Sie sind hier
E-Book

Historische Migrationsforschung

AutorSylvia Hahn
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl233 Seiten
ISBN9783593410517
FormatePUB/PDF
KopierschutzDRM/Wasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Die Geschichte des europäischen Kontinents ist auch eine Geschichte der Zu- und Abwanderung, der Verfolgung und Vertreibung sowie der gezielten Kolonisierung einzelner Landstriche. Sylvia Hahn gibt einen Überblick über unterschiedliche Ansätze der Migrationsforschung und deren Theorien und Methoden. Darüber hinaus stellt sie die Zusammenhänge zwischen sozialer und regionaler Herkunft der Migranten, ihren Erwerbstätigkeiten bzw. -möglichkeiten und Migrationswegen dar.


Nicht zuletzt schildert sie anhand ausgewählter Beispiele vom Mittelalter bis heute auch Mechanismen des Ein- und Ausschlusses. Das Buch ist eine wichtige Grundlage für alle, die sich mit Migrationsgeschichte beschäftigen.

Sylvia Hahn ist außerordentliche Universitäts-Professorin am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe
Einleitung

In der kleinen norditalienischen Stadt Asiago, in der alpinen Region in der Nähe von Belluno gelegen, steht vor dem Bahnhof eine Skulpturengruppe, die den Titel Emigranti trägt. Die Skulptur zeigt eine Familie mit Koffern und Reisegepäck, die in unterschiedlicher Weise Abschied vom bisherigen Wohnort nimmt: Der Vater blickt mit interessiertem Gesichtsausdruck nach vorne, in die Ferne, und schreitet mit forschem Schritt aus; die Mutter, die ein Kind an der Hand hält, schaut mit sehnsuchtsvollem und besorgtem, bedrücktem Blick nach rückwärts in den Ort zurück. Diese Figurengruppe, die in Asiago an die Auswanderungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1920 erinnern soll, ist in vielerlei Hinsicht interessant:

1) Die gemeinsame (Aus-)Wanderung der Familie, also Familienmigration, war durchaus üblich und hat eine lange historische Tradition. Insbesondere bei religiösen Migranten, wie beispielsweise den protestantischen Auswanderern nach Übersee im 16. und 17. Jahrhundert, den Hugenotten oder den Salzburger Protestanten im 17. und 18. Jahrhundert, wanderte meist die gesamte Familie aus. Aber auch bei Arbeitsmigration konnten ganze Familien und Familienverbände gemeinsam wandern. Dies war insbesondere bei gezielten Anwerbungen bzw. Rekrutierungen von Arbeitskräften seitens der Obrigkeiten oder der Unternehmen der Fall. Auch die Migration nach Übersee im 19. und 20. Jahrhundert wurde, wenn es die finanzielle Situation erlaubte, mit der Familie unternommen. Der Großteil der Auswandernden hatte jedoch für eine gemeinsame transatlantische Überfahrt kaum die notwendigen finanziellen Mittel; daher mussten die jungen Männer oder Frauen meist allein auswandern. Erst nach einiger Zeit konnten einzelne Familienmitglieder bzw. der Rest der Familie und/oder Verwandte nachgeholt werden. Dies traf für Arbeitsmigranten ebenso zu wie für politische Flüchtlinge. Das heißt, die anhand der Skulptur präsentierte Auswanderungssituation einer Familie ist eine idealtypische Darstellung, die jedoch weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart für den Großteil der freiwilligen oder unfreiwilligen Migranten die Realität darstellt.

Ein weiterer Punkt betrifft die Darstellung der Gebärden der Auswandernden. Hier werden die Genderstereotypen des mobilen, wanderungsbereiten Mannes (Motto: »Der Mann muss hinaus «) und der dem Haus und Heim verbundenen immobilen Frau wiederholt. Diese wurden spätestens durch die bürgerliche Familienideologie des 18. und 19. Jahrhunderts sowie die stark männlich dominierte patriarchalische (und antifeministische) Intellektuellen- und Wissenschaftlerkultur der Jahrhundertwende fest- und in der Folge im 20. Jahrhundert fortgeschrieben. Dies führte dazu, dass bis vor einigen Jahrzehnten die weit verbreitete These der Immobilität der Frauen unreflektiert übernommen und daher den Frauen in der Migrationsforschung wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Auch Kinder sind in der historischen Migrationsforschung kaum beachtet worden. Obwohl kindliche (Arbeits-)Migration, allein, in der Gruppe oder mit der Familie, seit Jahrhunderten in Europa wie auch auf anderen Kontinenten eine lange Tradition hat, zählt dieser Aspekt zu einem noch kaum aufgearbeiteten Forschungsbereich.

2) Die Skulptur in Asiago zählt europaweit zu den wenigen Erinnerungsobjekten im öffentlichen Raum, die auf die lange Geschichte der Wanderungen auf unserem Kontinent und darüber hinaus verweisen. Daneben gibt es auch unspektakuläre Zeichen der historischen Migration an Häusern, Plätzen und Straßen unserer Städte und Dörfer. So geben Gedenktafeln oder die Grabsteine auf Friedhöfen, auf denen sehr oft die Geburtsorte der Verstorbenen vermerkt sind, Auskunft über die Herkunft der einstmals in den Gemeinden lebenden und dort verstorbenen Menschen.

Obwohl mittlerweile allgemein anerkannt ist, dass Migration eine ebenso lange Geschichte hat wie die Menschheit selbst und daher ein wichtiger Teil der allgemeinen Gesellschaftsgeschichte ist, erscheint es interessant, dass gerade diesem Aspekt im kollektiven Gedächtnis, in der Erinnerungskultur der europäischen Gesellschaft, nur wenig Platz eingeräumt wird. Migration als ein Faktum der eigenen Familiengeschichte wird vielfach ebenso verdrängt wie Migration als Teil der je eigenen ethnischen, regionalen, kulturellen, nationalen und/oder religiösen Geschichte. Sesshaftigkeit wird dabei stets als das Normale und Migration als die Ausnahme angesehen. In Schulbüchern kommen Migrationsbewegungen meist nur vor im Zusammenhang mit der sogenannten Völkerwanderung, den religiösen Vertreibungen zu Beginn der Neuzeit sowie mit Flucht und Vertreibung, während und nach dem nationalsozialistischen Regime im 20. Jahrhundert. Fragt man zu Beginn einer Lehrveranstaltung die Studierenden, was sie mit dem Thema Migration assoziieren, so erhält man fast ausschließlich diese drei Antworten. Der überwiegende Teil schließt stets jeglichen Migrationshintergrund in der eigenen Familie aus. Befassen sich die Studierenden in der Folge mit der eigenen Familiengeschichte und erforschen die Eltern-, Großeltern- und Urgroßelterngeneration auf diesen Aspekt hin, so bringen die Recherchen meist überraschende und interessante Ergebnisse zutage: Die Großeltern waren zum Beispiel als Optanten aus dem damaligen Südtirol in Gebiete des heutigen Österreichs gekommen.

Oder: als Nachkommen der sogenannten »Donauschwaben« in Rumänien, als Sudentendeutsche etc. waren sie nach dem Zweiten Weltkrieg geflüchtet und konnten in Oberösterreich oder Salzburg ein neues Zuhause finden. Andere wiederum gingen in der Zwischenkriegszeit als landwirtschaftliche saisonale Arbeitskräfte aus Salzburg oder Oberösterreich in die Umgebung des Ruhrgebietes, um sich dort als Melker und Melkerinnen zu verdingen. Einige Urgroßväter waren handwerklich ausgebildete Gesellen, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert noch auf die Walz begeben hatten. So blieb ein Tischler aus Nürnberg in einem kleinen Ort in Oberösterreich hängen, da der Ort einen Sargtischler benötigte und man ihm daher ein kleines Haus als Bleibe zur Verfügung stellte; ein anderer wiederum wanderte als Uhrmacher von Südtirol nach Hamburg und schließlich von dort in die USA aus. Auch die Großmütter und Urgroßmütter waren keineswegs immobil: Sie verdingten sich als Mägde auf den Bauernhöfen im »Innergebirg«, wie die Salzburger Alpenregion genannt wird, oder gingen als Dienstbotinnen in eine der nahe gelegenen Kleinstädte oder Landeshauptstädte in Dienst. Die Migrationswege konnten aber auch nach Deutschland, in die Schweiz, ja sogar bis nach Schweden, Kanada, Australien, Russland oder in die USA führen. Der Großteil dieser Recherchen zeigten ganz deutlich, dass es kaum eine Familie gibt, bei der es zu keiner Migration in den letzten zwei, drei Generationen gekommen war. Im Familiengedächtnis ist die Migration jedoch nur selten vorhanden und darüber wird kaum gesprochen. Ausgewanderte Verwandte werden aus unterschiedlichsten Gründen bewusst oder unbewusst vergessen bzw. aus der Familiengeschichte ausgeschlossen und erst von der jüngeren Generation bei ihren Nachforschungen (wieder-)entdeckt. Eine gewisse Ortsgebundenheit und Sesshaftigkeit sowie Wohn- und Arbeitsstabilität, so stellt sich meist heraus, ist erst ein Phänomen der Elterngeneration - jener Generation, die im Wohlfahrtsstaat nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und aufgewachsen war.

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Mittelalter - Renaissance - Aufklärung

Menschen, die Geschichte schrieben

E-Book Menschen, die Geschichte schrieben
Das Mittelalter Format: ePUB

Viele historische Persönlichkeiten sind von den Legenden und Anekdoten, die über ihr Leben erzählt werden, nicht mehr zu trennen. Schon immer haben Menschen in der Geschichte nach Vorbildern und…

Papsturkunden vom 9. bis ins 11. Jahrhundert

E-Book Papsturkunden vom 9. bis ins 11. Jahrhundert
Untersuchungen zum Empfängereinfluss auf die äußere Urkundengestalt Format: PDF

Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit dem Empfängereinfluss auf die Gestaltung päpstlicher Urkunden des 9. bis 11. Jahrhunderts. Entgegen der sonst zu beobachtenden Zentralisierung des…

Chrysostomosbilder in 1600 Jahren

E-Book Chrysostomosbilder in 1600 Jahren
Facetten der Wirkungsgeschichte eines Kirchenvaters - Arbeiten zur KirchengeschichteISSN 105 Format: PDF

The Church Father John Chrysostom died 1600 years ago. Hardly any Christian from Antiquity has done more to form the identity of the most varied church traditions right up to the present day.…

Wiederverwendung von Antike im Mittelalter

E-Book Wiederverwendung von Antike im Mittelalter
Die Sicht des Archäologen und die Sicht des Historikers - Hans-Lietzmann-VorlesungenISSN 7 Format: PDF

In the Middle Ages, imaginative re-use was made of architectural components from classical antiquity such as columns, capitals, cornices, and even statues, sarcophagi, reliefs and inscriptions…

Erinnerung - Niederschrift - Nutzung

E-Book Erinnerung - Niederschrift - Nutzung
Das Papsttum und die Schriftlichkeit im mittelalterlichen Westeuropa Format: PDF

The volume is devoted to the study of the history of the Roman-Iberian relationship against the backdrop of ecclesiastical and cultural structures of the Iberian Peninsula, which in many cases…

Rom und die Regionen

E-Book Rom und die Regionen
Studien zur Homogenisierung der lateinischen Kirche im Hochmittelalter Format: PDF

From the middle of the 11th century to Pope Innocent III (1198–1216), the Latin Church developed into a European-wide Papal Church, with a strong hierarchy focused on Rome. Retrospectively…

Weitere Zeitschriften

Arzneimittel Zeitung

Arzneimittel Zeitung

Die Arneimittel Zeitung ist die Zeitung für Entscheider und Mitarbeiter in der Pharmabranche. Sie informiert branchenspezifisch über Gesundheits- und Arzneimittelpolitik, über Unternehmen und ...

AUTOCAD & Inventor Magazin

AUTOCAD & Inventor Magazin

FÜHREND - Das AUTOCAD & Inventor Magazin berichtet seinen Lesern seit 30 Jahren ausführlich über die Lösungsvielfalt der SoftwareLösungen des Herstellers Autodesk. Die Produkte gehören zu ...

Demeter-Gartenrundbrief

Demeter-Gartenrundbrief

Einzige Gartenzeitung mit Erfahrungsberichten zum biologisch-dynamischen Anbau im Hausgarten (Demeter-Anbau). Mit regelmäßigem Arbeitskalender, Aussaat-/Pflanzzeiten, Neuigkeiten rund um den ...

DGIP-intern

DGIP-intern

Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie e.V. (DGIP) für ihre Mitglieder Die Mitglieder der DGIP erhalten viermal jährlich das Mitteilungsblatt „DGIP-intern“ ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...

VideoMarkt

VideoMarkt

VideoMarkt – besser unterhalten. VideoMarkt deckt die gesamte Videobranche ab: Videoverkauf, Videoverleih und digitale Distribution. Das komplette Serviceangebot von VideoMarkt unterstützt die ...

Euro am Sonntag

Euro am Sonntag

Deutschlands aktuelleste Finanz-Wochenzeitung Jede Woche neu bietet €uro am Sonntag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau. Auch komplexe Sachverhalte ...