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E-Book

#ichbinhier

Zusammen gegen Fake News und Hass

AutorHannes Ley
VerlagDUMONT Buchverlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl180 Seiten
ISBN9783832189907
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Hate Speech hat eine lange Tradition im Internet. Anfangs waren vor allem Einzelne davon betroffen, schlimm genug. Doch längst wissen wir um das destruktive Potenzial dieser Pöbeleien für die Gesellschaft. Wutbürger, Extremisten, Trolle, Fremdenfeinde und Frauenhasser dominieren die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken. Die von Hannes Ley gegründete Facebook-Gruppe #ichbinhier kämpft täglich für die Verbesserung des Diskussionsklimas. Immer dann, wenn Wortwahl und Inhalte in Hass abzugleiten drohen, steuern die Hashtag-Nutzer gegen. Denn wo sich Lügen und Hassreden zusammentun, entfaltet sich ein Potenzial, das die Gesellschaft spalten kann. Mit Zivilcourage und gegenseitiger Unterstützung können engagierte Bürger viel bewirken - Hannes Ley zeigt, wie es gelingen kann. »Wir reden nicht über Counter Speech, über Gegenrede. Wir praktizieren sie.« HANNES LEY Grimme Online Award 2017

Hannes Ley ist selbstständiger Kommunikationsberater in Hamburg. Ende 2016 hat er die Gruppe #ichbinhier gegründet. Sie ist in nur einem halben Jahr auf rund 37.000 Mitglieder angewachsen.

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Leseprobe

KAPITEL 2

Das Hassen lernen:

Wie das Internet vergiftet wurde

»Die sollen sich im Wald treffen und sich gegenseitig umbringen!! Ist das so schwer oder was? So machen sie der Polizei auch keine Probleme oder den Menschen, die da leben.« Marion M.

Facebook-Post am 29. 5. 2017 auf Bild.de

Die Wurzeln des Hasses

Eigentlich hätte man vieles von dem, was heute den Umgangston im Netz ausmacht, schon ahnen können, als das Internet noch etwas Exotisches war. Zur Jahrtausendwende ungefähr. Eine Sprache voller Beschimpfungen und mangelnder Toleranz gegenüber Menschen mit anderer Meinung war auch da schon zuhauf zu finden. Die Foren von Onlinediensten wie dem Computerverlag heise.de zum Beispiel waren schon voll von hässlichen Kommentaren, Beleidigungen, gegenseitigen Beschimpfungen. Flamewars nannte man das damals, einen aufflammenden Krieg. Der startete meist unerwartet, entzündete sich an einer missverständlichen Formulierung oder einem schiefen Argument. Oder er ging einfach los, weil jemand Lust darauf hatte, Öl ins Feuer zu gießen, eine aufgeheizte Diskussion entgleisen lassen wollte.

Nur: Damals ging es meist um Glaubensfragen rund um den Computer. Die Frage zum Beispiel, ob Windows das bessere Betriebssystem ist, MacOS oder gar Linux. Und wenn Letzteres, welche der zig verschiedenen Varianten die beste ist: Red Hat, Debian oder Suse. Fragen, die unter Systemadministratoren scharf ausgefochten wurden und deren Argumentation schnell ein kritisch unterirdisches Niveau erreichten. Doch gleichzeitig Fragen, die den Rest der Menschheit nur am Rande interessierten. Es waren die Nerds, so das damals gängige Vorurteil, die Computerfreaks, die zu lange vor dem Bildschirm sitzen, Pizza essen, Cola trinken und dabei vergessen haben, wie man vernünftig miteinander umgeht.

Im Grunde war schon damals klar, dass die Kommunikation im Netz schwierig ist und nicht einfacher werden würde. Und schon damals war eigentlich klar, dass es dafür zwei entscheidende Gründe gibt, die den Nährboden für alles bildeten, was danach kam, für Beschimpfungen, Hass, Gerüchte, Verschwörungstheorien: Zum einen sieht und hört man sein Gegenüber nicht. Gesten, ein Augenzwinkern, ein Zusammenzucken: Alles, was normalerweise in einer Kommunikation wichtig ist, findet dort nicht statt. Es zählt das geschriebene Wort und die Art und Weise, wie man dieses interpretiert, welches Motiv man dem Absender unterstellt. Zum anderen ist es die Anonymität und der damit zusammenhängende Glaube an das Internet als rechtsfreien Raum: Oft genug versteckt man sich hinter Kürzeln, Spitznamen oder am besten gleich hinter einer falschen Identität. Was wiederum dazu führt, dass man sich sicher fühlt und sich noch drastischer benehmen kann.

Eine Strafe hat man ja nicht zu fürchten – das ist eine Haltung, die sich bis heute gehalten hat. Selbst bei Facebook, wo ja viele Menschen unter ihrem eigenen Namen schreiben, scheint es immer noch so zu sein, dass Kommentarschreiber sich immun fühlen, keinen Ärger fürchten, keine Strafe. Sie haben vergessen, dass sie Verantwortung für ihre Kommentare tragen und sehen das Internet als Spielplatz für Hasssprache an, als eine Welt, die nichts mit den Regeln der realen Welt zu tun hat.

Vielleicht hätte man schon damals genauer hinschauen sollen, vielleicht hätte man einen Weg gefunden, Pöbeleien und Beleidigungen einzudämmen. Vielleicht hätte man vermeiden können, dass dieser Ton auch in politischen Debatten hoffähig wurde. Das ist nicht geschehen. Zuerst haben die anderen Kommentarschreiber genervt geantwortet, später hat man die Pöbler einfach machen lassen und sich darüber amüsiert. Ein Lieblingssatz unter einem Schreihals-Kommentar: »Ich geh mal Popcorn holen.« Wie im Kino vor einem Actionfilm. Wortgefechte galten als Volksbelustigung, die für Foren zuständigen Firmen oder Verlage sind nur in seltenen Fällen eingeschritten. Die lauten Wüter hatten Narrenfreiheit – und haben sie oft genug noch heute. Sie sind nämlich nicht ausgestorben, sondern leben weiter. Sie haben sich nur verändert. Beziehungsweise: Sie haben sich weiterentwickelt und spezialisiert.

Gegen sie vorgegangen wird immer noch viel zu selten: Gerade in den sozialen Medien fühlen sich nur wenige dafür verantwortlich, Hassschreiber zu benennen und auszuschließen, selbst bei den Facebook-Auftritten der großen Medien ist wenig Moderation zu spüren. Wobei doch gerade die wissen sollten, wie schlecht das für die Außenwirkung ist.

Heute ist es schwierig, diese Anfänge rückgängig zu machen, den Geist wieder in die Flasche zu holen, das Internet von seinem Ruf als rechtsfreien Raum zu befreien und klarzumachen, dass auch hier Gesetze gelten, dass Anstand und Moral auch hier angebracht sind.

Das Internet galt in seiner Frühzeit als Ort, an dem alles erlaubt war. An dem man Filme und Musik herunterladen konnte, sich Software einfach umsonst holen. Und so wie die Film- und Musikindustrie Wege finden mussten, gegen Raubkopien und illegales Streaming vorzugehen, wie Medien lernen mussten, mit ihren Angeboten überhaupt Geld zu verdienen, müsste auch im zwischenmenschlichen Bereich eine neue Form gefunden werden, um den Troll der Frühzeit auszutreiben.

Unter Trollen

Ein Troll ist der Prototyp der heutigen Hassredner. Ein Troll im Internet hat wenig zu tun mit nordischen Sagenwesen oder den drei Steingiganten, die den Hobbit Bilbo und seine Zwergenbegleitung als kleines Nachtmahl verspeisen wollten – auch wenn die Internet-Trolle oft ähnlich tumb und destruktiv wirken wie diese. Der Internet-Troll ähnelt eher einer Comicgestalt: dem Römer Tullius Destructivus, der in »Streit um Asterix« von Cäsar ausgesandt wurde, um Zwietracht im gallischen Dorf zu verbreiten. Er verbreitet Lügen, manipuliert Leichtgläubige und spinnt Intrigen. Wo er auftaucht, färben sich die Sprechblasen im Heft grün, um die giftige Sprache deutlich zu machen. Wo ein Internet-Troll auftaucht, geschieht Ähnliches, auch wenn sich die Kommentare leider nicht grün färben – sie wären so viel besser zu erkennen.

Der Begriff des Internet-Trolls tauchte erstmals 1990 in einer Newsgroup auf und leitet sich von dem englischen Begriff »trolling with bait« ab, was übersetzt »Fischen mit Schleppangeln« bedeutet. Dabei geht es darum, mit einem Köder möglichst viele Fische zu fangen. Wer trollte, war ein Troll. Newsgroups waren übrigens die frühen Vorläufer heutiger sozialer Netzwerke, Foren, in denen man sich zu bestimmten Themen austauschte. Der Troll hatte also schon früh sein ideales Umfeld gefunden.

Für den Internet-Troll ist ein hämischer oder bösartiger Kommentar der Köder. Auf ihn sollen sich die anderen Schreiber stürzen, dabei möglichst das eigentliche Thema der Diskussion vergessen und genervt bis ärgerlich reagieren, also anbeißen. Der Troll mischt sich so in eine Diskussion ein und versucht, sie völlig entgleisen zu lassen. Das ist sein eigentliches Ziel. Oft genug schafft er das, schließlich kennt er die wichtigen Reizthemen, mit denen er Mitdiskutanten so reizen kann, dass sie sich nur noch ihm widmen. Wer zum Beispiel unter einen Artikel zu Videospielen zuerst einen Kommentar abgibt, in dem alle Spieler als Möchtegern-Killer und Spiele als Mordsimulation bezeichnet werden, kann sich ziemlich sicher sein, dass es in den folgenden fünfzig Kommentaren einzig und allein um seinen Einwurf und nicht um das eigentliche Thema des Artikels geht.

Für ihn – die meisten Trolle sind laut neueren Studien männlich – ist das ein Gewinn. Er hat die Aufmerksamkeit und amüsiert sich, während eine möglicherweise gewinnbringende Diskussion einfach erstickt wurde. Seine Motive sind nicht immer klar, oftmals geht es darum, sich über Menschen lustig zu machen, sich darüber zu amüsieren, wie sie gegen jemanden ankämpfen, dem völlig egal ist, was er schreibt. Hauptsache, man kann damit jemanden mal so richtig ärgern und sich aus der Verantwortung stehlen. Schließlich wird kaum jemand darauf kommen, wer sich hinter Pseudonymen wie L33tm8 oder Pr0G8 versteckt. Es ist das Netzäquivalent zum nächtlichen Beschmieren von Hauswänden – nur: Die Gefahr, erwischt zu werden, ist deutlich geringer. Der Schaden, den er anrichtet, ist allerdings langfristig deutlich größer: Er beschädigt kein Eigentum, sondern schadet dem Gemeinschaftssinn.

Während früher hauptsächlich in Newsgroups – einer Art Vorläufer der heutigen Foren – getrollt wurde, hat sich das Trollen inzwischen ausgebreitet und ist auch in anderen Bereichen des Netzes zu einem beliebten Sport geworden. Den Trollen geht es darum, Diskussionen zu sprengen, Menschen gegeneinander aufzubringen. Dazu ignorieren sie die Grundsätze einer Gruppe, verletzen bewusst Moral und Anstand und stacheln Konflikte an, lösen sie gar erst aus. Etwas, dass wir auch in Facebook-Diskussionen immer wieder erleben.

Menschen, die sticheln und andere reizen wollen, gab es schon immer. Nur: In Vor-Internet-Zeiten kannte man diese Menschen meist, wusste, wie man sie nehmen kann oder machte einfach einen Bogen um sie. Dazu kam, dass es nur wenige gab, die sich komplett aus der Gemeinschaft ausschließen wollten und denen zudem klar war, dass zu derbe Pöbeleien auch mal vor einem Richter enden konnten.

Der Internet-Troll dagegen ist anonym. Zumindest arbeitet er in dem Glauben, dass er nicht entdeckt werden kann. Und diese Anonymität versetzt ihn in den Glauben, keine Gesetze mehr achten zu müssen, die simpelsten Regeln des Miteinanders ignorieren zu dürfen. Der Internet-Troll ist ein asoziales Wesen in...

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