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E-Book

Hippokrates in der Hölle

Die Verbrechen der KZ-Ärzte

AutorMichel Cymes
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783806233476
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Nur zum Nutzen und nicht zum Schaden des Kranken soll jeder Arzt handeln, heißt es im Eid des Hippokrates. Doch der NS-Staat kannte eine Medizin ohne Menschlichkeit. Mord, Folter, Zwangssterilisationen, Menschenversuche - das Grauen, das Ärzte über ihre Opfer brachten, ist unvorstellbar. Wie konnte es dazu kommen? Das fragt der Medizinjournalist Michel Cymes, der selbst Arzt ist und der seine beiden Großväter in Auschwitz verlor. Er folgt den Lebenswegen von bekannten und weniger bekannten NS-Ärzten wie Aribert Heim, Herta Oberheuser oder Josef Mengele. Cymes berichtet von Motiven und Taten, von Geltungssucht und Habgier, von Skrupellosigkeit und Lügen. Sein Buch, das in Frankreich zum Bestseller wurde, ist mehr als eine persönliche Abrechnung, es enthüllt, wie Ärzte alle Moral über Bord werfen konnten. Und es löste einen Skandal aus. Aufgrund seiner Hinweise wurden im Juli 2015 Leichenteile aus den Experimenten des Rasseforschers Hirt an der Universität Straßburg gefunden.

Michel Cymes ist Arzt in einem Pariser Krankenhaus. Seit über einem Jahrzehnt moderiert er eine der beliebtesten Gesundheitssendungen im französischen Fernsehen. In seinem Buch »Hippokrates in der Hölle« wurde erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass die beiden Großväter von Cymes in Auschwitz ums Leben kamen.

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Leseprobe



 „Wir, der Staat, Hitler und Himmler, tragen die Verantwortung. Ihr Ärzte seid nur die Werkzeuge.“


Der Nürnberger Kodex

Wie kann ein Arzt zum Peiniger werden? Wie kann ein Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Patienten zu heilen, sich entscheiden, sie leiden zu lassen? Die Experten, die im prunkvollen Justizpalast in einem der wenigen nicht völlig zerstörten Stadtteile Nürnbergs über rund 20 angeklagte Ärzte zu urteilen hatten, haben sich diese Fragen zweifellos oft gestellt. Es ist Ende 1946. Der Nürnberger Prozess, der von November 1945 bis Oktober 1946 dauerte, ist gerade zu Ende gegangen, als wiederum in Nürnberg das Verfahren gegen die Ärzte eröffnet wird. Die Aufgabe der Experten ist alles andere als einfach: Sie müssen urteilen über Taten, die Verstand und Gefühl augenblicklich als Abgrund des Grauens erkennen: das unermessliche, unvorstellbare Grauen von Menschenversuchen.

Kurz vor dem Ende des „großen“ Nürnberger Prozesses – dem der Nazi-Prominenz – richtete die Behörde für die Verfolgung von Kriegsverbrechen eine Expertenkommission für die Untersuchung der NS-„Medizin“ in den Lagern ein. An der Spitze der Kommission stand Clio Straight, ein Mann, dessen Aufrichtigkeit seinem Namen Ehre machte. Er sammelte Dokumente, Beweismaterial und Zeugenaussagen – viele, erdrückende Zeugenaussagen. Als abscheulichsten Gräuel deckt er auf, dass die NS-Ärzte nicht nur töteten, sondern Menschen unvorstellbare Qualen zufügten, die schrecklicher waren als selbst die Gaskammern. Die Mitglieder der Kommission und später ihre Zuhörer erfahren, dass Sigmund Rascher bei Unterkühlungsversuchen in Dachau Häftlinge in Eisbecken quälte, dass in Buchenwald und Natzweiler Menschen absichtlich mit Fleckfieber, Cholera und anderen Krankheiten infiziert wurden, dass man in Ravensbrück Frauen die Knie brach, um Experimente an ihren Muskeln durchzuführen, dass Mengele in Auschwitz unbehelligt seine Fantasien zur Zwillingsforschung ausleben durfte. Im Prozess fehlt Mengele allerdings, denn er konnte flüchten und versteckt sich – Ironie des Schicksals – bei Prozessbeginn unweit von Nürnberg in Bayern mit Hilfe seiner Angehörigen, fliegt später nach Lateinamerika und stirbt dort 1979 eines natürlichen Todes. Während Rascher noch im „Dritten Reich“ getötet wurde, können andere wie Oskar Schröder, Siegfried Ruff und Konrad Schäfer in letzter Minute gefasst werden, als sie schon wieder ein neues Leben führen und für … die US-Luftwaffe arbeiten. Doch ob abwesend, verstorben oder verschwunden – die Verbrechen der Peiniger leben in den Anklageschriften weiter. Für den Augenblick reicht das.

Auf der Anklagebank sitzen rund zwanzig Mediziner aus verschiedenen Fachgebieten, unterschiedlichen Alters (zum Zeitpunkt des Verfahrens zwischen 35 und 62 Jahren): vier Chirurgen (Karl Brandt, Fritz Fischer, Karl Gebhardt, Paul Rostock), drei Hautärzte (Kurt Blome, Adolf Pokorny, Herta Oberheuser), vier Bakteriologen (Siegfried Handloser, Joachim Mrugowsky, Gerhard Rose und Oskar Schröder), ein Internist (Wilhelm Beiglböck), ein Radiologe (August Weltz), zwei Allgemeinmediziner (Waldemar Hoven, Karl Genzken), ein Genetiker (Helmut Poppendick) und vier Luftfahrtmediziner (Hermann Becker-Freyseng, Wolfgang Romberg, Siegfried Ruff und Konrad Schäfer). Die Ärzteschaft ist also mit allen Sparten vertreten. Herta Oberheuser ist als einzige Frau dabei, doch das entspricht im Großen und Ganzen den damaligen Zahlenverhältnissen in der Medizin. Sie alle haben nichts Außergewöhnliches an sich, sind Spiegel ihrer Epoche.

In meinem Arbeitszimmer hängen Fotos einiger von ihnen. Manchmal betrachte ich sie lange und versuche zu verstehen, was sie zu Folterknechten machen konnte, was in ihrer Persönlichkeit, ihrer Geschichte eine physikalische Reaktion mit jener bestialischen Zeit eingehen und diese unfassbare chemische Verbindung bilden konnte, die einen Arzt in einen Mörder, einen Forscher in einen Killer verwandelte.

Auch wenn es sich um eine vorgefasste Meinung handelt, die uns nur beruhigen soll, besonders alle, die wie ich der Ärzteschaft angehören, möchte man nur zu gern meinen, diese großen Kriminellen seien kleine Ärzte gewesen. Man möchte meinen, es seien gescheiterte Existenzen, dumme praktizierende Ärzte gewesen, die unter dem Einfluss von Umfeld und Ideologie von der Gunst der Stunde und der Abgeschiedenheit der Lager profitierten, um Erfinder zu spielen: Sie handelten auf Befehl, konnten frei schalten und walten, und das hieß in diesem Fall, Experimente direkt am Menschen durchführen und dabei entgegen den medizinischen Richtlinien sämtliche Zwischenschritte überspringen. Die Leitlinien waren zwar damals nicht so ausführlich und fest umrissen wie heute, aber es gab sie. Probanden mussten freiwillig ihr Einverständnis zu einem Experiment erklären. Das war so eindeutig, dass viele Ärzte Selbstversuche vorzogen.

Heute erfolgen Versuche grundsätzlich zunächst an Geweben, dann an Klein- und später an Großtieren, dann erst an einer umfangreichen Stichprobe gesunder Probanden und ganz zuletzt an Kranken, und zwar im Rahmen von Doppelblindstudien, damit weder Patient noch Arzt durch den Placeboeffekt beeinflusst werden. Dieser vorgeschriebene Ablauf kostet Zeit, enorm viel Zeit: Zwischen der Idee eines Forschers und dem Endergebnis können Jahrzehnte liegen. In Kriegszeiten, wenn die Menschen in Massen sterben, wenn abgeschossene Flieger im Meer erfrieren, dann erscheint diese Zeitspanne manch einem unnötig lang. Dass dies ein Trugschluss ist, akzeptiert jeder Mediziner. Wenn aber die vorherrschende Ideologie empfiehlt, „geradeaus“ zu denken, und Himmler Wissenschaftler auffordert: „Nur zu, experimentieren Sie!“, dann haben Männer wie Rascher kaum noch Skrupel, Gefangene in Eiswasser zu tauchen! Generell wünscht man sich, die Ärzte des Bösen seien in erster Linie einfach schlechte Ärzte gewesen, Opfer ihrer Zeit, so mittelmäßig, dass sie bösartig wurden. Bei den intelligenteren oder begabteren unter ihnen beruft man sich auf Wahnsinn: Mengele war geisteskrank. Dabei studierten die meisten von ihnen an den damaligen großen Hochschulen Deutschlands, die in vielen Fachgebieten hohes Ansehen genossen, auch in der Medizin. Außerdem ließen sich viele hochrangige Ärzte nicht lange bitten, persönlich bei den Experimenten dabei zu sein. Auf zeitgenössischen Fotos sehen die Ärzte des Bösen wie ganz normale Mediziner aus.

Ihre Experimente waren zudem völlig nutzlos – so eine weitere vorgefasste Meinung. Gewiss waren ihre Versuche methodologisch nicht „reproduzierbar“ und statistisch nicht repräsentativ (weil die Stichprobe „zu klein“ war). Außerdem ergab sich fast nichts, was man nicht schon vorher wusste, sei es über Unterkühlung, Meskalin, die Trinkbarkeit von Meerwasser, die Abheilung offener Wunden oder den Verlauf von Infektionskrankheiten (bis zum Tod). Doch auch wenn diese Ergebnisse nicht verwertbar waren, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht verwertet wurden.

Besonders aufschlussreich sind für mein Verständnis die Argumente, die diese Ärzte im Prozess zu ihrer Verteidigung vorbrachten. Natürlich halte ich sie nicht für stichhaltig, aber sie spiegeln ihre eigene Wahrheit und die Geschichte, die sie anderen weismachen, vielleicht sogar an erster Stelle selbst glauben wollten. Gewiss versuchten sie, ihre Haut zu retten, aber möglicherweise auch ihre Seele. Sieben Argumente brachten sie vor: das Unzeitgemäße des Hippokratischen Eids, die Vergleichbarkeit mit US-Versuchen, die Verantwortlichkeit des totalitären Hitler-Regimes, die Uneigennützigkeit der Forscher, den Wunsch, das Schicksal der Menschheit zu verbessern, den begrenzten Nutzen von Tierversuchen und die Gelegenheit für die Häftlinge, sich von begangenen Verbrechen freizukaufen. Bis zum heutigen Tag ruft man allen angehenden Ärzten, allen angehenden Medizinern den Eid des Hippokrates in seiner modernen Form ins Bewusstsein.

Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, den Geboten der Ehre und Redlichkeit treu zu sein.

Das oberste Gebot meines Handelns soll es sein, die Gesundheit in all ihren körperlichen und geistigen, individuellen und sozialen Facetten wiederherzustellen, zu erhalten oder zu fördern.

Ich werde alle Patienten, ihre Autonomie und ihren Willen respektieren, ohne jegliche Diskriminierung wegen ihres Standes oder ihrer Überzeugungen. Ich werde mich bemühen, sie zu schützen, wenn sie geschwächt, verletzbar oder in ihrer Unversehrtheit oder ihrer Würde bedroht sind. Selbst unter Zwang werde ich meine Kenntnisse nicht im Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit einsetzen.

Ich werde die Patienten über beabsichtigte Entscheidungen, ihre Gründe und ihre Konsequenzen informieren. Ich werde ihr Vertrauen niemals missbrauchen und die den Umständen geschuldete Macht nicht ausnutzen, um eine Haltung zu erzwingen.

Ich werde jeden behandeln, der meine Hilfe braucht und darum bittet. Ich werde mich nicht durch die Gier nach Geld oder das Streben nach Ruhm beeinflussen...

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