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E-Book

Ichigo-ichie

Die japanische Kunst, den perfekten Moment zu nutzen

AutorFrancesc Miralles, Héctor García (Kirai)
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783843721516
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
In ihrem neuen Buch zeigen uns die internationalen Bestseller-Autoren García und Miralles, wie wir die Einzigartigkeit eines Moments erkennen und als Chance nutzen können. Sie erinnern uns daran, dass wir eine Gelegenheit beim Schopf packen müssen, sobald sie sich bietet, denn es gibt ein- und dieselbe Situation nie ein zweites Mal. Selbst wenn wir einen Menschen zweimal am selben Ort treffen, hat uns inzwischen doch die Zeit verändert, so kurz der Abstand zwischen den Treffen auch gewesen sein mag. Mit der japanischen Kunst des Ichigo-Ichie lassen wir uns nie mehr Chancen entgehen und schätzen zufällige Begegnungen und kleine Momente des Alltags wie nie zuvor.

Héctor García (Kirai) wurde 1981 in Spanien geboren. Nachdem er als Informatiker in der Schweiz gelebt hat, zog er 2004 nach Tokyo, Japan, wo er in der Software- Entwicklung tätig ist.

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Leseprobe

Ichigo-ichie

Für den aus mehreren Zeichen bestehenden Begriff, der im Zentrum dieses Buches steht, gibt es in unseren westlichen Sprachen keine exakte Entsprechung. Zwei Interpretationen aber können dabei helfen, ihn zu verstehen.

Ichigo-ichie bedeutet entweder »einmal, eine Begegnung« oder »in diesem Moment, eine Gelegenheit«.

Damit ist gemeint, dass jede Begegnung, jedes Erlebnis ein besonderer Schatz ist, etwas, das sich nie wieder in gleicher Weise wiederholen wird. Lassen wir dieses eine Erlebnis verstreichen, ohne es zu genießen, wird die Gelegenheit dazu also für immer verloren sein.

Die Tore von Shambhala

Eine tibetische Legende veranschaulicht dieses Konzept sehr eindrucksvoll. Sie handelt von einem Jäger, der in den eisigen Höhen des Himalaja einen Hirsch verfolgt und plötzlich vor einem hohen Berg steht, der durch einen schmalen Spalt in zwei Hälften geteilt ist. Dieser Spalt ermöglicht einen Blick auf das, was auf der anderen Seite des Berges ist.

Neben dieser Öffnung steht ein Greis mit einem langen Bart, der den überraschten Jäger heranwinkt und ihn auffordert, durch den Spalt zu schauen.

Dieser gehorcht, hält seinen Kopf in die senkrechte Öffnung, die gerade breit genug ist für einen Menschen, und was er nun sieht, verschlägt ihm den Atem.

Jenseits des Berges erstreckt sich ein fruchtbarer, sonniger Garten von grenzenloser Weite. Fröhliche Kinder spielen zwischen obstbehangenen Bäumen, Tiere tummeln sich unbekümmert in einer Welt voller Schönheit, Fülle und Heiterkeit.

»Gefällt dir, was du siehst?«, fragt der alte Mann den Jäger, als er dessen Staunen bemerkt.

»Natürlich gefällt es mir. Das … muss das Paradies sein!«

»Genau das ist es, und du hast es gefunden. ­Wa­rum gehst du nicht hinein? Du wirst dort für den Rest deiner Tage glücklich sein.«

»Oh ja, das werde ich«, antwortet der Jäger hocherfreut, »aber zuvor will ich meine Geschwister und meine Freunde holen. Ich bin bald mit ihnen zurück.«

»Wie du willst. Doch bedenke, dass die Tore von Shambhala sich nur ein einziges Mal im Leben öffnen«, warnt ihn der Alte mit gerunzelter Stirn.

»Ich werde mich beeilen«, erwidert der Jäger und macht sich sogleich auf den Weg.

Überwältigt von dem soeben Erblickten, läuft er los, lässt Täler, Flüsse und Berge hinter sich, bis er wieder in seinem Dorf ankommt, wo er seinen beiden Geschwistern und drei engen Freunden, die ihn seit der Kindheit begleitet haben, von seiner Ent­deckung erzählt.

Vom Jäger angeführt, macht sich die Gruppe unverzüglich auf den Weg und erreicht noch vor ­Sonnenuntergang den hohen Berg, in dem sich der Eingang zu Shambhala befindet.

Doch der Bergspalt hat sich geschlossen und wird sich nie wieder öffnen.

So muss also der Entdecker jener wunderbaren Welt sein Leben lang weiterjagen.

Jetzt oder nie

Der erste Teil des Begriffs Ichigo-ichie () taucht in buddhistischen Schriften auf, und zwar im Zusammenhang mit der zwischen Geburt und Tod verstreichenden Zeit. Wie in der tibetischen Legende ist genau jetzt der Moment, da sich uns eine Gelegenheit bietet, findet unsere Begegnung mit dem Leben nur im gegenwärtigen Augenblick statt. Nutzen wir sie nicht, ist sie für immer verloren.

Man lebt nur einmal, sagt der Volksmund. Jeder Moment ist einzigartig, ist ein sich öffnendes Shambhala-Tor, und die Chance, es zu durchqueren, bietet sich kein zweites Mal.

Wir Menschen wissen dies im Grunde, vergessen es aber allzu leicht inmitten von Sorgen und Alltagsverpflichtungen.

Sich das Ichigo-ichie bewusst zu machen kann ­einem jedoch helfen, den Fuß vom Gas zu nehmen und sich darauf zu besinnen, dass jeder Morgen auf dieser Welt, jede Begegnung mit unseren Kindern, mit unseren Lieben unendlich wertvoll ist und ­unsere ganze Aufmerksamkeit verdient.

Der Grund hierfür ist in erster Linie die Tatsache, dass wir nicht wissen, wann unser Leben enden wird. Jeder Tag kann der letzte sein, kein Mensch kann beim Zubettgehen sicher sein, dass er am nächsten Morgen abermals die Augen öffnen wird.

In Spanien steht ein Kloster, von dem es heißt, die dort lebenden Mönche würden jedes Mal, wenn sie einem Mitbruder in den Gängen der Abtei begegnen, zueinander sagen: »Denke daran, Bruder, dass du sterblich bist.« Diese Worte versetzen sie in ein permanentes Jetzt, stimmen sie dabei aber nicht traurig oder sorgenvoll, sondern stimulieren sie vielmehr dazu, jeden einzelnen Augenblick zu genießen.

In seinen Selbstbetrachtungen schrieb Marc Aurel, man solle nicht den Tod fürchten, sondern dass man nie richtig gelebt habe.

In diesem Sinne ist Ichigo-ichie eine ganz unmittelbare Einladung zum »Jetzt oder nie«, denn selbst wenn es uns gelingen sollte, viele Jahre zu leben, ist doch jede Begegnung einzigartig und wird sich niemals in gleicher Weise wiederholen.

Möglicherweise werden wir nochmals mit denselben Menschen am selben Ort zusammentreffen, aber wir werden älter sein, unsere Lebenssituation, unser Humor, vieles wird sich verändert haben, wir werden andere Prioritäten und neue Erfahrungen im Gepäck haben. Das Universum wandelt sich permanent und wir uns mit ihm. Deshalb wird nichts jemals genau gleich ein zweites Mal geschehen.

Der Ursprung des Begriffs

Der erste schriftliche Beleg des Begriffs Ichigo-ichie stammt aus dem Jahr 1588 und findet sich in einem Notizbuch des Teemeisters Yamanoue Sōji, der darin folgenden Satz notierte:

Behandle deinen Gastgeber, als fände eure ­Begegnung nur ein einziges Mal im Leben statt.

Belässt man den ursprünglichen japanischen Begriff in dieser Aufforderung, so lautet sie folgendermaßen: »Behandle deinen Gastgeber mit Ichigo-ichie

Yamanoue Sōji schrieb diesen Satz zu einer Zeit, als er sich alles notierte, was er von seinem Lehrer Rikyū über die Teezeremonie lernte. Rikyū gilt als der Begründer des Wabi-cha, einer Teezeremonie, die sich vor allem durch Schlichtheit auszeichnet.

Bei der Formulierung seines Konzepts griff Sōji damals auf das Altjapanische zurück und schrieb , was fast identisch ist mit dem ursprüng­lichen – ; nur das letzte Schriftzeichen weicht ab und bedeutet nicht »Begegnung«, sondern »Mal«.

Diese Änderung aber ist wichtig, da sie uns die Einzigartigkeit jedes Augenblicks klarmacht, unabhängig von der Teezeremonie, mit deren philoso­phischen Aspekten wir uns in einem eigenen Kapitel beschäftigen werden.

GENAU JETZT

»Bei jeder Teezeremonie muss den Details große Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn sie ist Ichigo-ichie, das heißt eine einmalige Begegnung in der Zeit. Selbst wenn Gastgeber und Gäste sich täglich sehen, wird das Erlebte sich nie genau gleich wiederholen können.

Wenn wir uns bewusst machen, dass jeder Augenblick außergewöhnlich ist, wird uns klar werden, dass jede Begegnung in unserem Leben eine einmalige Gelegenheit ist.

Der Gastgeber muss also wahre Aufrichtigkeit zeigen und auf jede Einzelheit größte Mühe verwenden, um sicher zu sein, dass alles geschmeidig und ohne Probleme abläuft.

Auch die Gäste müssen begreifen, dass die Begegnung kein zweites Mal stattfinden wird, weshalb sie ihrerseits jedes Detail der vom Gastgeber vorbereiteten Zeremonie wertschätzen und natürlich mit ganzem Herzen bei der Sache sein müssen.

All dies meine ich, wenn ich den Ausdruck Ichigo-ichie verwende.«

II NAOSUKE, »TAIRO« DES TOKUGAWA-SHOGUNATS

CHANOYU ICHESHU (1858)

Der heutige Gebrauch von Ichigo-ichie

Außerhalb des Kontexts einer Teezeremonie ver­wenden die Japaner den Ausdruck Ichigo-ichie in den beiden folgenden Situationen:

1. bei der ersten Begegnung mit einem Unbekannten;

2. bei Begegnungen mit Menschen, die sie kennen, bei denen sie aber betonen wollen, dass jede Zusammenkunft einzigartig ist.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie würden sich in den Straßen von Kyōto verirren, jemanden um Hilfe bitten und sich schließlich zehn Minuten lang mit dem Fremden unterhalten, weil er eine Weile in ­Europa gelebt hat. Beim Abschied würde es sich anbieten, Ichigo-ichie zu sagen. Damit würden Sie ausdrücken, dass dies ein schönes Zusammentreffen war, es aber nicht noch einmal genau so stattfinden wird.

Die zweite Verwendung des Begriffs gleicht eher seinem Gebrauch bei Teezeremonien. Man benutzt ihn unter Freunden, mit denen man sich häufig trifft, um zu betonen, dass die Begegnung besonders und einzigartig war. Für jede und jeden von uns geht das Leben weiter, wir alle wachsen und verändern uns mit der Zeit. Wie schon Heraklit sagte, kann man nicht zweimal in denselben Fluss steigen, da alles sich wandelt, im Fluss und in dem, der darin badet.

In beiden Fällen dient der Ausdruck dazu, Dankbarkeit zu zeigen und den gemeinsam erlebten Lebensmoment wertzuschätzen. Gleichzeitig schwingt darin eine gewisse Sehnsucht mit, die uns daran gemahnt, dass wir nur vorübergehend auf dieser Erde weilen, ähnlich, wie es die Mönche in ihrem oben erwähnten Ritual tun. Ichigo-ichie macht uns bewusst, dass jedes Mal das letzte sein könnte.

Auf der Jagd nach guten Momenten

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