurzem beim Boulespielen in diese Gegend geworfen.

Je näher das Ziel rückt, desto gewaltiger türmen sich die Steine vor mir auf. Dann erreiche ich endlich den kleinen abgelegenen Strand, zu dem ich fahren sollte. Auch er ist eingefasst von diesen Steinen, sie sind vier bis sechs Meter hoch. Und ein rosafarbener Schimmer lässt sie aus der tintenblauen See herausleuchten.

Auch deswegen ist er wohl hier, denke ich jetzt noch einmal.

Es war 1988, da las ich – als Student, der davon träumte, einmal Journalist zu werden –, dass Hallervorden sich eine Insel gekauft hatte. Davon erzählte ich ihm und dass es seither einer meiner offenen Reporterwünsche sei, ihn dort einmal zu erleben. Er zögerte. Doch dann lud er mich ein.

Die Felsen rund um seine Insel gibt es nur in dieser Gegend der Bretagne – und auf den Seychellen

Foto: DERDEHMEL

Vom Strand aus fallen meine ersten Blicke nun auf seine Insel. Die Spitzen und Zinnen der Türme seines Schlosses ragen aus den Kronen der Bäume hervor. Ich rufe Hallervorden an, und er meldet sich am Handy.

»Okay«, sagt er, »ich setze mich ins Boot.«

Fünf Minuten später erscheint ein winziger Punkt auf der See. Eine Viertelstunde weiter erkenne ich dieses so bekannte Gesicht, halb verborgen von einer Seemannsmütze, bis über die Augenbrauen gezogen. Er springt jetzt aus seinem Schlauchboot, zerrt es an den Strand. Aus seinem Bart und von seinem Ölzeug tropft das Spritzwasser der Wellen. »Schön, dass Sie da sind«, sagt er, umarmt mich und deutet lächelnd erst einmal in die andere Richtung, zum Dorf: »Lassen Sie uns eben noch Bier kaufen …«

Nach einem Abstecher zum nahen Supermarkt kommen wir mit einem Sixpack unterm Arm zurück zum Strand, und die Überfahrt beginnt. Die Luftkammern des Schlauchboots sind nicht richtig vollgepumpt, was das kleine Bötchen einmal mehr schaukeln lässt in der aufgewühlten See. Dann fällt auf halber Strecke auch noch der Außenborder aus, und Hallervorden kämpft gegen die Technik. Reißt tapfer an der Startleine, bis das Ding wieder anspringt. Nach jeder Welle, die das Boot emporträgt, platschen wir zurück in die See. Die Gischt weht uns in kleinen Schaumkronen entgegen, und jeder Meter nach vorn spült einen neuen Schwall Wasser in unser Boot.

»Geht doch!« sagt er mit einem Lächeln. »Gestern hätte ich Sie nicht abholen können, da war der Sturm zu stark.«

Ich versuche zurückzulächeln, spüre jedoch bald schon Übelkeit in mir aufsteigen. Anmerken lassen will ich mir aber natürlich nichts. Bemüht tapfer steige ich aus, als wir den Strand seiner Insel im knietiefen Wasser erreichen. Ich probiere einen möglichst coolen Ausfallschritt in die Brandung hinein, als ich schon merke, wie ich auf den Algen eines Steins ausglitsche, den Boden unter den Füßen verliere. Ich rudere mit meinen Armen, die finden aber keinen Halt mehr. Ich plumpse rückwärts ins Meer – in der einen Hand mein Gepäck, in der anderen ein Blumenstrauß für Hallervordens Freundin. Eine Welle drückt meinen Kopf unter Wasser in den feinen Sand.

Hallervorden gelingt jetzt der Spagat. Mit der einen Hand reißt er das Schlauchboot ans Ufer, mit der anderen zieht er mich aus der misslichen Lage. Ich schüttele mich wie ein nasser Hund, pruste.

»Ich wollte zur Begrüßung endlich einmal einen so guten Slapstick hinlegen wie Sie früher, Herr Hallervorden …«

Der Meister schmunzelt höflich.

Seine Freundin Christiane Zander kommt uns entgegen. Mit Salz in den Augen sehe ich sie zunächst nur wie durch Schlieren. Auch die Insel ist noch verschwommen. Ich stehe tropfnass vor dem Hügel und reibe mir die Augen – und schaue und staune.

So haben wir uns wohl als Kinder die Landschaften der Grimm’schen Märchen ausgemalt: Kiefern werfen Schatten auf den von ihren Nadeln weich bedeckten Boden. Jeder Schritt auf ihm federt sacht. Die mächtigen Dächer der Bäume bestimmen zusammen mit den Haufenwolken über ihnen, welchen...

Blick ins Buch

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