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E-Book

Hietzing

Von Künstlervillen & Künstlerleben

AutorWerner Rosenberger
VerlagAmalthea Signum Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783903217249
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Auf historischer Spurensuche im 'schönsten Dorf Österreichs' Hietzing war immer schon ein Grätzel zum Verlieben. Das Schöner-Wohnen hat in Wiens vielleicht elegantestem Bezirk Tradition: Seit den Tagen von Josef Lanner und Johann Strauß, die im 19. Jahrhundert beim Dommayer konzertierten, lebten hier berühmte Komponisten, Dichter, Maler, Bildhauer und Schauspieler in bezaubernden Villen. Zahlreiche Geschichten und Anekdoten ranken sich um die Künstler und ihre Häuser: um Gustav Klimt, Egon Schiele oder Maria Lassnig, Schauspielstars wie Charlotte Wolter oder Hilde Sochor, um den Ursprung aller Schubert-Klischees, die Häuser von Adolf Loos oder Alban Bergs und Richard Taubers 'Benzinkutschen' ... Pointiert und unterhaltsam erzählt Werner Rosenberger von den schönsten Platzerln im Dreizehnten und deren Protagonisten - von damals bis heute. Mit zahlreichen Abbildungen und Karte

Werner Rosenberger, geboren 1957, lebt in Wien. Er hat als Journalist u. a. für 'GEO', 'profil', 'Trend' und das 'Diners Club Magazin' geschrieben, ist seit 1994 Kulturredakteur beim 'Kurier' und Autor zahlreicher Reisereportagen. Das Ergebnis seiner historischen Recherchen sind die Bücher 'Im Cottage. Wiens erste Adressen und ihre berühmten Bewohner' (2014), 'Auf der Hohen Warte. Flair & Mythos des berühmten Wiener Villenviertels' (2015) und 'Glamouröse Wienerinnen. Frauen mit dem gewissen Etwas' (2016).

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Leseprobe

Einleitung


Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert«, sagt der junge Tancredi in Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Und dann verändert sich alles. Am Ende bleibt nichts, wie es war. Veränderungen finden statt, große und kleine, ständig und stetig, manchmal unausweichlich, manchmal in voller Absicht. Auch Hietzing – der drittgrößte Bezirk Wiens – ist da keine Ausnahme. So vereint er heute im Flair der ehemaligen Vorstadt imperialen Glanz, dörfliche Anmut und das Gutbürgerliche.

Hier, im Hietzinger Cottage, ist noch die Eleganz der Ruhe, der Charme der guten alten Zeit zu Hause. Hier hat die Vergangenheit ihren großen Auftritt. Die Gegenwart mag aufregend sein, die Zukunft vielversprechend. Aber was ist das alles gegen die Melodie der Erinnerung, die ein Straßenmusiker spielt? Gegen das Gestern im Licht der Verklärung, als das Gefühl noch weniger vorherrschend war, dass das Leben so schnell vergeht und man gar nicht dazu kommt, es zu erleben.

Also drehen wir die Zeit zurück in die Vorvergangenheit. Draußen im Grünen, Draußt’ in Hietzing gibt’s a Remasuri, wie es in Wiener Blut von Johann Strauß heißt, also ein Spektakel im großen Tanzsaal in Dommayers Casino in der Hietzinger Hauptstraße 12 (später 10–14). Strauß und Lanner spielen auf. Karossen und Stellwagen rollen aus der Stadt hinaus, um Männer in farbigen Röcken, mit eigenwillig verknoteten Halsbinden über hellen Westen und Frauen in dekolletierten Kleidern mit weit aufgebauschten Ärmeln zu den Konzerten und Ballfesten zu bringen, von denen ganz Wien spricht.

Maria Theresia erklärte Schönbrunn zu ihrem Lieblingswohnsitz, und die vornehme Welt folgte dem Lockruf der Sommerfrische an die Peripherie, ins angeblich schönste Dorf der Monarchie. Eine Ewigkeit später rollt heute die Blechlawine vorbei an der Bauminsel mit dem Kaiser-Maximilian-Denkmal »Am Platzl«, wie die Einheimischen sagen. Und an der Kirche »Maria Hietzing« mit dem schlanken, spitzen Turm. 1253 als Kapelle vom Stift Klosterneuburg angelegt, später ausgebaut und noch später in reichem Barockstil ausgestattet, war die Kirche mit dem Marienbild durch Jahrhunderte ein Ziel der Wallfahrer.

Das Neue ist oft umstritten im Grätzel, in dem sich die Zeit zu verlangsamen und mit nur ganz kleinen Schritten voranzugehen scheint. Am prunkvollen weißen Gebäude von Josef Hoffmann in der Gloriettegasse 14–16, nach den Baujahren 1913–1915 das wohl schönste moderne Haus von Wien, gehen die Leute seinerzeit verärgert am schmiedeeisernen Gitter vorüber und schütteln ungläubig den Kopf: »Dass man so was wie die Villa Skywa-Primavesi überhaupt bauen darf!« Als das Café Wunderer mit Jugendstilambiente, ursprünglich ebenfalls von Hoffmann, in der Hadikgasse 62 im Jahr 2013 einer »Fleischlaberl-Fastfood-Kette« weichen muss, wird dies nur noch mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen.

Alt-Hietzing bleibt Alt-Hietzing. Dort sind noch Traditionen aus jener Zeit lebendig, als die Großväter und Urgroßväter Nachbarn, vielleicht Freunde von Aristokraten, Diplomaten, Künstlern und anderen Persönlichkeiten mit klingenden Namen sind. So viel sich im Lauf der Jahrhunderte auch verändert hat: Wer den Zauber der Gegend spürt, der fühlt, dass es auch unserer schnellebigen Zeit glücklicherweise noch nicht gelungen ist, den schönsten Wiener Gartenbezirk mit so reicher Historie seiner sympathischen Eigenart zu berauben.

Das Village von Wien, das Grätzel zwischen Schönbrunn und Lainzer Tiergarten, ist stets ein Revier der Künstler und Kunstfreunde: Reichtum habe sich in diesem Villenvorort mit interessanten, teilweise weltberühmten Einwohnern seit Kriegsende da draußen angesiedelt, heißt es im Feuilleton vom Neuen Wiener Tagblatt im Sommer 1923. Der Ort wächst allmählich an, und Komponisten, Dichter, Maler, Bildhauer und Schauspieler wohnen zeitweilig, wo Generationen vorher noch Milchbauern den Hof zu Schönbrunn belieferten und Weinbauern am sonnigen Gelände Weinreben pflanzten.

Der Schönbrunner Schlosspark ist großteils bereits seit 1779 fürs Publikum zugänglich – die Menagerie, die Gewächshäuser, die dichten schattigen Alleen und der Zickzackweg zur Gloriette hinauf. In der nächsten Umgebung des Parks, östlich zum Tivoli und gegen Meidling hinüber, wie auch am westlichen und südwestlichen Hang des »Küniglbergs«, werden seit den Tagen Maria Theresias hübsche barocke Landhäuser von Mitgliedern des Hochadels, der Diplomatie oder verdienten Militärs errichtet und von berühmten Botanikern angelegt. Einige stehen noch heute inmitten von Gärten im sogenannten »Alt-Hietzing«, in der Gloriette-, Wattmann- und Trauttmansdorffgasse sowie in Ober-St.-Veit, um das erzbischöfliche Palais und die Kirche gruppiert. Der alte Ortskern um die Altgasse bleibt den eingesessenen Kleinbauern und Taglöhnern, während im neuen Ortsteil zwischen Maxingstraße und Lainzer Straße die »Zuagrasten« wohnen. In der Trauttmansdorffgasse leben vor allem wohlhabende Handwerker, die fast ausschließlich für den kaiserlichen Hof arbeiten.

Alte Ansicht von Hietzing um 1850 mit der im Jahr 1419 auf den Titel »Maria Geburt« geweihten Kirche

Adalbert Stifter schreibt in seinen 1844 erschienenen Landpartien: »Da ist zum Beispiel Hietzing, ein Dorf am Ende des Schönbrunner Parks, wo es im Sommer so gedrängt ist, wie fast in keinem Teil der Stadt selbst. Das Dorf vergrößert sich aber auch so, dass es eigentlich eine Stadt ist, mit Gassen, in denen man sich in der Tat vergehen kann.«

Schon 1815 wird zeitweilig ein Stellwagenverkehr nach Hietzing eingerichtet, eine Folge des Wiener Kongresses, der häufige Empfänge im Schönbrunner Schloss und Festlichkeiten aller Art in der Umgebung mit sich bringt. Später fährt ein großer Pferdeomnibus mit Verdecksitzen vom Stephans- beziehungsweise Lobkowitzplatz nach Hietzing. Nun können auch ärmere Familien, die keinen eigenen Landauer, Zeiserl- oder Fleischerwagen besitzen, zum Dommayer pilgern, wo es gutes Essen, Kaffee, Musik und Tanz gibt. Der erst 23-jährige Ferdinand Dommayer vergrößert den 1823 eröffneten Betrieb schon nach kurzer Zeit um einen Tanzsaal, der rasch zur Attraktion für die Gesellschaft wird. Hier finden die Millefleursbälle, Täuberlbälle und Rosenfeste statt, hier dirigieren Johann Strauß Vater und Josef Lanner ihre eigenen Kompositionen, und hier debütiert 1844 Johann Strauß Sohn mit seiner Kapelle. Nach deren Klängen zu tanzen, ist für die Wiener himmlische Seligkeit. In der Trauttmansdorffgasse 18 errichtet der Biedermeier-Architekt Joseph Kornhäusel 1816 ein Sommertheater, in dem Ferdinand Raimund am 17. August 1817 als »Staberl« in Adolf Bäuerles Bürger in Wien gastiert. Auch manche seiner eigenen Stücke werden hier aufgeführt. Im dreistöckigen Nachfolgebau befindet sich bis Mai 1979 das Bezirksgericht. Vor dem Ersten Weltkrieg gibt es sogar den Plan, ein Festspielhaus zu errichten, das Wienern und Fremden die sommerliche Entbehrung der Oper und des Schauspiels ersetzen soll. Aber er bleibt nur ein Sommernachtstraum.

Die Welt-Ausstellungs-Concert-Arena »Alhambra« in Schwenders Vergnügungspark »Die Neue Welt«

Der Tanzsaal in Dommayers Casino vor dem Abriss 1907

Die »Neue Welt« des Kaffeesieders Carl Schwender ist ab 1861 ein Sommervergnügungspark mit Restaurant, Varieté, Kaffeehaus, Tulpen- und Hyazinthenbeeten, Treibhäusern mit Orangenbäumchen und Kamelienstöckchen, englischem Garten, einem »Feuerwerksplatz« für pyrotechnische Schauspiele, einer Arena für 1000 Zuschauer und Orchesterpavillons zwischen Lainzer Straße, Hietzinger Hauptstraße und St.-Veit-Gasse. Eine besondere Attraktion ist die Alhambra, ein Holzbau im maurischen Stil mit Gasbeleuchtung. Carl Michael Ziehrer komponiert die Neue-Welt-Blümchen-Polka und Josef Strauß einen Neue-Welt-Bürgerwalzer. Bereits 1883, nach dem Niedergang des Vergnügungsetablissements, wird der Grund parzelliert: Die erste der neuen Villen im »Hietzinger Cottage« erhält den Namen »Neue Welt«.

Nach der Jahrhundertwende wird auch das Dommayer, das Etablissement zahlloser rauschender Walzernächte, abgerissen und 1907 an seiner Stelle um drei Millionen Kronen (rund 18 Millionen Euro) von Paul Hopfner das Parkhotel Schönbrunn errichtet, das Gästehaus des Kaisers, über dessen Haupteingang noch heute ein Relief ans alte Casino erinnert.

Vis-à-vis ist das »Kaiserstöckl«, ursprünglich 1754 für Maria Theresias Leibarzt Gerard van Swieten errichtet, später Herberge für Minister und Staatsgäste,...

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