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E-Book

Heiligtümer als politische Zentren

AutorNikola Moustakis
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl263 Seiten
ISBN9783831605606
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis32,99 EUR

Am Fallbeispiel der Region Epirus wird gezeigt, wie aussagekräftig die Wirkungsgebiete von Heiligtümern sind, um staatliche wie zwischenstaatliche Formierungsprozesse und Stabilisierungsbemühungen in der Antike aufzudecken. Für sieben polisübergreifende Heiligtümer (u.a. Dodona, Nekromanteion Acherontas, Zeus-Heiligtum von Passaron) werden in dieser Arbeit zunächst jeweils die geographischen und funktionalen Wirkungsgebiete bestimmt und abschließend ihre Überschneidungen und Abgrenzungen herausgearbeitet.

So wird deutlich, daß ein und dasselbe Heiligtum zugleich auf lokaler und regionaler wie auch auf überregionaler Ebene eine – auch politische – Wirksamkeit entfalten konnte. Gerade in diesem Wechselspiel der sich überlappenden, aber auch gegeneinander abzugrenzenden Wirkungsgebiete sind neue Aufschlüsse über die identitätsstiftenden bzw. -sichernden Funktionen von Heiligtümern zu erlangen.

Nikola Moustakis (geb. Hampe), Jahrgang 1969, studierte Geschichte, Katholische Theologie, Klassische Archäologie und Pädagogik an den Universitäten Münster und Ioannina (Griechenland). 1996 Erstes Staatsexamen für das Lehramt Sek. II/I. 2001 Promotion an der WWU Münster. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Alte Geschichte der Universität Münster

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Leseprobe

4. Das Nekromanteion Acherontas (S. 158)

Das Nekromanteion Acherontas ist neben Dodona die wohl bekannteste Kultstätte der Region Epirus. Ihrer Bedeutung soll im folgenden in funktionaler und geographischer Hinsicht nachgegangen werden. Dazu wird die Kultstätte zunächst lokalisiert und ihr Alter bestimmt. Anschließend werden die relevanten Quellen vorgestellt, die Rückschlüsse auf den Einzugsbereich und die Ausstrahlung des Nekromanteions und damit seine Wirkungsweisen zulassen.

4.1. Lokalisierung und Datierung

Pausanias berichtet:

Nahe Kichyros liegen ein Acherusia genannter See sowie ein Acheron genannter Fluß und dort fließt auch der Kokytos, ein ganz schreckliches Gewässer. Es scheint mir, daß Homer es wagte, den Hades zu beschreiben, und den Flüssen dort die Namen von denen in Thesprotien gab, weil er diese Gegend gesehen hatte.

(Paus. 1,17,5, Übersetzung E. Meyer)

Auf der Grundlage dieser Beschreibung wurde vermutet, daß der in der Odyssee beschriebene Zugang zum Hades nahe der an der thesprotischen Küste gelegenen Stadt Ephyra gedacht wurde. Es ist aber zu betonen, daß Homer in seiner Beschreibung weder die Stadt Ephyra noch die Region Thesprotien nennt. Vielmehr wurde erstmals in der römischen Kaiserzeit die Beschreibung des Unterwelt-Zugangs in der Odyssee auf eine Kultstätte bei Ephyra in Thesprotien bezogen.

Für die Lokalisierung in Thesprotien sprechen aber zwei Episoden aus der Odyssee und ihrem Umfeld: Zum einen besuchte Odysseus das ebenfalls zu dieser Zeit in Thesprotien liegende Orakel von Dodona. Zum anderen wird der Auftrag von Teiresias an Odysseus, das Segeln einem binnenländischen Volk beizubringen, gerade in Epirus erfüllt.

Zudem stimmen die geographischen Gegebenheiten in der Umgebung des thesprotischen Ephyra mit der homerischen Beschreibung auffällig überein. Unter der Leitung von Sotiris Dakaris wurden daher etwa 500 m südlich von Ephyra auf einem Hügel oberhalb des Zusammenflusses von Acheron und Kokytos Grabungen mit der Hoffnung durchgeführt, den Hadeszugang ebenso wie das von Homer beschriebene Totenorakel in dieser Gegend zu finden.

Zwischen 1958 und 1991 wurden dabei Fundamente freigelegt, die Dakaris als Teile des Totenorakels und Reste einer archaischen Kultstätte identifizierte. Inzwischen wird jedoch mit guten Gründen vermutet, daß es sich bei diesen Fundamenten um einen hellenistischen Adelssitz handelt.

So muß zugegeben werden, daß Gegenstände, die gesichert auf einen Kult bezogen werden können, an dieser Stelle nicht gefunden wurden und statt dessen die dort freigelegte große Zahl an Gebrauchsgegenständen - v. a. Vorratsgefäße und Webgewichte - für ein Totenorakel seltsam anmutet. Das Totenorakel lag vermutlich weiter unterhalb der Grabungsstätte, also am Fuße des Berges.

Dort wurden auch Weihgaben entdeckt, die auf einen Kult schließen lassen - v. a. weibliche Terrakotten mit einem Polos, die als Demeter oder Persephone interpretiert werden können. Spuren einer architektonischen Gestaltung wurden an dieser Stelle (bisher) allerdings nicht ausgemacht.

Dies ist jedoch nicht besonders überraschend, da die literarischen Quellen den Eindruck vermitteln, daß als Zugang zur Unterwelt kein Gebäude sondern der Fluß Acheron selbst angesehen wurde. Hinsichtlich des Alters des Totenorakels am Acheron muß aufgrund der aktuellen Quellenlage festgestellt werden, daß die in der Forschung vorgebrachten Ausführungen über prähistorische Kultformen sich nicht auf die archäologischen Funde stützen, die eindeutig als Kult- oder Weihgegenstände gewertet werden können.

Erst die bereits erwähnten Terrakotten, die in das ausgehende 7. Jh. bis ausgehende 5. Jh. datiert werden, deuten auf einen Kult der Persephone oder Demeter an diesem Ort hin.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort8
Inhaltsverzeichnis10
1. Einleitung14
2. Forschungsstand21
3. Das Heiligtum von Dodona29
3.1. Praeluminaria und Perspektiven30
3.1.1. Lokalisierung31
3.1.2. Die Anfänge der Kultstätte32
3.1.3. Die frühen Gottheiten35
3.2. Dodona in der archaisch-klassischen Zeit40
3.2.1. Ein Heiligtum der Umwohner40
3.2.2. Ein Heiligtum eines Stammesverbandes43
3.2.3. Ein überregionales Heiligtum45
3.2.3.1. Das Einzugsgebiet des Heiligtums45
3.2.3.2. Das Ausstrahlungsgebiet des Heiligtums67
3.2.4. Zusammenfassung72
3.3. Dodona im 4. Jahrhundert73
3.3.1. Dodona als Zentrum des Koinon der Molosser75
3.3.2. Das Einzugsgebiet Dodonas im 4. Jahrhundert81
3.3.2.1. Eine Orakelstätte für Privatpersonen82
3.3.2.2. Eine Orakelstätte für staatliche Gemeinschaften86
3.3.3. Die überregionale Ausstrahlung Dodonas im 4. Jahrhundert90
3.3.4. Zusammenfassung98
3.4. Die Rolle Dodonas im Epirotischen Bundesstaat99
3.4.1 Die bauliche Ausgestaltung des Heiligtums als Voraussetzung und Spiegelbild eines Zentrums103
3.4.1.1. Sakralbauten104
Exkurs: Götter, Kulte und Mythen in Epirus113
3.4.1.2. Profanbauten122
3.4.1.3. Akropolis128
3.4.2. Die funktionalen und geographischen Wirkungsgebiete Dodonas128
3.4.2.1. Dodona als Aufstellungsort von Dekreten129
3.4.2.2. Dodona als Orakelstätte134
3.4.2.3. Dodona als Wettkampfstätte138
3.4.2.4. Die Bedeutung Dodonas im Spiegel der Münzen139
3.4.2.5. Dodona als ein Heiligtum mit vielfältigen Wirkungsgebieten142
3.4.3. Dodona als ein Ort der Herrscherrepräsentation145
3.4.4. Zusammenfassung154
3.5. Dodona nach dem 3. Makedonischen Krieg155
3.5.1. Fortleben als ein religiöses, kulturelles und politisches Zentrum158
3.5.2. Hadrian Zeus Olympios Zeus Dodonaios162
3.6. Dodona als ein multifunktionales Heiligtum169
4. Das Nekromanteion Acherontas171
4.1. Lokalisierung und Datierung171
4.2. Wirkungsgebiete173
4.3. Relevanzbestimmung175
5. Das Zeus-Heiligtum von Passaron177
5.1. Lokalisierung und Datierung177
5.2. Wirkungsgebiete und Relevanzbestimmung178
6. Das Athena Polias-Heiligtum einer183
7. Das Asklepieion von Bouthroton185
7.1. Lokalisierung und Datierung185
7.2. Wirkungsgebiete186
7.3. Relevanzbestimmung191
8. Das Nymphaion bei Apollonia192
8.1. Lokalisierung und Datierung192
8.2. Wirkungsgebiete und Relevanzbestimmung195
9. Das Apollon Aktios-Heiligtum bei Nikopolis200
9.1. Lokalisierung und Datierung201
9.2. Funktionale und geographische Wirkungsgebiete202
9.3. Relevanzbestimmung213
10. Schlußbetrachtung216
11. Literaturverzeichnis219
12. Namen- und Sachregister248
13. Quellenverzeichnis253
13.1. Antike Autoren253
13.2. Epigraphische Quellen258

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