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E-Book

Ich fliege mit zerrissenen Flügeln

Inklusion - da will ich hin, das leb ich schon.

AutorRaphael Müller
Verlagfontis
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl176 Seiten
ISBN9783038486367
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
So etwas hat man zuvor noch kaum je gesehen, kaum gehört, kaum gelesen: Dieses Buch wurde geschrieben von einem heute 14-jährigen Jungen. Raphael ist wegen eines vorgeburtlichen Schlaganfalls Autist und Epileptiker, kann nicht reden, sondern nur Laute von sich geben. Seit der Geburt sitzt er schwerstbehindert im Rollstuhl, hat aber einen enormen IQ, ist gläubig und konnte - ohne jeden Unterricht - bereits als Kleinkind lesen und schreiben. Was man aber erst herausfand, als er etwa 6 Jahre alt war. Bis dorthin glaubten alle, auch die Ärzte, er sei richtiggehend "blöde". Dank gestütztem Schreiben kann er nun, seit er 7 ist, Gedichte und ganze Romane schreiben, geht aufs Gymnasium und wird oft auch an die Universität Augsburg eingeladen, wo er sich von den Studenten "interviewen" lässt. Alle staunen. Sein Buch ist wunderbar, es ist quasi der Bericht aus einer anderen, uns normalerweise völlig verborgenen Welt. Es sind Texte aus einem Paralleluniversum, eindringlich, nah, existenziell. Selten konnte jemand mit seinen Worten eine derartige Brücke bauen. Eine Offenbarung!

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Leseprobe

2. Schweres ist leicht und Leichtes so schwer!


Angesichts meiner Behinderung ist manches anders als gewohnt. Das Normale wird zu Besonderem, während mir manches Schwere erstaunlich leichtfällt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass meine Schullaufbahn einer Achterbahn gleicht mit Höhen und Tiefen, emotionalen Loopings, Beschleunigungen und Spurwechseln. Überzeugen Sie sich selbst.

Auf Umwegen – meine Schullaufbahn


Mein Kindergarten war die SVE (Schulvorbereitende Einrichtung) der Förderschule. Morgens holte man mich mit dem Bus ab, mittags brachte man mich scheinbar fröhlich wieder. Mir gefiel das Zusammensein mit den anderen Kindern, doch eine Herausforderung stellte der Kindergarten nicht dar. Man gab sich große Mühe, die Anregungen der Delfintherapie umzusetzen. Leider unterschätzte man meine Auffassungsgabe, so dass ich wie alle Kinder der SVE zurückgestellt wurde und ein Jahr länger auf die Schule warten musste.

Als es dann 2006 so weit war, war die Schule eigentlich nicht bereit, mich zu nehmen, und falls doch, so nur mit einer Schulbegleitung. Man empfahl die Fritz-Felsenstein-Schule in Königsbrunn, das ist eine große Einrichtung für Körperbehinderte mit drei unterschiedlichen Lehrplänen. Für mich wäre aber nur derselbe Lehrplan vorgesehen, der auch an der G-Schule in Aichach unterrichtet wurde. Zudem käme dort eine Schulbegleitung nicht in Frage. Meine Eltern wägten ab: fünf Minuten Schulweg und Einzelbetreuung an einer G-Schule gegen eineinhalb Stunden Busfahrt einfach ohne Schulbegleitung an einer K-Schule bei identischem Stundenplan – und entschieden sich für die erste Variante. Sie beantragten die Genehmigung einer Schulbegleitung, bekamen dann aber bei der Schuleinschreibung zu hören, dass die Schulleitung das nun doch nicht für mich wolle, weil auch ein anderes Kind in meiner Klasse eine Individualhilfe brauche. Man wolle nicht über die Finanzen des Sozialamtes entscheiden, so die Begründung. Über die Finanzen des Sozialamtes solle bitteschön das Sozialamt selbst entscheiden, gab meine Mutter zur Antwort. Es könne ja nicht sein, dass eine Begleitperson für meine Schuleinschreibung erst Grundbedingung und kaum vier Wochen später nicht mehr erforderlich sei.

Was soll ich sagen? Es war nicht leicht, aber ich bekam eine Schulbegleitung, und was für eine nette! Wir lernten Vera im Vorfeld kennen, und ich verstand mich auf Anhieb prächtig mit ihr. Leider wollte die Lebenshilfe [die Lebenshilfe e.V. ist der private Trägerverein der Aichacher Förderschule] ihre Anstellung nicht übernehmen, so dass meine Eltern selbst zum Arbeitgeber wurden, denn ihnen war klar, dass das Team Schüler und Schulbegleitung harmonieren muss, wenn es Sinn machen soll. Das war Premiere in Aichach, denn bisher waren alle Schulbegleitungen bei der Lebenshilfe engagiert gewesen.

Der erste Schultag kam und brachte alles mit sich, was ein erster Schultag so braucht: aufgeregte Eltern und Schüler, der gemeinsame Besuch des Klassenzimmers, jede Menge Fotos und natürlich eine große Schultüte. Ich war so stolz! Endlich ein Schulkind! Ich konnte es kaum erwarten, lernen zu dürfen.

Leider wurde meine Vorfreude rasch gebremst durch das enorme Schneckentempo. Ich war dennoch motiviert, meine Hausaufgaben zu erledigen. Zu Beginn des Schuljahres waren dies zumeist Malübungen von Buchstaben oder Zahlen. Mama oder Vera halfen mir, den Stift zu halten, und führten meine Hand (der Kurs für Gestützte Kommunikation fand erst Mitte November statt). Es kam jedoch immer wieder vor, dass die Lehrerin keine Hausaufgabe für mich hatte. Sie finde es überflüssig, bekam Mama zu hören, als sie in der Sprechstunde nachfragte. Ein Kind wie ich würde sowieso nie lesen lernen, da waren sie und ihre Kolleginnen sich einig.

Das nahm ich ihnen tatsächlich übel! Zu diesem Zeitpunkt konnte ich bereits lesen, schreiben und rechnen. Ich konnte es nur noch niemandem zeigen.

Mama wusste es auch noch nicht, sie kam kopfschüttelnd nach Hause und beschloss: «Dann üben wir das eben zu Hause!»

Und während ich mich zu Hause hochmotiviert zeigte, gerade bei schweren Aufgaben, bekamen Lehrer und Mitschüler das Gegenteil zu spüren. Dies hatte zwangsläufig völlig unterschiedliche Sichtweisen meiner Person zur Folge. In der Schule wähnte man mich überfordert und langweilte mich mit immer noch leichteren Aufgaben, während Mama und Vera mich mit schwereren Aufgaben herausforderten und begeisterten.

Spätestens als ich nach besagtem Stützerkurs mit beiden mit dem Schreiben begann, wurde es schwierig für Mama. Sie wurde etikettiert: «Hysterische Mutter» stand auf dem Schild. Es könne nicht sein, dass ein schwerbehindertes Kind schreibt, und das, bevor das Alphabet richtig besprochen worden ist. Aber man würde der Sache nachgehen und mich testen. Mama konterte, sie könne sich das auch nicht erklären, aber es sei nun mal Tatsache, dass ich schrieb. Man solle mir daher unbedingt eine Chance geben und es mit mir probieren.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass ich nicht mit jedem schreiben kann oder will. In meiner gekränkten Eitelkeit entschied ich mich, mit völligen Laien zu schreiben, aber die Profis zu ignorieren, und das besonders, wenn sie kein Vertrauen in mich hatten und mich erst auf die Probe stellen wollten. Das war reichlich unklug von mir und verkomplizierte die Dinge unnötig. Aber es ging einfach nicht. Durch mein Verhalten wurden die Lehrer natürlich in ihrer Sichtweise bestätigt, so viel ist mir im Nachhinein klar.

Innerhalb von drei Wochen wurden aus einzelnen Worten ganze Sätze. Mama erkannte deutlich, dass ich in der Schule nicht über-, sondern unterfordert und maximal gelangweilt war. Kurz vor Weihnachten fasste sie Mut und sprach mit dem Rektor der Aichacher Grundschule. Ob er sich denn vorstellen könne, für einzelne Stunden einen Gastschüler aufzunehmen? Ja, das wolle er gerne tun, aber er müsse sich erst mit der Lehrkraft besprechen.

Als eine positive Antwort kam, wäre ich vor Freude am liebsten in die Luft gesprungen, hätte mich mein körperlicher Zustand nicht an den Rollstuhl gefesselt. Zweimal in der Woche zwei Stunden! Wow! Was für ein Weihnachtsgeschenk! Die Grundschule erkundigte sich vorsichtig nach den Fächern, ob auch Mathematik möglich sei. Mama versprach, abzuklären, ob ich auch die Zahlen verstünde.

Der nächste Tag war ein Samstag, der letzte vor Heiligabend, und Papa war unterwegs, seine Weihnachtseinkäufe erledigen. Mama fragte mich die Zahlen ab. Man konnte die Einlage der Schreibtafel umdrehen, dann hatte man die Zahlen 1 bis 9 statt der Buchstaben sowie die Symbole der Grundrechenarten zur Verfügung. Nachdem ich alle Zahlen richtig gezeigt hatte, wagte sich Mama an Addition und Subtraktion, später an Multiplikation und Division, freilich denkbar einfach mit natürlichen Zahlen von 1 bis 10. Ihr Erstaunen war maßlos. Sie griff zum Telefonhörer, um Papa anzurufen, der hörte sich alles an und meinte: «Du spinnst!» Abends durfte er sich schließlich selbst von meinen Mathekenntnissen überzeugen.

Am 1. Februar 2007 war es dann so weit: Ich wachte auf und tippte noch vor dem Frühstück: «Wisst ihr, dass ich heute in eine richtige Schule darf?!»

Die Förderschule war selbstredend wenig begeistert, man hielt mich ja noch lange nicht für so weit.

Ich war so glücklich! Endlich ein Hauch von Normalität! Endlich Lernstoff in einem akzeptablen Tempo! Und gesunde Kinder, die mir ihre nicht autistische Sicht spiegelten und mich damit davor bewahrten, selbst immer wieder in meine Welt abzudriften.

Frau Bauer nahm mich reizend in die Klasse auf, ich bin ihr so dankbar! Doch wie so viele setzte sie sich selbst unter Druck, indem sie meinte, Extraprogramm für mich machen zu müssen. Es ist nicht leicht, einen Autodidakten zu unterrichten: Er lernt entweder von allein oder gar nicht. Ich für mich hatte keinerlei Bedürfnis nach Sonderbehandlung oder Intensivstunden, im Gegenteil: Ich wollte einfach nur dabei sein und so viel Zeit wie nur möglich unter gesunden Kindern verbringen. Diese Stunden an der Regelgrundschule waren mein Highlight der Woche, und ich bin Frau Bauer und Rektor Jung maximal dankbar für diese Chance!

Von Woche zu Woche wurden meine Sätze länger, sie zeichneten sich durch einen typisch autistischen Satzbau und jede Menge Wortneuschöpfungen aus. Mama kaufte einen AlphaSmart 3000 für mich, das ist dieses bereits erwähnte Schreibgerät, bestehend aus einer Tastatur und einem Display von vier Zeilen. Sie sagte, meine Formulierungen seien zu speziell, die könne sich keiner merken.

Der AlphaSmart hatte gegenüber der Schreibtafel einen entscheidenden Vorteil: Er speicherte das Geschriebene automatisch ab, der Stützer musste nicht mit- oder hinterherschreiben.

Auch im Rechnen erstaunte ich meine Eltern. Bis Februar stellte mir Mama Erstklass-Rechenaufgaben mit natürlichen Zahlen, die ich fragwürdig einfach fand. Meine kleine Schwester Hannah, damals gerade vier, kam mir zu Hilfe: Sie tippte eine Aufgabe auf der Holztafel und fragte mich nach dem Ergebnis. Da sie selbst noch nicht rechnen konnte, achtete sie nicht auf ein Ergebnis mit natürlichen Zahlen. «Raphael, was ist 5 : 2 = ?», fragte sie also und bezog Schimpfe von Mama. Ich freute mich und tippte: «2,5». Hannah fand Gefallen an dem Spiel und Mamas Staunen und fragte weiter: «Und 1 : 4 = ?» – «0,25», tippte ich grinsend.

Anfang April kam Mama auf die Idee, mich Aufgaben selbst erfinden zu lassen, um zu sehen, was mich gerade beschäftigte. Heraus kamen Minuszahlen. Auch Quadrat- oder Kubikrechnungen mit Komma- oder Minuszahlen beschäftigten mich.

Eines Tages...

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