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E-Book

Heilung auf Widerruf

Überleben mit und nach Krebs

AutorPetra-Alexandra Buhl
VerlagKlett-Cotta
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783608191509
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Über 4 Millionen Menschen in Deutschland sind an Krebs erkrankt. Immer mehr Menschen haben den Krebs überstanden. Aber es ist noch längst nicht vorbei. Ab jetzt wird es nie mehr wie früher sein. Vom Langzeit-Überleben mit Krebs, den psychischen Gefährdungen, den unerwarteten Chancen eines völlig veränderten Lebens und den vielen ungeahnten Möglichkeiten persönlicher Reife. Bereits die Diagnose hebt das Leben aus den Angeln. Jeder Krebs ist anders. Ihn zu überleben ist keine Glückssache: Jede und jeder kann von »Vorgängern« lernen. Um die Krebserkrankung zu bewältigen und zu verarbeiten, ist es wichtig, persönliches Befinden und medizinische Befunde zu entkoppeln. Der Krebs und der Tod - beide brauchen ein starkes Gegenüber: den selbstbewussten Patienten, der seine Situation weder schlecht- noch schönredet, sondern sich ihr stellt. Das erste Buch, das Patienten, ihre Angehörigen, Bekannten und Freunde während und vor allem nach der Krebserkrankung coacht. »Petra-Alexandra Buhl hat ein umfassendes, gut recherchiertes und wichtiges Werk über die Situation der Krebsüberlebenden 'cancer survivors' geschrieben. Ich bin sicher, dass sie damit allen KrebspatientInnen hilft, die sich nach einer erfolgreichen Therapie fragen, wie es nun weitergehen kann. ... Außerhalb von Comprehensive Cancer Centern bleibt noch viel zu tun und Patienten müssen oft ihren Weg selbst finden. Dabei kann das Buch helfen und bei Freunden und Angehörigen für mehr Verständnis in dieser Situation sorgen. Ein empfehlenswertes Buch, das eine große Leserschaft verdient.« Prof. Dr. Manfred E. Heim, Klinik Sokrates »Das Buch 'Heilung auf Widerruf' stellt aus unterschiedlichen Perspektiven die Probleme von Überlebenden nach Krebsbehandlung in den Mittelpunkt und zeigt Lösungswege auf, die nicht nur Betroffenen sondern auch ihren Angehörigen helfen können. Aber auch für Ärztinnen und Ärzte ist das Buch lesenswert und regt zum Nachdenken an. Frau Buhl hinterfragt kritisch die Prioritäten der modernen Krebsmedizin und Forschung.« Prof. Dr. Daniel Zips, Radioonkologe, Sprecher des Comprehensive Cancer Centers Tübingen-Stuttgart

Petra-Alexandra Buhl überstand vor dreißig Jahren eine schwere Krebserkrankung und engagiert sich seither für die psychosoziale Nachsorge von Krebspatienten. Buhl studierte Geschichte, Germanistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Tübingen, absolvierte eine journalistische Ausbildung an der Henri- Nannen-Schule Berlin und arbeitete 10 Jahre erfolgreich als Journalistin. Seit 2008 coacht sie Führungspersönlichkeiten und moderiert Großveranstaltungen.

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Leseprobe

2 Die Diagnose hebt das Leben aus den Angeln – Schock, Starre, Todesangst


Am nächsten Tag teilt mir eine junge Ärztin im Praktikum – nur wenige Jahre älter als ich – auf dem Klinikflur »offiziell« meine Diagnose mit. »Setzen Sie sich erst mal. Ich muss Ihnen etwas sagen, oder nein, Sie wissen es ja schon. Sabine hat mir gesagt, Sie hätten gestern miteinander geredet. Ja, Sie haben Krebs, aber Sie haben Glück: Noch vor ein paar Jahren hätten wir gar nichts für Sie tun können.«

Sie erläutert mir, welche Therapie vorgesehen ist und dass ich ein paar Tage nach Hause darf – auf Urlaub: »10 bis 15 Prozent in diesem Stadium schaffen es. Sie müssen kämpfen, dann wird es schon.« Mit wehendem Arztkittel eilt sie davon.

Meine genaue Diagnose hieß: Morbus Hodgkin III B/fraglich IV B – also Lymphdrüsenkrebs im Spätstadium. Lokalisiert im Hals, umfangreich im Mediastinum als »bulky disease« (Tumor größer als fünf Zentimeter), in den Leisten, Verdacht auf Herde in Milz und Leber, gemischtzelliger Typ plus Risikofaktoren.

Der Schock kam bei mir erst später, als es mir nach der ersten Chemotherapie und Bluttransfusionen so weit besser ging, dass ich die Gefahr, in die ich geraten war, überhaupt realisieren konnte. Krank wird jeder mal, aber mit einer Krebsdiagnose ist auf einmal das Leben bedroht. Im normalen Alltagsbewusstsein verleugnen wir die Existenz des Todes und die Tatsache, dass wir sterben müssen. Wir wollen ewig leben, der Tod bleibt abstrakt und wird in irgendeiner fernen Zeit stattfinden. Für Tumorkranke wird das Sterbenmüssen plötzlich ganz real. Sie verlieren diesen naiven Glauben an ihre Unsterblichkeit. Die Diagnose wird meist als Todesurteil erlebt, als Krankheit, die – unbehandelt – ihren Träger umbringt.

Krebs ist nicht gleich Krebs. Bei Brust- und Prostatakrebs gibt es umfangreiche Vorsorgemaßnahmen. Das hat zu einer deutlichen Zunahme der Diagnosen geführt. Die Früherkennung spürt auch »schlafende« und »träge« Tumore auf, die manchmal unnötig behandelt werden. Otis Brawley, der ehemalige Direktor der amerikanischen Krebsgesellschaft, sagt: »Ein Drittel der Frauen haben lokalisierte (eng begrenzte) Formen von Brustkrebs, die wie Krebs aussehen, diese Frauen aber niemals umbringen werden.«[1] Viele Frauen würden überflüssig bestrahlt oder bekämen sogar die Brust abgenommen. Auch sie kämpfen später mit Langzeitschäden und gegen die latente Todesangst.

Bei Männern wird nach Vorsorgeuntersuchungen häufig Prostatakrebs diagnostiziert. Ab einem bestimmten Alter empfehlen manche Ärzte abzuwägen, ob der Tumor oder die Therapie die Lebensqualität stärker beeinträchtigt. Die Grenzen der PSA-Werte sind fließend, ab wann jemand behandlungsbedürftig ist, umstritten. Es dauert übrigens sehr lange, bis aus einer gesunden Zelle zunächst eine Krebszelle und schließlich ein Tumor wird. Das Wachstum eines Tumors kann auch stocken und irgendwann stehen bleiben. In sehr seltenen Fällen bildet sich ein Karzinom ohne Behandlung ganz zurück.

Dabei sind Krebskrankheiten extrem unterschiedlich. Das Spektrum reicht von Leukämien und Lymphomen, die inzwischen gut bis sehr gut geheilt werden können, bis zu Organtumoren mit äußerst drastischer Prognose. Typisch für Karzinome ist ihr ungehemmtes Wachstum. Sie zerstören umliegendes Gewebe und streuen Tochtergeschwülste in andere Organe (Metastasen). Das Bild, das die meisten Menschen vor Augen haben, wenn sie das Wort Krebs hören, ist ein qualvoller Tod. Darum zieht einem so eine Diagnose den Boden unter den Füßen weg: Verlust von Sicherheit, Konfrontation mit dem eigenen Tod, vielschichtige emotionale, körperliche und soziale Belastungen.

»Ich bin aggressiv, aber eigentlich bin ich tot. Heute Abend könnte ich wirklich mit einem Knüppel durch die Stadt laufen und alles kurz und klein schlagen. Ich bin so beleidigt, so dermaßen beleidigt und verletzt von diesem Ding.«[2]

Christoph Schlingensief

Allein mit dem Aussprechen der Diagnose geraten viele Menschen in eine Art Problemhypnose, die ihnen schon vor Behandlungsbeginn psychischen Schaden zufügt. Darin wurzeln – meist unbeachtet – spätere Schwierigkeiten, die sich unterschiedlich manifestieren. Schauen wir näher hin:

Der Verlust von Sicherheit – Jeder Mensch erlebt seine Krebsdiagnose als Schock. Gewissheiten wie »die Welt um mich herum ist ein sicherer Ort« fallen von einem Moment auf den nächsten in sich zusammen. Vorbei. Aus einer geschützten, geordneten Welt wird eine chaotische Umbruchsituation mit offenem Ausgang. Die existenzielle Krise kommt mit voller Wucht und stellt das bisherige Leben komplett infrage:

  • Wie geht es weiter? Habe ich überhaupt eine Zukunft?

  • Und wenn ja, wie sieht sie aus?

  • Was wird aus meinen Kindern/dem Partner/den Eltern …?

  • Kann ich weiterhin für meine Familie sorgen?

  • Was ist mit meiner Arbeit, meinen Verpflichtungen?

Dieser Gedankenstrudel entwickelt eine solche Sogkraft, dass er den Patienten gnadenlos mitreißt. Natürlich spielen bisherige Bindungserfahrungen, die eigene Persönlichkeit und das soziale Umfeld eine große Rolle dabei, wie Menschen diesen initialen Schock verdauen. Doch in der ersten Phase bricht alles über den Kranken herein.

Sicherheit ist nach der bekannten Maslowschen Pyramide das zweitwichtigste Grundbedürfnis: Wir fühlen uns wohl und sicher mit dem, was wir kennen, und schätzen Stabilität. Doch plötzlich scheint nichts mehr verlässlich und berechenbar. Der Krebs sickert überall ein und beginnt, den Menschen zu dominieren: Seine Gedanken, Gefühle, die Beziehungen zu anderen, seine Gewohnheiten und Lebensumstände. Hinter allem stehen Fragezeichen, begleitet von durchdringender Angst.

Die Konfrontation mit dem eigenen Tod – Diagnosen wie HIV/Aids, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirken sich auf das Leben der Betroffenen ebenso gravierend aus. Doch Krebs ist der »König aller Krankheiten«.[3] Kein anderes Leiden scheint so gefährlich, mit einem kollektiven Trauma, Mythen und zahlreichen Tabus belastet. Jede Diagnose scheint besser zu sein als diese. Urplötzlich steht der Tod im Raum. Es ist möglich, dass die Behandlung erfolglos ist. Wie ist das für mich, wenn ich jetzt sterben muss? Vielleicht sogar nach längerer Krankheit? Die meisten Patienten wünschen sich einen Aufschub. Gedanken wie »ich will meine Kinder aufwachsen sehen« oder »wenigstens noch ein Jahr« sind Versuche, den Tod wegzuschieben. Deshalb sind sie sehr kooperativ und nehmen alle Risiken bereitwillig auf sich. Krebspatienten möchten die Therapie meist mustergültig absolvieren, alles richtig machen, um am Leben zu bleiben. Die entfachte Widerstandskraft erlahmt, wenn sich die Befunde verschlechtern, Chemotherapie ausfallen muss oder lieb gewonnene Mitpatienten sterben.

September 1990. Sabine stirbt nach einer Knochenmarktransplantation im Alter von 22 Jahren. Noch auf dem Weg zur Isolierstation spricht sie mir Mut zu: »Wir schaffen das, du wirst es sehen.« Lachend zeigt sie mir mit ihren Fingern ein Victory-Zeichen, ehe sie durch die Schleuse geht. Nach eineinhalb Wochen kommt die Todesnachricht. Mich verlässt die Zuversicht. Wie soll ich überleben, wenn nicht einmal Sabine das schafft?

Vielschichtige körperliche, emotionale und soziale Belastungen – Gerade in der Anfangsphase von Diagnose und Therapie bringt der Krebs eine gewaltige Lawine an Konsequenzen mit sich:

  • Körperlich: Schmerzen, Erschöpfung, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit – teilweise als Symptome von Krankheit und Therapie, aber auch psychischen Ursprungs.

  • Emotional: Sorgen, Ängste, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Grübeln – etwa ein Drittel der Tumorpatienten ist laut Studien so beeinträchtigt und belastet, dass sie die Kriterien einer psychischen Störung erfüllen, etwa einer Depression. Verdeckt können sich emotionale Schwierigkeiten auch in Antriebsschwäche oder Konzentrationsproblemen äußern. Die niederschmetternde seelische Belastung fordert ihren Tribut.

  • Sozial: das Zusammenleben...

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