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Handwerk und Mundwerk

Über das Herstellen von Wissen

AutorPeter Janich
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl372 Seiten
ISBN9783406674914
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR
Bereits die griechischantike Philosophie stellte das Handwerk in der Rangfolge der Wertschätzung weit unter die viel edlere 'reine Theorie'. Seither steht der Theoretiker im Gegensatz zum Praktiker, also zum Arbeiter und Handwerker. Es wirkt das Vorurteil, dass der Handwerker nichts zur theoriefähigen Erkenntnis beitrage. Der Physiker genießt mehr Ansehen als der Ingenieur, und dieser wieder mehr als der Handwerker. Peter Janich unternimmt in diesem spannend geschriebenen Buch eine beeindruckende Forschungsreise durch die Wissenschaftsgeschichte. Ein philosophischer Blick auf die Fächer Geometrie, Physik, Chemie, Lebens- und Kommunikationswissenschaft zeigt, dass diese ihre Gegenstände handwerklicher Herstellung verdanken. Mehr noch, die zweckmäßige Reihenfolge von Schritten im Herstellen gibt dem 'Mundwerk', also der logischen Begriffs- und Theoriebildung, eine eigene Rationalität. Was der Handwerker in das gute Funktionieren seiner Produkte als Zweck investiert, macht am Ende den technischen Erfolg der modernen Naturwissenschaften aus. Das Buch ist anschauliche Wissenschaftsphilosophie und nicht zuletzt eine Ehrenrettung des Handwerks vor seinen Verächtern.

Peter Janich ist emeritierter Professor für theoretische Philosophie an der Philipps-Universität Marburg. Zahlreiche Veröffentlichungen.

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Leseprobe

Einführung


1 Banausen und Philosophen


Als Banause möchte niemand gelten. Wer so tituliert wird, hat sich als unwissend oder unqualifiziert in Sachen Kultur oder Kunst (einschließlich der Kochkunst) gezeigt. Und doch kommt das Wort «Banause» vom altgriechischen bánausos und heißt dort einfach «Handwerker». Wie konnte es dazu kommen, dass eine unverdächtige Bezeichnung zum Schimpfwort wurde, das einen ganzen Berufsstand diskreditiert?

Die Antwort findet sich bei Philosophen, genauer bei den altgriechischen Philosophenfürsten Platon und Aristoteles. Sie hatten ein aus heutiger Sicht sonderliches Verhältnis zur körperlichen Arbeit, die man als freier Bürger, als polítes in der (uns immer als Wiege der Demokratie empfohlenen) pólis doch lieber den Frauen, den Sklaven, den Periöken (bäuerlichen Umlandbewohnern) und eben den Banausen, also den Handwerkern überließ. Selbst widmete man sich der Politik, also den Angelegenheiten der pólis, oder man befasste sich mit Wissenschaft und Philosophie, was damals noch weitgehend dasselbe war, oder man zog für seinen Stadtstaat in den Krieg.

Hinter der Geringschätzung des Handwerks stand aber noch ein anderer Gedanke als der einer bestimmten Arbeitsteilung im (Stadt-)Staat, nämlich ein ethischer: Der Handwerker, etwa ein Schreiner, der einen Tisch oder ein Bett herstellt, übt seine Tätigkeit immer um einer anderen Sache willen aus. Er verfolgt einen nicht in der Tätigkeit selbst liegenden Zweck. Es geht ihm etwa um nützliche Möbel. Das heißt, der Sinn seiner Tätigkeit liegt außerhalb dieser. Als ethisch wertvoll galt aber den (in anderen Fragen keineswegs immer gleichgesinnten) Philosophen Platon und Aristoteles nur die Tätigkeit, die um ihrer selbst willen ausgeübt wird – so, wie das Glück im Gegensatz zum Geld nur um seiner selbst, nicht um einer anderen Sache willen angestrebt wird.

Als edelster Gegenstand, der um seiner selbst willen angestrebt wird, galt die Erkenntnis. Und als deren Zugang und Form galt die Theorie, vom altgriechischen Wort theoreĩn (zuschauen) abgeleitet. Der Theoretiker ist also Zuschauer, dem Wortursprung nach bei religiösen Riten (von theós, göttlich), später auch der offizielle Zuschauer bei den klassischen olympischen Spielen, also der Sportfunktionär und Reporter, der seiner Gemeinde vom Verlauf und vom Abschneiden der eigenen Leute berichtete. Schon damals stand der Theoretiker im Gegensatz zum Praktiker oder besser, zum Arbeiter und Handwerker. Zu diesen zählte damals auch der Poet, der als griechischer poiétes und als lateinischer poeta (von griechisch poié ìn, herstellen) nur ein Hersteller von Gedichten und Schauspielen, nicht aber ein Erkennender und Wissender war. Und selbst der heute noch berühmte Archimedes galt wegen seiner handwerklich-technischen Erfindungen wenig und war Wissenschaftler nur als Verfasser einer Theorie (zur Statik und Optik).

Natürlich kann man fragen, wieso und wie sich diese Philosophien in einer Wertschätzungshierarchie wiederfinden konnten, die uns auch noch heute geläufig ist. Hört man sich heute im akademischen Betrieb um, dann gilt der Theoretiker mehr als der Praktiker. Der Physiker ist angesehener als der Ingenieur, und dieser wieder mehr als der Handwerker, dem der Physiker doch seine Geräte und der Theoretiker die Daten des Experimentalphysikers verdanken. Eine groteske Form dieser Hierarchie wird aktuell in der Wertschätzung von Erziehungstheoretikern durch Politiker sichtbar. Als Ratgeber der Politik muss der Erziehungswissenschaftler weder nachweisen, dass er selbst «erziehen», «bilden» oder «ausbilden» kann, noch gar, dass er die angestrebten Inhalte der (Aus-)Bildung selbst beherrscht. Er soll als zuständiger Theoretiker nur sagen, worüber, worin oder wie die zu Belehrenden zu belehren sind.

Tatsächlich waren es nicht etwa Politik oder Ethik, deren Geringschätzung des Handwerks historisch gewirkt hat, sondern der Niederschlag dieser Philosophie in den Anfängen der abendländischen Wissenschaften, vor allem in der Geometrie. Sie galt damals als Prototyp von Erkenntnis einer wissenschaftlichen, also auf Begründungen beruhenden Form. Sie war epistéme (Wissen, Wissenschaft) im Unterschied zur bloßen dóxa, das heißt, der bloßen Meinung oder dem Anschein, und sie hatte, historisch höchst wirksam, die (sprachliche) Form der Theorie.

Hier trennen sich die Wege von Platon und Aristoteles, weil Ersterer den Gegenstand der Geometrie im Reich der Ideen angesiedelt hat, Letzterer aber geometrische Formen als Abstraktionen (aphaíresis) aus handwerklich geformten Objekten ansah, etwa den Kreis als abstrahiert, wörtlich «abgezogen», aus kreisrunden, auf der Töpferscheibe hergestellten Objekten.

Aus heutiger Sicht leiden wir – neben der Geringschätzung des Handwerks – immer noch unter den Folgen dieses Gegensatzes der platonischen und der aristotelischen Auffassung von Geometrie, die ja schon in der Antike mit Euklid einen ersten, großartigen Abschluss fand. Aber leider war sie ein totaler Fehlstart der Wissenschaftsphilosophie und der Erkenntnistheorie.

Diese Folgen sind das Thema des vorliegenden Buches. Die Rolle von Handwerk und ihrer avancierten Form, der modernen Technik, für die mathematischen, die Natur- und die Informationswissenschaften werden von Anfang an falsch eingeschätzt. Dabei wohnt jeder technischen Herstellung von Objekten oder Vorgängen eine eigene Rationalität, eine eigene Logik inne, die weder in den Wissenschaften allgemein noch in den Naturwissenschaften im Besonderen gesehen wurden. Leider hat die Abwertung von Handwerk und Technik dann auch zu eigenen, die Naturwissenschaften weit überschätzenden Philosophien geführt und darüber hinaus die gesamte Kultur und die öffentliche Meinung infiziert. Sogar unser Menschen- und unser Weltbild sind nicht verschont geblieben.

Selbst das Mundwerk als kultürlicher Gegenpol zum Handwerk, also die Sprache und die sprachlichen oder sprachabhängigen Kulturleistungen des Menschen nicht nur in den wissenschaftlichen und philosophischen Theorien sind betroffen von der fehlenden Einsicht in die Bedeutung und die Logik des Handwerks. Das soll in diesem Buch aufgewiesen werden.

Bücher sind freilich selber zwangsläufig vor allem Mundwerk, ohne welches die handwerkliche Herstellung der Bücher durch Drucker und Buchbinder keinen Gegenstand hätte. Deshalb soll sich dieses Buch immer wieder auf das berufen, was auch dem Laien handwerklich einsichtig weil nachvollziehbar ist. Details, die den Fachwissenschaftler oder den Fachphilosophen interessieren mögen, sind in einen Anmerkungsteil am Ende des Buches ausgelagert. Dort ist auch gelegentlich die genaue Erläuterung oder Begründung für Thesen im Text nachzulesen.

Immerhin lässt sich schon zu Beginn dieser Überlegungen sagen, dass das Mundwerk sich das Handwerk zum Vorbild nehmen kann und sollte. Denn nicht die mundwerkliche Beschreibung oder Erzählung des handwerklichen Machens, sondern nur das handwerkliche Machen selbst, sein Vollzug und seine Produkte zählen. Sie zählen als Anfänge in mehrfacher Hinsicht, als Anfang der Geschichte, der Lehrbarkeit oder des Geltungsnachweises von Wissenschaft und ihrer Theorien. Das lässt sich mundwerklich in einem Buch nachahmen durch konkrete Beispiele. Sie erläutern, ja sie realisieren Thesen dieses Buches. Soweit möglich, sollen diese Beispiele sogar für Handlungen stehen, die der Leser prinzipiell, das heißt, wenn er nur möchte, selber tatsächlich und nicht nur gedanklich vollziehen kann.

Deshalb werden hier auch keine «anschaulichen» Beispiele versprochen, weil das Anschauen selbst die Grundtätigkeit des Theoretikers ist. Unsere Beispiele sollen vielmehr «praktisch» in dem Sinne sein, dass sie auf das práttein, auf das Handeln von Akteuren beziehungsweise auf das Handeln des Lesers zurückführen.

2 Ziele und Wege (Programm und Inhalt dieses Buches)


Das philosophische Erbe der Antike ist unser erster Gegenstand. Er lässt sich bestens erläutern am Gegensatz der platonischen und aristotelischen Antworten auf die Frage, wovon Geometrie handelt, von Ideen oder von Formen realer, handwerklich hergestellter Alltagsdinge. Denn die Geometrie war kulturhistorisch die erste zu hoher Reife gebrachte Wissenschaft überhaupt, hat deren theoretische Form bis heute beeinflusst und ist für die Entstehung der klassischen und der modernen Naturwissenschaft maßgeblich geworden.

Deshalb beginnt dieses Buch mit der Geometrie und ihrem historischen Schicksal zwischen Handwerk und Mundwerk. Dieser Anfang führt zwangsläufig vom antiken Euklid bis zur relativistischen Physik Albert Einsteins, die ihrerseits wie ein Donnerschlag auf die Philosophie gewirkt hat.

Das Dilemma der heute vorherrschenden Meinungen liegt darin, dass der historische Gang der mathematischen und der Naturwissenschaften als große Erfolgsgeschichte der Aufklärung und der Vernunft erzählt wird. Einwände werden angesichts der Durchschlagskraft der herrschenden Meinung nicht wirklich ernst genommen. Vor allem aber bleibt man gern bei der Mehrheitsmeinung, wenn man keine Alternativen kennt....

Blick ins Buch

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