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E-Book

Höhenrausch und Atemnot

Mein Weg auf den Kilimandscharo

AutorJohannes Kaul
VerlagSüdwest
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783641037093
FormatePUB/PDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Jeder kann sich seine Lebensträume erfüllen - auch noch mit 65!
Der Kilimandscharo ist mit 5.895 Metern der höchste Berg Afrikas. Einmal seinen Gipfel Kibo (Uhuru Peak) zu erklimmen und die Sonne über Afrika aufgehen zu sehen, ist der Traum vieler Menschen. Johannes Kaul, ehemaliger Chef des ARD-Morgenmagazins, erfüllte ihn sich mit 67 Jahren: Er begleitete eine Gruppe deutscher Bergwanderer bei ihrem fünftägigen Aufstieg zum Dach Afrikas und dokumentiert, wer diesen bewältigt und wen Erschöpfung und Höhenkrankheit zum Aufgeben zwingen. Geführt wird die Gruppe von Hubert Schwarz, dem deutschen 'Kilimann': Er ermuntert die Schwachen, bremst die Übereifrigen, kennt die Wege und die Risiken.
Die eigenen Grenzen ausloten, die sportliche Herausforderung und daraus Selbstbestätigung ziehen, Stress und Zusammenhalt in der Gruppe, das Geschäft der Bergführer und Träger mit den Touristen und schließlich der erhebende Moment, wenn das Ziel erreicht ist und auf dem Uhuru Peak die Sonne aufgeht - Johannes Kaul schildert das Abenteuer Kilimandscharo in all seinen faszinierenden Facetten.
Der Serviceteil des Buches, verfasst von Hubert Schwarz, enthält zudem alle praktischen Aspekte für das Gelingen dieses Abenteuers - von der richtigen Planung und Ausrüstung bis hin zu Tipps gegen Kopfschmerzen und Atemnot in den eisigen Höhen.


Johannes Kaul ist Gründer und ehemaliger Chef des ARD-Morgenmagazins. Der Journalist ist seit über 40 Jahren für die Fernsehsender WDR und ARD als Reporter, Redakteur und Moderator tätig und hat Lehraufträge an den Universitäten Dortmund und Leipzig.

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Leseprobe
Warum will ich mich auf einen Weg machen, der mir das Atmen und das Gehen erschwert und der mich nachts nur wenig Schlaf finden lässt? Warum will ich mit 67 Jahren einen Weg gehen, bei dem mich am Ziel nur Kälte und geringer Sauerstoffgehalt der Luft erwarten? Auf der Suche nach dem Glück?
An einem grauen Januartag finde ich mich in dem Arbeitszimmer wieder, in dem ich dreizehn Jahre lang als Redaktionsleiter des ARD-Frühstücksfernsehens in Köln gearbeitet habe. In der einen Hand einen kleinen Zettel mit Notizen, in der anderen eine Übersichtskarte der Bergregion des Kilimandscharo - und im Herzen eine zunächst einmal völlig verrückte Idee.
Mein erstes »Opfer« an diesem Tag im WDR ist Martin, der vor ein paar Jahren meinen Job übernommen hat und sich jetzt anhören muss, was an Plänen im Kopf eines 67-jährigen Ruheständlers noch so alles Platz hat. Dabei hören sich die Überlegungen im ersten Moment ganz vernünftig an: Jeden Morgen gibt es im ARD-Morgenmagazin seit seiner Gründung 1992 drei Zeitstrecken für Live-Reportagen; gewissermaßen ein Blick aus der alltäglichen Studioumgebung in Köln heraus in die Welt. Und da könnte man doch . . . Ja, da könnte man versuchen, das Studiofenster einmal ganz weit aufzustoßen und mit Mann und Maus und technischem Live-Equipment nach Afrika zu gehen. Dort könnten wir die Chance nutzen, etwas von dem Mythos zu ergründen, der sich in den letzten Jahren um den Weg zum schneebedeckten Gipfel des Kilimandscharo gebildet hat.
»Martin, du weißt schon - der Hemingway-Berg«, zu dem Jahr für Jahr immer mehr Abenteuerlustige aufbrechen. Sie wollen den Berg bezwingen und sich selbst dabei etwas beweisen.
Fünf Tage - so höre ich mich erklären - dauert diese Aufstiegstour oder vielleicht besser -tortur . . . fünf Tage, an denen wir kontinuierlich von Montag bis Freitag über die Erlebnisse einer deutschen Reisegruppe berichten könnten. Über Erfolge oder auch über das Scheitern: »Live natürlich, meine ich!« Die große Verlockung daran: Wir wären die ersten Fernsehmacher der Welt, die diese extreme technische Herausforderung annehmen und sich gleichzeitig nicht vor der körperlichen Anstrengung drücken würden.
»Meinst du, wir sollten das anpacken?« frage ich Martin, den Redaktionsleiter, beinahe beschwörend. Wahrscheinlich verdanke ich den Umstand, dass das Gespräch an dieser Stelle weitergeht, nur dem Glück, dass wir uns seit Jahren gut kennen - mit all unseren manchmal auch verwegenen Ideen und Widersprüchen.
Ja, und wie soll das gehen, mit der Technik, den monströsen Live-Kameras und der schweren Satellitenausrüstung? »Wir müssten von hier«, mein Zeigefinger bewegt sich von einem Punkt auf der Karte, der mit »Marangu Gate« benannt ist und auf 1800 Meter Höhe liegt, »nach da . . .« - nun wandert der Finger auf die über 5800 Meter der Kili-Gipfelregion. Wie viele Menschen, Kameraleute, Techniker und Reporter werden da nötig sein, was wird der Transport kosten, sprengt der Aufwand nicht den Etatrahmen?
Und fast am Ende des Gesprächs höre ich dann die Frage aller Fragen, die ich in den kommenden Monaten bald nachts im Traum vor mich herbeten kann: Wer soll denn überhaupt da hoch, wer kann da hoch auf die Extremhöhe von 5800 Metern?
»Und du selbst - du glaubst, dass das zu schaffen ist? Dass du das schaffen kannst?« Ich nicke selbstbewusst an diesem trüben Januartag in einem klimatisierten Kölner WDR-Büro und murmele statt einer Antwort noch etwas davon, dass dies in der Tat die allererste TV-Live-Übertragung vom Aufstieg auf diesen afrikanischen Wunderberg wäre. »Martin - eine Live-Premiere! . . . Und wir könnten sie machen!!«
Doch glücklicherweise gibt es in einer Fernsehanstalt viele Realisten, die nicht gleich auf die erstbeste Idee abfahren, und zeigt sie sich auch noch so verführerisch. Denn seriös gesehen wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nur, dass der in der Nähe von Nürnberg ansässige Hubert Schwarz Abenteuerreisen zum Kili anbietet und wir vielleicht mit ihm zusammen eine Reisegruppe auf dem Weg nach oben begleiten könnten. Er müsste als Erster begutachten, ob wir mit unserem Live-Team und dem notwendigen Technikgepäck überhaupt eine Chance hätten, in fünf Tagen den Weg nach oben zu schaffen.
Schreibtischarbeit
Die Phase der Knochenarbeit, der Vorbehalte und der kritischen Nachfragen fängt dann im Februar an. Wir kalkulieren die Kosten für den Transport und die einheimischen Träger und Führer. Wir fragen bei der tansanischen Botschaft in Berlin nach, ob man überhaupt bereit ist, uns live vom »Heiligen Berg« Tansanias senden zu lassen. Welche Auflagen wir erfüllen müssen und welche Kosten für uns entstehen werden.
Wir vereinbaren ein Treffen für die Internationale Tourismusbörse in Berlin. Alle Offiziellen der tansanischen Regierung, die für den Tourismus in ihrem Land zuständig sind, werden dort sein. Doch die Begeisterung für unsere Pläne hält sich in Grenzen; die Tourismusministerin wirft ein: Live-Reportagen nur über den Kilimandscharo, das sei doch nichts. Da gehörten auch Berichte über die Insel Sansibar und über die Serengeti dazu - nein, so kommen wir schlecht weiter.
In der Zwischenzeit sucht Hubert Schwarz eine vierzehnköpfige Bergwandergruppe zusammen. Alle Teilnehmer müssen wissen, dass sie in den fünf Tagen der Kili-Woche beim eigenen Aufstieg beobachtet werden, befragt werden, auch über ein mögliches Scheitern am Berg. Denn wir wollen keine Berichterstattung ausschließlich über Sieger, sondern vielleicht auch über Frust und Ärger der Verlierer machen. Dasselbe gilt natürlich auch für uns, die Beteiligten vom WDR: Wer traut sich die Tour überhaupt zu, bei wem reichen Gesundheit und Fitness dafür aus? Und ich mit meinen 67 Jahren immer mittendrin in der Diskussion. Was ist seriös machbar oder vielleicht doch nur eine verführerische Idee, die ganz rasch als Seifenblase zwischen Atemnot und Höhenrausch zerplatzen könnte?
Lange und heftig diskutieren wir im Kollegenkreis immer wieder, was wir an Technik unbedingt mit nach oben nehmen müssen und wo wir bei der Anzahl der Teilnehmer und beim Gewicht des Materials noch sparen können. Je kleiner die Crew, desto größer die Chancen für den Aufstieg. Aber was passiert, wenn einer von uns - oder mehrere - vorzeitig aufgeben müssen? Das Stichwort »Höhenkrankheit« wird im WDR in diesen
Wochen immer intensiver diskutiert, insbesondere der Umstand, dass es jeden aus dem Team erwischen kann, ob jung, ob alt, ob sportgestählt oder kaum trainiert. Und natürlich müssen wir auch die Frage beantworten, wie in dieser extrem hochgelegenen Region Afrikas eine medizinische Erstversorgung aussieht. Die Unsicherheit wächst. Wer trägt das Risiko?
Erste Entscheidungen
Nach wochenlanger Vorarbeit fallen die ersten Entscheidungen: Nein, mit einem Helikopter als Transportmittel können wir an diesem Berg und in dieser Höhe nichts anfangen. Ein Heli lässt sich nicht anmieten, und selbst wenn das tansanische Militär uns unterstützen würde, hätte es keinen Hubschrauber für eine Höhe von über 5000 Metern parat. Abgehakt.
Allerdings könnte die Technikausrüstung mithilfe einer ziemlich großen Anzahl tansanischer Träger von Hütte zu Hütte bis auf 3700 Meter hochgebracht werden. »Johannes, das geht aber nur dann, wenn ihr das Gewicht auf unter eine Tonne reduziert. Und bitte: Alles muss in möglichst handliche Einzelteile zerlegt werden, denn die Träger dürfen jeweils nur zwanzig Kilo transportieren.« - so die Botschaft aus Tansania an mich. Spätestens jetzt raufen sich unsere TV-Techniker wieder die Haare: Der Generator, der auch auf 3700 Meter Höhe die nötige Energie für den Betrieb aller nötigen Anlagen liefern soll, müsste immer wieder auseinandergebaut und zusammengesetzt werden können. Und selbst dann bräuchten die Träger für diesen Generator einen eigenen Transportkarren aus Holz, der für den Weg nach oben allerdings erst konstruiert werden müsste. Bei unseren einschlägigen Vorgesprächen fangen inzwischen fast alle Sätze mit einem Konjunktiv an, mit einem: »Und was wäre, wenn das passiert, wenn der Defekt auftritt? Was wäre mit dem Ersatz für Material und nicht zuletzt für Menschen?«
Darüber hinaus wurde mittlerweile auch mit dem Gesundheitscheck für die WDR-Mitarbeiter begonnen. Das Prinzip dabei ist ganz einfach: Es geht nicht nur darum, wer sich den Weg zu Fuß auf 3700 und 5800 Meter Höhe selbst zutraut, sondern auch darum, bei wem die Laborwerte stimmen, bei wem der Betriebsarzt nickt und bei wem er sein Veto einlegt.
In Abstimmung mit Hubert Schwarz' Fitnesstrainern hat inzwischen jeder von uns WDR-Menschen mit seinem individuellen Training angefangen: Laufen, Gymnastik, Kraftübungen - und immer wieder der Frust, wenn bei allen notwendigen Vorbereitungen die Zeit für das Training wieder einmal zu knapp ist. In Gesprächen merke ich, dass sich kaum einer aus dem Kollegenkreis so richtig in die Karten sehen lässt. Auf jede Nachfrage erhalte ich die lakonische Antwort: »Doch, doch, ich bin da schon dran.« Mehr nicht. Im Gegenzug stellt man im Kollegenkreis einige Mutmaßungen darüber an, wie es mir in ein paar Wochen gehen wird: 67, und dann hoch auf 5800 Meter! Doch als Ruheständler habe ich fast alle Freiheiten: Weder Arbeitgeber noch Betriebsarzt verbieten oder erlauben mir etwas.
Auch an anderen Schauplätzen ringt man in diesen Wochen heftig oder sitzt Konflikte manchmal einfach aus: Zwischen den Offiziellen des Kili-Nationalparks, der tansanischen Behördenzentrale in Dar-es-Salam, der tansanischen Botschaft in Berlin und dem von unserer Idee begeisterten Jürgen Gotthardt, dem tansanischen Honorarkonsul in Hamburg, wird einerseits telefoniert, gefaxt und gemailt, was das Zeug hält . . . und andererseits lange wieder geschwiegen. Warum um alles in der Welt wollen die Deutschen live auf den Kili, wo man doch einen Film drehen könnte? Beim Filmen gäbe es keine Probleme. Noch fehlen viele Stempel, noch kennen wir nicht alle Beträge, die die Genehmigungen kosten sollen, noch wissen wir nicht, ob der tansanische Zoll mitspielen wird. Da heißt es: Geduld!
Dann endlich bekommen wir einige Tage vor dem Abflug so etwas wie gelb-grünes Licht. Wenn alle mitspielen, könnte man die eine Tonne schwere Technik auf 3700 Meter hochbekommen, und von dort aus dürften wir dann von Montag bis Freitag per Satellit senden. Nur für die letzte Etappe auf 5800 Meter brauchen wir eine Miniaturausrüstung mit tragbarem Funkgerät.
So soll es denn sein, beschließen wir in Köln und sind allesamt gleichzeitig euphorisch und skeptisch. Viele Fragen sind auch dann noch nicht beantwortet, als wir schon längst im Flieger zum Kilimandscharo-Airport sitzen.
Die eigene Motivation
Während des Flugs habe ich endlich einmal einige Stunden für mich, in denen ich wie in einem Film noch einmal alles an mir vorbeiziehen lasse, woran ich mit vielen gutwilligen WDR-Mitarbeitern in den letzten Wochen getüftelt habe.
Bei den Ersten zu sein, in der aktuellen Berichterstattung - mit diesem Ziel habe ich mich als TV-Reporter in den zurückliegenden Jahren immer wieder auseinandergesetzt. Eigene Wege zu finden, die nicht schon hundert Mal gegangen worden sind, das gehört zu meinem Job! Doch brauche ich als Beweis dafür, dass ich noch nichts verlernt habe, wirklich die Herausforderung, einen 5800 Meter hohen Berg zu erklimmen bzw. mich dort hinaufzuquälen? Was treibt mich in diesen Stress, was genau will ich mir oder anderen damit beweisen? Immer ein Stück weiter, immer ein Stück höher hinaus? Ist es die Eitelkeit, bei einem derartigen TV-Live-Versuch dabei zu sein, bei einer Premiere? Dass die Arbeit als Reporter immer mit Risiken verbunden ist, habe ich in über dreißig Jahren in meinem Job gewusst und wohl auch geliebt - bei der täglichen Programmarbeit in der Redaktion ebenso wie bei einer Live-Reportage über den ersten eigenen Fallschirmsprung aus 900 Metern Höhe oder bei Auslandseinsätzen im Irak und in Bosnien. Jetzt, auf dem Weg nach Afrika, schüttele ich diese Fragen erst einmal ab - wohl auch deshalb, weil ich keine eindeutigen Antworten finde.
Ziemlich lange kaue ich dann doch noch auf der medienkritischen Frage herum, warum wir unbedingt auch noch die entlegensten Gebiete der Welt live für das Fernsehen erschließen wollen. Schließlich muss man ja nicht alles machen, was technisch mittlerweile machbar ist, und durch Liveschaltungen geraten auch die letzten noch vorhandenen Naturreservate in Gefahr. Erst die eigenen Eindrücke am Kilimandscharo haben mich davon überzeugt, dass es dort eine solch heile Wunschwelt schon lange nicht mehr gibt.
Ein ganz besonderer Berg
Doch was macht den Kilimandscharo auch heute noch zu etwas ganz Besonderem? Ist es unsere fantastische Vorstellung von einem schneebedeckten Gipfel in den Tropen? Ist es die Erinnerung an das, was Ernest Hemingway über den Berg und den Schnee seiner weißen Gipfelzone niedergeschrieben hat? Das kleine Buch Hemingways macht auf unserem Flug nach Afrika noch einmal die Runde bei den Kollegen.
Doch diskutieren wir anschließend nicht über dieses Stück Literatur, sondern über eine Frage, die schon eine Bemerkung unserer Kollegen in der Heimat aufgeworfen hatte: Beeilt euch mal mit eurer Kili-Tour - vielleicht seid ihr die Letzten, die am Gipfel noch Schnee vorfinden. Denn die Debatte über den Klimawandel macht auch vor dem höchsten Berg Afrikas nicht halt; bei unseren Recherchen haben wir herausbekommen, dass die Eiskappe am Kili in den letzten 100 Jahren um fast 90 Prozent geschrumpft ist. Nur noch 2,5 Quadratkilometer Gletschereis werden uns dort also erwarten. Verantwortlich dafür - und das hat uns alle überrascht - ist wohl nicht der Treibhauseffekt, sondern die Abnahme der Niederschläge über dem tropischen Gletschergebiet des Kili. Denn fällt weniger Neuschnee, der sich als Schutzschild über die Gletscherkanten legt, hat es die Sonne leichter, das Gletschereis zu schmelzen. So werden wir bei unserem Kili-Besuch Gletschereis zwar noch erleben, doch rückt das Ende der weiße Mütze des Kili immer näher.
Zum Mythos Kilimandscharo gehört es jedoch einfach dazu, ausgerechnet in einer Tropenregion Schnee und Eis erleben zu können. Wenn es aber Schnee und Eis dort bald nicht mehr gibt, wer wird dann in Zukunft die weite Anreise aus aller Herren Länder noch in Kauf nehmen, um einen Gipfelanstieg zu erleben, bei dem es lediglich darum geht, die eigene Kraft und die eigene Charakterstärke zu testen? Ist Kili-Tourismus auch ohne Schnee denkbar?
Die Gründe dafür, den legendären Berg - ob mit oder ohne Schnee - zu besteigen, sind vielfältig. Mittlerweile bieten Veranstalter aus Deutschland Manager-Trainingsseminare auf dem Kili an - hier würde der Kopf freier und man könne neue Unternehmensstrategien entwickeln, behaupten sie. Es gibt Reiseangebote für die Generation Fünfzig plus, auch Kili-Bergtouren nur für Frauen sind in Veranstalterkatalogen zu finden. Unter den Kili-Besteigern sind Männer, die ihren Lebensgefährtinnen vom Kili-Gipfel aus Heiratsanträge machen oder die mit einem in die Jahre gekommenen Skateboard auf 5895 Meter Höhe Jugenderinnerungen heraufbeschwören wollen . . .
Neue Lebensperspektiven
Bis jetzt hat der höchste Berg Afrikas sie alle ausgehalten: die sportlichen Gipfelstürmer, die Selbsterfahrungsfreaks und die, die sich vom Kili die Erfüllung ihrer persönlichen Wünsche erhoffen. Etwa 25 000 Menschen sind es, die inzwischen jährlich zum Kili kommen, begleitet von einem Tross tansanischer Träger und Guides.
Und was ich selbst einige Zeit später bei meiner eigenen Wanderung im Kili-Nationalpark erfahren werde: Dieser Platz zwischen Regenwald und Gletschereis trägt eine bestimmte Wunderkraft in sich, auch wenn sie nicht jeder im Stress eines Gipfelsturms auf Anhieb für sich entdecken kann. Ich mache die Erfahrung, dass ich dazu erst wirklich still werden muss, dass ich mich von der Hektik meiner »Touri-Situation« lösen muss. Dann - aber auch nur dann - kann es geschehen, dass einem der Weg zum Berg neue Perspektiven für das eigene Leben schenkt. Zwei Mal habe ich das beim Zusammentreffen mit anderen Wanderern erlebt, bei ganz zufälligen Begegnungen.
Vor einer Hütte treffe ich einen 36 Jahre alten Finanzmakler, der mit einer Gruppe von Arbeitskollegen angereist ist. Ihre Ziele lauten »Incentive« und »Challenge« auf Einladung eines deutschen Versicherungsunternehmens, das sich nach dem gemeinsamen Gipfelsturm positive Auswirkungen auf die Mitarbeiter und höhere Umsätze zu Hause erhofft. Motivation für alle und ein neues Gruppenbewusstsein soll der Aufstieg auf den Kili bringen. Doch was geschieht in der Kili-Realität?
Hier also lehnt sich Martin mit einem Skizzenblock auf den Knien an einen Felsbrocken. Liebevoll zeichnet er Bilder von der Landschaft und den Menschen; er fängt an, mir zu erzählen, wie wichtig noch bei der Ankunft in Tansania der Berg für ihn war, die erhoffte Urkunde über den Gipfelsieg . . . doch dann habe er die Menschen hier kennengelernt, die Träger und Bergführer. Und von deren Leben am Berg, von ihren Träumen wisse er jetzt einiges.
»Mehr und mehr spüre ich«, so erzählt er mit leuchtenden Augen, »dass nicht der Gipfel, das Weiterkommen jetzt noch meine Ziele sind. Ich will möglichst alles über den Alltag dieser
Menschen hier erfahren, über ihre Armut und ob ich von ihnen lernen kann, ein derart bedürfnisloses Leben nicht als Zumutung zu empfinden. Ob ich in den nächsten Tagen zum Gipfel hochkomme oder nicht, ist inzwischen für mich nicht mehr wichtig. Ich spüre, dass die Menschen mir hier mehr geben können, als es mir jede Art von Gipfeltriumph vermitteln kann. Deswegen werde ich in den nächsten Stunden auch wieder mit ihnen zusammensitzen - und nicht mit den anderen Bergwanderern. Ich will den Einheimischen einfach nur zuhören, aus ihren Erfahrungen lernen.« Damit rafft Martin seine Zeichenutensilien und den Skizzenblock zusammen und verschwindet bei den einheimischen Trägern im Küchenraum.

Kleine Wunder am Berg
Ein anderes kleines Wunder am Berg werde ich nur wenige Tage später erleben. Durch Nebelschwaden und Nieselregen kommen vier junge Frauen den rutschigen Weg von oben herunter, mit einem knappen »Good luck« und einem »Jambo« als freundliche Geste für diejenigen, die noch nach oben wollen. Erst im letzten Augenblick, als wir schon fast aneinander vorbeigegangen sind, merke ich, dass die Frauen ihre Bergstöcke nicht nur zum bloßen Abstützen auf dem Weg nach unten benutzen. Für sie sind es weit notwendigere Hilfsmittel, denn diese Frauen - eine Gruppe aus Finnland, den USA und Großbritannien - haben versucht, mit Beinprothesen auf den Kili zu kommen . . . und sie haben es geschafft.
Eine von ihnen, eine BBC-Kollegin, erzählt, wie es dazu kam. Nach einer Unfallverletzung hatte sie mit ihrem bisherigen Leben eigentlich abgeschlossen. Alles war von der Trauer über den Verlust des Beins und von dem Glauben bestimmt, dass mit dem Bein ein Teil des Lebens unwiederbringlich verloren war. In dieser Situation erreichte sie die Anfrage ihrer Begleiterinnen - Frauen, die bei den Paralympics angetreten waren und nun gemeinsam den Weg auf den Kili in Angriff nehmen wollten.
Sie haben es versucht - und erzählen mir nun überglücklich, dass sie niemals geglaubt hätten, den Aufstieg mit dieser Behinderung zu schaffen. Und doch war es ihr sehnlichster Wunsch gewesen, mit der Beinprothese auf den Kili zu kommen. Und für ihr neues Leben wüssten sie jetzt, dass sie es nicht nur geschafft hatten, ganz oben auf diesen Berg zu gelangen. Jetzt spürten sie auch, was sie mit der eigenen Kraft in ihrem Leben ausrichten könnten. Ganz leise seien sie dann auf dem Gipfel geworden. »Danke an den Kili«, sagen sie.
Nachdenklich bleibe ich zurück: Ein kleines Wunder hat sich da am Berg ereignet. Gläubige Katholiken erhoffen sich Ähnliches vielleicht von einem Besuch im französischen Lourdes. Hier ist es zwischen dem Felsgestein und dem Eis auf 5800 Meter Höhe geschehen.
Immer wieder tauchen Fragen auf meinem eigenen Weg dorthin auf, Fragen zwischen Wachen und Träumen, zwischen Erwartungen und Ängsten. Was werden die Einheimischen, die eigentlichen »Besitzer« und Nachbarn des Kili über uns und unser Projekt denken?
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