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Im Spannungsfeld nationalkultureller und supranationaler kultureller Kräfte

National Versus Supranational Cultural Forces

AutorGebhard Deissler
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl109 Seiten
ISBN9783656082071
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Fachbuch aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Kulturwissenschaften - Sonstiges, , Sprache: Deutsch, Abstract: Der erste Teil der Erörterung befasst sich mit der Metapher des metaphorischen trojanischen Pferd-Effektes vs. trojanischen Schatz-Effektes auf kulturelle Systeme jeder Größenordnung. Die europäischen Kulturen bilden ein Mosaik diverser Traditionen, romanischer, germanischer, angelsächsischer, skandinavischer und nunmehr auch slawischer, das seit zweitausend Jahren vom Licht der christlich-jüdischen europäischen Zivilisation mit seinem einzigartigen Wertekanon, in dessen Zentrum die Würde des Individuum in einer demokratischen Gemeinschaft steht, durchflutet wird. Der zweite Teil stellt eine wissenschaftliche und praktische Diversitätsintegrationsformel bereit.

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Leseprobe

Kapitel 3

 

Das Spiel der Allianzen:

 

Erbfeindschaft, Freundschaft, Partnerschaft und Komplizität.

 

So lautet die Bilanz der deutsch-französischen Beziehungen über die letzten Jahrhunderte. Es ist kein gut nachbarschaftliches Verhältnis, auch nicht unter dem Blickwinkel der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, die Frankreich auf seine Fahnen geschrieben hat, soweit sie auf andere Anwendung finden sollen. Nichts liegt mir ferner, als ein Spielverderber zu sein, es sei denn, eines bösen Spiels, denn ich habe in Paris studiert und wünsche nichts mehr als eine konstruktive und gute Beziehung zwischen diesen beiden Kernländern Westeuropas. Das Ziel besteht vielmehr in der Etablierung einer nachhaltigen, echten, auf gemeinsamen Zivilisationswerten gründenden Einvernehmlichkeit bei gleichzeitigem Respekt der Diversität in jeder Hinsicht.

 

Mangels effektiver deutscher Emanzipation – vom Wirtschaftlichen abgesehen – steht Deutschland immer noch unter der Fuchtel Frankreichs, da es seine wahre Identität nicht erlangen konnte. Deshalb tut sich unsere Regierung immer noch zu schwer, einen eigenen Standpunt zu entwickeln und zu vertreten. Insbesondere eine Dame an der Staatsspitze läßt sich allzu leicht, aus diversen Gründen, an der Nase herumführen. Freundschaft lebt aber sowohl vom Einfühlungsvermögen als auch von komplementären Standpunkten. Sind sie nicht komplementär, so herrscht ein Machtverhältnis, das Freundschaft negiert. Es wird dann bestenfalls zur Komplizität, um wiederum andere an der Nase herumzuführen.

 

Und solange man unter der Fuchtel von anderen steht, gibt es dann wieder welche, die diese Schwäche auszunutzen suchen. Die mangelnde Identität und die geistige Unterjochung laden andere regelrecht ein, das geschwächte deutsche Haus zu infestieren, es auszunutzen und  zu plündern und es schließlich mehr und mehr zu beherrschen. Das erklärt einige Schwachpunkte der Immigrationsdebatte, deren Problematik also tiefer liegt und ganzheitlicher kausal erklärt werden muss, als sich in oberflächlichen Schuldzuweisungen zu ergehen.

 

Doch solange die Deutschen ihr Haus nicht in Ordnung bringen können, sind sie selbst verantwortlich für ihre Situation. Letztendlich hängt alles an ihrem eigenen Bewusstseinsentwicklungsstand ab, der Fähigkeit, endlich eine zivilisierte, kultivierte eigene unabhängige Identität zu entwickeln, sowie es Briten, Spanier, Italiener und Franzosen, alle älteren Nachbarnationen vorgemacht haben. Es geht um die Emanzipation. Mit einem emanzipierten Volk springt man dann nicht respektlos um. Es flößt Achtung ein, nicht Furcht vor strotzender materieller Macht als Kompensierung nichtvorhandener geistiger Macht.

 

Tausend Jahre Geschichte seit der Teilung des Fränkischen Reiches Karls des Großen sind eine Geschichte des Bruderkriegs, der sich zu einer Erbfeindschaft um die Vorherrschaft in Europa entwickelt hat. Unter diesem Machtkampf scheint jedoch ein tieferliegender Konflikt zu schwelen, der bisweilen die grundsätzliche gegenseitige Ablehnung postulierte. Dies gilt es zu beleuchten und zu beheben, um die Weichen für einen nachhaltigen und keinen Schönwetterfrieden und -freundschaft, die keinen Bestand haben, zu stellen.  Die Erbfeindschaft ist in den letzen Jahrhunderten eskaliert und hat zu drei epochalen Konflikten mit großem Kollateralschaden für die beiden Länder, sowie Europa und die ganze Welt geführt.

 

Deshalb ist es im Interesse all dieser Akteure weltweit, dass dieses Verhältnis nachhaltig und zum Vorteil und nicht zum Nachteil aller geordnet wird.

 

Diese Erkenntnis hat sich allmählich durchgesetzt und die Partner mussten sich, trotz ihrer scheinbaren Inkompatibilität, die wir hier etwas durchleuchten möchten, zu einer Zweckpartnerschaft gegen ihren eigenen tieferen Willen durchringen, um diesen verheerenden Kreislauf zumindest versuchsweise zu unterbrechen. Deshalb hat man versucht, nach dem zweiten Weltkrieg unter der Ägide der sogenannten Architekten Europas, wie z. B. Maurice Schumann in Frankreich, die Situation eines geschwächten Deutschlands zu nutzen, um seine potentielle materielle Macht in Gestalt der Bergbauindustrie (Kohle und Stahl) in die zu schaffende Montanunion einzubinden und sie als Grundlage klassischer Kriegsindustrie mitzubeherrschen. Es ist eine Zwangsmaßnahme unter historischem Druck gegen den tieferen Willen der Akteure gewesen, die jedoch beiden entgegenkam, Deutschland in der Gestalt einer beginnenden Rehabilitierung in der Folge der von ihm verursachten Kriegsgreuel und Frankreich konnte dadurch auf die Welle der deutschen Wirtschaftskraft aufspringen und sie mitreiten und gleichzeitig in einem strategisch maßgeblichen  Sektor mitbestimmen.

 

So ist ein Zweckrapport entstanden, den man in der Folge in der Gestalt der Romverträge vertieft hat, um die beiden psychologischen Motive unter dem zusätzlichen Druck des Zwanges der ideologischen Bipolarisierung der Welt und mit der Absegnung der USA, die einen möglichst starken europäischen Partner gegen die kommunistische Bedrohung schätzten, voranzutreiben. Im Zuge der alten und neuen historischen Zwänge ist eine Zwangspartnerschaft entstanden, die insbesondere von französischer Seite ein reiner rationaler Willensakt ohne Beteiligung des Herzens gewesen zu sein scheint. Und Deutschland konnte auf Grund der neuen historischen Situation der ideologisch bipolarisierten Welt die politische Reemanzipation und Rehabilitierung betreiben, denn eine Ausklammerung Westdeutschlands aus dem westlichen Verbund, der auch über die NATO gefördert wurde und die Veränderung der strategischen Balance durch das Entgleiten Westdeutschlands aus der Einflusssphäre des Westen in das ideologisch antagonistische Camp wäre zu riskant gewesen für geopolitische Gleichgewicht.

 

Westdeutschland war gewissermaßen das Zünglein an der Waage des weltpolitischen strategischen Gleichgewichts und in dem geteilten Berlin, in dem sich diese Situation gewissermaßen in konzentrierter Form kristallisierte, spitzte sich diese Lage noch zu: eine geteilte Stadt in einem geteilten Land an der Nahtstelle zwischen den beiden ideologischen Blöcken. -  Aufgrund der Symbolträchtigkeit dieser geopolitischen Koordinate auf dem strategisch-ideologischen Schachbrett der Welt konnte Kennedy durchaus feststellen: „Ich bin ein Berliner“. Es war die mikroskopische Version der weltpolitischen Lage, der er sich verpflichtet sah.- Deutschland war als ein Schauplatz für den Kampf zwischen den Ideologien bestimmt und beide Teile nuklear entsprechend aufgerüstet; gewissermaßen eine Intention der historischen Nemesis, die durch die Auflösung der Sowjetunion nun besänftigt zu sein scheint.

 

Das Hinauszögern der europäischen Integration mit zahlreichen Memoranda und Integrationsplänen im Hinblick auf die europäische Wirtschafts- und Währungsunion  - mit Highlights wie der französischen Politik des leeren Stuhls -  sind ein Indiz für die wirklichen Einstellungen der Partner, insbesondere Frankreichs. Je mehr die Aufgabe von Souveränität, die machtpolitischen und kulturellen Interessen tangiert waren, desto schwieriger wurde die Integrationsgestaltung. Das kann eben dahingehend interpretiert werden, dass das politische Zweckdenken und nicht das Ideal einer echten Partnerschaft prägend war.

 

Doch mit Verdun und dem deutsch besetzten Paris im Hinterkopf vor dem historischen Hintergrund und der gesamtpolitischen Weltlage hatte man wenig Alternativen und man hat das Spiel der Allianzen unter den gegebenen Bedingen eben optimal in seinem Interesse weitergespielt. Unter dem weiteren Druck geopolitischer Veränderungen in der Gestalt der Emergenz der Schwellenländer, die das weltwirtschaftliche, zivilisatorische und geopolitische Gleichgewicht in einer Jahrtausendperspektive zu verändern drohen, hat man sich schließlich mit der Erfordernis eines europäischen Zweckbündnisses zur Verteidigung nicht nur der wirtschaftspolitischen Interessen und des Erbes des christlichen Zivilisation abgefunden und den regionalen europäischen  Block der nun mehr multipolarisierten Welt durch das Sigel einer gemeinsamen Währung als eine geistige Wertegemeinschaft sanktioniert.

 

Aus einer Not- und Zweckgemeinschaft wurde eine unabdingbare Allianz für das Überleben beider und weiterer europäischer Akteure. Konkurrierende Interessen mussten dabei in den Hintergrund treten. Die französische Force de Frappe (Nukleare Streitmacht), die historische kulturelle Mission und Frankreichs koloniale Dimension würden seinem Bedürfnis nach Prestige ja weiterhin, trotz Abtretung sektorieller Souveränität an supranationale europäische Institutionen der Gemeinschaft unter Ihren sich synchron mit dem europäischen Integrationsgrad wandelnden Bezeichnungen, dienen.

 

Es ist eben diese Degradierung einer historischen Weltmacht zu einer Provinz in einem integrierten europäischen Staatengefüge, die eine Zäsur im nationalen Größenbewusstsein mit sich bringt und schmerzlich ist. Der Nichtbeitritt des vereinigten Königreichs  zur Eurozone ist heute noch durch dieses Motiv bedingt.

 

Die historischen Basiskoordinaten werden auch in die EU hineingetragen und die Machtansprüche werden nun etwas zivilisierter im Zeichen der weltwirtschaftlichen Interdependenz gelöst. Keines der beiden Länder kann für sich...

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