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E-Book

Helmut Schmidt und der Scheißkrieg

Die Biografie 1918 bis 1945

AutorSabine Pamperrien
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783492967808
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Die Tragik, pflichtbewusst und mit vollem Einsatz für die falsche Sache gekämpft zu haben, begleitet Helmut Schmidt noch heute. Doch auch wenn er immer vom »Scheißkrieg« spricht, so blieb er sein Leben lang vom Soldatischen fasziniert, waren Pflichterfüllung und Disziplin für ihn prägend. Aber was hat Helmut Schmidt wirklich gesehen und gewusst? Der Altkanzler selber gab der Autorin die Erlaubnis, seine Wehrmachtsakte und seine persönlichen Unterlagen auszuwerten. So erforscht Sabine Pamperrien Details, die bislang im Verborgenen blieben, sie erzählt, wie die Nazis nach dem Jungen aus der progressiven, demokratischen Lichtwark-Schule griffen oder wie der Abiturient zum vorzüglichen Soldaten und dekorierten Offizier in Hitlers Wehrmacht wurde. Ein unverzichtbares Buch für alle, die verstehen wollen, wie aus dem bedeutenden Politiker derjenige wurde, der er heute ist.

Sabine Pamperrien studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaft. Nach Stationen beim ZDF und in Printmedien arbeitet sie als freiberufliche Journalistin und Rezensentin für Deutschlandfunk, Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Das Parlament, Der Freitag und zahlreiche andere überregionale Medien. Ihre Publikationen erreichen eine große Öffentlichkeit. Die Autorin lebt in Berlin und in der Nähe von Bremen.

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Leseprobe

Vorwort


»Mörder aus Feuerteufel-Tatort spielt Helmut Schmidt«, titelte das Hamburger Abendblatt im Jahr 2013 vorwurfsvoll. Gerade war bekannt geworden, dass der Schauspieler Bernhard Schütz in den Spielszenen einer Fernsehdokumentation über das Leben Helmut Schmidts den »coolsten lebenden Deutschen« in seinen mittleren Jahren darstellen würde. Sollte das heißen, dass Darsteller von Mördern für die Verkörperung einer lebenden Legende wie Helmut Schmidt nicht geeignet sind?

Dass mit Bernhard Schütz ein Star deutscher Theater die Rolle übernahm, war die eigentliche Nachricht. Als Loki-Darstellerin an seiner Seite gab sich die in ihren Rollen überaus wählerische Bibiana Beglau die Ehre. Beide ergänzten ein illustres Ensemble, das schon durch seine Teilnahme an der NDR-Produktion zum 95. Geburtstag des Altbundeskanzlers deren Protagonisten adelte. Nicht umgekehrt, wie die professionelle Distanzlosigkeit des Boulevards suggerierte.

Kritische Distanz war immer etwas, das Helmut Schmidts intellektuellen Zugang zu den Themen kennzeichnete, mit denen er sich beschäftigte. Bis heute sind die Unabhängigkeit seines Denkens und die Unerschrockenheit seines oft unbequemen Urteils Hauptmerkmale seiner Wirkmacht. Schon allein deshalb ist es für eine Person wie ihn nicht angemessen, idealisiert zu werden – weder in der Meinungsmache des Boulevards noch in den üblichen Elogen von Affirmatoren, die sich von demonstrativer Nähe zu Schmidt einen Abglanz von dessen Nimbus auf die eigene Person erhoffen.

Eine Folge der durchaus auch gönnerhaften Haltung mehr oder weniger prominenter Apologeten gegenüber dem Altbundeskanzler ist eine immer weiter um sich greifende Geschichtsklitterung. Entstanden ist sie hauptsächlich daraus, dass immer wieder und unhinterfragt auf dieselben Quellen zurückgegriffen wird. Wenn man verschiedene Publikationen über Helmut Schmidt aus den vergangenen Jahrzehnten studiert, stellt man fest, dass fast alle persönlichen Details aus dem langen Leben Schmidts wie auswendig gelernte Anekdoten immer und immer wieder repetiert werden.

Schmidt ist berühmt für sein glänzendes Gedächtnis, das ihn noch in hohem Alter nahezu wortlautgleich Gedankengänge, Analysen und politische Entscheidungsfindungsprozesse wiederholen lässt, die er 40, 50, auch 60 Jahre zuvor bereits niederschrieb oder sagte. Bei den Erinnerungen an sein eigenes Leben verlässt ihn jedoch sein phänomenales Gedächtnis. Nicht nur, weil immer wieder die Details aus seinem Leben abgefragt werden, die er zuvor schon berichtet hatte: Von sich aus erzählt er ebenfalls immer dieselben »Storys« über Familie, Kindheit, Jugend und junge Erwachsenenzeit. Wie sich zeigt, irrt er dabei oft, besonders bei Jahreszahlen. Beispielhaft steht dafür ein Satz aus seinen Erinnerungen über den Vater seiner Mutter. »1933 – so erinnere ich mich deutlich – hat meine Oma bei Hitlers Ermächtigungsgesetz gesagt: ›Welch Glück, dass Heinrich dies nicht mehr erleben musste!‹«1 Der Großvater starb aber nicht 1932, wie der Enkel zu wissen meint, sondern nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes.

An anderer Stelle berichtet er, er habe 1937 ein Jahr früher als vorgesehen das Abitur machen müssen, weil Hitler Soldaten benötigte.2 Das sogenannte Notabitur, auf das er anspielte und das tatsächlich Abiturienten ein Jahr früher der Armee zuführen sollte, wurde aber erst während des Krieges eingeführt. Er und seine Klassenkameraden mussten das Abitur vorziehen, weil die Schule, die er besuchte, aufgelöst wurde.

Die sich an vielen Beispielen zeigende Ungenauigkeit hat möglicherweise einen einfachen Grund: Er weiß es nicht mehr. Denn liest man Schmidts Erinnerungen genauer, zeigt sich, dass er wesentliche Einzelheiten seiner Vergangenheit nicht mehr im Gedächtnis hat, sondern auf Schilderungen anderer über gemeinsam Erlebtes zurückgreift. Seine verstorbene Frau Loki wurde so – neben anderen – zur Souffleuse für Erinnerungen aus der Schulzeit. Oft sind es auch Briefe ehemaliger Weggefährten, die Ereignisse oder Wahrnehmungen rekonstruieren halfen, die Helmut Schmidt längst vergessen hat. Publizistisch ausgewertet hat er wohl so gut wie alles, was ihm über sich selbst mitgeteilt wurde – sofern es ihm glaubhaft und zitierfähig erschien. Aber erfährt man damit wirklich alles über ihn?

Max Frisch ließ einen seiner Romanhelden einmal den klugen Satz sagen: »Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.«3 Bei einem prominenten Zeitgenossen wie Helmut Schmidt hält ein ganzes Volk für dessen Leben, was doch eigentlich und völlig natürlich nur Produkt selektiver Wahrnehmung sein kann. Das ist bei Helmut Schmidt nicht anders als bei jedem anderen alten Menschen, der auf sein Leben zurückblickt. Wie ergänzungsbedürftig diese Wahrnehmung ist, zeigt dieses Buch.

Einen Zeitraum gibt es im Leben des 1918 in Hamburg geborenen Helmut Schmidt, über den er im Grunde bisher nur sehr oberflächlich Auskunft gab und der seine Biografen meist so wenig interessierte, dass sie nur zusammentrugen, was er berichtet hat: seine jungen Jahre. Schmidt selbst fasst die prägenden Erfahrungen dieses Lebensabschnitts gern unter dem Begriff »Kriegsscheiße« oder »Scheißkrieg« zusammen. Immer wieder polterte er dieses Verdikt heraus, wenn er nach seiner Jugend im Nationalsozialismus befragt wurde, aber auch, wenn es um Nervenstärke in Gefahrenlagen ging. 2007 sagte er über die Haltung des Krisenstabs, der 30 Jahre zuvor nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der voll besetzten Lufthansa-Maschine »Landshut« zusammengearbeitet hatte:

Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns. Strauß hatte den Krieg hinter sich, Zimmermann hatte den Krieg hinter sich, Wischnewski hatte den Krieg hinter sich. Wir hatten alle genug Scheiße hinter uns und waren abgehärtet. Und wir hatten ein erhebliches Maß an Gelassenheit bei gleichzeitiger äußerster Anstrengung der eigenen Nerven und des Verstandes. Der Krieg war eine große Scheiße, aber in der Gefahr nicht den Verstand zu verlieren, das hat man damals gelernt.4

Die »Kriegsscheiße«, in seiner Diktion, sagt alles. Oder auch nichts: Die Benutzung von Fäkalsprache muss zumeist genügen, um die ungeheure Bedeutung dieser Jahre für das gesamte weitere Leben zu verdeutlichen. Doch sind die Erlebnisse so verallgemeinerbar, dass ein einziger Kraftausdruck genügt, um die gemeinsame Erfahrung zu beschreiben? Denn viel mehr sagte Schmidt bis heute selten zum Thema Krieg. »Scheißkrieg!« Und das war’s dann. Nachfragen duldet er nur schwer. Jedes vertiefende Gespräch wird durch Themenwechsel in eine andere Richtung gesteuert. Selbst Freunden wie dem Historiker Fritz Stern, mit dem er im Jahr 2010 den Gesprächsband Unser Jahrhundert veröffentlichte, verweigerte Schmidt jede weitere Auskunft über sein Leben im »Dritten Reich«. Denn der 1933 mit seiner Familie in die USA emigrierte Freund mochte manches nicht so recht glauben, was er hörte.

»Scheißkrieg«: Das ist eine griffige Formulierung, unter der sich jeder etwas vorstellen kann. Brennende Ruinen, Bombenhagel, Panzerketten, Tiefflieger, Tote und Verwundete, Flüchtlingstrecks. Aber bilden sich in einem solchen Kraftausdruck 26 Jahre Leben ab, von 1918 bis 1945? 2013 ließ Schmidt Henri Nannens Enkelin gegenüber doch einmal durchblicken, was er meinte. Im charismatischen Gründer der Illustrierten Stern, die jahrzehntelang zu den publizistischen Meinungsführern in Deutschland zählte, sah er jemand mit ähnlichem Erfahrungshorizont. Auch der fünf Jahre ältere Nannen war Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen. Noch für den 94-jährigen Schmidt sind – wie 1977 im Krisenstab der »Landshut«-Entführung – die Erlebnisse und Erfahrungen des Krieges das verbindende Element, das in seinen Augen Menschen so gegensätzlicher Naturen wie Franz Josef Strauß oder Henri Nannen oder eben ihn selbst zu berechenbaren Größen macht.

Nannen hat den Krieg sicher intensiv erlebt. Noch intensiver vermutlich als ich, weil er älter war. Er muss diesen Zwiespalt, den wir alle kennen, besonders stark empfunden haben, den Zwiespalt zwischen dem den Deutschen anerzogenen Pflichtbewusstsein einerseits und der Einsicht, dass das alles Blödsinn war, was wir machten, oder Verbrechen waren oder jedenfalls fehlerhaft. Darunter muss er eigentlich gelitten haben. Es muss jeden Soldaten das ganze Leben begleiten. Seine Geschichte kann eine große Rolle gespielt haben. Es kann auch sein, dass sie – unbewusst oder bewusst – ein wichtigeres Motiv gewesen ist, als er nach außen zugab. Ich kann es mir gut vorstellen. Bei mir ist es auch so.5

Anfang der 90er-Jahre schrieb Schmidt für einen Sammelband zum Thema »Kindheit und Jugend unter Hitler« einen »Politischen Rückblick auf eine unpolitische Jugend«. Erstmals erwähnt er hier seine Aufzeichnungen aus dem Kriegsgefangenenlager. Die Notizen, die er unter dem Titel »Verwandlungen in der Jugend« anfertigte, waren als Gedächtnisstütze für eine »quasibiografische Aufzeichnung über seine Entwicklung« gedacht. Da er schon nach recht kurzer Zeit aus der Gefangenschaft entlassen wurde, kam er nicht mehr zur geplanten Niederschrift.

Bisherige Biografen schenkten den Notizen wenig Aufmerksamkeit. Nur seinem ehemaligen Assistenten Hartmut Soell gestattete Schmidt die vollständige Lektüre. Soell zitierte zwar umfassend, ordnete den von Schmidt stichwortartig festgehaltenen Entwicklungsprozess aber nicht ein und glättete offenkundige...

Blick ins Buch

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